Thilo Schneider / 25.12.2020 / 10:00 / Foto: Corradox / 23 / Seite ausdrucken

Woher kommt der Strom an Weihnachten?

Ich habe das von Anfang an gesagt! „Schatz“, habe ich gesagt, „Schatz, das ist doch Scheiße und kostet uns einen Haufen Geld!“ Aber wenn sich der Schatz etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kann man nur sehr schlecht mit ihm diskutieren, wenn man nicht 14 Tage nur Salat mit Mozarella essen möchte.

Angefangen hat es damit, dass der Schatz um die beiden Bäumchen vor der Eingangstüre zwei Lichterketten geschmissen hat, deren Licht von Mignon-Batterien gespeist wurde, die seltsamerweise trotz Zeitschaltuhr nie länger als vier Stunden durchhielten, um dann, einem alten Leben gleich, langsam dahinzudämmern und schließlich stumm glühend ihre Leuchtkraft auszuhauchen. Also fanden der Schatz und ich es gut, die Beleuchtung auf Steckdoseneinspeisung umzustellen, da brannten die Lichtlein recht tapfer die ganze Nacht durch. Am Tag auch. Weil wir zu faul waren und es öfter vergessen haben, sie auszuschalten. Und weil die Lämplein das so gut durchhielten, meinte der Schatz, dass wir ja eine Lichterkette quasi um die Dachgauben und die Dachränder legen könnten, was ja erfahrungsgemäß sehr gut aussieht und nachts die Konturen des Hauses nach- und weichzeichnet.

Also stieg der Schatz auf eine Leiter (er ist größer als ich und hat damit eine höhere Reichweite. Das hat er mit dem Unterschied zwischen amerikanischen und nordkoreanischen Atomraketen gemeinsam) und nagelte eine hübsche Lichterkette in warmem Gelbton rund um den Dachfirst und die Dachenden und die Dachgaube, und als ich nicht hinsah, auch auf die Hausecken und rund um die Fenster und Außentüren herum, sodass unser Haus des Weihnächtens wie ein 3D-Modell unseres Hauses auf einem Rechner der 90er Jahre aussah.

Windenergie klappte auch nicht

Das Problem dabei war, dass wir jetzt nicht einmal die Kaffeemaschine anschalten konnten, ohne, dass uns die Sicherung um die Ohren flog, von einem beleuchteten Weihnachtsbaum ganz zu schweigen. Aber ich habe es nicht übers Herz gebracht, dem Schatz zu sagen, dass er die verdammten Lichter entweder wieder abmontieren soll oder wir sie einfach nicht einschalten, weil er sich doch so viel Mühe gegeben hat, der Schatz. Ganz abgesehen davon, dass unser Stromzähler derart schnell rotierte, dass er fast schon wieder als eigenständige Stromquelle hätte dienen können, wenn man mal die Physik außer Acht lässt. Aber weil ich nicht bei den Grünenden bin, kann ich sie eben nicht außer Acht lassen.

Versuche, eine zusätzliche Stromquelle durch den Anschluss der Leitung an einen extra gekauften Hamster nebst Hamsterkäfig mit Hamsterrad zu erschließen, scheiterten zuerst an der zuverlässigen Leistungsunfähigkeit des Hamsters und dann an unserer Katze, die sich über den possierlichen vorweihnachtlichen Spielgefährten einen Tick zu sehr freute. Tieren ist das physikalische Prinzip der Stromerzeugung leider gänzlich unbekannt und bei der einzigen Ausnahme – den Aalen – hatten wir beide zu wenig biologischen Einblick, um ein paar Exemplare anzuschaffen und sie ständig derart unter Stress zu halten, dass sie permanent Elektroschocks abgeben.

Solarenergie konnten wir mangels ausreichender und korrekt unmöglicher Ausrichtung vergessen, zumal wir meist im Schatten des Nachbarhauses liegen und Windenergie klappte auch nicht, weil gleich zwei Nachbarhäuser uns den Wind wegnehmen. Für eine Wassermühle war unser Bachlauf zu klein, und um an Erdwärme zu kommen, hätten wir den Erdkern anbohren müssen, was nur sehr wenige Fachfirmen für kleines Geld machen. Gas-, Diesel- und Kohleverbrenner schieden aus Umweltgründen ebenfalls aus, und aufs Trimmrad wollten der Schatz und ich uns ebenfalls nicht setzen, weil wir die Fettreserven noch für die kommenden schlechten Zeiten brauchen.

Die Nachbarn staunten nicht schlecht

Also habe ich mich eben hingesetzt und über Amazon einen Kernreaktor zuverlässiger russischer Bauart bestellt. Den gab es dort im Sonderangebot als Selbstbaubastelsatz, und außerdem gab es bei der Bestellung von zwei Brennstäben einen dritten Brennstab kostenlos dazu. Es ist fantastisch, was in der heutigen Zeit alles miniaturisierbar ist. Sicher, die Nachbarn staunten nicht schlecht, als die beiden Schwertransporter mit Wladiwostoker Kennzeichen die kleine Betonkuppel, die Brennkammern und die drei Uranstäbe nebst Zubehör abluden, aber meine Versicherung, dass das alles völlig legal und sicher sei, genügte der Nachbarschaft. Als Bonus versprach ich, wenn sie beim Aufbau helfen würden, sie zuverlässig mit Strom zu beliefern.

Und so kommt es, dass unser netter kleiner Ort die am besten illuminierte Ortschaft weltweit ist. Bauer Eckhardt hat sogar seinen Acker beleuchtet, wodurch Hintermondhausen auch bei Nacht aus dem Weltraum erkennbar ist. Und was nun ausgelutschte Brennstäbe angeht – wir in Hintermondhausen haben schon unsere Möglichkeiten, das Zeug irgendwo verschwinden zu lassen, wo es keiner findet. Beispielsweise als Fenstersturz in der örtlichen Kirche. Oder auf Bauer Eckhardts Acker, dessen dreiköpfiger Hund sogar zur Legende werden könnte.

Frohe Weihnachten!

(Weitere unglaubliche Geschichten des Autors unter www.politticker.de)

 

Von Thilo Schneider ist soeben in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

H.Störk / 25.12.2020

Wenn ich auf Amazon nach “Kernreaktor” suche, kommen nur Bücher und Videos - welchen Suchbegriff haben Sie verwendet, herr Schneider?

Karl Neumann / 25.12.2020

Hat Herr Schneider noch nie etwas von Hamstermühlen gehört ? Diese Geräte eignen sich in Verbindung mit einem Generator und einem Akkumulator hervorragend zur Erzeugung umweltfreundlicher Energie. Voraussetzung ist allerdings eine genügende Anzahl Hamster, die in Wechselschicht arbeiten. Man muss diesen Helfern auch eine Erholung gönnen, obwohl diese Tätigkeit ihnen bekanntermaßen großes Vergnügen bereitet und ihr Wohlbefinden stärkt. Als Dank liefern die Energie-Erzeuger eine verstärkte Produktion nützlichen Biomaterials, das entsprechend genutzt werden könnte. Aber das ist eine ander Geschichte.

Arno Besendonk / 25.12.2020

“Also stieg der Schatz auf eine Leiter (er ist größer als ich ... “ “er”? Oh - oh, böse Falle! Hat achgut denn keinen Genderbeauftragten?

Thomas Kache / 25.12.2020

Sehr geehrter Herr Schneider, Ich bin schon ein bisschen enttäuscht, Sie haben das Reservoir der Möglichkeiten zur alternativen Energiegewinnung bestenfalls tangiert. Wie schaut ´s p. e. mit Kobolden aus? Die hat es in der Vorweihnachtszeit auch sehr appart in buntich, auch im Sonderangebot, gegeben. Oder hätten Sie per Fernwärmeleitung den “Reichstag” anzapfen können. Dort, aber auch im Bundeskanzlerinnenamt, wird derartig viel heisse Luft produziert. das sollte vorerst für ganz Unterfranken ausreichend sein. Ueberhaupt, die Politisierenden mit ihren heissen Köpfen… O.k.- fröhliche Weihnacht

giesemann gerhard / 25.12.2020

So nen ruschichen Reaktorwitsch will ich auch, also den kleinen Sohn vom Reaktor.

Emmanuel Precht / 25.12.2020

“wenn man mal die Physik außer Acht lässt”  Sozusagen die grüne Energiewende. Wohlan…

Hjalmar Kreutzer / 25.12.2020

Papa Hoppenstedt baut mit Dickie ein Atomkraftwerk: „Wenn wir einen Fehler gemacht haben, soll es jetzt puff machen!“ Und die Häuser fallen um und die Kühe fallen um und der dreiköpfige Hund fällt um, und dann gibt es immer ein großes Hallo! Frohe Weihnachten!

Mike Höpp / 25.12.2020

Lieber Herr Schneider, gegen die Naturgwalt eines Schatz’ kann schlicht niemand an. Das ist Naturgesetz wie Schwerkraft und Lichtgeschwindigkeit und sogar von der Kanzlerin propagiert. Dennoch: die Natur kann Strom! Sehen Sie Lesch oder so zum Thema Tiefseefische. Die produzieren Strom. Und Lichterketten, um a) unsichtbar zu sein im Blickwinkel von unten gegen den Meeresspiegel. Und b) trottelige Fische ins Licht zu locken, um diese dann genüsslich zu verspeisen. Woher ich das weiß? Nachtdienst in der Altenpflege und ferngesehen während die Erkenntnis reifte, dass Fische klüger seien als Menschen….. war eine Eloge über “Fremd- Fische” zu sehen, die tagelang, genauer: vier Tage lang außerhalb des Wassers atmen können. Die indes unbedachten Schwimmern in Weichteile beißen ohne jedoch je von einer FDP gehört zu haben. Mir dämmerte da was von Evolution. Davon, dass die “Grünen” uns alten, weißen Männern vorwerfen, gegen Veränderungen zu sein. Aber ganz schlimm finden, wenn Evolution stattfindet. Na, vielleicht könnten aus Kobolden ja Politiker mutieren oder einen Herrn Lindner ersetzen. Das wäre wirklich ganz übel, nicht wahr? Oder Mollusken, der Form nach wie Altmeier, Braun oder auch Gesundheitsminister wie Laumann in NRW , evolutionär uns fehlbaren Menschen einfach überlegen sind. Ich fürchte, ich schweife ab….

K.H. Münter / 25.12.2020

Köstlich, vielen Dank dafür! Handelt es sich bei dem kleinen Atomreaktor womöglich um eine “Weiterentwicklung” des von Opa Hoppenstedt an Weihnachten, lang lang ist’s her,  verwendeten Typs aber jetzt mit durchbrennsicherem Boden? Kommt unser Heil diesmal wirklich von Osten und leider nicht aus der Uckermark?

Ulla Schneider / 25.12.2020

Zunächst, eine Gesegnete Weihnacht allen hier und das “Fürchtet euch nicht” als standfeste Pauke der Seelsorge ( das Wort Seelsorge ist bei den Kirchen zum Fremdwort mutiert). Ich hoffe doch, Herr Schneider, daß sie den Text von Bornhorst über den Dual Fluid Reaktor gelesen haben. Der verbrennt alles ohne nennenswerte Reste. Tauschen Sie den kommunistischen um, da ist bestimmt noch Garantie drauf und hoffentlich nicht das Mannifest. Außerdem würden Sie die heimische “Wertarbeit” unterstützen, falls es die, außer Miele,noch gibt. Außerdem könnten Sie anregen, daß aufgrund der sichergestellten und preiswerten Stromversorgung Glashäuser für Gemüse im Winter aufgestellt werden können. Vor Ort angepflanzt. Das nenn ich doch nachhaltig und nicht aus Chile. Schwimmbäder heizen für die Kleinen oder so. Sie würden den Ort revolutionieren.  Ich würde sofort Ihr Nachbar.— Wir haben, im Gegensatz zum letzten Jahr, die traditionellen Sterne aus dem Erzgebirge in allen Größen aufgehängt, “standhafte"Sterne, die auch gegen nordischen Wind trotzen und die Botschaft des Heiligen Abends verkünden. Die Kirchensilberlinge machen es ja nicht mehr. Unser Riesenbetonengel war umgefallen und hatte den Kopf verloren. Ganz schlecht und kein gutes Omen.  Er wurde geklebt, die Narbe sieht man noch.  Es ist wie im richtigen Leben, augenblicklich. Was sich alles so mit kleinen Birnen im Dunkeln munkeln lässt…. tolle Geschichte. Kommen Sie allesamt gesund ins Neue und durchs Neue Jahr.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Thilo Schneider / 17.04.2021 / 15:00 / 9

Let’s talk about it 

Ich gebe zu, als Mensch männlichen Sozialkonstrukts waren mir weibliche soziale Konstrukte bisher immer etwas suspekt. Ich weiß zwar, wie deren Anatomie aussieht (Feldforschung, aber…/ mehr

Thilo Schneider / 11.04.2021 / 15:00 / 27

Inzidenz 1000

Das war so: Ich hatte gerade einen Kundentermin in einem 100-Seelen-Kaff bei uns im Spessart gehabt und wollte heim, denn es dämmerte. Ich war aber…/ mehr

Thilo Schneider / 09.04.2021 / 14:00 / 57

Testen, testen, testen! Mein täglich Näschen Covid

An diesem einen verhängnisvollen Vormittag stand ich mit Papierschweineschnäuzchen ganz brav mit halbem Tachoabstand in der Schlange vor der Kasse des Discounters, den Einkaufswagen voll…/ mehr

Thilo Schneider / 31.03.2021 / 13:00 / 53

Bitte um Verzeihung

Es war eine sehr unschöne Geschichte. Während einer etwas – nennen wir sie „hitzigen“ – Diskussion vor einem Supermarkt zum Thema „Gehört der Parkplatz dem,…/ mehr

Thilo Schneider / 29.03.2021 / 14:00 / 17

Monopolytik

Vor den Invasoren aus Wokistan ist nichts mehr sicher. Jetzt hat es auch den altehrwürdigen kapitalistischen Klassiker „Monopoly“ erwischt. Sie wissen schon: dieses lustige Spiel,…/ mehr

Thilo Schneider / 27.03.2021 / 06:25 / 78

Endlich Blockwart

Ich hatte früher, so in den Dreißigern, mal die Idee, ab 67 am Fenster zu hängen, Falschparker aufzuschreiben und jeden anzupöbeln, der sein Radl in…/ mehr

Thilo Schneider / 26.03.2021 / 06:05 / 122

Ich bin nicht raus

Am 23. März 2007 brachte die iranische Marine in internationalen Gewässern ein britisches Kriegsschiff auf und nahm 15 Besatzungsmitglieder gefangen. Nach deren Freilassung wurde der…/ mehr

Thilo Schneider / 19.03.2021 / 14:00 / 33

Maikes Grenze

Es gibt Geschichten, die kann man sich nicht ausdenken. Oder doch. Eine wahrhaft tragische Geschichte hat beispielsweise Maike Neuendorff sozusagen erfühlt. Sie war nämlich, aus…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com