Rüdiger Stobbe / 10.03.2020 / 10:00 / Foto: Doenertier82 / 8 / Seite ausdrucken

Woher kommt der Strom?  9. Woche - Es bleibt desaströs

Der Blick auf den Agora-Wochenchart offenbart die Volatilität, die Schwankungsbreite insbesondere der Windstromerzeugung im Winterquartal. Sonnenstrom wird da ohnehin nur wenig erzeugt. Auch wenn die Sonne desto kräftiger scheint, je näher die Tag-Nachtgleiche, der Frühlingsanfang, kommt, erreicht die Sonnenstromerzeugung nicht mal 0,1 Terawattstunden (TWh)/Tag (Wochentabelle Energy-Charts: Hier klicken. Daraus generierter Wochenchart: Hier klicken).

Zum Wochenbeginn bricht die Windstromerzeugung innerhalb von 15 Stunden auf ein Viertel ein. Eine enorme Stromunterdeckung entsteht. Strom wird zum zweithöchsten Preis der Woche importiert. Der höchste Preis wird zum Wochenende aufgerufen, als Deutschland wiederum eine Stromlücke füllen muss. Dabei ist es müßig, darüber nachzudenken, ob die dritte Strom-Unterdeckung – es gab eine dritte in der Mitte der Woche – der Woche 9 von deutschen Kraftwerken hätten abgedeckt werden können. Man hätte es sicher gekonnt, hat es aus Kostengründen aber nicht getan. Der Strom war im Markt, also wurde er importiert.

Doch was geschieht, wenn das benachbarte Ausland wegen Eigenbedarfs den Strom nicht zur Verfügung stellen kann. Dann muss der Strom selbst noch teurer hergestellt werden. Strom für verhältnismäßig kurze Zeiträume. Stromerzeugung, die, wenn der Wind wieder stärker weht, heruntergefahren werden sollte. Geht das? ist das technisch überhaupt möglich? Wenn ja, zu welchen Kosten. Können diese dann im Markt erzielt werden? 

Aktuell sieht es so aus, dass das bereits vielfach genannte Mantra gilt: Benötigt Deutschland Strom, ist der Preis hoch, gibt Deutschland Strom ab, sind die Preise niedrig. Österreich zum Beispiel füllt seine Pumpspeicher immer wieder günstig auf und versorgt seine Bürger mit Strom aus Deutschland. Deshalb liegt der Strompreis in Österreich heuer zwischen 0,17 und 0,24 €/kWh. Die Aufschlüsselung des Im- und Exports Deutschland finden Sie für die 9. Woche hier, für das bisherige Jahr 2020 hier.  Hier noch die Charts mit der Analyse einer theoretisch angenommenen Verdoppelung und Verfünffachung der installierten Leistung Wind- und Sonnenkraft. Beide Charts belegen, dass eine Verstetigung der Stromerzeugung – stetiger Strom, sichere und kontinuierlich fließende Energie ist für ein Industrieland unabdingbar – sehr schwierig bis unmöglich sein wird.

Die Tagesanalysen

Sonntag, 23.2.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 74,48%, davon Windstrom 62,07%, Sonnenstrom 1,38%, Strom Biomasse/Wasserkraft 11,03%. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Heute ab 9:00 Uhr liegt der Strompreis nicht mehr im negativen Bereich. Mehr als 23,57 € werden pro MWh in der Spitze allerdings nicht erreicht. Zwar sind die Strompreise, die erzielt werden, nicht auskömmlich. Zumal Windmüllern der garantierte EEG-Preis vergütet wird. Aber immerhin, die Negativpreiszeiten sind diese Woche, wenn man vom Morgen 0:00 Uhr absieht, erst mal vorbei. Praktisch verschenkt wird der Strom allerdings zumindest einmal immer noch.

Montag, 24.2.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 60,96%, davon Windstrom 45,89%, Sonnenstrom 3,42%, Strom Biomasse/Wasserkraft 11,64%. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Der Tag mit der ersten Strom-Unterdeckung der Woche 9. Hier ist sehr schön zu erkennen, dass der Anteil des regenerativ erzeugten Stroms rapide fällt, die Strom-Unterdeckung entsteht und die Preise anziehen. Pumpspeicherstrom reicht nicht aus, um die Lücke zu schließen. Die anderen konventionellen Stromerzeuger verharren auf dem erreichten Niveau.

Dienstag, 25.2.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 65,68%, davon Windstrom 51,58%, Sonnenstrom 4,14%, Strom Biomasse/Wasserkraft 10,06%. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Nachdem sich die regenerative Stromerzeugung am 24.2.2020 über Tag inkl. Sonnenstrom wieder „erholt“ hat, beginnt heute, am 25.2.2020, der langsame Abstieg zum „erneuerbaren Tiefpunkt“ der Woche am Donnerstag mit einer weiteren Stromunterdeckung. Die Windstromerzeugung lässt nach: Die Strompreise steigen. Dieses Phänomen konnte bereits mehrfach beobachtet werden. Auskömmlich sind die Preise gleichwohl nicht. Es werden nicht einmal 40 €/MWh erreicht.

Mittwoch, 26.2.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 47,62%, davon Windstrom 31,97, Sonnenstrom 4,08%, Strom Biomasse/Wasserkraft 11,56%. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Heute tut sich eine Mini-Stromlücke auf. Die Stromversorgung ist insgesamt auf Kante genäht. Der Im-/Exportsaldo geht gegen Null. Pumpspeicherstrom ergänzt morgens und abends nahezu vollständig den benötigten Strom. Dennoch muss zwecks Netzstabilisierung Strom importiert und exportiert werden.

Donnerstag, 27.2.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 37,67%, davon Windstrom 22%, Sonnenstrom 4,35%, Strom Biomasse/Wasserkraft 11,18% Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

Der „erneuerbare Tiefpunkt der Woche". Nur noch um die 6 GW liefern Wind und Sonne, 7 GW liefern Biomasse und Wasserkraft um 17:00 Uhr. Macht 13 GW. Benötigt werden 73 GW. Heute importiert Deutschland absolut mehr Strom, als es exportiert. Zu zum Teil saftigen Preisen.

Freitag, 28.2.2020: Anteil erneuerbare Energieträger an der Gesamtstromerzeugung 56,17%, davon Windstrom 40,12%, Sonnenstrom 5,56%, Strom Biomasse/Wasserkraft 10,49%. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken. & Samstag, 29.2.2020: Anteil Erneuerbare an der Gesamtstromerzeugung 73,38%, davon Windstrom 57,14%, Sonnenstrom 5,19%, Strom Biomasse/Wasserkraft 11,04%. Die Agora-Chartmatrix: Hier klicken.

In der Nacht zum Freitag steigt die Windstromerzeugung wieder an. Um in der Nacht zum Samstag noch mal zuzulegen. Auf einmal ist viel zu viel Strom im Markt. Die Preise fallen, fallen um 0:00 Uhr sogar fast auf die 0 €/MWh-Marke und steigern sich am Samstag auf maximal 16 €/MWh. Es ist einfach desaströs. Zuviel Strom aus erneuerbaren, regenerativen Energieträgern = Geringe Preise; zu wenig Strom aus erneuerbaren, regenerativen Energieträgern = Geringe Preise. Der Stromkunde merkt davon nichts. Er muss die EEG-Umlage zahlen. Für ihn gibt es nur hohe Preise. Es ist ein Desaster. Einen Effekt wird die deutsche Energiewende nicht haben. Außer einen abschreckenden.

In der vergangenen Woche hat es neue prozentuale Rekorde der Stromerzeugung durch erneuerbare Energieträger gegeben. Solche Rekorde sind allerdings nur ein Marketing-Gag. Selbstverständlich hat es bereits des Öfteren eine höhere regenerative Stromerzeugung gegeben als am 22.2.2020. Auch im Jahr 2020, konkret am 11.2.2020 (Abbildung). Absolut gesehen. Nur war der Strombedarf zum Zeitpunkt dieses absoluten Rekordwertes viel höher als an den prozentualen "Rekord"-Tagen.

Unfug mit prozentualen Rekorden 

Prozentuale Rekorde in Sachen Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energieträger funktionieren nur mit entsprechend wenig Strombedarf, also an Samstagen, Sonn- und Feiertagen. So auch diesmal am 22.2.2020 (Abbildung), der Tag, der den Ostermontag 2019 ablöst (Abbildung 1), der nur knapp eine Woche später am Samstag, den 22.2.2020 nochmal getoppt wird (Abbildung 2).

Ein ähnlicher Unfug wie die Prozentrekorde sind die immer wieder kommunizierten Ziele in Sachen Ausbau Wind- und Sonnenkraftwerke. Der in der Vergangenheit am meisten genannte Wert ist das 65 Prozent-Ziel. Bleibt die Frage, Prozent wovon? Angesichts der massiven Ausbaupläne der Elektromobilität kann nicht davon ausgegangen werden, dass der aktuelle Strombedarf Deutschlands netto (Abbildung 3) gemeint ist. Oder etwa doch? Man weiß es nicht. Man erfährt es nicht.

Wie unsinnig und verwirrend die Information per Ziele in Prozent ist, belegt ein Kurzbericht des Deutschlandfunks vom 5.3.2020 (Abbildung 4), der den ebenfalls recht kurzen Artikel des SPIEGEL bezogen auf die Prozentzahlen nicht korrekt wiedergibt. Da ist von 55 Prozent die Rede, die angeblich nicht erreicht werden. Dabei meint der SPIEGEL, dass bis 2030 eben nur 55 Prozent erreicht werden könnten, und nicht die angesagten 65 Prozent (Abbildung 5).

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich der Chef des Think-Tanks Agora-Energiewende, Patrick Graichen, zu Wort meldet, und die Zahlen, welche die Bundesregierung in zwei Gutachten produziert, als viel zu optimistisch sieht:

Graichen: Ich habe mir die Gutachten angeguckt und da stecken jede Menge noch optimistische Annahmen drin. Da wurde jetzt schon ganz im Sinne der Bundesregierung gerechnet, weil, da wird zum Beispiel davon ausgegangen, dass die Erneuerbaren ausgebaut werden wie geplant. Wir sehen aber ja gerade eine Windkrise großen Ausmaßes. Kaum mehr Windräder werden gebaut. Ich persönlich bin da skeptisch, dass das, was da aufgeschrieben wird, überhaupt erreicht wird. (Abbildung 6)

Zum Schluss möchte ich dem geneigten Leser die Rede unseres Bundeswirtschaftsministers Peter Altmaier im Bundestag vom 6.3.2020 zur Kenntnis bringen. Es ist meines Erachtens ein Dokument der Unkenntnis, ein Dokument der Perspektivlosigkeit für die Nichtenergiewendewirtschaft, insgesamt ist es meines Erachtens ein Dokument des Grauens (Abbildung 7).

Ordnen Sie Deutschlands CO2-Ausstoß in den Weltmaßstab ein. Zum interaktiven CO2-Rechner: Hier klicken. Noch Fragen? Ergänzungen? Fehler entdeckt? Bitte Leserpost schreiben! Oder direkt an mich persönlich: stromwoher@mediagnose.de. Alle Berechnungen und Schätzungen durch Rüdiger Stobbe nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewähr. Die bisherigen Artikel der Kolumne Woher kommt der Strom? mit jeweils einer kurzen Inhaltserläuterung finden Sie hier.

 

Rüdiger Stobbe betreibt seit 4 Jahren den Politikblog  www.mediagnose.de

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Leserpost

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Olaf Neumann / 10.03.2020

Sehr geehrter Herr Rogge, das Thema ist durch, Sie reiten ein totes Pferd. Die sog. “Energiewende” funktioniert - weil die Deutschen sie sich (noch) leisten können. Stromunterdeckungen werden schlicht aus dem Ausland gedeckt, der Preis dafür ist egal, weil die deutsche Mittelschicht bereit ist, ihn zu zahlen. Längst werden in Frankreich oder Polen bewußt Überkapazitäten aufgebaut, um Deutschland mit Strom zu versorgen, und ebenso stillschweigend wie zynisch kalkulieren die grünlinken Abschalter dies in ihren Plänen mit ein. Es wird halt immer teurer werden, und ab einem gewissen Punkt - gerade in Polen kann man vor Vorfreude sich das Kichern nicht verkneifen - wird Deutschland wegen seiner Stromabhängigkeit politisch erpreßbar. Vorher haben die EU-Europäer über die aberwitzigen Abgasvorschriften noch unsere Autoindustrie zerstört - dann haben wir nichts mehr. Das ist unseren Eliten - und der romantischen Mittelschicht - aber egal, oder sie wissen es nicht. An diesen Zuständen ändert sich nichts, solange die Deutschen die Grünen, die SPD, die Linkspartei und die Union wählen. Denn solange wird an der Energiewende eisern festgehalten, ebenso wie an der Europabesoffenheit. Da können Sie Ihre Kolumne hier veröffentlichen, wie Sie wollen.

G. Kramler / 10.03.2020

Aus linker Sicht ist das alles nur Zufall. Man kann nichts machen. Wichtig ist einzig, dass man Haltung zeigt, d.h. dass man sagt was man sagen muss um zu den Guten zu gehören. Früher war es Gott, der vorgegeben hat was gut ist. Heute ist es der Zufall. Mit der Energieversorgung hat das nichts zu tun, aber die ist den Linken auch ganz egal. Wichtig ist einzig, dass man Haltung zeigt.

Dr.Helmut Rüberg / 10.03.2020

Ein großes Danke an den Autor für diese akribische Darstellung und ebenso für alle vorangegangenen.

Thomas Brox / 10.03.2020

“... stetiger Strom, sichere und kontinuierlich fließende Energie ist für ein Industrieland unabdingbar ...”. Da gibt es eine einfache Lösung: Deindustrialisierung, Deutschland wird zum klimaneutralen Entwicklungsland. Passt doch ins politische Konzept. Gut, es treten dabei einige kleine Probleme auf. Mit 83 Millionen Einwohner hat Deutschland eine hohe Bevölkerungsdichte. Ein riesiger unproduktiver Staatssektor muss auf hohem Niveau erhalten werden. Ebenso müssen mindestens 2 Millionen teilweise unwilliger, inkompatibler und aggressiver Migranten unterhalten werden. Und die EU und Euro-Zone wollen ja auch noch viele hundert Milliarden Euro. Auch die alternde indigene Bevölkerung ist ein Problem (das man durch hochgradige Automatisierung und Industrialisierung kompensieren könnte), Aber keine Bange, das Geld kommt ja vom “Staat”. Und damit immer mehr Geld kommt, wird die EZB die elektronische Notenpresse richtig aufdrehen und die Leitzinsen noch etwas mehr ins Minus drücken (Corona ist jetzt ein prima Vorwand).

Florian Bode / 10.03.2020

Ich würde den überschüssigen Strom dazu verwenden, mit kl. Elektromotoren Uhrwerke aufzuziehen. Diese können bei Dunkelflaute Klatschhasen antreiben, die der Merkel huldigen.

Andreas Koslowski / 10.03.2020

Bitte doch mal auf die Monate achten. Den 25.03. haben wir noch lange nicht gehabt. So ein wichtiges Blog macht sich damit angreifbar. (Anm. d. Red.: ist korrigiert. Danke für den Hinweis.)

Gerhard Rachor / 10.03.2020

In Österreich heißt der billige oder kostenlose Strom aus Deutschland auch Deppenstrom! Die freuen sich über die Deppen im Nachbarland, die Strom verschenken, um diesen dann bei Bedarf teuer zurückzukaufen. Noch mehr aber wundern sie sich, dass die Menschen im Nachbarland sich das auch noch gefallen lassen!

Hartwig Dorner / 10.03.2020

Zur funktionstüchtigen und effizienten Gestaltung eines sog. “Netzes” sollten eigentlich verbindliche Richtlinien gelten, nicht zu erwähnen Vorschriften, um genau festzustellen, an welchem geographischen Punkt eine Stromerzeugungsquelle bestimmter Leistungsfähigkeit für welchen Versorgungseinzugsbereich zu platzieren ist. Das aktuelle Stromnetz mit Wildwuchs aus willkürlich verteilten Solaranlagen, flachlandlastigen Windrädern, wahllosen Batteriespeicher-Pilotprojekten und abwesenden konventionellen Kraftwerken entspricht dieser Vorstellung eines ausgewogenen Netzes in Balance zwischen Stromerzeugungs Core und dezentraler Verteilung bei optimalen Leitungswegen ganz sicherlich nicht. Die Konsequenzen daraus sind Kostspieligkeit, gesteigerte Störanfälligkeit und absehbare strukturelle Dauerreparaturbedürftigkeit. Das ist kein Netz, sondern ein konfuser, unwirtschaftlicher Flickenteppich. PS: Darf ein Jahrzehnt Stobbe Tuesday angenommen werden ?

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