Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) steht am Pranger. Im Februar 2019 wurde bekannt, dass ihre Dissertation von der Freien Universität Berlin (FU) aufgrund eines Plagiatsverdachts überprüft wird. Giffey hatte die Untersuchung selbst beantragt, nachdem die kollaborative Plattform VroniPlag ungekennzeichnete Stellen in ihrer Doktorarbeit beanstandet hatte.
Nun hat VroniPlag die Prüfung der Dissertation abgeschlossen und das Ausmaß der Mängel bekanntgegeben. Auf rund 37 Prozent der gut 200 Seiten der Arbeit seien Verstöße gefunden worden, elf Seiten davon mit 50 bis 75 Prozent Plagiatstext. Laut dem Juristen und VroniPlag-Aktivisten Gerhard Dannemann handelt es sich um einen „eher mittelschweren“ Fall des Plagiats.
Die FU prüft noch, ob sie Giffey den Doktortitel aberkennen will, doch schon jetzt ist die Aufregung groß. „Wer sich mit wissenschaftlichen Weihen schmückt, dabei aber die guten Sitten seriöser Forschung übergeht, ist an der Spitze eines Bundesministeriums fehl am Platz“, meint der bildungs- und forschungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Thomas Sattelberger. Im Falle einer Aberkennung müsse Giffey „sofort“ aus dem Bundeskabinett zurücktreten.
Schummeln geht nicht, das ist klar. Doch in gewisser Weise muss einem Franziska Giffey leidtun. In einer Zeit, in der Politik zunehmend als ungeheuer komplexe Sache betrachtet wird, die nur von „Experten“ durchschaut werden kann, ist die Entscheidung, um jeden Preis zu promovieren, durchaus nachvollziehbar, erwirbt man sich dadurch doch den Ausweis des Expertentums schlechthin.
Dasselbe technokratische Politikverständnis
Das Schema ist bekannt: Spitzenpolitiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Annette Schavan (CDU) und Silvana Koch-Mehrin (FDP) reichen minderwertige Copy-Paste-Dissertationen ein. Plattformen wie VroniPlag und GuttenPlag schlagen Alarm. Sie erscheinen wie Kontrahenten, doch letztlich eint die Schummler und die Plagiatsjäger dasselbe technokratische Politikverständnis: In einer Welt, die aufgrund internationaler Waren- und Kapitalströme, Migrationsbewegungen und globaler Klimaveränderungen immer komplexer werde, sei Politik einfach nichts für „Normalsterbliche“. Die Politiker hoffen, sich durch eine Promotion von letzten abzusetzen und ihre Autorität zu untermauern. Die Plagiatsjäger sorgen dafür, dass das Expertentum nicht vorgetäuscht wird.
Ironischerweise „erforschte“ Giffey in ihrer Doktorarbeit ausgerechnet PR-Maßnahmen der ungewählten, expertokratischen EU-Kommission. „Europas Weg zum Bürger. Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“, so der Titel der Dissertation. Politik erscheint hier nicht als etwas, das vom Bürger als demokratischem Souverän ausgeht, sondern als etwas, das in „Europa“ passiert und dem Bürger durch eine handverlesene „Zivilgesellschaft“ vermittelt werden muss (konkret waren damit offenbar Stadtteilmütter und Quartiersmanager in Berlin-Neukölln gemeint, wo Giffey bis März 2018 Bezirksbürgermeisterin war).
Eine Zeit, in der Politik als hohe Kunst betrachtet wurde, die nur von den gehobenen Ständen ausgeübt werden konnte, gab es schon einmal. Sie nannte sich Feudalismus. Radikale wetterten damals gegen die dünkelhafte „Staatskunst“ und forderten eine Demokratisierung. Regieren, so der Aufklärungsdenker Thomas Paine, sei keine mysteriöse Wissenschaft. Tatsächlich gehöre das Regieren zu den Dingen, die am leichtesten zu verstehen sind. Was Thomas Paine wohl von der Doktortitel-Obsession mancher zeitgenössischer deutscher Politiker halten würde?
Beitragsbild: Martin Kraft CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Meinen sie dann, das die Problemlösungskompetenz eines Kevin Kühnert ausreicht, mit einem abgebrochenem Studium und einem versuchten Studium an einer Fernuniversität und sonst nur Callcenter und sonst nix ? Einen Doktortitel braucht es sicherlich nicht, aber zumindest den Nachweis sich erfolgreich auf eigenen Füßen mit dem Lebenserhalt beschäftigt zu haben.
Die Frage, wozu Frau Giffey eigentlich einen Doktortitel braucht, sollte man zunächst mal Frau Giffey stellen.
Es geht nicht um Doktortitel, sondern um moralische Integrität. Diese geht Betrügern nunmal ab. Wer betrügt, der fliegt. Was in der normalen Arbeitswelt selbstverständlich ist, gilt auch für Minister. Angesichts des Gehaltes ist das eigentlich normal, oder sind wir vor dem Gesetz nicht mehr alle gleich.
Was mir heute bei der Leserbriefrunde aufgefallen ist, nur zwei Dr.(Pelz und Lucas) dabei, ansonsten sind es immer mehr. Was ist los mit Euch?
Ich finde es schlimmer, wenn sich hohe Politiker gegenüber der Bevölkerung immer mehr entfremden und nicht mehr wissen, was die Menschen bewegt und rumtreibt als wenn einer oder eine früher mal bei der Doktorarbeit geschummelt bzw.wortwörtlich aus Quellen abgeschrieben hat.
Natürlich braucht man als Politiker/in keinen Doktortitel. Der SPD Kühner schaffte es ja auch, sich ohne irgendeine Art von Ausbildung an die Spitze der JungSPD zu setzen. Was allerdings dabei herauskommt, sieht man ja. Aber WENN man einen Doktortitel erwirbt, oder sonst ein Diplom, sollte es ehrlich sein. Dass Giffey betrogen hat, zeigt doch einen bestimmten, sehr unguten Charakterzug. Die Frage müsset lauten: Braucht der Souverän Leute, die ihn vertreten, die betrügen? Die Antwort ist eindeutig: NEIN.
@Wolfgang Häusler / 07.05.2019 Zitat "Mein Erfahrung mit Doktoren: Physikdoktoren, die an der Spitze der Hightechwissenschaft forschen, sind Jeansträger und nennen sich “Müller” oder “Schulze”. " Oder sind Blazer Trägerinnen und werden "Mutti" genannt. Merke: auch Physikdoktoren halten n icht immer das, was aussen draufsteht - meine Erfahrung als berufsmässiger Rechner. Herr Häusler, das musste sein....