Rainer Bonhorst / 02.10.2014 / 19:16 / 4 / Seite ausdrucken

Wörishofen auf Weltniveau

Es wird höchste Zeit, dass die Achse auch mal den bayrisch-schwäbischen Kurort Bad Wörishofen erwähnt. Zwar sagen ein paar üble Spötter: „Die Alten und die Doofen gehen nach Bad Wörishofen. Zum Huren und zum Saufen, geht man nach Oberstaufen.“ Aber das ist eine Lüge. Der raffinierte Spötter, der den gemeinen Spruch erfunden hat, tat es, frei nach Morgenstern, nur um des Reimes willen. Tatsächlich sind Wörishofen und Oberstaufen zwei schöne Allgäuer Kurorte, der eine vor prächtiger Bergkulisse, der andere durch Sebastian Kneipp medizinisch geadelt.

Aber das genügt natürlich nicht, um in der Achse erwähnt zu werden. Warum also Wörishofen? Weil es für mich ein Beispiel einer sehr deutschen Qualität ist. Und die heißt: Hochkultur in der so genannten Provinz. Der jüngste Beweis: Diana Damrau, die große, in New York, London und Mailand umworbene Opernsängerin, gab dort gerade im Kursaal, ein zweistündiges Konzert von Weltniveau. Ihr Ehemann, der Bassbariton Nicola Testé, ebenfalls weltweit gefragt, ergänzte sie wunderbar.

Ich stelle mir vor, Diana Damrau in Logan, West Virginia oder im englischen Nottingham erleben zu wollen. Da könnte ich lange warten. Dort und auch in Frankreich und anderswo gibt es noch echte Provinz, in der kulturell der Hund verfroren ist. Oft sogar kulinarisch. Small Towns, in denen der Hamburger-Joint das aufregendste Restaurant ist, sind in den USA keine Seltenheit. Und in der englischen Provinz kann man die weltweit schlechtesten Inder genießen. Grandios gesungen wird nur in der Metropole oder, im Falle England, zeitweilig im idyllischen Glyndebourne.

In Deutschland hingegen wimmelt es von exzellenten Kunst- und Kulturstädten. Eine Stadt wie Bochum wäre anderswo ein kulturelles Nichts. Alles würde sich in Berlin versammeln. Die Berliner freuen sich, dass sich bei ihnen inzwischen tatsächlich wieder etwas versammelt. Aber die Provinz schläft nicht und hält damit auch die Hauptstadt auf Trab. Ein sehr deutsches Phänomen. Zur Provinz würde anderswo auch eine Stadt wie München zählen. Bei uns darf sie sich sogar Weltstadt nennen, wenn auch nur eine solche „mit Herz“, was ja dann doch mehr nach Wörishofen klingt.

Warum ist das bei uns so? Man kann abstrakt vom föderalen System sprechen, oder konkreter von der deutschen Tradition, in jeder Stadt, die etwas auf sich hält, gute Kultur zu bieten. Dieses Angebot ist weltweit einmalig und ein gewaltiger Magnet. In einem Theater wie dem Augsburger, das ein gutes Dreispartenhaus, aber keineswegs ein Staatstheater ist, werden nicht nur ausgezeichnetes Schauspiel und oft großartige Oper geboten. Hier wimmelt es auch von ausländischen Ensemblemitgliedern. Herausragende Sänger und Tänzer kommen aus Amerika, Korea oder Südafrika und finden in der sogenannten deutschen Provinz eine künstlerische Heimat. Deutschland ist nicht nur wirtschaftlich sondern auch kulturell anziehend.

Dass ausgerechnet Bad Wörishofen alle paar Jahre mit einer Sängerin vom Format der Diana Damrau aufwarten kann, hat auch damit zu tun, dass der Weltstar aus dieser Gegend stammt und dort gerne Heimatgefühle tankt. Aber es hat auch mit einem sehr guten „Festival der Nationen“ zu tun, bei dem jetzt zum Beispiel auch Julia Fischer auftrat, die nicht von dort stammt, und die man, wenn man Lust dazu hat, als die Diana Damrau der Violine bezeichnen kann.

Leider ist der vielfältige kulturelle Reichtum Deutschlands gefährdet. Er lebt von staatlichen, städtischen und privaten Subventionen. In einer Zeit, in der die Buchhalter überall nachrechnen, was sich lohnt und was sich nicht lohnt, herrscht auch in der Kultur der Rotstift. Ohne private Sponsoren, meist regionale Firmen, wären Festivals wie das in Wörishofen kaum noch denkbar. Wenn aber der Rotstift allzu sehr die Herrschaft übernimmt, geraten wir in eine negative Globalisierung. Wir werden ein kulturelles Amerika, ein Land, das ich liebe, aber nicht in jeder Hinsicht vorbildlich finde. Wenn wir in Deutschland eines Tages nach Berlin reisen müssen, um Hochkultur zu schnuppern, werde ich still trauern und nur noch einer kulturellen Tätigkeit nachgehen, für die man nicht reisen muss: lesen und CDs hören. 

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Carl Meinen / 03.10.2014

Und diese Tradition, lieber Rainer Bonhorst, von der Sie nur so unspezifisch schreiben, ist das Erbe der so oft als provinziell geschmähten Kleinstaaterei auf deutschem Boden. Goethe schrieb 1825 in einer Schrift, in der er die dezentral organisierte Struktur Deutschlands mit der zentralistischen Frankreichs verglich, folgendes: = Wodurch ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige Volkskultur, die alle Teile des Reichs gleichmäßig durchdrungen hat. Sind es aber nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht und welche ihre Träger und Pfleger sind? (...) Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reich verteilte Universitäten und über hundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenständen aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Überfluß da, ja es ist kaum ein deutsches Dorf, das nicht seine Schule hätte. Wie steht es aber um diesen letzten Punkt in Frankreich! = Sie sehen, das Bad-Wörishofen-Syndrom hat eine lange Vorgeschichte. Und eine in Europa einzigartige.  

Andreas Rochow / 03.10.2014

Bürgersinn, Sponsoren und Mäzene gehen Hand in Hand. Was dadurch an Kunst und Kultur möglich wird, ist in hohem Maße erfreulich. Im kleinen Deutschland stört es mich nicht, für ein Gastspiel von Julia Fischer eine Reise in eine größere Stadt zu unternehmen. Weltstars der E- und U-Musik lassen sich auch mal in die Provinz locken. Es muss nicht mit “Heimatgefühlen” zu tun haben, wenn z.B. Diana Krall eine Jazz-Kreuzfahrt in Südamerika für ein einmaliges Konzert im alten VW-Kraftwerk in Wolfsburg unterbricht. Es kann auch sein, dass sich hier ein Konzern mit dem Namen des Promis schmückt, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass die Location nicht geeignet ist, den vielen Interessenten Platz zu bieten. (Und das Kultursponsoring hat hier ein Gerüchle, denn auf der anderen Seite bezahlt VW keine Tariflöhne.) So sehr ich die regionalen kulturellen Aktivitäten und das Beispiel Wörishofen auch begrüße, so wenig stimme ich mit dem internationalen Vergleich des kulturellen Niveaus überein: Die deutsche mit der amerikanischen Provinz zu vergleichen, ist wegen der Größenunterschiede und der extrem unterschiedlichen Bevölkerungsdichte schon ziemlich schräg. Gerecht wäre dann wenigstens der Hinweis auf die Tatsache, dass sehr viele Künstler durch ihre Performance in New York ganz ohne Geld vom Staat zu Weltstars “geadelt” werden - ein Phänomen, das Good Old Europe noch nicht richtig verstanden hat…

Achim Berger / 02.10.2014

Das ist dann die intellektuelle (und tittenfreie) Version von “Thanks Bomber Harris”. Ohne das grossfächige Plattmachen grosstädtischen Wohnraums und die darauf folgende Landflucht hätten wir auch eine stärkere Konzentration auf die Metropolen. Allein Leipzig wurde schon vor 100 Jahren ausgelegt auf (ich meine) 1,2 Mio Einwohner, heute wohnt da gerade mal die Hälfte. Auch Brandenburg würde heute wohl nicht mehr existieren. Es wäre längst ein integraler und verstädterter Teil von Grossberlin, was - gemessen an Moskau, Paris und London - vermutlich an die 10 Mio Einwohner hätte. Trotzdem nichts für ungut. Regionalstärke hat durchaus was für sich. Mir wärs auch lieber wir hätten anstelle von zig Landkreisen in einem dutzend Bundesländern zig basisdemokratisch organisierte Kantone mit stolzen, starken und kulturell reichen Hauptstädten.

Dr. Hans-Peter Rösler / 02.10.2014

Hallo, Herr Bonhorst, zu Ihrem Artikel möchte ich einige Kleinigkeiten hinzufügen, die auch für andere Leser von Interesse sein könnten - aus meinem Bereich. Weltweit gibt es in D die meisten höchstwertigen Musiktheater (einschließlich der Tanztheater), auch wenn die Bedeutung naturgemäß nicht dauerhaft ist; die Staatsoper Hamburg z. B. war in den Sechzigern bis Mitte der Siebziger Jahre - also hauptsächlich der Ära Liebermann - der Opernnabel der Welt, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Aber auch auf so putzige Städtchen wie Donaueschuingen, Schwetzingen oder Darmstadt schaut einmal im Jahr die gesamte Welt der Spezialisten der musikalischen Moderne und der historisierenden Musikpraxis. In Wuppertal (jawohl!), Stuttgart und Hamburg waren und sind es teilweise heute noch die international ganz oben auf dem Treppchen stehenden Tanztheater. Bemerkenswerterweise hat Berlin - außer den Berliner Philharmonikern - zumindest musikalisch weniger zu bieten als die Provinz, die kulturell keine ist und nie eine war. Allerdings muss gesagt werden, dass - wiederum kann ich nur für die Musik und die ihr verwandten Bereiche sprechen - die Subventionierung Tradition hat: Im “Deutschland” nach 1648 versuchte auch jeder Herrscher eines Zwergfürstentums kulturell zu glänzen, was bekanntlich zu seinem Prestige beitrug (schließlich hatte ja auch Ludwig XIV. [von Frankreich] bei Vaudevilles etc. selbst mitgetanzt und sogar einige “geschrieben”, und Friedrich II., “Der Große”, war ein recht passabler Komponist und Flötenspieler). Woher nahmen aber die Fürsten - z. B. der Herzog von Sachsen-Meiningen oder der sächsische König - das Geld, um ihre kulturelle Prachtentfaltung zu finanzieren, von Bayreuth gar nicht zu reden? Erraten! Hier stehen die deutschen Bundesländer in der Tradition der alten Fürstentümer - und das ist gut so. Dass z. B. Lüneburg ein Stadttheater hat und ein (wenn auch kleines) Orchester, in dem übrigenw z. B. Japaner(innen(, Koreaner(innen), Engländer(innen) etc. spielen,  entspricht der Tradition der mächtigen Salzstadt. Allerdings fürchte ich, dass der Kahlschlag eine gewisse Konzentration auf diejenigen Städte bewirken wird, wo noch ein “bildungsbürgerliches” Sponsorentum existiert (Liebermann hätte ohne Körber seine Projekte kaum verwirklichen können, Rolf Benz finanziert lieber Rockkonzerte). Da dies zurückgeht, dürfte in spätestens 20 Jahren die Kulturlandschaft so eintönig sein wie in anderen Staaten. Fairerweise muss man sagen, dass z. B. in Frankreich sich die Provinz zu regen beginnt (z.B.  Lyon, Aix-en-Provence, sogar Bordeaux) - und auch in GB (Birmingham durch Norrnigton). Auch in Texas (Heuston) soll sich das Nieveau erheblich erhöht haben - durch C. Eschenbach. Für die “Sozialisten” unter den Lesern: Die DDR hatte sehr viel Geld in die - traditionellen - Kulturstädte, z. B. Köthen, Leipzig, Dresden “investiert” (also (Volkseigentum verwendet, schließlich waren z. B. die Aufnahmen der Dresdener Philharmonker Devisenbringer). Vielleicht wird ja der designierte MP Bodo Meiningen ein wenig mehr aufpäppeln - oder soll das etwa eine kapitalistische Firma machen, die (schrecklich, schrecklich) auch noch Produkte herstellt, die nicht den Suren des Ökokoran entsprechen?   

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