
Und diese Tradition, lieber Rainer Bonhorst, von der Sie nur so unspezifisch schreiben, ist das Erbe der so oft als provinziell geschmähten Kleinstaaterei auf deutschem Boden. Goethe schrieb 1825 in einer Schrift, in der er die dezentral organisierte Struktur Deutschlands mit der zentralistischen Frankreichs verglich, folgendes: = Wodurch ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige Volkskultur, die alle Teile des Reichs gleichmäßig durchdrungen hat. Sind es aber nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht und welche ihre Träger und Pfleger sind? (...) Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reich verteilte Universitäten und über hundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenständen aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Überfluß da, ja es ist kaum ein deutsches Dorf, das nicht seine Schule hätte. Wie steht es aber um diesen letzten Punkt in Frankreich! = Sie sehen, das Bad-Wörishofen-Syndrom hat eine lange Vorgeschichte. Und eine in Europa einzigartige.
Bürgersinn, Sponsoren und Mäzene gehen Hand in Hand. Was dadurch an Kunst und Kultur möglich wird, ist in hohem Maße erfreulich. Im kleinen Deutschland stört es mich nicht, für ein Gastspiel von Julia Fischer eine Reise in eine größere Stadt zu unternehmen. Weltstars der E- und U-Musik lassen sich auch mal in die Provinz locken. Es muss nicht mit “Heimatgefühlen” zu tun haben, wenn z.B. Diana Krall eine Jazz-Kreuzfahrt in Südamerika für ein einmaliges Konzert im alten VW-Kraftwerk in Wolfsburg unterbricht. Es kann auch sein, dass sich hier ein Konzern mit dem Namen des Promis schmückt, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass die Location nicht geeignet ist, den vielen Interessenten Platz zu bieten. (Und das Kultursponsoring hat hier ein Gerüchle, denn auf der anderen Seite bezahlt VW keine Tariflöhne.) So sehr ich die regionalen kulturellen Aktivitäten und das Beispiel Wörishofen auch begrüße, so wenig stimme ich mit dem internationalen Vergleich des kulturellen Niveaus überein: Die deutsche mit der amerikanischen Provinz zu vergleichen, ist wegen der Größenunterschiede und der extrem unterschiedlichen Bevölkerungsdichte schon ziemlich schräg. Gerecht wäre dann wenigstens der Hinweis auf die Tatsache, dass sehr viele Künstler durch ihre Performance in New York ganz ohne Geld vom Staat zu Weltstars “geadelt” werden - ein Phänomen, das Good Old Europe noch nicht richtig verstanden hat…
Das ist dann die intellektuelle (und tittenfreie) Version von “Thanks Bomber Harris”. Ohne das grossfächige Plattmachen grosstädtischen Wohnraums und die darauf folgende Landflucht hätten wir auch eine stärkere Konzentration auf die Metropolen. Allein Leipzig wurde schon vor 100 Jahren ausgelegt auf (ich meine) 1,2 Mio Einwohner, heute wohnt da gerade mal die Hälfte. Auch Brandenburg würde heute wohl nicht mehr existieren. Es wäre längst ein integraler und verstädterter Teil von Grossberlin, was - gemessen an Moskau, Paris und London - vermutlich an die 10 Mio Einwohner hätte. Trotzdem nichts für ungut. Regionalstärke hat durchaus was für sich. Mir wärs auch lieber wir hätten anstelle von zig Landkreisen in einem dutzend Bundesländern zig basisdemokratisch organisierte Kantone mit stolzen, starken und kulturell reichen Hauptstädten.
Hallo, Herr Bonhorst, zu Ihrem Artikel möchte ich einige Kleinigkeiten hinzufügen, die auch für andere Leser von Interesse sein könnten - aus meinem Bereich. Weltweit gibt es in D die meisten höchstwertigen Musiktheater (einschließlich der Tanztheater), auch wenn die Bedeutung naturgemäß nicht dauerhaft ist; die Staatsoper Hamburg z. B. war in den Sechzigern bis Mitte der Siebziger Jahre - also hauptsächlich der Ära Liebermann - der Opernnabel der Welt, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Aber auch auf so putzige Städtchen wie Donaueschuingen, Schwetzingen oder Darmstadt schaut einmal im Jahr die gesamte Welt der Spezialisten der musikalischen Moderne und der historisierenden Musikpraxis. In Wuppertal (jawohl!), Stuttgart und Hamburg waren und sind es teilweise heute noch die international ganz oben auf dem Treppchen stehenden Tanztheater. Bemerkenswerterweise hat Berlin - außer den Berliner Philharmonikern - zumindest musikalisch weniger zu bieten als die Provinz, die kulturell keine ist und nie eine war. Allerdings muss gesagt werden, dass - wiederum kann ich nur für die Musik und die ihr verwandten Bereiche sprechen - die Subventionierung Tradition hat: Im “Deutschland” nach 1648 versuchte auch jeder Herrscher eines Zwergfürstentums kulturell zu glänzen, was bekanntlich zu seinem Prestige beitrug (schließlich hatte ja auch Ludwig XIV. [von Frankreich] bei Vaudevilles etc. selbst mitgetanzt und sogar einige “geschrieben”, und Friedrich II., “Der Große”, war ein recht passabler Komponist und Flötenspieler). Woher nahmen aber die Fürsten - z. B. der Herzog von Sachsen-Meiningen oder der sächsische König - das Geld, um ihre kulturelle Prachtentfaltung zu finanzieren, von Bayreuth gar nicht zu reden? Erraten! Hier stehen die deutschen Bundesländer in der Tradition der alten Fürstentümer - und das ist gut so. Dass z. B. Lüneburg ein Stadttheater hat und ein (wenn auch kleines) Orchester, in dem übrigenw z. B. Japaner(innen(, Koreaner(innen), Engländer(innen) etc. spielen, entspricht der Tradition der mächtigen Salzstadt. Allerdings fürchte ich, dass der Kahlschlag eine gewisse Konzentration auf diejenigen Städte bewirken wird, wo noch ein “bildungsbürgerliches” Sponsorentum existiert (Liebermann hätte ohne Körber seine Projekte kaum verwirklichen können, Rolf Benz finanziert lieber Rockkonzerte). Da dies zurückgeht, dürfte in spätestens 20 Jahren die Kulturlandschaft so eintönig sein wie in anderen Staaten. Fairerweise muss man sagen, dass z. B. in Frankreich sich die Provinz zu regen beginnt (z.B. Lyon, Aix-en-Provence, sogar Bordeaux) - und auch in GB (Birmingham durch Norrnigton). Auch in Texas (Heuston) soll sich das Nieveau erheblich erhöht haben - durch C. Eschenbach. Für die “Sozialisten” unter den Lesern: Die DDR hatte sehr viel Geld in die - traditionellen - Kulturstädte, z. B. Köthen, Leipzig, Dresden “investiert” (also (Volkseigentum verwendet, schließlich waren z. B. die Aufnahmen der Dresdener Philharmonker Devisenbringer). Vielleicht wird ja der designierte MP Bodo Meiningen ein wenig mehr aufpäppeln - oder soll das etwa eine kapitalistische Firma machen, die (schrecklich, schrecklich) auch noch Produkte herstellt, die nicht den Suren des Ökokoran entsprechen?
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