Manfred Haferburg / 05.02.2022 / 06:00 / Foto: Achgut.com / 165 / Seite ausdrucken

Der Geruch von Westseife – Ein Ruf aus Dunkeldeutschland

Mein halbes Leben habe ich damit verbracht, mich nach der Bundesrepublik und ihren demokratischen Freiheiten zu sehnen. Wer sich nie mit Ostseife gewaschen hat, kann nicht nachvollziehen, wie gut Westseife riecht. Leider riecht sie jetzt anders.

Ich bin ein Ossi aus Dunkeldeutschland. Ich bin „diktatursozialisiert“, habe „verfestigte demokratische Defizite“, die „nicht rückholbar“ sind. Ich bin sozusagen einer von Millionen ostdeutscher Antidemokraten per Definition der Bundesregierung. „Gründe dafür sind, dass man es mit verfestigtem Protestwählerpotential und mit teilweise ebenso verfestigten nichtdemokratischen Strukturen zu tun hat“. Das sage nicht ich, sondern höchstoffiziell der von der vorigen Bundesregierung bestellte Beauftragte für die Ossis, der es auf Grund seines hohen Amtes ja wissen muss.

Seine Partei, die den Namen Christlich auf dem Schilde führt, hat ihn für seine vorbildliche Haltung fürstlich belohnt. Mit seinem Listenplatz war ihm die Wahl sicher, obwohl er seinen Wahlkreis verlor. Auch seine Ehefrau sitzt im Bundestag, ist sogar eine Vizepräsidentin. Die Familie Magwas-Wanderwitz kann sich über ein Monatseinkommen von mehr als 25.000 Euro freuen, auch bezahlt von den Diktatursozialisierten, auf die sie mit Verachtung herabschauen. Pecunia non olet.

So ein Diktatursozialisierter, nicht Rückholbarer bin ich also. Wie konnte es nur so weit kommen?

Die Sehnsucht der Ossis nach Freiheit und Westseife

Mein halbes Leben habe ich damit verbracht, mich nach der Bundesrepublik und ihren demokratischen Freiheiten zu sehnen. Nach der Reisefreiheit. Nach der beruflichen Freiheit, ohne Gesinnungsheuchelei vorankommen zu können. Nach der freiheitlichen Atmosphäre, ohne Misstrauen meinen Mitmenschen begegnen zu können. Nach materieller Freiheit, nämlich vielleicht eines Tages durch fleißiges Arbeiten ein schönes Auto kaufen zu können und ein eigenes kleines Haus zu besitzen.

Wer sich nie mit Ostseife gewaschen hat, kann nicht nachvollziehen, wie gut Westseife riecht. Für uns roch Westseife nach Intershop, wo wir uns die Nase an der Scheibe plattdrückten und nichts kaufen konnten. Den Intershop-Geruch werde ich nie vergessen. Auch nicht den Geschmack der Schokolade mit dem Mohren-Kopf drauf, der heute „Magier der Sinne“ heißen muss.

Was war es bloß, das mich von dem Land so sehr entfremdete, in das ich hineingeboren wurde?

Kurz gesagt: Alles.

„Nimmer konn’t ich, wo ich war, gedeihen“, ich habe sie laut herausgesungen, meine Sehnsucht. Meinem Vaterland fiel nichts Besseres ein, als mich einzusperren – ich nannte es die „Wohn-Haft“. Sie brauchten uns als Arbeitssklaven. Beim Fluchtversuch drohte der Tod. Hunderte wurden hinterrücks erschossen, traten auf Minen oder wurden von Selbstschussanlagen zerfetzt. Tausende landeten im Stasiknast und wurden wie Vieh an den Westen verkauft.

Genug Wissenschaftler und Künstler, die ihre Seele gern verkauften

Ich konnte mir keine Weltanschauung bilden, weil ich mir die Welt nicht anschauen konnte. Der Staat gab die richtige Weltanschauung vor und nannte sie „Klassenstandpunkt“. Heute heißt das „Haltung“, ist aber dasselbe. Ich hatte keinen, war wohl fürs Fahnenschwenken ungeeignet.

Ich wuchs mit dem Deutschlandfunk auf. Die beste Sendung kam täglich 07:35 Uhr: „Aus Ostberliner Zeitungen“. Dort erfuhr ich, oft auf humorvolle Weise, wie mein Vaterland mich mit seinen gleichgeschalteten Medien belog und betrog. Nichts konnte man glauben, was in den Zeitungen oder im Fernsehen berichtet wurde, kein Wort. Alle Zahlen, selbst der Wetterbericht, gefälscht, ein Krebsgeschwür von Verschweigen und Übertreiben, von Hetze und Lobhudelei.

Die Gedankenkontrolle betraf das gesamte gesellschaftliche Leben, von der Wissenschaft bis in die Kunst. Dies war das Resultat von Zensur und Selbstzensur der Journalisten mit dem Klassenstandpunkt. Und es gab ja auch genug Wissenschaftler und Künstler, die ihre Seele nur zu gern verkauften.

Die Polizei war da, um die eigene Bevölkerung zu unterdrücken. Es gab sogar eine Gedankenpolizei – die Stasi. Die Gerichte fällten von der Staatsmacht befohlene Urteile. Die berufliche Karriere hing vom Heucheln ab. Die Eltern konnten nur unter Gefahr für ihre Existenz die Kinder vor der Propaganda schützen.

Die Gespensterbahn des Zentralkomitees der SED

Und erst die Lichtgestalten der DDR-Regierung. Sie predigten Ostwasser und soffen in Wandlitz Westwein. Sie hatten kein anderes Staatsziel im Sinn, als ihre Macht zu festigen, dafür gingen sie über Leichen. „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“. Ein Haufen ungebildeter Gauner und Verbrecher. Ein Mörder als Minister für Staatssicherheit. Ein abgebrochener Dachdecker als Regierungschef, der sich von Schalk-Golodkowski streng verbotene Pornofilmkassetten importieren ließ.

Die DDR-Regierung war eine groteske Gespensterbahn: Jedes ZK-Mitglied riss sich darum, neben dem Leiter der Außenpolitischen Kommission des ZK der SED, einem abgebrochenen Verkäuferlehrling, aufs Foto zu kommen. Wer nämlich neben ihm stand, war im Vergleich so schön wie Adonis.

Die Volkskammer war ein Haufen von 500 Abnickern und Zujublern, gekauft mit Posten und lächerlichen Geschenken. Eine Opposition gab es nicht. 99,9 Prozent Zustimmung und minutenlanger stehender Applaus für die Witzfiguren des ZK waren die Markenzeichen dieses Parlaments. 99 Prozent war regelmäßig die Wahlbeteiligung, 99-prozentig waren auch die Wahlergebnisse von 1950 bis 1986. Es kam nicht darauf an, wer wie wählte, sondern wer zählte.

Am schlimmsten in der DDR war das allgegenwärtige Misstrauen zwischen den Menschen, gepaart mit der Gewöhnung an die Unfreiheit. Die Leute fanden sich mit der Unterdrückung, der Bevormundung, der allgegenwärtigen Spitzelei ab. Am schlimmsten waren die kleinen Möchtegernmachthaber, eine Blockwartmentalität machte sich breit. Es fing schon in der Schule an und hörte nie wieder auf. Immer, wenn man dachte, schlimmer geht es nicht, irrte man.

Schuld waren die Beatles

Ich kollidierte schon früh mit dem System. Schuld waren die Beatles. Das System wollte bestimmen, welche Musik mir zu gefallen hatte, wie lang meine Haare sein dürften und wie weit die Hose sein musste. Ich spielte die Bassgitarre in einer Jugendband. 60 Prozent DDR-Titel waren vorgeschrieben, alles an Westmusik, was der DDR-Rundfunk nicht sendete, war verbotene Einfuhr. In unseren Tanzveranstaltungen führten die Spitzel Titellisten. Meine Band wurde ständig verboten. In Leipzig demonstrierten am 31. Oktober 1965 mehr als tausend Jugendliche friedlich gegen die staatliche Musikpolitik. Mit Wasserwerfern, Hunden und Gummiknüppeln trieben Volkspolizisten die Menge auseinander und ließen 264 Teilnehmer festnehmen. 107 von ihnen wanderten gar ins Arbeitslager – statt um Beats sollten sie sich lieber um Braunkohle kümmern.

Meine vielversprechende berufliche Karriere als Kernenergetiker im Atomkraftwerk wurde beendet, weil ich keine Lust hatte, mir jeden Montag auf der SED-Parteiversammlung den Schwachsinn aus der Zeitung nochmal vorkauen zu lassen und deshalb nicht in die Partei eintrat. Ein Fachmann ohne Klassenstandpunkt? Da kannten die Genossen nichts – als ich der Erpressung widerstand, war ich meinen Job los.

Zum Staatsfeind wurde ich ernannt, weil ich mich der großen Ehre verweigerte, für das System meine Familie, Freunde und Kollegen zu bespitzeln. Bald stand ich auf allen schwarzen Listen meines Vaterlandes. Ich war wohl das, was man heute Querdenker schimpft. Ich wurde zum „feindlich negativen Element“ ernannt und fiel einer staatlichen Maßnahme namens „Zersetzung“ anheim. Dreißig Leute arbeiteten sich im Auftrag der Gedankenpolizei an mir ab, unter ihnen viele Kollegen, gar einige Freunde.

Meine Sehnsucht nach Freiheit endete damit, dass ich nach einer Odyssee durch die Gefängnisse des sozialistischen Lagers, das seinen Namen zu recht trug, an einem regennassen Tag im Oktober 1989 mit verbundenen Augen aus einem fahrenden Auto in Berlin Köpenick aufs Pflaster geworfen wurde. Eine Woche später erkannte mir mein Vaterland die Staatsbürgerschaft ab, und ich musste die DDR innerhalb von 24 Stunden verlassen. Sie hatten wohl Angst, dass ich auf der Montagsdemonstration den Leuten erzähle, was sie in ihren Gefängnissen mit ihren Leuten machen. Wer die ganze gruselige Geschichte kennenlernen möchte, kann das im Roman „Wohn-Haft“ nachlesen.

Ossis misstrauen aus schlechter Erfahrung der guten Sache

Eine Woche vor dem Mauerfall kam ich in Helldeutschland an, dem Land meiner Träume. Für jede Stunde, die ich den anderen Ossis voraus war, hatte ich mit ein paar Tagen in Hohenschönhausen bezahlt.

Für meine ersten zehn Jahre in Helldeutschland stimmte auch alles, ich konnte reisen, mich beruflich entwickeln und sagen, was ich dachte. Ich erreiste mir eine Weltanschauung, indem ich mir die Welt anschaute. Und nach einiger Zeit reichte es auch für ein schönes Auto.

Der Spiegel war immer noch das Sturmgeschütz der Demokratie. Der Deutschlandfunk berichtete immer noch so wahrhaftig, wie er konnte. Die Tagesschau konnte man immer noch ansehen, ohne dass der gesunde Menschenverstand beleidigt wurde.

Doch nach der Jahrtausendwende tröpfelte immer mehr Wasser in meinen süßen Demokratiewein. Es wurde tropfenweise hineingegeben und von vielen schulterzuckend hingenommen. Freiheit war noch da – nur hier und da eine kleine Einschränkung, Strom kam immer noch aus der Steckdose – nur hier und da etwas teurer. Und immer für die gute Sache. Ossis misstrauen aus schlechter Erfahrung den guten Sachen.

Der erste West-Journalist, der mich interviewte, war Stasispitzel

Schon während meiner DDR-Zeit war mir aufgefallen, dass die größten Befürworter der DDR im Westen saßen. Es war ja auch zu schön, vom Aufbau des geliebten Sozialismus aus den weichen Kissen des Kapitalismus heraus zu träumen. Ein paar Schönheitsfehler, wie der Freikauf politischer Häftlinge, die Stasigefängnisse, die Unterdrückung der Andersdenkenden, die Gleichschaltung der Presse und Kunst? Für Westlinke Kinderkrankheiten des Sozialismus. Wo Herz und Verstand links schlugen, drückte die Toskana-Fraktion beide Augen zu und dazu noch alle Hühneraugen – für das hohe Ziel einer besseren Zukunftsgesellschaft.  

So stellte sich später heraus, dass der erste Westjournalist, der mich interviewt hatte, ein Stasi-Spitzel war.

Die umbenannte SED zog ohne viel Aufhebens in den Bundestag ein. Auf den Sesseln des deutschen Parlaments fläzten plötzlich völlig ungeniert Stasispitzel. Die Milliarden des gestohlenen SED-Vermögens blieben ungestraft verschwunden. Eine Stasi-Spitzelin wurde Chefin einer regierungsfinanzierten Stiftung gegen Rechtsextremismus, ist es immer noch und belehrt Demokraten über Demokratie.

Die ehemaligen DDR-Bewunderer der Westlinken fanden nichts dabei. Es wuchs zusammen, was zusammengehörte. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Zehn Minuten Standing Ovations für eine Ossifrau

Dann wurde eine Ossifrau Bundeskanzlerin. Ich freute mich für Deutschland und bewunderte sie, so wie ich auch ihre Partei, die CDU gut fand. Ich lernte Angela Merkel auf einer Podiumsdiskussion in Hohenschönhausen persönlich kennen. Ich dachte, jetzt wird alles wieder gut in meinem geliebten Helldeutschland. Wie man sich irren kann.

Nach ein paar Jahren Kanzlerinnenschaft erkannte ich mein Helldeutschland nicht mehr wieder.

Das immer mehr aufgeblähte Parlament war entmachtet und von den Parteien korrumpiert. Die Abgeordneten wurden aus Angst um ihren Posten zum Stimmvieh ihrer Fraktion. Die CDU rutschte mit Hilfe der Pizza-Connection nach links und wurde grüner als die Grünen und röter als die Roten. Man schaue sich die Namen der Teilnehmer dieser Pizzarunde an – das Who is Who der Merkeljahre. Von der Pizza ging es direkt an die Fleischtöpfe der Macht.

Wie einst in der DDR-Volkskammer wurde bei der CDU wieder zehn Minuten im Stehen klatschend der Nomenklatura Huldigung geheuchelt. Aber vielleicht waren die ja auch so dumm. Die Wahlergebnisse auf den CDU-Parteitagen erreichten mit 95% fast DDR-Niveau. Nicht umsonst wendet sich die einst so mächtige Ossifrau angeekelt von dem Kadaver ab.

Auch die helldeutschen Medien machten den Linksrutsch mit. Was früher der Klassenstandpunkt war, hieß nun die richtige Haltung. Das Sturmgeschütz der Demokratie wurde zu einer Gulaschkanone mit deutlicher Schleimspur zu den Regierenden. Mein bewunderter Deutschlandfunk hört sich mehr und mehr an wie die einstige Stimme der DDR. Der kluge Kopf hinter der FAZ kündigte sein Abonnement. Die einst stolze Süddeutsche erschien einem mehr und mehr wie ein helldeutsches Neues Deutschland, mehr Zentralorgan der richtigen Gesinnung als kritische Zeitung. Die Tagesschau mutierte zu einer Art Aktuellen Kamera in HD. Eine undurchdringliche Mischung aus Halbwahrheiten, plumpen Lügen und Verschweigen fing an, die Berichterstattung zu dominieren.

Viele Westdeutsche nahmen diese schleichenden Veränderungen nicht zur Kenntnis, vielleicht bemerkten sie sie gar nicht. Für die Westdeutschen war Freiheit so selbstverständlich wie die Gesundheit, um die man sich erst kümmert, wenn sie weg ist. Oder so sicher, wie der Strom, der immer und unveränderbar aus der Steckdose kommt.

Nach und nach aus ihren Tagträumen gerissen 

„Flüchtlingskrise“, Klimakrise, Coronakrise, es wurde schlimmer und schlimmer. Es wurde irreversibel. Nicht nur die Ossis waren offenbar in der Demokratie eingeschlafen und wachten nun in einem mehr und mehr übergriffigen Zwangssystem auf, das unter dem Deckmantel der Fürsorge und der Weltrettung daherkommt.

Es sah demokratisch aus, aber der Staat hatte alles im Griff. Das hatten die Ossis aber schon einmal in ihrem Leben gesehen und sie fingen an, aufzumucken. Sie konnten noch gut zwischen den Zeilen lesen, und das Wort „Lügenpresse“ entstand. Das neue Westfernsehen ist das Internet. Schon strebt die Macht danach, es einzuschränken.

Wieder tummeln sich seltsame Lichtgestalten in der Politik. Ein irrlichternder, verwirrter Mensch wird Gesundheitsminister, eine Frau mit Münchhausen-Syndrom wird Außenministerin, eine Frau mit erschlichenem Doktortitel Bürgermeisterin der deutschen Hauptstadt und ein Kinderbuchautor zum Lenker der deutschen Volkswirtschaft. Die einstigen Maoisten, Stamokap-Kämpfer, Alt-Kommunisten und Antifa-Jünger haben sich grün und rot angemalt und den Tarnmantel des Sozialen umgehängt, um die Spitzen der Politik zu unterwandern. Sie haben jede Scham verloren. Und weil sich die wohlstandsverwöhnten Bürger einlullen ließen, schafften sie es in die höchsten Ämter. Da sind sie heute, und wir werden uns noch über sie wundern.

Nichts beschreibt die deutsche Situation im Jahre 2021 besser, als das Lied von Reinhard Mey „Das Narrenschiff“. Volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff – ich wollte, ich hätte unrecht.

Die Revolution fängt an, ihre Kinder zu fressen

Nun läuft sie weg, die Freiheit, und bald kommt vielleicht auch kein Strom mehr aus der Steckdose. Die Linken müssen erstaunt feststellen, dass Reisefreiheit nicht selbstverständlich ist. Die Wohn-Haft wird erneut ausgerufen, jetzt unter der Flagge des Gesundheits- und Klimaschutzes. Man muss in Deutschland wieder aufpassen, was man sagt. In den Zeitungen lernen die Wessis gerade, zwischen den Zeilen zu lesen.

Man kann den Politikern genauso wenig glauben wie der Tagesschau. Man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Justiz einen als Bürger vor dem übergriffigen Staat schützt.

Der einstig hochgeachtete Freund und Helfer, die Polizei, wird von der Politik schamlos missbraucht. Die Ordnungskräfte, jahrelang auf Deeskalation getrimmt, lassen nun ihr Mütchen an friedlichen Demonstranten und alten Omas aus. Manche mit Freude, viele mit Scham. Die Strafen für Andersdenkende sind heute nicht mehr Knast, sondern Ausgrenzung und soziale Unterdrückung.

Kann es noch schlimmer kommen? Nach meiner Erfahrung: Ja.

Helldeutschland, mir graut vor Dir

Mein Roman „Wohn-Haft“ ist zu einem dystopischen Sience Fiction Buch geworden, ohne dass ich eine einzige Zeile neu schreiben musste. Wieder einmal haben die Deutschen vergessen, wer sie schon mehrmals ins Fiasko geritten hat. Und wenn sie etwas falsch machen, die Deutschen, dann machen sie es gründlich. George Santyana prägte den Satz: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen“. Und Henryk Broder sagt seinen Pappenheimern: "Wenn ihr euch fragt, wie das damals passieren konnte: weil sie damals so waren, wie ihr heute seid."

Ich habe schon vor Jahren die Konsequenz gezogen, und den Preis bezahle ich immer noch. Ehe sie mir noch mal so mitspielen können – ich bin schon mal weg. Noch ist Bundesrepublikflucht nicht strafbar. Noch ist die Landesgrenze kein inverser Igel. Das habe ich aus der Geschichte meiner jüdischen Freunde gelernt – verlasse eine kranke Gesellschaft, solange es noch geht.

Der rote Gesundheitsminister Lauterbach bejubelte die neue „Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit“ (Min. 3:45) und schrieb dieses Zitat in seiner Ungebildetheit unter dem Beifall der ebenfalls ungebildeten Abgeordneten dem Denker Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu. In Wahrheit stammt es von dem Marxisten Friedrich Engels. Und natürlich legen Lauterbach und die seinen fest, was Notwendigkeit ist.

Die umlackierten Kommunisten werden die Freiheit abschaffen, und die Philister in Platons Höhle merken es nicht einmal. Sie werden es für Sicherheit halten, wenn ihnen vorgeschrieben wird, was sie zu tun und zu denken haben. Sie werden es als Weltrettung bejubeln, wenn kein Strom mehr aus der Steckdose kommt. Sie werden vor der großen Pleite noch der Oma ihr klein Häuschen in eine Demokratieabgabe verwandeln und sich ihre Ersparnisse einverleiben.

Es wird wie immer im Sozialismus enden. Den Sozialisten wird das Geld der Anderen ausgehen. Und dann, wenn alle gemeinsam pleite sind, werden sich die „Eliten“ angeekelt abwenden. Die Arbeitenden werden wieder mit den Füßen abstimmen. Die Mächtigen werden keine Mauer aus Stein bauen müssen, mit Minen und Selbstschussanlagen, um die letzten Leistungsträger an der Bundesrepublikflucht zu hindern. Es werden Fesseln aus Steuern sein.

 

Manfred Haferburg ist Autor des autobiografischen Romans „Wohn-Haft“ (5 Sterne bei 177 Bewertungen). Er wuchs in Sachsen-Anhalt auf und studierte in Dresden. Er arbeitete im Kernkraftwerk Greifswald, einem der damals größten Atomkraftwerke der Welt. Durch seine sture Weigerung, in die SED einzutreten, fiel er der Staatssicherheit auf. Als er sich auch noch weigerte, Spitzel zu werden, erklärte ihn die Partei zum Staatsfeind. Von seinem besten Freund verraten, verlor Manfred erst seinen Beruf, dann seine Familie und zuletzt die Freiheit. Ein Irrweg durch die Gefängnisse des sozialistischen Lagers begann, der im berüchtigten Stasigefängnis Hohenschönhausen endete. Hier gehörte er zu den letzten Gefangenen, die von der Stasi entsorgt wurden. Manfred Haferburg lebt heute mit seiner Frau in Paris.

Foto: Achgut.com

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N. Schneider / 05.02.2022

Kann mich @Silvia Stiebritz nur anschließen: “Einen der besten und treffendsten Artikel”. Der Einzug der grünen Khmer 1998 in die Bundesregierung markiert den Zeitpunkt ab dem “immer mehr Wasser in (den) süßen Demokratiewein (tröpfelte)”. Als linke Politsekte, mit einem ausgeprägtem Ingroup-Denken, verstanden sie es, ihre Seilschaften in Schlüsselpositionen zu bringen. Hinzu kommt eine SPD-Generation die in der DDR das bessere Deutschland sah. Journalisten der alten Schule gingen in Rente und in linken Journalisten-Schulen “ausgebildete” Agitatoren folgten nach. Eine rückgratlose und intellektuell leere CDU und FDP gab den Rest.

Stanley Milgram / 05.02.2022

Wer nie im Knast kalt duschen MUSSTE, den Geschmack dieser ekligen Zahnpasta schmecken und halbgefrorene Brote mit Tee frühstückte, ständig eine Kamera übersich hatte, eine Zigarette mit Glück am Tag bekam, kann “Rambo 1” niemals nie verstehen. Irgendwann ist Schicht im Schacht, aber dann…

G. Böhm / 05.02.2022

@ Frank Danton - “... dieser Wiederspruch zeugt von einer Naivität die mir persönlich fremd ist. Nicht nur Frau L. ...” - tatsächlich? Ich bezweifele Ihre Aussage!

Peter Ackermann / 05.02.2022

Lieber Herr Haferburg, Ihre Dünnhäutigkeit ehrt Sie. Und ebenso kann ich Ihre Fluchtreflexe verstehen. Abgesehen davon sind Sie ein Teil der renitenten Kräfte gewesen, die mir letztlich, damals 23-jährig, das Tor öffneten, welches ich schon fast begriffen war, als unmöglich zu erachten. Dafür kann man sich eigentlich kaum bedanken, aber ich versuche es hiermit dennoch. Andererseits kommt es mir fast wie ein Wiederholungszwang vor, dass Sie sich ausgerechnet Frankreich als Fluchtort wählten. Wenn Sie schon, aus verständlichen Gründen, nicht den Rat von Chr. Kühn (Erich Kästner) beherzigen, dann nehmen Sie wenigstens den von Hr. Loewe an, den Atlantik zu überqueren. Kurz: Die Berichte über Ihr Dasein in Frankreich machen mich eigentlich hauptsächlich traurig. Alles Gute Ihnen!

Heinrich Wägner / 05.02.2022

Ja,lieber Herr @ Pflüger es ist verdammt schwer . Seinen Kindern und Enkel und den kleinen Urenkelchen zu sagen , wir sind alt ,wir werden bald gehen . Wir haben 45 schon einmal das verloren was man Heimat nennt. Heimat ist da wo man sich in Sicherheit wohlfühlt . Es ist die Liebe meiner Frau die nun schon über sechzig Jahre wärt und Liebe zu meinen Kindern denen sie das Leben gab was mich sagen läßt.  Geht solange noch Zeit ist und ihr die Kraft habt für eine neue Zukunft. Ihr könnt es nicht wissen und wir nicht vergessen . Wir werden nur zwei von Vielen sein Herr Pflüger die zurückbleiben in einen Land in dem Kinder keine Zukunft haben frei zu sein in ihren Handeln und Denken.

Alex Fischer / 05.02.2022

@Hans Wulsten - Das ist schade. Sie hatten es doch schon geschafft, sich 16 Jahre lang außerhalb von Dodoland einzurichten. Da muss man doch im Gastland schon komplett integriert, zumindest sprachlich fast schon auf native speaker level sein und auch die Sitten und Gebräuche dort verinnerlicht haben. Allerdings ist auch mir keine drastische Veränderung zwischen 1998 und 2014 aufgefallen. Die erkennt man wohl tatsächlich nur, wenn man zwischendrin nicht hier war. Das große Erwachen kam bei mir im Herbst 2015…

Christine Holzner / 05.02.2022

Und die Geschichte wiederholt sich doch. Dass sie es so schnell tut, hätte ich allerdings nicht gedacht. Hinweise gab es allerdings wahrlich schon lange.

Steffen Huebner / 05.02.2022

@Frank Danton - Damals im April 2000, nach der Wahl von Merkel zur neuen CDU- Chefin, kommentierte das Lafontaine ironisch: “Ist der CDU klar, dass sie jetzt eine Kommunistin zu Vorsitzenden gewählt hat?”

S.Buch / 05.02.2022

Toller Artikel - hundert Prozent Zustimmung.

Silvia Stiebritz / 05.02.2022

Einen der besten und treffendsten Artikel, den ich bisher lesen konnte! Meine Hochachtung vor Ihnen und mein Glückwunsch zum Entschluss, dieses desolate Land zu verlassen! Eine andere Möglichkeit wird es wohl nicht mehr geben, denn mittlerweile gehören wir ja zu den bösen alten weißen Männern und Frauen.  Dem Text ist nichts hinzuzufügen. Danke!

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