Die Sonne scheint gütig über Berlin dieser Tage. Doch unter ihr herrscht große Verwirrung. In Kreuzberg sucht die radikal bewegte Feiergemeinde nach dem alten Bonzenkapitalismus. Ihr Motto in diesem Jahr „Kapitalismus ist Krieg und Krise“. Und ihr Flaschen-und-Steine-Index der eigenen Aufgeregtheit zeigt nach oben. Aber die neue Innerlichkeit des Weltkapitals passt nicht zur versuchten Kollektivempörung. Krieg? Nicht wenn die Marktwirtschaft die Selbstbesinnung inszeniert. Noch die selbstbewusstesten CEOs gestehen ja ein, nicht alle Antworten parat zu haben. Nie war so wenig Krieg wie heute.
Auch die andere Maifeiergemeinde, jene um DGB-Chef Sommer, fühlt sich irgendwie labil. Die Forderungen bleiben dieselben – Umverteilung etc.. Doch entwickeln diese in fetten Jahren eine viel höhere Emotionalität, wenn Kunstmärkte Eskapaden schlagen, Millionärsmessen protzen und Victory-Zeichen das Land empören. Aber in Zeiten, in denen Vorstandschefs devot nach Berlin pilgern, Fondsmanager in Depressionen versinken und Wirtschaftskrisen mit Umverteilung beginnen (zu viel Kredit für amerikanische Normalbürger)? Da wird offensichtlich, dass die Welt des Globalkapitalismus zu kompliziert ist für Sommer und Co. Lasst uns doch mit den blöden Finanzmärkten in Ruhe, so der Spirit der Arbeiter-Events in Bremen und Berlin. Und dann auch noch dieses Englisch – der DGB-Chef beklagt sich erstmal, dass das G20-Abschlusspapier immer noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde.
So leidet die Republik unter der Komplexität der Dinge – und dem Verlust klarer Feindbilder. Die Aktivitäten am ersten Mai reihen sich ein in die Riege institutionalisierter Gestrigkeiten, neben Ostermärschen und dem Urbi et Orbi des Papstes. Aber die Sonne scheint auch heute wieder gütig über Berlin.