“Freiheit wollen wir, Freiheit, nur Freiheit und Demokratie!”
Mit diesen Worten beschrieb ein Montagsdemonstrant vom 9. Oktober 1989 in Leipzig das wichtigste Ziel der “friedlichen Revolution” in der DDR im Herbst des Jahres 1989.
Bei den heutigen Feierlichkeiten aus Anlaß des 20. Jahrestages des 9. Oktober 1989 in der “Heldenstadt Leipzig” war von “Freiheit” und “Demokratie” kaum noch die Rede, umso mehr dagegen von “Frieden”, “Gerechtigkeit” und “Bewahrung der Schöpfung”, nicht zuletzt beim “Friedensgebet” am Nachmittag in der Nikolaikirche.
Wie kommt es, daß die “Freiheit” mittlerweile einen dermaßen niedrigen Stellenwert in der Erinnerung an den 9. Oktober 1989 in Leipzig hat?
Glaubt man den auch heute während der Feierlichkeiten immer wieder zu hörenden Stellungnahmen der “Leipziger Sechs” unter Federführung des früheren Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur, so ging es den Montagsdemonstranten zunächst um eine neue Form des “demokratischen Sozialismus”, der im konstruktiven Dialog der SED mit der Opposition zunehmend Gestalt annehmen sollte. Eine Staatsführung, die spätestens seit dem 17.Juni 1953 jedweden Dialog mit der eigenen Bevölkerung verweigert hatte, forderte mittels einiger Abweichler in der SED-Bezirksleitung Leipzig auf einmal Besonnenheit und Gesprächsbereitschaft. Auf jeden Fall sollte sich das aufsässige Volk jeglicher Provokation konsequent enthalten.
Doch die Montagsdemonstranten hielten sich, wie wir wissen, nicht an die gutgemeinten Ratschläge der zu spät gekommenen Möchtegernreformer, sondern sie forderten in zunehmendem Maße ihre demokratischen Rechte ein und verbanden - wie schon am 17. Juni 1953 - ihre demokratischen Forderungen immer mehr mit der Forderung nach Herstellung der deutschen Einheit, weil sie offenkundig mehrheitlich der Ansicht waren, daß es nicht eines erneuten Versuches an lebenden Menschen, selbst in Form eines sog. “demokratischen Sozialismus” bedürfe.
Somit war es nur konsequent, daß die ursprüngliche Losung “Wir sind das Volk!” mit zunehmender Dauer der “friedlichen Revolution” immer stärker in die Losung “Wir sind ein Volk!” mündete.
Letztere war mit der Erkenntnis verbunden, daß die alte Bundesrepublik Deutschland nicht nur ökonomisch prosperierte, sondern mit dem Grundgesetz auch über die freiheitlichste Verfassung verfügte, die das deutsche Volk jemals besessen hatte.
Zwanzig Jahre nach der legendären Montagsdemonstration des 9. Oktober 1989 scheint diese Erkenntnis aus dem Bewußtsein nicht nur der großen Mehrheit des deutschen Volkes, sondern auch aus der Erinnerung zahlreicher Demonstranten der ersten stunde weitgehend verdrängt zu sein.
Stattdessen wurden anläßlich der heutigen Feierlichkeiten in Leipzig erneut das Fehlen einer trotz zahlreicher Bestrebungen noch immer nicht vollkommenen “inneren Einheit”, die vielfältig beklagte “Gerechtigkeitslücke” zwischen Arm und Reich sowie eine angeblich mangelnde “Friedfertigkeit” unserer Gesellschaft beklagt.
“Wir wollten Gerechtigkeit und haben einen Rechtsstaat bekommen!”
Dieses mutige und zugleich böse Wort von Bärbel Bohley prägt heute offenbar das Bewußtsein vieler Menschen im wiedervereinigten Deutschland, die bisweilen der Meinung sind, was nütze schon die Reisefreiheit, wenn man selbst kein Geld habe zu verreisen.
So ist es kaum verwunderlich, wenn heute, zwanzig Jahre nach dem 9. Oktober 1989 im Stadtrat der Stadt Leipzig de facto nicht gegen die SED-Nachfolgepartei “Die Linke” regiert werden kann und man sich im Kampf für “Frieden”, “Gerechtigkeit” sowie die “Bewahrung der Schöpfung” beständig mit Honeckers Erben arrangiert, um aus dieser unserer Erde eine bessere Welt zu machen.
“Wir sind das Volk!” - und zwar vor allem gegen die Auffasung der SED, sie wisse schon, was das Beste für das Volk sei - das war einmal.
“Wir sind ein Volk!” - das trifft womöglich selbst zwanzig Jahre später noch zu. Doch es ist ein Volk, das von Freiheit wenig und von Gleichheit und Bevormundung durch den Staat umso mehr hält.