Nach Boris Johnsons gewaltigem Wahlsieg, darf man die Frage stellen: Wo bleibt unser Boris? Wo versteckt sich in Deutschland der Politiker, der seine Wähler wirklich mitreißen kann? Oder die Politikerin, die mal wieder große Mehrheiten fesselt? Ich fürchte, die verstecken sich nicht. Die sind einfach verschwunden. Früher hatten wir Kaliber wie Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl. Angela Merkel? Tüchtig vielleicht, aber mitreißend war sie nie.
Wir in Deutschland haben so was wie den Londoner Struwwelpeter einfach nicht auf Lager. Wir haben unsere Pärchen-Politiker, das grüne Original und neuerdings die sozialdemokratische Kopie. Das hat die Grünen zur schicksten Partei des Landes gemacht und die SPD zur traurigsten. Aber neben dem mitreißenden Johnson wirken die beiden Grünen wie Laien-Darsteller vom Studententheater. Über die beiden Sozialdemokraten schweigt des Sängers Höflichkeit. Und unsere Kanzlerin wirkt, stellt man sie neben den wilden Londoner, wie Mütterchen Germany.
Wie kommt es, dass die Briten immer wieder deutlich abenteuerlichere Spitzenpolitiker hervorbringen als wir? Ich erinnere an Margaret Thatcher, die ja auch nicht in die Nadelstreifen-Norm der alten Konservativen passte. Und an Tony Blair, der seiner Labourpartei eine heftige Modernisierungs-Kur verpasste, von der sie längst wieder zurückschreckt. (Da gibt es eine Parallele zu unserem Gerd Schröder, dessen Partei auch wieder andere Wege geht und damit ein ähnliches Desaster erlebt wie Jeremy Corbyns Labour.)
Von einem Butler gezogener Präzisionsscheitel
Auch Boris Johnson ist eine Art Revoluzzer in seiner Partei. Er musste ja erst aus der zweiten Reihe den leichtsinnigen David Cameron und die arme Theresa May abservieren, um an die Spitze zu kommen. Wie damals Margaret Thatcher, als sie eine zögernde Männerriege auf die Plätze verwies. (Was ihr den Titel einbrachte, sie sei der einzige richtige Mann im konservativen Herren-Klub.) Auch als Typ unterscheidet sich der knuddelige Johnson deutlich von Tory-Klassikern wie Jacob Rees-Mogg, der in seinem Saville-Row-Anzug und mit seinem vermutlich von einem Butler gezogenen Präzisionsscheitel die alte Schule repräsentiert.
Persönlichkeit ist ein Schlüssel zum britischen Thatcher-Blair-Johnson-Phänomen. Bei uns zählt eben oft die Ochsentour mehr als die Persönlichkeit. Ein Friedrich Merz kommt in der CDU nicht hoch, weil er zu viel Persönlichkeit und zu wenig parteiinterne Anpassungsqualitäten hat. Und vom Publikum bekommt er schlechte Noten, weil er zu viel Verstand, und den damit verbundenen Karriereerfolg hat, und zu wenig Herz zeigt.
Boris Johnson hat beides, Herz und Verstand. Herz vor allem im Sinne von Mut. Und ein Publikum, das nicht übermäßig von deutschem Gemüt geplagt ist. Man hatte genug vom ewigen Brexit-Hin-und-Her und hat den Mann gewählt, der die Sache endlich über die Bühne bringt. Basta.
Dass das einfach so geht, hat auch mit dem britischen Wahlsystem zu tun. Es gibt nicht unsere parteiinterne Listenmauschelei. Jeder Unterhaus-Sitz wird direkt ausgefochten. Aufgestellt wird, wer die besten Chancen hat. Und wer gewinnt, bekommt den Preis, und wenn er nur mit einer Stimme vorn liegt. Der Verlierer geht leer aus. Das ist hart, aber weil der Sieger oder die Siegerin direkt gewählt ist, müssen sie sich viel intensiver um ihre Wähler kümmern als deutsche Listen-Politiker. Die Mehrheit ist ebenso schnell verloren wie sie gewonnen ist. In diesem sportlichen Wettkampf kann ein bisschen Persönlichkeit und Mumm durchaus von Nutzen sein.
Ein blaues Meer von Konservativen
In diesem politischen Umfeld hat sich Boris Johnson grandios durchgesetzt und steht nun vor einer interessanten Aufgabe. Er hat seinen Sieg unerwartet vielen Leuten zu verdanken, die ihr Leben lang Labour gewählt haben und jetzt mit Magengrimmen erstmals die Konservativen. Sie haben es aus Angst vor dem Venezuela-Freund Jeremy Corbyn getan und weil sie endlich den Brexit erledigt sehen wollten. So hat Johnson den englischen Norden, der bisher so sicher für Labour war, dass man von einer roten Mauer sprach, in ein blaues Meer von Konservativen mit ein paar Labour-Inseln verwandelt.
Will der Eroberer des englischen Nordens seine so gewonnene 60-Personen-Mehrheit dauerhaft erhalten, muss er die Konservativen auch attraktiv für die kleineren Leute machen, deren Herz eigentlich für Labour schlägt. Kann er das? Zum Charisma dieses Mannes gehört, dass er kein Ideologe sondern ein Pragmatiker ist. Er wird nicht den befürchteten Rechtsruck einleiten sondern seinen eher links gestrickten Wählern ausreichend Soziales bieten, um sie an sich zu binden. Keine leichte Aufgabe in einem Rees-Mogg-Verein, aber er muss es versuchen.
Auch in Sachen Brexit wird der verbissene Kämpfer wohl eine neue Rolle finden. Denn jetzt geht es darum, schnellstens ein frisches, möglichst gutes Verhältnis zur Europäischen Union auszuhandeln. Das kann er mit breiter Brust tun. Seine Mehrheit im Unterhaus hilft ihm aber auch, mit einem Ergebnis nach Hause zu kommen, das nicht jeden Rule-Britannia-Nationalisten zufriedenstellt. So dürfte am Ende England dort landen, wo schon Winston Churchill das Königreich sah: eng mit Europa verbunden, aber nicht Teil Europas.
Allerdings meinte Churchill die ganze Insel, einschließlich Schottland. Heute aber schlagen die Herzen der Schotten, die ja die Bayern Britanniens sind, ganz anders. Ihre Nicola Sturgeon hat Labour fast komplett ausgeschaltet und die Johnson-Partei halbiert. Auch sie ist eine spannende Persönlichkeit von der Insel und ein energischer Widerpart Johnsons.
Zum Schluss erlaube ich mir die Frage: Wie sieht es auf der Suche nach robusten Persönlichkeiten eigentlich in unserem Schottland, also der Freistaat Bayern aus? Lässt sich aus dem Voralpenland vielleicht die deutsche Gemütlichkeit aufmischen? Immerhin: Markus Söder kann sich als einziger einer halbwegs intakten Volkspartei rühmen. Könnte er unser Boris Johnson werden? Oder unsere Nicola Sturgeon? In beiden Fällen müsste er noch heftig an seiner Frisur arbeiten.
Beitragsbild: Pixabay

#Herr Tschudi, #Herr Rosenhain, meine absolute Zustimmung. "Da Ssöda" ist ein Wendehals, wie wir sie 1989/1990 massenhaft in der DDR bewundern durften. Ein Grüner, der eine ehemals konservative CSU führt. Für den gehörte der Islam schon länger zu Bayern (Nürnberg 2016). Mit Verlaub, Herr Bonhorst, wovon träumen Sie nachts? Das Wunschdenken, mit den "Altparteien" unser Land retten zu wollen, ist doch schon lange an der Realität zerschellt. Eine CDU/CSU, die grüner und linker ist als die Linken und Grünen. Eine ehemalige Arbeiterpartei, die von Godesberg nichts mehr wissen will und ihr Programm dem "Klimawandel" und den zahlreichen realen und frei erfundenen unterdrückten Minderheiten widmet, statt denen die den Wohlstand der nunmehr verzehrt wird, geschaffen haben, den Unternehmen UND den Arbeitern. Völlig irre Linke und Grüne, die hinter der Maske von "Klimaschutz" und "Gerechtigkeit" die Wirtschaft und das gewachsene Gemeinwesen zerstören. Und eine gelbe Partei, die politische Prostitution betreibt und jedem, wirklich jedem einen Platz im parlamentarischen Lotterbett anbietet, der ihr zur Macht verhilft. Was wollen wir mit denen anstellen, Herr Bonhorst? (Fast) alle habe geschwiegen, die wenigen Aufrechten wurden ins politische Nirwana gejagt. Die neue Nationale Front hat sich geschlossen dem Kampf "gegen Rechts" und dem "gegen dem Klimawandel" verschworen. Beides ideologische Konstrukte, die das Überleben der "Systemparteien" garantieren. Es gibt, parlamentarisch gesehen, nur EINE ALTERNATIVE. Die andere lautet ZUSAMMENBRUCH der alten BRD. Ausgelöst durch Massenmigration, Energiemangel, Eurocrash, Massenarbeitslosigkeit. Glauben Sie allen Ernstes, die Koalition der "Antifaschisten" von CDU/CSU, SPD, Linken und Grünen bis zur FDP sind Willens oder in der Lage, diesen Prozess aufzuhalten? Mit Gender? Mit Klimagerechtigkeit? Mit Ökofeminismus? Mit "Vergesellschaftung"? Unter den Fahnen von Antifa, FFF und XR ????
Söder und Merz sind doch die gleichen, verbrauchten Witzfiguren wie all die anderen, die Deutschland derzeitig an die Wand fahren. Vor einiger Zeit hatte Tauber vorgeschlagen, dass die Werte-Union aus der CDU ausscheidet. Ich halte das - obwohl sicher nicht so gemeint - für einen vernünftigen Vorschlag. Eine als Partei eigenständige Werte-Union mit Maaßen an der Spitze könnte die Verblockung Deutschlands im doppelten Sinn - die allgemeine Merkelverklemmung der Politik und den linksgrünenmerkelschen Parteienblock - lösen. Noch nie - zumindest in der Nachkriegsgeschichte - war die politische Situation in Deutschland so verfahren, dass große Teile eines Volkes auf eine Art Erlöser warten. Ich wette, dass dann der größte Teil derer, die heute noch in der Wahlkabine und auf Parteitagen das Merkelregime unterstützen, es ganz plötzlich schon immer gewusst haben.
Wer seine Hoffnung in hinterwäldlerische, miefige Stammtisch-CSU-Gestalten setzt ist Teil des Problems. Solange sich die Werte-Union und die Alternative Mitte der AFD nicht zusammentun, sie abspalten, neu gründen, und mit paar enttäuschten FDPler und paar kompetente Freie Wähler.... ergänzen, solange gibt es nur eine einzige Option! Die AFD mag vielleicht nicht optimal sein, aber sie unsere einzige Chance. Die bisherigen Wahlklatschen waren für einen Lerneffekt ganz offensichtlich noch nicht schmerzhaft genug. nur eine sehr starke AFD kann es richten, das CDUFDPSPD wieder zum alten Kurs zurückzufinden. Abgesehen davon, entwickelt sich die AFD zusehends zu einer SMArten, modernen konservativen Partei, die allmählich erwachsen wird, die sich vom Hinterwald, der National-Romantik, der Rüpelhaftigkeit... zusehends zu einer realpolitischen Position transformiert. Je öfter ich mir den BT anschaue, umso mehr werde ich überzeugter AFDler statt bisher nur Protest-Wähler. Sie ist noch nicht ganz da wo ich sie gerne hätte (smart, modern, liberal... aber in den elementaren Punkten knallhart standhaft konservativ) aber sie ist auf einem verdammt guten Weg. Das "Führerprinzip", die Aufhänger-Persönlichkeit, das EINE Gesicht.... mag vielleicht in den Staaten und der Insel noch bedeutend sein, aber hier sind wir glücklicherweise schon etwas weiter und wählen primär das Programm, resp. die Summe der Mitglieder, statt einen Führer. In Bayern und an anderen Stammtischen mag das noch etwas rustikaler sein, aber im Rest des Landes dürfte es so sein.
Es war nicht Boris der den Boris gewählt hat...es waren die Wähler die Boris gewählt haben. In Deutschland ist es so, dass die Wähler schon so verängstigt sind, dass die überhaupt nichts anderes wählen werden...Angst vor den Bösen Nazis und Rechtsradikalen....und die Grünsozialistische Merkel/Kanzleramt/GEZ Medien haben alles was ihrer Meinung/Weg nicht entspricht als Nazis und Rechtsradikal abgestempelt...somit wählt der Angsthasen Deutsche weiter den Grünen Sozialismus aus Angst vor der Freiheit und der Selbstbestimmung! Und selbst dieser Autor und viele mit ihm sind zu Angsthasen verkommen und sehen immer noch keine Alternative die man braucht um eine Kehrtwende herbei führen zu können.
Herr Bonhorst, wenn Sie die "Kriegsfibel" noch im Regal haben, schlagen Sie mal Bild 38 auf, wo der Theaterschriftsteller Brecht über den Literaturnobelpreisträger Churchill das Deutungsraster eines skrupellosen und verbrecherischen Ausbeuters legt und dichtet dazu: "Ich kenne das Gesetz der Gangs. Ich fuhr Im Allgemeinen gut mit Menschenfressern. Sie fraßen aus der Hand mir. Die Kultur find't als Verteidiger hier keinen bessern." Stefanie Bolzen etwa macht in der WELT im Auftrag Brüssels mit Boris Johnson das Gleiche wie Bert Brecht im Auftrag Moskaus mit Churchill auf diesem Bild 38, zuletzt in "Welchen Boris Johnson Europa jetzt bekommt". Sie macht aus Johnson jemanden mit einem "losen Umgang mit der Wahrheit", "grenzenlosen Ehrgeiz und Opportunismus". Als junger Mensch habe ich mich freiwillig Brechts stalinistischer Weltsicht ausgesetzt und formen lassen. Es hat viel Mühe gekostet, mich von diesem geistigen Terror wieder zu befreien. Als der Stalin Bert Brechts noch mit Hitler in den Flitterwochen in Polen war, von wegen "ich fuhr im Allgemeinen gut mit Menschenfressern!", da kämpfte das Königreich unter Churchill ganz allein auf der Welt gegen das Dritte Reich! Meine Behauptung: Sobald diese verbiesterte linke Schreib- und TV-Mischpoke die Deutungshoheit über jedes hoffnungsvolle politisch liberale, konservative oder rechte Personalpflänzchen verliert, wird das Land aufblühen wie nach einem lang ausgebliebenen Frühlingsregen! Der begnadete Hochschullehrer Schönhoven ließ mich als Teilnehmer in einem Seminar über Adenauer zuerst meine Einschätzung abgeben, da er mich als links Versifften gut kannte. Der Kontrast hätte anschließend nicht größer werden können. Wenn die Linke, bis nach Brüssel und in die UN hinein, die Deutungshoheit über die Menschen verliert, wie ich damals im Seminar, erst dann wird der Kalte Krieg wirklich zu Ende sein.
Maassen oder Meuthen als Kanzler bzw. Inneres. Merz Wirtschaft. Gauland Präsident. Weidel Familie und Soziales. Steinhöfel Justiz. Broder Kultur.
Die Engländer sind Europas Urdemokraten, während die Deutschen von einer Diktatur zur nächsten streben . Dass der Bürger den Staat gestaltet und kontrolliert, ist nicht die deutsche Idee. In England haben Politiker immer ein elitäres Studium hinter sich und sind daher auch einigermaßen intelligent. In Deutschland regieren eher die Dümmsten. Kanzlerkandidat Schulz hatte nicht mal Abitur.