Thilo Schneider / 06.07.2018 / 18:50 / Foto: Pixabay / 1 / Seite ausdrucken

Thilos WM-Tagebuch (9)

Tja… da komme ich aus dem Staunen hier im WM-Fieber nicht heraus… Ich sollte mich als Orakel bewerben, denn konsequent jede Mannschaft, für die ich nach dem hart erarbeiteten Ausscheiden der „Mannschaft“ die Daumen gedrückt habe, hat den Wettbewerb im Achtelfinale verlassen… Wenn das die Argentinier mitkriegen, bin ich tot. Auf jeden Fall hatte sich gestern für 8.00 Uhr ein Handwerker angesagt, der auch um 8.00 Uhr kam, und die Engländer haben im Elfmeterschießen gewonnen. Jetzt kann ich sagen: „Ich habe alles gesehen“.

Aber der Reihe nach: Im ersten Achtelfinalspiel waren ja die Rollen ganz klar verteilt: der haushohe Favorit Frankreich gegen den Underdog aus Argentinien, die zum ewigen Überfluss den besten Spieler, Diego Maradona, auf der Tribüne sitzen hatten. Jung gegen alt, Erfahrung gegen Hunger, Not gegen Elend. Wie immer fühlt sich meine zweitliebste südamerikanische Mannschaft vom Regelwerk schlecht behandelt und macht wegen eines Elfmeters in der 11. Minute ein Riesen-Theater.

In der Folge können die einen nicht, die anderen wollen nicht, und trotzdem erstolpert sich Argentinien in der 41. Minute den Ausgleich, nach der Pause sogar die Führung, und Maradona kriegt fast einen Herzinfarkt, weil er nicht mitspielen darf. Die Südamerikaner fallen dann wieder in ihre bräsige Gewissheit der Führung zurück und bezahlen das dann neun Minuten später mit dem Ausgleichstreffer. Während Maradona und ein paar andere Millionen Argentinier vor Aufregung katatonisch am Toben sind, gehen die Franzosen wieder in Führung und legen in der 68. Minute noch einmal nach, und es steht 4:2 für die Mannschaft der Trikolore.

Zwar schaffen die Argentinier nach Morddrohungen per WhatsApp in der 93. Minute noch den Anschlusstreffer, müssen sich aber anschließend beeilen, um den letzten Auslandsflug nach Argentinien zu kriegen. Ein Messi macht eben doch keinen Maradona aus und teilt das Schicksal der Sinfonie in h-moll von Schubert: Er bleibt unvollendet und ohne Weltmeistertitel. Meine argentinischen Solidaritätssteaks kriegt der Hund, ich betrinke mich mit Pastis. 

Zum zweiten Spiel: zuerst war ich ja für Portugal. Der große Christiano Ronaldo, CR7 und zehn andere Statisten gegen Uruguay. Ich meine: Uruguay. Hallo? Der letzte große internationale Fußballtriumph von Uruguay war 1950. Da war Adenauer noch Kanzler und Dönitz noch in Haft. Das hätte eigentlich eine klare Sache für Ronaldo und die zehn anderen sein sollen, zumal die die beste Mannschaft Europas (wenngleich nicht weltweit, da war es noch die deutsche Nationalmannschaft, bevor sie kastriert wurde) vor zwei Jahren waren. Aber eben nur vor zwei Jahren.

Ronaldo hält jetzt in der Gästetoilette das Papier…

Trotzdem hätte ich nach dem verzappelten Spiel gegen Spanien schon darauf getippt, dass das eine klare Sache wird. Wurde es auch. Während ich noch eifrig mit dem Aufstellen meines Christiano Ronaldo Pappaufstellers beschäftigt war, haben die „Urus“, wie wir Enkel der 50er Jahre sie nennen, das 1:0 gemacht. Zwar hat irgendein Pepe in der zweiten Hälfte das 1:1 gemacht, aber das hat dann auch nur sieben Minuten Spaß gemacht, bis Uruguay das 2:1 eingelocht hat. Mit dem Schlusspfiff fuhren die Portugiesen nach Hause und Ronaldo hält jetzt in der Gästetoilette das Papier…

In den Spielen Spanien gegen Russland und Kroatien gegen Dänemark rentieren sich nur die letzten 15 Minuten, weil da das Elfmeterschießen stattfand, nachdem keine Mannschaft vorher Lust hatte, sich groß abzuhetzen. Geht ja auch um nix und ist nur Fußball. In der Folge treffen sich Spanier und Dänen am Flugplatz, und das war es dann.

Die Belgier besiegen danach zu meinem Ärger die Japaner, die ich besser fand, aber ich werde ja nicht gefragt, und die letzte asiatische Mannschaft fliegt heim, weil sie zu klein für Kopfbälle ist, und die Brasilianer fertigen den Kontinent-Fastnachbarn Mexiko ab, die sich das auch spannender vorgestellt haben, nachdem sie gegen die „Mannschaft“ gewonnen hatten…

Ansonsten setzt sich noch die einzige Mannschaft durch, gegen die die „Mannschaft“ gewonnen hat, die Schweden schicken die Schweizer heim und ich drücke den Schweden die Daumen, dass sie neuer Titelträger werden, weil ich den Brasilianern und speziell Neymar keinen weiteren Stern auf dem Trikot gönne. Den Schweden oder Schweizern, diesen „Nati“, hätte ich den schon gegönnt.

Schließlich kämpfen sich auch noch die Kolumbianer gegen England – ausgerechnet England – grinsend ins Elfmeterschießen, von dem bekannt ist, dass es Engländer nicht so mit den Nerven dafür haben. Leider haben die Kolumbianer dabei übersehen, dass sie noch weniger Nerven als die Engländer haben, und so kriegen die Engländer endlich einmal einen Sieg im Elfmeterschießen und stehen in der nächsten Runde. Dass ich DAS noch erleben muss… danke Merkel, danke Löw!

Jetzt schlägt mein Herz für Schweden

Apropos – die beiden obigen Anwärter auf den Titel „Berufsversager des Jahres“ liefern sich zwar ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen, aber letztlich bleiben beide mit ihren jeweiligen Niederlagen und Fehlentscheidungen trotzdem im Amt. Und dafür habe ich mich so aufgeregt. Das Brot des Autoren und Chronisten ist ein sehr hartes und schimmliges Brot! Außer, man heißt Rudolf Augstein. 

In jedem Fall werde ich mir nun folgende überraschende Paarungen ansehen müssen:

  • Uruguay gegen Frankreich 
  • Brasilien gegen Belgien (ich kann die Belgier nicht leiden – die Brasilianer aber erst recht nicht! Belgien!)
  • Schweden gegen England (ich würde es den ewigen Deutschlandverlierern auch mal gönnen, aber den Schweden gönne ich es noch mehr, weil dann „die Werbemannschaft“ wenigstens gegen eines der vier besten Teams der Welt gewonnen hätte…)
  • Russland gegen Kroatien (von denen hat es keiner verdient, die nächste Runde zu erreichen, obwohl die Russkis dieses Mal nicht so schlecht waren – deswegen lieber Russland als Kroatien)

Ich bin zuversichtlich, dass eine dieser acht Mannschaften Weltmeister wird, tatsächlich aber schlägt mein Herz jetzt für Schweden. Jedenfalls bis Samstag! Wahrscheinlich fliegen sie also raus. Falls dann ein Schuldiger gesucht wird: Gebt meine Adresse weiter, ich übernehme DIE VOLLE VERANTWORTUNG! 

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Hans Weiring / 06.07.2018

Herr Schneider, besten Dank für Ihre fundierten und objektiven Berichte zur WM der Mannschaften! Dagegen fallen diese Schwätzer und Nachaufbereiter in den Fernsehstudios total ab, kann man sich schenken. Selbst schalte ich die Glotze (wenn überhaupt anlässlich dieser Spiele) erst ein, wenn die 90 Minuten plus die eventuelle Nachspielzeit annähernd rum sind. Entweder steht dann ein Sieger bereits fest und ich kann wieder ausschalten, oder aber das 11m-Schießen ist fällig. Da bin ich dann dabei, High Noon, Mann gegen Mann, die Hosen vor dem Schuss gestrichen voll (nicht ich, sondern Schütze und Keeper). Letztendlich weinende Spieler, die einen heulen weil sie gewonnen haben, die anderen weil sie die Loser sind. Herrlich, und das alles in wenigen Minuten, Unterhaltung satt. Die Fifa sollte die Regularien komplett auf 11m abändern, statt 5 Treffer zum Sieg dann 2x15 mit Pinkel- und Bierhol-Pause, damit der Stadiongucker weiterhin einen zeitlichen Gegenwert für den Ticketpreis hat. Gerade jetzt, wo ich das schreibe, flüstern mir meine Beobachter (ich selbst schalte erst zum eventuellen 11m-Schießen ein), dass es nach 40 Minuten bereits 2:0 für Belgien steht. Herr Schneider, wundern Sie sich nicht, falls bei einem eventuellen Einreiseversuch die Belgier den Seehofer machen, und ihr gebuchter Klöppelkurs in Brügge flach fällt. Die Copacabana können Sie für die restliche Lebensplanung erst Recht vergessen.

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