Deborah Ryszka, Gastautorin / 14.07.2021 / 15:30 / 16 / Seite ausdrucken

Wissen als Gefahr?

Politische Konflikte nur als Frage des Wissens zu verstehen, ist fatal. Ein Blick in Alexander Bogners Essay „Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet“.

Jean-Baptiste Grenouille war von Gerüchen und Düften besessen. Diese Obsession hält die Hauptfigur, Patrick Süskinds Roman „Das Parfüm“, nicht von Lug und Betrug ab. Auch nicht von Mord und Selbstmord. Es ist ein tragisches Schicksal. Es zeigt, wie gefährlich Obsessionen sind.

Besessenheit spielt auch in Alexander Bogners neuestem Essay eine wichtige Rolle. Obschon der deutsche Soziologe diesen Begriff nicht explizit nennt, so weist er unmissverständlich in „Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet“ hierauf hin. Unsere Gesellschaft ist besessen. Von Wissen.

In kurzen sieben Kapitelchen untermauert Bogner seinen Standpunkt. Sachlich, kühl, rational. Doch teilweise ist er auf dem grün-linken Auge blind. Im sozialwissenschaftlichen Milieu nicht ungewöhnlich. Außergewöhnlich trotzdem. Denn bemüht und in weiten Teilen erfolgreich, schafft es Bogner, scharfe und ideologiefreie Analysen zu bieten. Trotz evidenter Sympathien für die großen Themen im links-grünen Mainstream. Dem Klimawandel zum Beispiel.

Abgesehen davon. Bogner greift bei seiner Analyse auf wichtige Figuren der Wissenschaftsphilosophie und der Politischen Philosophie zurück. Paul Feyerabend, Thomas Kuhn, Richard Rorty sind nur einige Namen. Das macht die Lektüre zu einer kleinen philosophischen Auffrischungskur. Gleiches gilt für die konkreten Beispiele aus dem Leben, die Bogner hinzuzieht. Sie machen das Abstrakte anschaulicher.

Andersdenkende und konkurrierende Parteien werden als notwendiges Korrektiv verstanden

Das alles lässt vermutlich Bogners grundlegende Beobachtung zu: „So werden viele politischen Krisen und Konflikte primär als epistemische Probleme verstanden, also als Frage von Wissen, Expertise und Kompetenz“. Eben dieses Verständnis sei fatal. Die bestehenden gesellschaftlichen Krisen und Konflikte spiegeln vielmehr einen Wertekonflikt wider. Doch diese Wertefragen werden in den Hintergrund gerückt. Fatalerweise.

Der Wettstreit unterschiedlicher Meinungen und verschiedener Werteansichten sei essenziell für eine liberale Demokratie. „(…) Andersdenkende und konkurrierende Parteien werden als legitime Rivalen oder sogar als notwendiges Korrektiv verstanden, nicht jedoch – wie in populistischer Zuspitzung – als bösartiger Gegner oder kriminelle (Staats-)Feinde“. Eben dieses „notwendige Korrektiv“ sorge dafür, dass Demokratie ein „unabgeschlossenes Projekt“ darstelle. Auseinandersetzung, Diskussion, Aushalten anderer Meinungen. Das alles gehöre dazu.

Nicht minder unbesorgt lässt Bogner auch die Situation des Intellektuellen. Gibt es diese Spezies, diesen besonderen Menschentypus überhaupt noch? Was die Universitäten betrifft, weist Bogner auf die Möglichkeit hin: „Sollte diese Diagnose tatsächlich zutreffen, hätten wir es heute in der Universität nicht länger mit Intellektuellen zu tun, sondern mit ängstlichen, jargonbesessenen Karrieristen, die von Leistungsvereinbarungen gequält und von Evaluationsgremien vor sich hergetrieben werden: (...)“. Intellektuelle Kritik verschwinde zunehmend.

Krankhafte Fixierung der Politik auf die Wissenschaft

Stattdessen übernähmen diese Funktion der kritischen Stimme „Ignoranten“. Der Fachbegriff für diese Personengruppe lautet: „Science denialism“. „(…) weithin anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse [werden] fundamental infrage gestellt“. Die Konsequenz: Alternative Fakten, Fake News blühen.

Bogner nennt auch die Ursache für dieses Verhalten: die krankhafte Fixierung der Gesellschaft, des politischen Betriebs auf die Wissenschaft. „So wenig sich wissenschaftliche Wahrheit nach Mehrheitsmeinung richtet, so wenig ist es Aufgabe der Politik, die Wahrheit zu vollstrecken. In der Politik geht es in erster Linie darum, ein breites Spektrum an Meinungen und Betroffenheiten zu berücksichtigen“. Dementsprechend begreift Bogner Fake News & Co. als „Kampf um Autonomie“. Diese „Expertokratie“, diese Obsession für wissenschaftliches Wissen, gefährde letztlich die Demokratie.

Dass sich eine Demokratie im schlimmsten Falle selbst zerstören kann, zeigt bestens das obige Beispiel Jean-Baptise Grenouilles. Weil er schwach war, weil er seine Obsession nicht besiegen konnte, war sein Wille zu sterben größer. Für den politischen und gesellschaftlichen Betrieb bedeutet es, ihre Besessenheit von der Wissenschaft zu überwinden. Die Mittel bestehen. Aber auch der Wille?

Alexander Bogner: „Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet“. Stuttgart: Reclam (2021).

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Leserpost

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K. Goldbaum / 14.07.2021

Und jetzt noch der Film “1984” auf Servus.tv.

Frances Johnson / 14.07.2021

Ich bin eigentlich recht erschüttert über Ihre im Grunde positive Rezension. Wir haben nicht zu viel Wissenschaft, sondern zu wenig Naturwissenschaft. Naturwissenschaften waren seit ca. 1500 (und vor ca. 300), damals noch zögerlich, ein fluider Prozess, in dem verschiedene Hypothesen aufgestellt wurden, die man kleinteilig, mit Versuchen, versuchte zu beweisen, begleitet von einer naturgemäß immer recht heftigen Debatte. Diese fehlt zunehmend. Das Publikum (der Wähler), das zum überwiegenden Teil in NW blanko ist, wird von den Medien mit populärwissenschaftlichen Erkenntnissen gefüttert, die ins Konzept passen, an Dogmen ausgerichtet sind. Viele Faktoren werden gar nicht auf den Tisch gelegt und diskutiert. Es ist eine durch und durch dogmatisch werdende Gesellschaft. Die Eigenschaften der Naturwissenschaften, basierend letztlich auf Beweisen oder Irrtum, sind in Gefahr, verloren zu gehen. Und Computerprogramme sind nur Programme. Ein Mensch mit einer Idee, einer Vision, die er beweisen muss, ist unersetzlich. Zuwanderer sind oft mit Dogmen aufgewachsen. Wie sollen sie je lernen, naturwissenschaftlich zu denken und zu forschen, wenn man sie mit neuen Dogmen konfrontiert? Es fängt ganz klein an. Es gibt schlicht und einfach Jugendliche, die keine Landkarte mehr verstehen. Die immer google fragen und dabei niemals ein Satellitenbild studieren. Die Distanzen nicht einschätzen können und Landschaftsformationen. Will sagen, die Automatisierung hat ihren Anteil daran. Wir erleben vielleicht einen Übergang von räumlichem Denken zu zweidimensionalem Denken (Erde Scheibe). Und mit einer einzigen Meinung zum eindimensionalen Denken. Homo stultus wieder als Vierbeiner nicht undenkbar.

Boris Kotchoubey / 14.07.2021

Leider bestätigt dieser Artikel trotz vieler lobenden Worte mein Vorurteil: Wie ein Blindgeborener kein Experte für bildende Kunst werden kann, so kann kein Mainstream-Journalist zur vernünftigen Analyse der Gegenwart fähig sein. Vielleicht hat das Buchlein ein paar interessante Gedankchen, aber des Kaufpreises sind sie definitiv nicht wert. Im Grundsatz liegt der Autor so falsch, wie es kaum noch fälscher sein kann. Politik ist weder der Bereich des Wissens noch der Werte, sondern der Interessen. Sie besteht in der Suche nach Ausgleich von Interessen, hinter denen natürlich auch unterschiedliche Werte stehen könnten, aber nicht müssen. Eine wissenschaftsbasierte Politik kann es deshalb nicht geben. Aber eine gute Politik muss das wissenschaftliche Wissen insoweit respektieren und berücksichtigen, dass sie ohne dieses Wissen den Link zwischen Interessen und Entscheidungen nicht begreifen können. Die Wissenschaft kann der Politik niemals sagen: Ihr sollt so tun! - aber sie kann sagen: Wenn Ihr so tut, erfolgt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit diesunddas. Worauf die Politik antwortet entweder: Hoppla, das wollten wir aber nicht! oder: Ja, genau diesunddas brauchen wir jetzt. Das ist das NORMALE Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft. Das heutige Verhältnis ist aber nicht normal, denn die gegenwärtige Politik ist manifest antiwissenschaftlich. Nahezu ALLE wissenschaftlichen Studien seit Sommer ‘20 zeigten, dass Lockdown a) nicht nutzt, b) viel schadet. Was macht die Politik? Lockdown. Die Pseudowissenschaftlichkeit der Politik ist bloß eine Maske. Die Elite trifft zuerst ihre Entscheidung, dass sich z.B. die Sonne um die Erde dreht und nicht umgekehrt. Dann kauft sie sich eine Gruppe korrupter Professoren, die bestätigen: Ja, Ptolemäus hatte Recht, und die Kopernicus’ Theorie war eine Verschwörungstheorie, ein Fake! Dann erklärt die Elite diese Aussage der gekauften “Experten” für DIE einzig ware (ohne “h”) Meinung DER Wissenschaft.

Christa Born / 14.07.2021

Bin jetzt nicht schlauer als vorher…!?

Dieter Kief / 14.07.2021

Donatus Kamps, Bernhard Ferdinand, Thomas Taterka, Fritz Böse, Rainer Niersberger- darf ich Ihnen folgende Parabel erzählen, sie stammt von dem Schaltplattenkritiker der Village Voice - Gott hab’ sie selig - Bob Christgau und er hat, als er mal wieder eine junge, hoffnungsvolle Chanteuse zu Gehör bekam, bei der es ihm nicht gelingen wollte - einfach nicht gelingen wollte, den Eindruck zu verscheuchen, den er schon bei den ersten Takten ihrer Musik gehabt hatte, dass es sich da um eine fürchterlich unmusikalische Künstlerin handelte, die Sätze geschrieben, die ich - isch lüge nischt, - in den Achtzigern irgendwann gelesen und nie wieder vergessen habe: “Wenn ich sehe, dass eine Katze in einer Waschmaschine gefangen ist, - also in der Trommel einer laufenden Maschine, nedwahr, dann, so Bob Christgau weiter: mache ich dort keine Schallplattenaufnahme, sondern lasse einfach die geschaffte Katze frei.

Stanley Milgram / 14.07.2021

Wir haben doch immer häufiger eine krankhafte Fixierung der Wissenschaft auf die Politik (siehe H. Lesch).

K. Goldbaum / 14.07.2021

Mal was anderes: Bitte schauen Sie alle von Servus.tv “Corona - Auf der Suche nach der Wahrheit, Teil 2” Mir laufen jetzt die Tränen herunter, die sprechen alles an, tapfer, mutig, bin so froh !

Oliver Hoch / 14.07.2021

Wenn ungebildete schwedische Schulschwänzerinnen und ihre fanatischen Anhänger von “Wissenschaft” schwatzen, dann “denken” sie dabei an so etwas wie süße Einträge in ihrem Poesiealbum. Fast die gesamte schwarz-rot-grüne Politikerkaste und ihre aus Steuermitteln bezahlten Hilfstruppen und Schlägerbanden wissen nichts und denken nichts, sie fühlen nur, und folgen den Befehlen ihrer Führer. Wissen macht skeptisch gegenüber Dummengeschwätz. Die tödliche Gefahr für unsere freiheitliche Gesellschaft sind Dummheit und der blinde Trieb, zu gehorchen.

Frances Johnson / 14.07.2021

“Doch teilweise ist er auf dem grün-linken Auge blind.” Das erklärt dann doch alles. Ich kenne selbst einen Wissenschaftler, der sich um das Thema Klima herumschwurbelt. An sich weiß er mehr als er zugibt, doch er betet die Mediendiktion nach. Warum? Wenn er anfangen würde zu debattieren, würde er seine Stelle an der Uni verlieren. Und so sind inzwischen “97” Prozent aller Wissenschaftler, Gretas berühmte 97%, und sie ist sicherlich deren Oberin. So wie Sie es beschreiben, stellen Sie ein unlesbares Buch vor. Ich muss kein Buch lesen, das verschweigt, dass Wissenschaftler unterdrückt und quasi erpresst werden. Bei freier Debatte hätten wir 50/50 oder von mir aus 60/40, aber keineswegs 97%. Das hat es noch nie gegeben, und bei einer so diffizilen Wissenschaft wird sich immer mal was Neues ergeben. Ich habe den Mont-Blanc gerade von Norden aus gesehen. Die oberen zwei Drittel waren gut verschneit, Mitte Juli. Die Gletscher waren nicht zu sehen wegen Schneedecke. Schöne Grüße an den Herrn Autor.

Sabine Schönfelder / 14.07.2021

„ ....die krankhafte Fixierung der Gesellschaft, des politischen Betriebs auf die Wissenschaft.“ Ist Herr Bogner ein Verkackeiernder?? Wissenschaft und evidenz-basierte Daten werden gerade bewußt GECANCELT. Emotionalität, gefühlt von wenigen „Auserwählten“, bestimmen Politik und deren NARRATIVE. Bogner vermischt Halbkenntnis mit Ideologie und erfüllt damit seine eigenen Befürchtungen: Es gibt nahezu keine Intellektuellen mehr. Das sollte er sich in aller Ruhe epistemisch durch den Kopf gehen lassen, ganz demokratisch.

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