Gunnar Heinsohn / 28.03.2013 / 21:19 / 0 / Seite ausdrucken

Wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten 1945 und 2013

1945 stehen die US-Staatsschulden bei 113% des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In den Jahren danach geht die Regierung mit dem Schuldenstand planmäßig herunter, ohne dass die Wirtschaft durch das Wegfallen staatlicher Nachfrage einbricht. Im Gegenteil, es gibt ein Vierteljahrhundert lang bis 1970 robustes Wachstum von jährlich durchweg mehr als 3 Prozent.

2013 dominiert in fast allen entwickelten Nationen die Überzeugung, dass ohne permanent wachsende Staatsverschuldung nicht einmal das minimale Wachstum der letzten fünf Jahre gehalten worden wäre oder man noch mehr Schrumpfung zu erleiden hätte. Warum gilt bei Verzicht auf stetig steigende Staatschulden eine wirtschaftlicher Einbruch heute als sicher, während er nach 1945 selbst bei stetiger Senkung der Staatsschulden ausbleibt?

Die Antwort liegt im Privatsektor. Seine Verschuldung liegt 1945 in den USA bei 43% BIP. Als die Regierungsnachfrage durch Verzicht auf Verschuldung absinkt, hat der private Sektor jede Menge unbelastetes Eigentum, das für die Verschuldung eingesetzt werden kann und auch wird. Denn was der Staat nicht liefert, muss privat erbracht werden. Daraus resultiert ein sich selbst tragender Aufschwung, auf den auch heute gehofft wird, wenn man nur die staatliche Verschuldung noch einige wenige Jahre weiter hochfahre. 

Im Crash von 2008 stehen die Schulden des US-Privatsektors nicht bei 43, sondern bei über 300% BIP. Es ist das Wegnehmen privater Nachfrage durch das Herunterfahren privater Schulden von mehr als 300% BIP 2008 auf gut 250 % BIP Anfang 2013, das sich als Krise manifestiert. Allein das gleichzeitige Hochfahren der US-Staatsschulden von 65% BIP 2008 auf 105% BIP Anfang 2013 verhindert den Absturz – mehr aber nicht, weil die Gesamtverschuldung insgesamt immer noch von 365% BIP (2008) auf 355% BIP (Anfang 2013) absinkt.

Während 1945 eine schnell wachsende private Verschuldung die abschmelzende Staatsverschuldung mehr als wettmacht, kann nach 2008 selbst die schnell und ungemein wuchtig einsetzende Staatsverschuldung kaum mehr erreichen als eine Verlangsamung beim Abbau der privaten Schulden. Die wäre ohne staatliche Verschuldung also nicht nur von 300 auf 250 % BIP gefallen, sondern vielleicht auf 200% oder weniger, was die Krise entsprechend verschärft hätte.
Zu einem selbstragenden Aufschwung à la 1945 ist der US-Privatsektor nicht wieder fähig, weil er 2013 auch nach dem Runterfahren seiner Schulden von 300% auf 250% BIP fünfmal höher verschuldet ist als 1945. Er muss mithin weiterhin Schulden abbauen und will das auch. Staatliche Politik fürchtet das mit allem Recht und will deshalb den Privatsektor dazu inspirieren, damit einzuhalten oder die Verschuldung sogar wieder näher an 300% BIP zu treiben. Dazu dienen zwei Mittel: (1) Nullzinspolitik der Zentralbank sowie (2) ihr Ankauf von staatlichen und privaten Schuldtiteln (Hypotheken vor allem).

Ein Zins von 0,1% für Investmentbanken erlaubt ihnen preissteigernde Käufe von Titeln, die – sagen wir – 3 Prozent bringen. Die rentieren bei einer Preisverdopplung zwar nur noch mit 1,5%, was aber immer noch fünfzehnmal über den 0,1 % liegt, die bei der Zentralbank zu entrichten sind. Bei einem Zentralbankzins von 3% wären diese Titel uninteressant. Die nullzinsgetriebene Preisverdopplung hingegen beschert wie durch ein Wunder eine nominale Vermögensverdopplung für die Halter der inflationierten Papiere. Sie steigert mithin ihre Verschuldungsfähigkeit durch Hochpreisung ihrer als Pfand einsetzbaren Titel.

Der zentralbankliche Ankauf von Staatstiteln und Hypotheken wiederum bremst deren Preisverfall, belässt diese Papiere mithin als Verpfändungsmasse für die private Verschuldung weitgehend ungeschmälert. Unterbliebe dieser Ankauf, sodass – sagen wir – 10.000er Papiere auf 5.000 fielen, wären alle in Staatsschulden oder Hypotheken gehaltenen Eigenkapitale umgehend ausgelöscht.

Es ist dieser Super-Gau, den zentralbankliche Ankäufe durchaus verzögern können. Und es sind durch diese Verzögerung hoch gehaltene Vermögenspreise, die den Privaten eine neuerliche Verpfändungsfähigkeit für Zusatzverschuldung signalisieren. Wo diese Signale in Neuschulden umgesetzt werden, kommt auch echte Nachfrage für ein wenig Wachstum zustande.  Die daraus resultierende Erwartung auf einen alsbald sich ganz alleine tragenden Aufschwung, der das System auch dann über Wasser hält, wenn die Zentralbanken das Feuer unter den Kesseln wegziehen, offenbart sich als Illusion, sobald nach Ausfallen dieses Käufers unendlich tiefer Taschen die verpfändbaren Vermögen im Preis stürzen. Die private und 2008 für jedermann auch sichtbare Unfähigkeit zu weiterer privater Verschuldung steht dann wieder in vollem Licht.

Was als kleines grünes Pflänzchen oder sonstiges Anzeichen für Aufschwung und stetiges Wachstum gehandelt wird, zeigt mithin keine wieder erwachende Stärke der Privaten, sondern liefert einen Lichtblick, den es ohne zentralbankliche Flammen gar nicht gäbe. Auch wer diese Stärke als kurzfristiges Strohfeuer durchschaut, mag sich damit beruhigen, dass ein neuerlicher ökonomischer Einbruch noch einmal mit einer Nachfragesteigerung über zusätzliche Staatsschulden ausgebügelt werde.

Dass auch ein mit unendlicher Verschuldungsfähigkeit ausgestatteter Staat eine Illusion ist, wird offenbar, sobald die Käufer seiner Papiere sehen, dass er bei den Privaten nicht eintreiben kann, was es für ihre Bedienung braucht, weil diese – seine Steuerbürger also – wie nach 2008 wieder hektisch Schulden abbauen und ihm nebenher nicht auch noch mehr Steuern überweisen können.

Auch demographisch unterscheidet sich 2013 von 1945. In den USA nimmt das Durchschnittsalter nach 1945 nicht etwa zu. In dem Vierteljahrhundert des robusten Wachstums geht es vielmehr immer weiter runter, bis es 1970 bei 28 taufrischen Jahren liegt. 2013 werden 37,1 Jahre gezählt und 2050 soll die 40 überschritten sein. 1970 haben die jungen Menschen 370 $ Staatschulden pro Kopf, 2013 keuchen die deutlich älteren unter 44.000 $. Das klingt optimistisch, wenn man auf Deutschland schaut, wo das Durchschnittsalter 2013 schon bei 45,3 Jahren liegt und 2050 das ehemalige Frühverrentungsalter von 52 erreichen soll. Dafür hat man zwischen Rhein und Oder nach 800 € Prokopfverschuldung im Jahre 1970 mit 25.000 im Jahre 2013 deutlich weniger zu schultern als die Amerikaner.

Zur unaufhaltsamen Alterung gesellt sich die Dequalifizierung der US-Bevölkerung. Hält sie 1980 beim Anteil von Hochschulabsolventen an der Gesamtbevölkerung global den 1. Platz, schafft sie 2007 nur noch Rang 12. Dieser Absturz erfolgt in derselben Periode, in der 1,6 Milliarden Ostasiaten (Chinesen, Japaner und Koreaner) – also fünfmal Amerika oder zwanzigmal Deutschland – ihre Eigentumsstrukturen für das Anbieten auf globalen Märkten optimieren. Hier treten Bevölkerungen an, die fast aus dem Stand Branchen wie Pharmazie, Computer, Kameras, Telekommunikation, Unterhaltungselektronik, Medizin- und Energietechnik sowie Auto-, Eisenbahn- und Schiffsbau hochziehen. Obwohl die alten Industrienationen oft schon mit geringeren Löhnen konkurrieren, können sie den JaChinKos diese Industriezweige nicht wieder abjagen. Energiequellen etwa in den USA mit dem Schiefergas-Boom reichen dafür nicht aus. So etwas hat man auf der arabischen Halbinsel auch. Es fehlen schlicht die Köpfe.

Das liegt nicht an zu wenigen Kindern, denn die Ostasiaten schneiden da noch schlechter ab als der Westen. Es liegt an der Kompetenz. Beim Schüler-Mathematik-Wettbewerb (TIMMMS 2007) liegen Taiwan, Süd-Korea, Singapur,  Hongkong und Japan auf den Plätzen eins bis fünf. Sie schaffen zwischen 598 und 570 Punkten (von 600 möglichen). Dann folgt Europas Glanzlicht Ungarn mit 517 – ein Klassenunterschied. China macht bei TIMMS noch nicht mit, ist aber 2009 bei PISA mit Schanghai dabei und holt Gold nicht nur in Mathematik, sondern auch beim Lesen und schöpferischen Auslegen von Texten.
Amerikas Private sind von 1945 bis 1970 bei der Qualifikation konkurrenzlos und bei der Verschuldungsfähigkeit global die Nummer eins. Das Jahr 2013, das endlich den selbsttragenden Aufschwung bringen soll, sieht die Amerikaner sowohl bei der Verschuldungsfähigkeit als auch bei Mathe und Physik auf hinteren Plätzen. Der liebenswerte Glaube, dass man 2013 schon wiederholen werde, was man selbst 1945 spielend geschafft habe, lebt vom Ausblenden der Unterschiede zwischen beiden Zeitpunkten.

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