Alexander Horn, Gastautor / 19.11.2020 / 14:00 / Foto: Pixabay / 8 / Seite ausdrucken

Wirtschaft: Wie Corona die Zombies rettet

In Deutschland wachsen die Sorgen wegen der ansteigenden Zahl von Zombieunternehmen. Viele fürchten, dass sie zu einem Massenphänomen werden könnten und die schon jetzt von ihnen ausgehenden negativen wirtschaftlichen Effekte zunehmen. Andererseits geht die Furcht vor einem Massensterben dieser Zombies um, denn das könnte nicht nur einzelne gesunde Unternehmen, sondern ganze Branchen oder die Wirtschaft als Ganzes mit in die Tiefe reißen.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing warnt, dass „jedes sechste Unternehmen in Deutschland durch Rettungsgelder und faktisch ausgesetzte Insolvenzmeldung ein Zombie“ werde und dies „gravierende Auswirkungen“ auf die Entwicklung der Arbeitsproduktivität habe. Das Problem: Zombieunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie über Zeiträume von mehreren Jahren keine Gewinne machen. Daher sind sie kaum in der Lage, ausreichend zu investieren, um Produkt- oder Prozessverbesserungen zu erreichen. Sie lähmen das Produktivitätswachstum und behindern zudem andere Unternehmen, da sie knappe Ressourcen wie etwa Fachkräfte an sich binden, die dann innovativeren Unternehmen fehlen. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der Arbeitsproduktivität, der wichtigste Indikator für die gesellschaftliche Wohlstandsentwicklung und die Basis für Reallohnsteigerungen, kommt dann immer langsamer voran.

Obendrein bekommt eine Volkswirtschaft, in der die Arbeitsproduktivität nicht mehr steigt, auf Dauer ein Wettbewerbsproblem. Zu den stagnierenden Reallöhnen tritt dann steigende Arbeitslosigkeit hinzu. Da die Unternehmen nicht mit Hilfe innovativer Produkte und produktivitätssteigernder Prozesse wettbewerbsfähig bleiben, sind sie gezwungen auf Behelfslösungen auszuweichen: Etwa, indem sie versuchen, den entstehenden Kostendruck zulasten der Beschäftigten oder Lieferanten zu lösen oder durch das Verlagern der Wertschöpfung in andere Regionen.

Zombieunternehmen kein neues Problem

Das von Sewing befürchtete Szenario ist in Deutschland längst traurige Realität. Vor dem Beginn der Corona-Pandemie waren die Unternehmenszombies ein eklatant unterschätztes Problem. Ein OECD-Arbeitspapier kam zu dem Ergebnis, dass in Deutschland bereits im Jahr 2013 mehr als zwölf Prozent des Kapitalstocks in Zombieunternehmen gebunden war. Eine Untersuchung der unabhängigen Wirtschaftsforschungs-Seite Creditreform ging – anders als staatliche Institutionen wie Bundesbank (1), KfW (2) und sogar die Bundesregierung, die dieses Problem verneinen – davon aus, dass 2016 bereits 15,4 Prozent, also etwa jedes sechste Unternehmen in Deutschland, ein Zombie war (3).  

Professor Steffen Müller, Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, sagt, dass sogar diese wissenschaftlichen Studien die Zombifizierung der Wirtschaft unterschätzen. Das liege auch daran, dass das oft verwendete Abgrenzungsmerkmal zur Identifikation zombifizierter Unternehmen methodische Schwächen aufweise. Da Unternehmen als Zombies gelten, wenn die Erträge nicht ausreichten, um ihre Zinsen zu zahlen, werde die Zahl der Zombies zu einer Funktion des Zinsniveaus: „Sinkt der Zins, sinkt die Zahl der scheintoten Firmen.“ Müller geht davon aus, dass die Zombiequote inzwischen bei 17 Prozent liegt.

Viele dieser Zombies sind schon heute überschuldet oder wegen der anhaltenden Verluste auf dem Weg dorthin. Zudem sind infolge der Corona-Krise viele bisher profitable und gesunde Unternehmen in kurzer Zeit zu Überschuldungsfällen geworden. Creditreform schätzt, dass inzwischen 550.000 der insgesamt etwa 3,3 Millionen Unternehmen in Deutschland verdeckt überschuldet sind. Wegen der seit März ausgesetzten Insolvenzantragspflicht müssen sie ihre Überschuldung nicht öffentlich bekannt machen und sind weiterhin wirtschaftlich aktiv. Gelingt es diesen Unternehmen nicht, sich aus der Überschuldungsfalle herauszuarbeiten und gehen sie andererseits nicht unter, verschärft sich das Problem der steigenden Anzahl von Zombieunternehmen in den nächsten Jahren.

Die Zombifizierung geht von den profitablen Unternehmen aus

Dennoch ist die bereits seit Jahrzehnten schleichend und seit der Finanzkrise 2008 deutlich zunehmende Zahl der Zombieunternehmen nicht das ursächliche Problem der Zombifizierung. Ihre eigene Existenz ist nur die Folge eines noch viel größeren Problems. Schon lange, bevor die Zombieunternehmen einen maßgeblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung ausüben konnten, gelang es den besser aufgestellten Unternehmen immer weniger, sich durch innovative Prozess- und Produktinnovationen von ihren Wettbewerbern abzusetzen. Sie haben es nicht vermocht, die bis Anfang der 1970er Jahre noch extrem hohen Investitionen und die damit verbundenen Steigerungen der Arbeitsproduktivität fortzuführen. Daher gelang es ihnen immer weniger, technologisch stagnierende Unternehmen aus dem Markt zu drängen.

Dieses Problem hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verschärft. Inzwischen gelingt es nur noch wenigen hochprofitablen Unternehmen, sich bei der Arbeitsproduktivität von der Masse der mittelmäßigen abzusetzen. Diese große Masse wiederum ist kaum in der Lage, dieser Technologie-Avantgarde zu folgen. In aller Regel bringen sie nicht genügend Finanzkraft auf, um mitzuhalten. Die Diffusion neuer Technologien in das Mittelfeld bleibt weitgehend aus, so dass dies die technologische Entwicklung insgesamt hemmt (4).

Sogar die technologisch führenden Unternehmen werden dadurch zurückgehalten, denn viele Neuerungen bleiben Insellösungen und werden nicht durch eine Vielzahl von Anwendern und Wettbewerbern weiterentwickelt. Die Folge ist eine praktisch stagnierende Arbeitsproduktivität, wie sie in allen entwickelten Volkswirtschaften und damit auch in Deutschland erkennbar ist. In der Nachkriegsexpansion von 1950 bis 1973 gelang es den Unternehmen in Deutschland, die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität um jährlich 5,9 Prozent zu steigern. Ein ungebremster Fall hat dazu geführt, dass das Wachstum seit der Finanzkrise bei mageren 0,3 Prozent jährlich liegt. Seit einigen Jahren stagniert sie sogar (5).

Zombieunternehmen können in einem derartigen wirtschaftlichen Umfeld hervorragend mithalten, da sie kaum unter Wettbewerbsdruck stehen. Mittels Kostensenkungsprogrammen und Preisnachlässen können sie diesem Druck standhalten und vermeiden ihren Untergang. Sie sind nicht zu Investitionen zur Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit gezwungen, die sie sich in der Regel nicht mehr leisten könnten.

Gewinn- und Profitabilitätswüste

Der tiefere Grund für die Beeinträchtigung der großen Masse der „gesunden“ Unternehmen, die letztlich die gesamte Wirtschaft lähmt, liegt in der nicht hinreichenden Profitabilität dieser besser aufgestellten Unternehmen. Darauf weist Hermann Simon, Verfasser des Buches „Hidden Champions“ und Unternehmensberater in seinem Buch „Am Gewinn ist noch keine Firma kaputt gegangen“ hin. Nur den Hidden Champions, weniger als 0,5 Prozent der deutschen Unternehmen, bescheinigt er zumindest akzeptable Gewinne und Kapitalverzinsungen. Ihre Renditen erreichen mehr als das Doppelte des im internationalen Vergleich sehr schwachen deutschen Durchschnitts. Es zeige sich, so Simon „das Bild einer weitverbreiteten Gewinnschwäche deutscher Unternehmen“ (6).

Wegen ihrer niedrigen Profitabilität verfügt die große Masse der Unternehmen nicht über die finanziellen Möglichkeiten, um die Investitionen zu stemmen, die für die technologische Transformation ihrer Wertschöpfungsprozesse erforderlich wären. Mit welchen Problemen sogar profitable Unternehmen zu kämpfen haben, zeigt sich, wenn man bei der Ermittlung der Profitabilität nicht einseitig auf die Gewinne schielt. Zwar steigt die gesamte Gewinnmasse der Unternehmen in Deutschland stetig an.

Die Profitabilität bemisst sich jedoch nicht einseitig auf Basis der Gewinne, sondern aus dem Verhältnis zwischen Gewinn und den dafür eingesetzten Mitteln. Das von den Unternehmen eingesetzte Kapital ist – infolge vergangener Investitionen in produktivere Wertschöpfungsprozesse, also Maschinen, Anlagen, Gebäude und Ausrüstungen – enorm angestiegen. Inzwischen ist in Deutschland pro Erwerbstätigem ein durchschnittliches Kapital von 408.000 Euro eingesetzt (7). Die Unternehmen müssen daher gewaltige finanzielle Anstrengungen unternehmen, wenn sie vorhandene Wertschöpfungsprozesse technologisch transformieren wollen.

Unternehmen nicht zum Investieren motiviert

Ihre Gewinne sind im Verhältnis zu der enorm angeschwollenen Kapitalbasis zu niedrig, um diese transformieren zu können. Denn dies würde in vielen Fällen bedeuten, vorhandene Maschinen, Anlagen und Gebäude physisch zu ersetzen und die Kapitalwerte zu verlieren, sofern diese noch nicht abgeschrieben sind. Obwohl also die Gewinne der Unternehmen absolut steigen, erreichen sie wegen der angeschwollenen Kapitalbasis eine unzureichende Rentabilität. Durchschnittliche Unternehmen verfügen daher nicht über die Gewinnmasse, die es ihnen erlauben würde, hohe Kapitalverluste zugunsten technologischer Neueinführungen zu verkraften. Die aufgehäuften Kapitalwerte sind zu einer Profitabilitäts- und letztlich zu einer Investitionsbremse geworden.

Ein erster Schritt zur Verminderung dieser Werte läge darin, das in unprofitablen oder wenig profitablen Wertschöpfungsprozessen gebundene Kapital zu entwerten. Dazu müssten Unternehmen Teile ihrer Wertschöpfung schließen oder sogar ganz aufgeben. Das insgesamt in der Wirtschaft gebundene Kapital würde vermindert und die Gewinne stünden im Verhältnis zu einer insgesamt kleineren Kapitalbasis. Die Profitabilität der verbleibenden produktiveren Unternehmen steigt dann, so dass sie größere Investitionen stemmen können. Indem sie in neue Technologien investierten und Technologiesprünge erreichten, würden sie die verbleibenden Wettbewerber nochmals unter Zugzwang setzen. Sie müssten folgen, sonst droht ihnen der Untergang.

Die Lösung dieses Problems wird aber seit Mitte der 1970er Jahre, als das Wirtschaftswunder in Deutschland endete, vereitelt und aufgeschoben. Staat und Gesellschaft sind seit Jahrzehnten in sogar zunehmendem Maß darauf ausgerichtet, die notwendige Entwertung dieser Kapitalbasis nicht zuzulassen. „Die Profitrate des Kapitals,“ so der ehemalige Präsident des ifo-Instituts Hans-Werner Sinn, sei inzwischen „so stark gesunken“, dass selbst das billige Geld der Zentralbanken nicht mehr ausreiche, um die Unternehmen zum Investieren zu motivieren.

Der Staat – Schutzpatron der Zombiewirtschaft

Wirtschaftspolitisch ist es opportun, derartige Bereinigungen, die typischerweise die Form von Wirtschaftskrisen annehmen, zu verhindern. Typisch ist in dieser Hinsicht die Aussage von Bundeswirtschaftsminister Olaf Scholz, der schon im letzten Jahr in Anbetracht gefüllter Staatskassen versprach, bei einer ausbrechenden Wirtschaftskrise „mit vielen, vielen Milliarden gegenzuhalten“. Die Bereinigung der Kapitalwerte wird im gleichen Maß gefürchtet und verhindert wie die Bereinigung der Vermögenspreise (Immobilien, Aktien, …).

Sie sind seit der Finanzkrise 2008 geradezu explodiert, obwohl die weitaus meisten Unternehmen es nicht mehr schaffen, ihre Wertschöpfungsprozesse technologisch zu transformieren. Die heutigen Aktienkurse haben keine reale Basis mehr. Anstatt staatlicherseits für eine Bereinigung zu sorgen, wird dies weder bei den Vermögenspreisen noch bei dem insgesamt in den Unternehmen gebundenen Kapital zugelassen – letztlich aus Angst vor den wirtschaftlichen und politischen Folgen einer Umkehr.

Die Zombiewirtschaft steht also unter staatlicher Protektion. Je größer die Anzahl der Zombieunternehmen ist, umso gravierender sind die möglichen Folgen einer Kapitalbereinigung. Viele Unternehmen müssten untergehen oder zumindest solche Teile ihrer Wertschöpfung verlieren, die sich nicht profitabel restrukturieren lassen. Staatliche Institutionen wie auch die Politik sind daher in zunehmendem Maß darauf ausgerichtet, die Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen sich die Unternehmen durchwursteln können. Wegen der tatsächlichen oder mutmaßlichen Folgen ihres Scheiterns dürfen die Zombieunternehmen nicht sterben.

Verbreitet unter Ökonomen ist die Fehleinschätzung, die Herausbildung einer Zombiewirtschaft in erster Linie oder gar ausschließlich auf die lockere Geldpolitik der Zentralbanken zurückzuführen. So wie die Staaten der entwickelten Volkswirtschaften ist also auch der deutsche Staat in Jahrzehnten zu einer konservierenden Institution geworden, die Wandel und Veränderung eher bremst und die Stabilisierung bestehender Verhältnisse wie auch der Wirtschaft ins Zentrum rückt. Er folgt einer soziokulturellen Entwicklung, in der das Vertrauen gewichen ist, dass Gesellschaften oder auch Individuen mit rapiden Veränderungen zurechtkommen oder diese gar kollektiv gestalten können.

Wirtschaftspolitik auf schwächste Unternehmen ausgerichtet

Veränderung erscheint als Risiko, das es möglichst zu vermeiden gilt, insbesondere, wenn es um tiefgreifenden technologischen Wandel geht. Die Zombiewirtschaft hat ein soziokulturelles Fundament. Die Herausbildung der heutigen Zombiewirtschaft und deren Überwindung ist daher nicht einfach ein Problem einer ungeeigneten Geldpolitik. Leider sind diese tiefen Wurzeln der gelähmten wirtschaftlichen Entwicklung bisher kaum thematisiert und erkannt worden, obwohl sich diese Orientierung zur Stabilisierung des Bestehenden in allen wirtschaftspolitischen Aktivitäten zeigt. Die Stabilitätsorientierung ist gewissermaßen zu einem Glaubensbekenntnis geworden, dem die Wirtschaftspolitik unhinterfragt folgt. Wie selbstverständlich richtet sie sich an den schwächsten der schwachen Unternehmen aus, was die Existenz der Zombiewirtschaft in Nebel hüllt.

Seit Jahrzehnten werden die Unternehmen in den entwickelten Volkswirtschaften immer abhängiger von förderlichen staatlichen Rahmenbedingungen, um wirtschaftlich zu überleben oder ihre Profitabilität zu sichern. Hierzu gehören der seit Jahrzehnten tobende globale Wettbewerb zur Senkung der Unternehmenssteuern, kontinuierlich steigende Subventionen, die in Deutschland und Frankreich zunehmend unter dem Banner moderner Industriepolitik vermarktet werden, oder etwa die Geldpolitik, die die Finanzierungskosten der Unternehmen drückt. Neben diese permanenten Stützpfeiler der Zombiewirtschaft rücken noch die besonderen Hilfen im Fall von sich ankündigenden oder tatsächlichen Krisen. Dann gibt es – wie seit der Corona-Pandemie – kein Halten mehr, wenn es um die Rettung von einzelnen Unternehmen oder um die Rettung der Wirtschaft durch konjunkturelle Maßnahmen oder Rettungsschirme geht. So erhält die Zombiewirtschaft ständig neue Stützpfeiler, sobald die stabilisierende Wirkung der bereits bestehenden Stützen nachlässt.

Corona rettet die Zombiewirtschaft

Der wirtschaftspolitische Versuch, eine gelähmte Wirtschaft mit immer neuen Stabilisierungsmaßnahmen aufzupäppeln, hat ein riesiges Sammelbecken geschwächter Unternehmen geschaffen. In der Folge ist die Stabilisierung der schwächsten Unternehmen zu einer objektiven Notwendigkeit geworden. Die wirtschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten werden dadurch eingeengt.

In Anbetracht der großen Bedrohung, die für große Teile der Wirtschaft von der Corona-Pandemie ausgeht, bleibt der Bundesregierung kaum eine andere Wahl, als die Unternehmen nicht nur vor den Folgen der Pandemie zu schützen, sondern sie auch vor den Folgen der wirtschaftlichen Rezession, die bereits im letzten Jahr über die Industrie hereinbrach, wie auch vor den Folgen der durch die Klimapolitik ausgelösten Strukturkrise zu bewahren. Viele bisher sogar profitable Unternehmen sind aufgrund dieser unterschiedlichen Problemlagen mit der Aushöhlung ihrer wirtschaftlichen Substanz existenziell bedroht, umso mehr gilt das für die geschwächten Unternehmen.

Dies hat die Bundesregierung nun veranlasst, die seit der Finanzkrise 2008 betriebene Verwässerung der Insolvenzgesetzgebung durch neue Gesetze weiter auszuhöhlen. Mit den Veränderungen soll sichergestellt werden, dass sogar überschuldete Unternehmen, weiter am Wirtschaftsleben teilnehmen können. In der Finanzkrise wurde der gemäß Insolvenzordnung geltende Überschuldungsbegriff durch das Finanzmarktstabilisierungsgesetz ausgehebelt. Seitdem können Unternehmen einer Insolvenzantragspflicht entgehen, sofern sie eine positive Fortführungsprognose nachweisen können. Mit dem Beginn der Corona-Pandemie wurde die Insolvenzantragspflicht für alle Unternehmen sogar ausgesetzt, weil Fortführungsprognosen aufgrund des Pandemieverlaufs unsicherer wurden.

Da die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht zum Ende des Jahres auslaufen wird, ist nun ein Gesetzentwurf vorgelegt worden, der ab dem 1. Januar 2021 gelten soll. Auch zukünftig sollen überschuldete Unternehmen, die eine positive Fortführungsprognose vorlegen können – also ihre Liquidität auch im nächsten Geschäftsjahr voraussichtlich gewährleisten können – weiterhin wirtschaftlich aktiv bleiben. Die prekäre Lage zu vieler Unternehmen drängt die Politik dahin, nicht mehr zwischen Unternehmen zu unterscheiden, die tatsächlich von der Corona-Pandemie, also dem veränderten Kundenverhalten und politischen Maßnahmen betroffen sind, und solchen, deren Probleme eher wettbewerblicher Natur sind.

Das schleichende wirtschaftliche Siechtum weiter zementieren

Im Gespräch mit der WirtschaftsWoche betont Produktivitätsforscher Steffen Müller völlig zutreffend, dass die Corona-Krise die Zombifizierung der Wirtschaft nicht geschaffen habe, sie aber „in Deutschland einen weiteren Schub erhalte“. Er weist auf die undifferenzierte Gewährung und Ausweitung des Kurzarbeitergeldes auf 24 Monate hin. Dies sei ein „wahres Zombie-Förderprogramm“. Zudem hätten die Hilfen auf die von der Pandemie unmittelbar und die durch politische Restriktionen mittelbar betroffenen Unternehmen begrenzt werden sollen. Wenn die Hilfen nicht zielgerichtet eingesetzt würden, so gebe es „auf Dauer immer stärkere Mitnahmeeffekte von Betrieben, deren Kernprobleme mit dem Virus nichts zu tun haben.“

Das stimmt. Es geht jedoch genau darum, diese Differenzierung nicht vorzunehmen. Der Staat will nämlich möglichst alle Unternehmen unter den gleichen Rettungsschirm der Corona-Hilfen bringen. Die Wirtschaftspolitik in Deutschland ist seit Jahrzehnten genau darauf ausgerichtet, die Kernprobleme der Wirtschaft zu ignorieren und stattdessen mit Subventionen, Markteintrittsbarrieren, Steuervergünstigungen, Staatseinstiegen, Rettungszahlungen und billigem Geld das schleichende wirtschaftliche Siechtum abzufedern und es dadurch noch weiter zu zementieren.

Im Hinblick auf die Insolvenzgesetzgebung müsste der Staat zwischen denjenigen Unternehmen differenzieren, die ausschließlich aufgrund der Corona-Pandemie oder den politischen Auflagen in die Bredouille geraten und den vielen Unternehmen, die trotz förderlicher Rahmenbedingungen seit Jahren Verluste machen und wettbewerblich stagnieren. Nicht weichere, sondern härtere Insolvenzgesetzgebung, die nicht auf Strukturerhalt, sondern auf Veränderung abzielt, müsste sie zur Restrukturierung oder zur Aufgabe zwingen. Die Weichen hierfür müssten jetzt gestellt werden, auch wenn der Druck auf die unprofitablen Unternehmen erst nach dem Überwinden der Corona-Pandemie erhöht werden sollte.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Novo-Argumente.


Mehr von Alexander Horn lesen Sie in seinem aktuellen Buch „Die Zombiewirtschaft - Warum die Politik Innovation behindert und die Unternehmen in Deutschland zu Wohlstandsbremsen geworden sind“ mit Beiträgen von Michael von Prollius und Phil Mullan.

 

Weitere Quellen

(1) „Zur Entstehung sogenannter Zombie-Unternehmen in Deutschland in Niedrigzinsumfeld“ in: Deutsche Bundesbank Monatsbericht, Dezember 2017, S. 37-40.

(2) Michael Schwartz / Juliane Gerstenberger: „Sorge vor Zombie-Unternehmen im Mittelstand unbegründet“ in: KfW Research, Nr. 220, 31. Juli 2018, S. 1.

(3) „Insolvenzen in Deutschland, Jahr 2017“, Creditreform Wirtschaftsforschung, S. 22.

(4) Dan Andrews et al.: „Frontier firms, technology diffusion and public policy: Micro evidence from OECD countries“, OECD, 2015.

(5) Alexander Horn: „Die Zombiewirtschaft“, Novo Argumente Verlag 2020, S. 47.

(6) Hermann Simon, “Am Gewinn ist noch keine Firma kaputt gegangen“, Campus Verlag, 2020, S. 62.(7) Alexander Horn: „Die Zombiewirtschaft“, Novo Argumente Verlag 2020, S. 103.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Helmut Bühler / 19.11.2020

Weise Worte, in den Wind gesprochen. Die Politik interessiert aber nur eins: alle Zombiarbeitsplätze erhalten bis zur Bundestagswahl im nächsten Jahr - und danach dann zügig Richtung Planwirtschaft zu transformieren, die Weichen sind ja jetzt gestellt. Eine anständige Planwirtschaft muss sich nicht mehr groß um Profitabilität sorgen. An die Untertanen verteilt wird eben, was da ist und der Nomenklatura reichts allemal für ein luxuriöses Leben.

PALLA, Manfred / 19.11.2020

Der ZENIT des WESTENs ist längstens überschritten - DE-Industrialisierung, seit Jahrzehnten in NRW zu sehen, geht einher mit “irrer” AusWeitung des sog. DIENST-Leistungs-“Sek"T"ors (wg. Sekt und Tor) - mal gucken, wo die CHINESEN vor 30 Jahren herkamen und wohin sie (und weitere DREI Milliarden Asiaten) sich hinbewegen - ALLES hat ein ENDE, nur die WURST hat zwei - mein SebstZitat für die Zukunft: “Wenn sich DER WESTEN in zehn Jahren noch als MUSEUMs-DORF für Milliarden von TOURI-Asiaten “erhalten” kann, ist schon VIEL GEWONNEN !?!  ;-)

Ralf Berzborn / 19.11.2020

Politik ist die ( leistungsge.-) rechte Lehre zum Wohle der Gemeinschaft , alle Eingriffe in den Markt die diesem alles überzuordnenden Ziel dienen , ohne das Wohl Anderer (  und ohne sie gleich massiv zu bevorzugen ) und das der Schöpfung zu gefährden , sind meiner Meinung nach durchaus berechtigt . Ungezügelter Kapitalismus auf der einer und maßloser Sozialismus auf der anderen Seite , gefährden jedoch die staatstragenden Säulen ,  ob bewußt oder aus niederen Beweggründen sei dahingestellt . Die Stärke und den Wert einer Gemeinschaft an seiner Produktivitätssteigerung , seines Kapitals oder seines Profites und dessen Steigerung zu meßen ,  halte ich persönlich für hochgradig oberflächlich , und extrem gefährlich zersetzend , das gleiche gilt jedoch auch für die dekunstruktivistischen desäkularisierenden sozialistischen Auswüchse auf der anderen , der sozialistischen Seite ,  um Stärke und Wert zu definieren benötigt man sicher kein Geld oder Kapital im gängigen Sinn um Maßstäbe zu setzen

Heiko Stadler / 19.11.2020

@Bernhard.Freiling: Ich vermisse das “Ironie off” am Ende Ihres Textes. Ich hoffe doch sehr, dass sie das nicht ernst gemeint haben. In der exakten Umkehrung ist es weitgehend richtig, was Sie schreiben. Die Förderung von Zombies wirkt der Leistungsgesellschaft und dem Wettbewerb entgegen und lässt somit die Preise, z. B. für Strom, Immobilien und Ausschreibungen in den Himmel wachsen und vor allem: Sie lebt auf Pump. Irgend wann bricht das Kartenhaus zusammen.

Harald Unger / 19.11.2020

Klaus Schwab vom WEF in Davos und die von ihm betreuten Multi-Milliardäre und Zäläbrities, werden solche Berichte mit glänzenden Augen lesen. Herrliche Zeiten sind angebrochen. Ohne die verachteten Bürgergesellschaften und deren noch verhasstere Wirtschaft. Am anderen Ende der Skala, bei den glücklich entrechteten und glücklich enteigneten Hintersassen, ist man ebenfalls überglücklich, auf diese Weise den Planeten retten zu können. - - - Okay, die Übergangsphase zum “Zeitalter der Harmonie” von “Global Governance” wird hierzugebiete das eine oder andere Milliönchen an unnützen Essern fordern, zumal auch die neuen Herren der Straßen auf ihr Vorrecht pochen, ihrem einzigen Hobby, dem Dezimieren von Ungläubigen, hoch alimentiert und ungehindert nachzugehen. Ganz im wohlwollenden Sinne der Herren des WEF.

Bernhard Freiling / 19.11.2020

Unternehmenszombies sind unersetzlicher Teil der Marktwirtschaft. Sie sind der Ausgleich für ansonsten in den Himmel wachsende Gewinne. Unternehmenszombies sind ärgerlich für die Konkurrenz. Zwingen diese doch dazu, permanent an sich zu arbeiten, immer effizienter zu werden um dem Ertragsdruck, der durch die Zombiefirmen ausgeübt wird, widerstehen zu können. Zombiefirmen sind der Garant dafür, daß bei öffentlichen Ausschreibungen die geforderten Preise nicht in den Himmel wachsen. Zombiefirmen entstehen in den Bereichen, in denen die Gewinne überproportional anzusteigen drohen. Ohne Zombiefirmen würde die Handwerkerstunde heute nicht 50 oder 60 € kosten, sondern 100 oder mehr. Zombiefirmen bewahren den Staat vor dem Ausweis einer höheren Arbeitslosigkeit. Eine in Coronazeiten staatlicherseits geförderte Zombiefirma ist für den Staat billiger, als deren Arbeitslose auf den Gängen des Jobcenters. Zu Ende denken, Herr Berater.

Heiko Stadler / 19.11.2020

Der Sozialismus breitet sich pandemisch über alle Bereiche aus. Der Sozialismus, die Herrschaft der Dummen, Faulen und Kriminellen, liebt und fördert die Zombies und legt den Fleißigen und Guten Steine in den Weg - in der Politik, in den Medien, in der Wissenschaft und auch in der Wirtschaft. Die Verbündeten der Sozialisten sind Nullzins, Bürokratie, Verbote, Gesetzesbrüche, Linientreue und Cancelculture. Sozialismus ist, wenn die Piloten in 10.000 Meter Höhe den Treibstoff ablassen und die himmlische Ruhe genießen. Sozialismus ist, wenn dann die Fluggäste minutenlang klatschen für den CO2-freien Flug. Der Feind des Sozialismus ist der harte Aufprall auf dem Boden der Realität, wenn alles Geld und alle Ressourcen verbraucht sind.

K Bucher / 19.11.2020

Wie Corona die Zombies rettet…Verstehe ich nicht ganz, weil die ECHTEN zumeist ISLAMISCHEN Zombies werden eh gerettet Corona hin oder her und das 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr, noch dazu seit Jahren siehe : Handelsblatt Titel : 23,1 Milliarden Euro: Flüchtlingsausgaben erreichen erneutes Rekordniveau.  25.05.2020 -Auszug : Insgesamt belaufen sich die Flüchtlingskosten für den Bund seit 2016 auf 87,3 Milliarden Euro. Und was man mit diesen Unglaublichen 8703 MILLIONEN EURO sonst Sinnvolles für Deutschland seine EINHEIMISCHEN Einwohner und auch für die Wirtschaft und Bildung hätte tun können brauche ich gar nicht weiter erläutern . Und wer das Islam faschistoide Kommunistische Handelsblatt kennt weis sowieso das es wie viele andere auch lediglich im Regierungsauftrag schreibt beziehungsweise zu schreiben hat(weil sonst kann es gleich dicht machen ) Ja und die Wissenden wissen auch ganz genau das selbst diese Summe mehr als UNTERTRIEBEN ist .

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Alexander Horn, Gastautor / 02.07.2020 / 06:10 / 31

Wohlstandskoma nach Corona?

Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Bundesregierung zielen nicht nur darauf ab, die von der Corona-Pandemie und dem Lockdown ausgehenden wirtschaftlichen Schäden und Einkommensverluste bestmöglich auszugleichen. Mit…/ mehr

Alexander Horn, Gastautor / 04.06.2020 / 10:00 / 15

Warum die Grundrente keine Lösung ist

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat viel Pech mit der Einführung der Grundrente, die er sogar als „sozialpolitischen Meilenstein“ betrachtet. Nach langem Gezerre mit dem Koalitionspartner…/ mehr

Alexander Horn, Gastautor / 26.05.2020 / 16:00 / 20

Die Zombiewirtschaft: EU-Wiederaufbaufonds verlängern das Leiden

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron haben einen 500-Millarden-Euro-Wiederaufbaufonds zur Rettung der europäischen Wirtschaft vorgeschlagen. Er soll gemeinschaftlich finanziert werden. Obendrein geht…/ mehr

Alexander Horn, Gastautor / 18.03.2020 / 15:00 / 22

Hexenjagd gegen Hass

Seit der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU), der sich für die Aufnahme von Flüchtlingen eingesetzt hatte, ist es in Deutschland zu einer Häufung…/ mehr

Alexander Horn, Gastautor / 30.01.2020 / 06:20 / 53

Die Grundrente und die Wohlstands-Illusion

Für die Regierungskoalition gilt die noch im letzten Jahr beschlossene Einführung der Grundrente als großer sozialpolitischer Erfolg. Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil sieht sie sogar als…/ mehr

Alexander Horn, Gastautor / 08.01.2020 / 12:00 / 20

Christine Lagarde und die Abkehr von der Demokratie

Unter ihrem ehemaligen Präsidenten Mario Draghi ist die EZB zu einer mächtigen und einflussreichen Institution geworden. Sie hat Aufgaben an sich gezogen, die weit über…/ mehr

Alexander Horn, Gastautor / 11.09.2018 / 06:20 / 68

Legen sie heute die Lunte an die EU?

Die EU droht, die „juristische Atombombe“ nach Artikel 7 des EU-Vertrages gegen Polen und Ungarn zu zünden. Beiden Ländern soll dadurch das Stimmrecht in den EU-Gremien entzogen…/ mehr

Alexander Horn, Gastautor / 15.07.2018 / 14:00 / 8

Traut euch endlich wieder Fortschritt zu!

Von bahnbrechenden wissenschaftlichen Entdeckungen, etwa in der Astronomie, Genetik oder Medizin, wie auch von neuen Technologien, geht auch im 21. Jahrhundert eine große Faszination aus.…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com