Wir waren schon mal weiter: Toleranz 1974

Das Bombardement des Toleranz-Gebrülls wird jetzt wissenschaftlich begleitet: von der Forschungsstelle Toleranz an der Uni Kiel. Das Land könnte auch hier wieder erhebliche Gelder einsparen, wenn man sich einfach die Texte aus jenen Zeiten vornimmt, in denen noch normal gedacht und geschrieben wurde. Auf einen potenziellen Missbrauch der Toleranzidee respektive eine missbräuchliche Terminologie wies etwa Kurt Sontheimer 1974 in der Wochenzeitung Die Zeit hin.

Für ihn ist Toleranz das Ergebnis einer moralischen Anstrengung: eine Tugend, die nicht die bloße Folge unserer natürlichen Neigungen ist. „Tolerant sein bedeutet also, sich mit etwas abfinden, obwohl es einem gegen den Strich geht.“ Allerdings nicht – bis auf die pauschal ausgegrenzten Kritiker der Migrationspolitik – maßlos und unbestimmt, wie die Forderung danach heute überall auftritt: „Nun wäre es gewiss unsinnig, verlangen zu wollen, man solle sich mit allem und jedem abfinden, was einem widerfährt. Unbegrenzte Toleranz, die alles gutheißt, was geschieht, kann also gewiss nicht der Sinn der Toleranzidee sein.“ 

Richtig verstandene Toleranz, die weiß, warum und wofür, „ist keine Angelegenheit des Gefühls, sondern ein Akt der Vernunft“. Sie bewege sich, im Gegensatz zur exzessiven Toleranz, innerhalb bestimmter Grenzen. „So kann es sich zum Beispiel ein Rechtsstaat nicht erlauben, die illegale Gewaltanwendung oder den Rechtsbruch generell zu tolerieren, wenn er Rechtsstaat bleiben will. Es kann auch keine Toleranz gegenüber dem Verbrechen und gegenüber der Inhumanität geben.“

Die Kritik der 1980er Jahre bezog sich deshalb auf „die Verwässerung der Toleranzidee durch ihre Identifizierung mit der Gleichgültigkeit“. Unter dem heuchlerischen Schirm von Toleranz dürfe man reden, schreiben, organisieren, solange Herrschaftsinteressen davon nicht berührt werden. „Die Herrschenden halten sich sogar viel darauf zugute, als tolerant und freiheitlich zu erscheinen, aber diese ihre Toleranz … entspringe der Gleichgültigkeit und dem mangelnden Interesse an dem, was andere tun und erleiden, und sie schlage sofort um in die Intoleranz“, in die Verfolgung, wenn bestehende Machtverhältnisse durch Meinungen und Gruppen entscheidend verändert werden. 

Sontheimer stellte klar: „Toleranz als Selbstzweck, als Dauerhaltung, die sich nicht an anderen Werten (wie etwa Freiheit) orientiert, ist nicht Toleranz, ... sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenstück zur Toleranz ist weniger die Intoleranz als die Indifferenz, salopper gesprochen, die allgemeine ‚Wurschtigkeit‘.“ Die Devise müsste also sein: Null Toleranz fürs Weiterwurschteln und: eine konkret definierte (!) Haltung zeigen.  

Foto: Tomaschoff

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Leserpost (14)
Wilfried Cremer / 03.10.2018

Toleranz ist das säkulare Zwergmännchen der Geduld.

E. Thielsch / 03.10.2018

Mein Leitspruch ist: ‘Keine Toleranz für Intoleranz!’ Das heisst, ich kann alles und jeden tolerieren, was meiner Ansicht zwar widerspricht, aber meine Ansicht auch gelten lässt. Ein sehr simples Beispiel: Tolerieren Muslime andere Religionen oder Atheismus als gleichwertige und gleichberechtigte Lebensentscheidungen nach dem Motte ‘Jeder mag nach seiner Facon selig werden’? Die Antwort ist ein klares Nein. In Folge dessen bin ich gegenüber dem muslimischen Glauben genau so intolerant wie dieser Glaube selbst es ist. So lange der Islam nicht andere duldet, so lange keine Fatwa verbietet, dem abtrünnigen Muslim auch nur ein Haar zu krümmen, so lange in muslimischen Ländern nicht Kirchen und Synagogen gleichberechtigt neben Moscheen stehen, ist der Islam eine totalitäre, faschistoide Ideologie, die keinerlei Toleranz von mir fordern darf. Quid pro quo! Alles andere ist, wie richtig bemerkt wurde, keine Toleranz, sondern Gleichgültigkeit, ja sogar Phlegma. Toleranz muss wehrhaft sein!

Mark Schild / 03.10.2018

„Weniger bekannt ist das Paradoxon der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ Karl Popper

Marc Blenk / 02.10.2018

Liebe Frau Baumstark, das beängstigende an der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation ist doch, dass solche zwar wichtige, aber auch selbstverständliche Sachverhalte nicht mehr die mediale und diskursive Agenda im Lande moderieren. Ich frage mich unter anderem, was in den Bachelor Studiengängen da heute überhaupt noch substantielles vermittelt wird. Wird da innerhalb der Politologie oder Soziologie überhaupt noch Basiswissen en vermittelt? Bin echt überfragt.

Wolf-Dietrich Staebe / 02.10.2018

Von denen, die hierzulande und heutzutage “Haltung” zeigen, habe ich die Nase gestrichen voll! Das sind die wahren Faschisten und Nazis.

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