Über dem Reichstag steht die Inschrift „Dem deutschen Volke“. Das hat schon vielen nicht gepasst, als der Bundestag in das Reichstagsgebäude zog. Es gab Bestrebungen, den Spruch abzuändern in „Der deutschen Bevölkerung“.
Nun ist es tatsächlich so, dass Begriffe jeder Art keine eigenen Wahrheiten beinhalten, sondern soziale Konventionen sind. Ihr Inhalt ist also das, was man übereinstimmend für seinen Inhalt hält, so auch der Begriff des Volkes. Begriffe als solche haben keine objektive Wahrheit. Sie sind vielmehr sprachliche Übereinkünfte, über deren Inhalt man sich pragmatisch verständigt, damit man weiß, wovon man jeweils redet.
Angela Merkel sagte einmal als Bundeskanzlerin, dass für sie all jene Deutsche seien, die schon länger hier leben. Das kann man so definieren.
Das deutsche Grundgesetz spricht von deutscher Volkszugehörigkeit, ohne den Begriff näher zu definieren, der Kontext zeigt aber eine Orientierung an der ethnischen Herkunft: Wer Vorfahren deutscher Nationalität hatte, durfte in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit aus den ehemaligen Siedlungsgebieten Deutscher in Osteuropa nach Deutschland einreisen. Seine ethnische Abstammung gab ihm ein Recht auf die deutsche Staatsbürgerschaft.
Tatsächlich gehen die Begriffe der Staatsangehörigkeit und der ethnischen Zugehörigkeit zu einem Volk immer wieder durcheinander. Es gibt hier keine klaren und wirklich eindeutigen Abgrenzungen. So gehören zur französischen Nation natürlich auch die alemannischen beziehungsweise deutschen Elsässer. Es gehören dazu im Norden die Flamen und im Süden ehemalige Italiener. An den Grenzen zu Spanien leben Basken beziehungsweise Katalanen, auch sie gehören zum französischen Volk, obwohl sie mit den Basken und Katalanen jenseits der Grenze mehr gemein haben als mit den übrigen französischen Volksgenossen. So ist es im Prinzip in allen europäischen Nationen. Ethnisch, sprachlich und kulturell stehen zum Beispiel die Bayern den Südtirolern deutlich näher als etwa den Ostfriesen.
Staatsangehörigkeit polnisch, Nationalität deutsch
Meine Mutter wurde im April 1920 in Polen im sogenannten Korridor geboren. Das war das Gebiet, welches mit dem Versailler Vertrag im Januar 1920 an Polen abgetreten wurde. Sie war Volksdeutsche. In ihrem polnischen Pass stand „Staatsangehörigkeit polnisch, Nationalität deutsch“. Zum britischen Königreich gehören Engländer, Waliser, Schotten und Iren. Großbritannien hat wegen der verschiedenen Nationalitäten bei der Weltmeisterschaft drei Fußballmannschaften. Gleichwohl sind natürlich diese Völker eine Nation. Umgekehrt konnten die Iren, obwohl sie jahrhundertelang unter englischer Herrschaft standen und allesamt Englisch sprechen, nach dem Ersten Weltkrieg die britische Herrschaft abschütteln und einen eigenen Staat gründen. Die Engländer waren weise genug, sie gehen zu lassen.
Die Ukrainer haben, obwohl sie Slawen sind und ihre Sprache der russischen Sprache durchaus ähnlich ist, über Jahrhunderte hinweg auf ihrer ethnischen und kulturellen Eigenart bestanden und sich im Jahr 1990 in einer Volksabstimmung für das Ausscheiden aus der Sowjetunion entschieden. Putins Russland möchte das nicht akzeptieren und führt seit 2014 einen Krieg gegen die unabhängige Ukraine, der seit dem Februar 2022 zu einem Existenzkampf des ukrainischen Volkes geworden ist.
Was sagt uns das? Völker sind nicht wirklich exakt zu definieren und voneinander abzugrenzen, ethnische Herkunft, kulturelle Prägungen, Sprache und die schiere historische Gewohnheit laufen zusammen. Was man als deutsches Volk ansieht, ist vor diesem Hintergrund ebenfalls eine Definitionsfrage, über die man sich nicht unnötig streiten sollte. Historisch entstand das deutsche Volk zwischen 800 und 1200 n. Chr. aus dem östlichen Teil des Frankenreiches in den Siedlungsgebieten von keltischen, germanischen und slawischen Stimmen. Dabei ist die historische Trägheit von Traditionen groß: Einen fühlbaren Unterschied macht es in Deutschland bis heute, ob das jeweilige Gebiet früher einmal zum römischen Herrschaftsgebiet gehörte oder nicht.
Vor dem Gesetz in jeder Beziehung gleich
Vor dieser verwirrenden Vielfalt des Volksbegriffs ist es schwer zu verstehen, dass es verfassungswidrig sein soll, wenn eine politische oder gesellschaftliche Gruppierung einen ethnisch definierten Volksbegriff vorzieht. Zumindest muss ganz klar unterschieden werden zwischen der Staatsangehörigkeit einerseits und dem ethnischen Hintergrund andererseits. Es ist eine elementare Selbstverständlichkeit, dass neben der generellen Wahrung von Menschen- und Bürgerrechten Staatsangehörige – unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft oder von der Herkunft ihrer Eltern – vor dem Gesetz in jeder Beziehung gleichbehandelt werden müssen.
Wenn eine politische Partei dies anders sähe, hätte sie in der Tat Probleme mit unserem Rechtsstaat. Die Unterscheidung von Menschen nach ihrer Herkunft ist aber nichts Verwerfliches, sondern dient vielmehr auch der menschlichen und gesellschaftlichen Orientierung. Auch wenn man Begrifflichkeiten wählt, die solche Unterschiede jenseits der Staatsangehörigkeit deutlich machen, ist dies in keiner Weise als solches problematisch oder gar verfassungsfeindlich.
Dem Vernehmen nach soll in dem geheimen 1.100-Seiten-Gutachten des Verfassungsschutzes als Beispiel für die völkische Gesinnung der AfD auch die umgangssprachliche Verwendung der Begrifflichkeit „Passdeutscher“ als Beleg für Verfassungsfeindlichkeit genommen worden sein. Das ist ziemlich unhistorisch. Als ich in den Sechzigerjahren bei der Bundeswehr war, sprachen die Arbeiter aus dem Ruhrgebiet auf meiner Stube von den italienischen Gastarbeitern als den „Itakern“ oder den „Spaghettis“. Das war nicht sehr freundlich, es war aber nicht verfassungsfeindlich.
Genauso ist es nicht sehr freundlich, aber wiederum auch nicht verfassungsfeindlich, wenn türkische oder arabische Mitbürger die Deutschen umgangssprachlich „Kartoffeln“ nennen. Umgangssprachliche Benennungen von fremden Volksgruppen oder von anderen Völkern sind oft wenig vornehm. Die Briten redeten jahrzehntelang von den Deutschen als den „Krauts“. Franzosen verwendeten gerne den Begriff „Boche“, wenn sie sich abschätzig über Deutsche äußerten. Bei den Holländern hießen die Deutschen auch schon vor dem Ersten Weltkrieg gerne „Moffjes“ und so weiter.
Jeder soll nach seiner Fasson selig werden
Es gehört zu den Grundtatsachen des Lebens, dass sich Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und unterschiedlicher Kultur im Zusammenleben aneinander reiben und teilweise auch voneinander abgrenzen. Das ist weder verwerflich noch verfassungswidrig. Ein Staat, in dem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen miteinander auskommen müssen, trifft Vorkehrungen für das friedliche Zusammenleben und lässt im Übrigen jeden nach seiner Fasson selig werden.
Es ist leider eine unbestreitbare Tatsache, dass in den letzten Jahrzehnten die Integration großer Zahlen von kulturell und ethnisch fremden Einwanderern in vielen Ländern Europas zu Spannungen geführt hat, und dass deren Integration in vieler Hinsicht bis heute nicht gut funktioniert.
Das muss politisch diskutiert werden, und wenn man dabei auch zum Ziel hat, Einwanderung zu begrenzen und eine gewisse kulturelle Homogenität in einem Staatsvolk sicherzustellen, so kann man das im Einzelfall unterschiedlich bewerten. Es ist aber nichts Verwerfliches, das politisch anzustreben. Vielmehr müssen hier Prioritätensetzungen im politischen und gesellschaftlichen Diskurs auch politisch ausgefochten werden.
Wenn man dieser Debatte ausweicht, indem man die Existenz von Unterschieden und von Spannungen tabuisiert und ihre Benennung moralisch sanktioniert, dann muss man sich nicht wundern, dass sich dies auch in der Zustimmung zu politischen Parteien und in dem Entstehen neuer Parteien niederschlägt. Durch Ausgrenzung solcher neuen Parteien wird man die Probleme ebenso wenig lösen können, wie man die Probleme mit Einwanderung durch Ausgrenzung von Menschen lösen kann, die bereits eingewandert sind.
Es ist sehr bedauerlich, dass SPD, CDU/ CSU, Grüne und Linke diese Lektion offenbar nicht verstehen wollen. Mit dem Versuch, die AfD deshalb in eine rechtsextreme Ecke zu schieben, weil Teile ihrer Funktionäre, Mitglieder und Anhänger einem ethnisch konnotierten Volksbegriff anhängen, grenzt man tatsächlich ein Viertel bis ein Drittel des deutschen Volkes aus dem politischen und gesellschaftlichen Diskurs aus. Das kann nicht wirklich weiterführen.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Portal NIUS und wurde leicht aktualisiert.
Dr. Thilo Sarrazin, geb.1945 in Gera, aufgewachsen in Recklinghausen. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Bonn. Er bekleidete zahlreiche politische Ämter und war unter anderem von 2002 bis 2009 Senator für Finanzen im Land Berlin. Sein im August 2010 erschienenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ löste eine anhaltende Diskussion aus und wurde zum meistverkauften deutschen Sachbuch seit 1945.

Alles gut und schön dargelegt. Aber „unsere“ Demokratie ist jetzt eben „deren“ Demokratie.
Daran ändert sich nüscht mehr. Da kannste schreiben waste willst und wählen wen du willst…
Wen hat Ernst Reuter bei seiner berühmten Rede am 9. September 1948 vor dem Reichstag bloß gemeint, als er sagte: „Völker der Welt, schaut auf Berlin!“ Heutzutage würde er wegen derartige Worte sicherlich wohl vom Verfassungsschutz, Spiegel und ARD als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft, da bei ihm eindeutig ein
„ethnisch-abstammungsmäßiges Volksverständnis“ zugrunde liegt. Meine Güte! Was sind wir bloß für ein krankes, um nicht zu sagen psychopatisches Land? Wir lassen unseren Kanzler einen Eid darauf leisten, „vom Deutschen Volk Schaden abzuwenden“, – aber wenn das eine Partei wie die AfD mal auf ein Wahlplakat drucken würde, wäre das für den polit-medialen Komplex sicherlich ein Beleg für eine finstere Einstellung zur Verfassung und als Angriff auf „unsere Demokratie“ zu werten. Wenn ich gläubig wäre, würde ich beten: „Herr schmeiß Hirn vom Himmel!“ Aber so bleibt mir als Bürger nur zu sagen: „Heult doch!“
„Ich komme ja vom Bevölkerungsrecht. Ich bin Bevölkerungsrechtlerin und kämpfe für das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung.“, Aus einem Gesprächsprotokoll der verwirrten Gemeinschaft. Herr Sarrazin, ich gehe mal davon aus, dass Ihre Mutter und deren Verwandte, Bekannte beim Leben im Korridor und beim Durchfahren des Korridors genauso schikaniert wurden wie die Russen, die Ungarn usw. in der heutigen Ukraine. Sicherlich sind nicht ganz so viele Deutsche im Korridor totgeschlagen worden wie Russen im Donbass. Schwieriges Thema. Polen hat nach 1945 diverse Ukrainedörfer auf dem neuen von den 4 Siegermächten zugewiesenem „polnischem Gebiet“ umstellt. Früh um 05.00 Uhr, hallo Ukrainer, halbe Stunde Zeit, Koffer packen, rauf auf den LKW und ab in das völlig zerstörte Ostpreußen und Hinterpommern. In so einer Situation ist es dann nicht schlecht, jemanden zu haben, der in meiner Gegend Interessen hat, die sich mit meinen Interessen in vielen Bereichen decken und so für mich einen Kollateralnutzen bringen. Präsident 14 Punkte Plan Wilson ist ohne weitere Vorbereitung und Pläne (Robert Lansing) nach Versailles gereist. Nach „Gesprächen“ mit Frankreich und Großbritannien ohne Punkte zurückgekommen. Wenn ich von „Völkerbund“ und „Selbstbestimmungsrecht“ fasele, muss ich erst einmal definieren, was oder wo ein Volk ist. Ein Gemeinwesen, eine Religionsgemeinschaft, ein Gebiet, eine Rasse (oh Gott), ein…usw. Nicht erfolgt. Also galt wie seit Jahrhunderten zuvor: Wer Volk ist, bestimme ich! Zum Abschluss etwas Positives. In der Slowakei, in der großen Küche von der Mutter meines Arbeitkollegen schnatterte bei guter Suppe alles durcheinander. (gute Suppe meint, so wie Suppe sein muss, die stand mindesten einen Tag rum und der Löffel stand in der Suppe), Ich hab es nicht so mit Sprachen. Stellte trotzdem nach 5 Minuten fest, dass ist aber nicht Slowakisch. Nö. Zu Hause und hier im ganzen Dorf mitten in der Slowakei sprechen wir Ungarisch. Schikanen? Nö.
@Rudi K.: Ist „Sarrazin“ ein türkischer Name? Der Sarrazene?
Nur die Urdeutschen gilt es los zu werden.Darüber hinaus schafft Deutschland an. Das wollen sie uns als bunt verkaufen.Und wenn es den Bonzen gar zu bunt wird,so schicken sie ihre Kinder in bessere Schulen.Wohnen tut so ein Bonze stets in besseren Lagen usw.
Darüber hinaus habe das Gefühl das zB. selbst die vielen Türken wissen was in Deutschland abgeht, ja manche haben so etwas wie Mitleid mit den geschundenen Urdeutschen. Auch scheinen sie nicht so ganz zufrieden hier zu sein. Aber es gilt auch für sie, dass das Hemd ihnen näher als die Hose sitzt. Und wenn die dann selber zugeben das Deutsche und Türken nicht zusammen passen wird mir deutlich in was für einer bescheuerten Zeit wir, dank verfehlter Politik, leben müssen. Nichts wird fürs deutsche Volk effektiv getan und der Spruch auf dem Reichstag klingt eher wie eine Verhöhnung und war der Sage nach niemals so gemeint.
Nur die Urdeutschen gilt es los zu werden.Darüber hinaus schafft Deutschland an. Das wollen sie uns als bunt verkaufen.Und wenn es den Bonzen gar zu bunt wird,so schicken sie ihre Kinder in bessere Schulen.Wohnen tut so ein Bonze stets in besseren Lagen usw.
Darüber hinaus habe das Gefühl das zB. selbst die vielen Türken wissen was in Deutschland abgeht, ja manche haben so etwas wie Mitleid mit den geschundenen Urdeutschen. Auch scheinen sie nicht so ganz zufrieden hier zu sein. Aber es gilt auch für sie, dass das Hemd ihnen näher als die Hose sitzt. Und wenn die dann selber zugeben das Deutsche und Türken nicht zusammen passen wird mir deutlich in was für einer bescheuerten Zeit wir, dank verfehlter Politik, leben müssen. Nichts wird fürs deutsche Volk effektiv getan und der Spruch auf dem Reichstag klingt eher wie eine Verhöhnung und war der Sage nach niemals so gemeint.
Dass es um unser Überleben geht, haben die Geimpften noch nicht kapiert!