Ulrike Stockmann / 06.01.2020 / 06:06 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 76 / Seite ausdrucken

Wir sind alle kleine Sünderlein: “Brigitte Be Green”

Rezensionen in anderen Medien, zum Beispiel in der Süddeutschen, der taz und der Zeit, hatten mich neugierig gemacht auf eine Sonderedition zum Thema „Nachhaltigkeit“ der wohl bekanntesten deutschen Frauenzeitschrift. „Brigitte Be Green“ ist ein Lifestyle-Heft wie so viele andere auch. Nur, dass es sich eben grünen Lifestyle auf die Fahnen geschrieben hat und demzufolge Dinge anpreist, die vermeintlich oder tatsächlich als „nachhaltig“ gelten. Trotz der vielen Kaufempfehlungen (und Werbeanzeigen) wird munter Verzicht gepredigt und allgemeine Konsum-Schuld beklagt. Ein leicht schizophrenes Konstrukt, das man sonst eher in der Bibel findet. „Ein bisschen erinnert das Konzept an die Erbsünde“, schreibt etwa Christina Rietz in der Zeit.

„Brigitte Be Green“ erscheint mir symptomatisch für das, was gerade in unserer Gesellschaft geschieht. Mit einer Kombination aus Halbwissen, Opportunismus, Blauäugigkeit sowie einem Schuss Glamour wird der Umwelt-Lifestyle zum Maß aller Dinge erklärt. Soweit so gut. Der freie Markt bietet an, was der Nachfrage entspricht.

„Viele Kühe pupsen“ 

„Brigitte Be Green“ macht im Prinzip genau das, wofür Zeitschriften wie die Brigitte eben stehen: In perfektem Hochglanz-Layout und locker-leichter Sprache werden Inhalte präsentiert, die Frauen mitunter ganz gerne konsumieren. Nur geht es hier nicht nur um Kurzweiliges wie Lippenstifte, Sex-Tipps oder Diäten, sondern auch um die großen Themen der Politik oder des Klimawandels.

Sie werden im Lifestyle-Talk abgehandelt und das klingt dann ungefähr so: „Die Butter lassen wir uns gern vom Brot nehmen, denn bei der Herstellung eines Kilos entstehen 24 kg CO2. Das liegt vor allem an den Kühen, denn in einem Kilo Butter stecken insgesamt 18 Liter Milch! Und: Viele Kühe pupsen und atmen eine Menge Methan aus, brauchen Futter und Energie. Damit ist Butter der größte Klimasünder auf dem Teller.“

Oder: „Was haben Konstanz, das Vorarlberg und Irland gemeinsam? Dort wurde der Klimanotstand ausgerufen. Mit dem Begriff wird eingeräumt, dass die Klimakrise real ist und sich was ändern soll. Aber: Alles kann, nichts muss, denn der Beschluss ist nicht rechtlich bindend. Doch die Symbolwirkung ist da: Konstanz will nun jede Entscheidung im Gemeinderat auf Klimarelevanz prüfen, Kiel bis 2050 klimaneutral werden.“ (Beide Zitate zu lesen unter der Rubrik: „Geht doch! Einfach grüner leben“)

Auch Luisa darf nicht fehlen

Titelmodel ist die österreichische YouTuberin und Influencerin DariaDaria, eigentlich Madeleine Daria Alizadeh. Im dazugehörigen Interview spricht die 30-Jährige über ihren Werdegang von einer Fashion-Bloggerin zur „Greenfluencerin“. 2013 sah sie die Doku „Gift auf unserer Haut“ über Fabrik-Arbeiter in Bangladesch. Nachdem sie „Nächte lang durchgeweint“ hatte, entschloss sie sich, der Fast Fashion den Rücken zu kehren. Neben ihrem erfolgreichen YouTube-Kanal, den sie hauptberuflich betreibt, spricht sie mittlerweile auch vor dem EU-Parlament und der UN-Women.

Entsprechend zurechtgestutzt sind auch ihre Statements. Zum Interview reiste sie mit dem Zug von Wien nach Hamburg, statt ein Flugzeug zu nehmen. „Wir müssen Effizienz und Zeit neu definieren“, sagt sie dazu unter anderem. Daraufhin wird sie gefragt: „Will man zum Beispiel im Urlaub nicht möglichst schnell da sein?“ Antwort: „Auch hier: Wie definiere ich Urlaub? Er fängt doch schon an der Türschwelle an (…)“

Als „Brigitte Be Green“ feststellt, dass schließlich auch grüne Blogger den Konsum anheizen, entgegnet sie vielsagend: „Natürlich wäre es schön, eine antikapitalistische Antwort auf die Klimakrise zu haben. Andererseits können wir den Kapitalismus nutzen und ihn als Teil der Lösung sehen (…) Wir brauchen eine Wirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert.“

Auch Luisa Neubauer, „die deutsche Frontfrau hinter Fridays for Future“, darf im Heft nicht fehlen, denn sie ist „Die, die sagt, wie es ist“. Sie steuerte einen vierseitigen Artikel bei. Lesen Sie den Einstieg, dann kennen Sie auch den Rest:

„Die Wahrheit hört niemand gern. Noch nie war dieser Satz so wahr wie heute. Nach den Demonstrationen an den Freitagen kommen oft Kinder zu mir und fragen mich, ob wir noch zu retten sind. Wenn sie erwarten, dass ich ihnen sage, dass alles gut wird, sticht es mir ins Herz. Wer bin ich, ihnen das ehrlich zu versprechen? Wer bin ich, ihnen das Gegenteil beizubringen? Ihnen zu erklären, wie man es aushält zu wissen, dass man ab jetzt jeden Tag seines Lebens mit dieser Krise verbringen wird? (…)“

Auch Bücher produzieren CO2

Die publizistische Krönung ist eine Kolumne der Spiegel-Autorin Margarete Stokowski. Sie stellt fest, dass „hauptsächlich junge Frauen an vorderster Front“ der Klimaschutzbewegung stehen. Wenn Sie nun glauben, dass die bekennende Feministin Stokowski sich darüber doch sehr freuen müsste, muss ich Sie leider enttäuschen: „Mädchen werden eher dazu erzogen, sich zu kümmern und Rücksicht zu nehmen. Kein Wunder also, wenn sie auch Care-Arbeit für den Planeten leisten. Die Frauen räumen auf, wenn Männer etwas gegen die Wand gefahren haben (…)“

Diese Albernheiten sind aber noch nicht der Kern des Magazin-Problems. Auch nicht die vorgestellten Bio-Kosmetik-Produkte und nachhaltig produzierenden Fashion-Labels, denn der Beauty- und Mode-Part dürfte der informativste und interessanteste des gesamten Blattes sein (wenigstens für mich). Wirkliche Sorgen machte ich mir, als mahnend der CO2-Ausstoß für ein Taschenbuch mit 1,2 Kilogramm benannt wurde: „Wenn man bedenkt, dass hier jedes Jahr mehr als 70 000 Buchtitel auf den Markt kommen, die gern noch sonst wie viele Auflagen haben, müssen sehr viele Fichten daran glauben.“ (Die Frage, wie viel Fichten für Brigitte Be Green dran glauben müssen, wird nicht näher erörtert).

Noch nicht einmal E-Books darf ich ohne schlechtes Gewissen lesen: „Je nachdem, wie viele Bücher man auf dem E-Book liest, verpustet das digitale Lesen vor allem in den ersten drei Jahren mehr CO2 als ein analoges Buch. Nach diesem Zeitraum und etwa 48 gelesene Romane später ist dann das E-Book langsam ökologischer.“ Oh je, oh je … was bleibt mir dann noch? „Gebrauchte Bücher mit Freundinnen tauschen oder in Bücherhallen gehen.“ 

Und dann die Reportage über die Familie Althann, die in „zwei Welten“ lebt: „Die halbe Woche in Wien und von Donnerstagabend bis Sonntag auf dem familieneigenen Demeter-Hof in Niederösterreich.“ Auf vier Seiten wird das allerniedlichste und allerherzigste Idyll mit Mutter, Vater und zwei Kindern in wundervoller Landschaft vorgestellt.

Mit Schrecken musste ich jedoch feststellen, dass die etwa fünfjährige Tochter dieser sympathischen Familie auf den Fotos mit blonden Zöpfen abgebildet ist. Ein Signal, das gar nichts Gutes verheißt, wie mittlerweile dank der Amadeu Antonio Stiftung allgemein bekannt ist. Fast hätte ich mich in meinem Kummer dorthin gewandt, aber nur fast. 

Die "Brigitte Be Green" ist am Kiosk vermutlich vergriffen, aber hier kann sie noch bestellt werden.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Peter Holschke / 06.01.2020

Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Es ist ein freies Land, jeder kann so dumm oder schlau sein wie er will. Komplexreduzierung zur Alltagsbewältigung in bunt. Für nur 5,90 €. Ich will nicht über Frauen herziehen, weil ich Frauen liebe. Die pin-up-girls des Zeitgeist sind doch lustig. Und listig. Vorbilder eben, mit welcher Attitüde man gut rüberkommt. Die Konkurrenz schläft nicht. Auf der Seite der Männer gibt es Entsprechendes. So was wächst sich im Idealfall aus, bis der richtige Mann oder die richtige Frau vor der Tür steht. Wenn nicht, dann haben die Entsprechenden eben Pech gehabt. Eins ist sicher. Wie z. B. Frau Stokowski oder Frau Neubauer wirklich sind, was sie denken oder wofür sie einstehen, steht nicht in der Brigitte. Vielleicht scheffeln sie gern Geld, vielleicht versklaven sie gern ihre Partner oder lassen sich gar erniedrigen, vielleicht sind sie auch ganz patent. Das ist ihre Privatsache. Der Rest ist Show. The show must go on. Und es ist wohl die Wahrheit, dass 49% der Männer eher darin interessiert sind, wie solche Damen im Nachthemd aussehen. Und man verkloppt auch nicht den Schauspiel, weil enem Macbeth nicht behagt.

Wolfgang Nirada / 06.01.2020

So Gestalten wie das Luiserl Neubauer-Vielflieger bringen es auch fertig in Beate-Uhse-Unterwäsche Werbung für die Vollverschleierung incl. Scheuklappen zu machen…

Werner Arning / 06.01.2020

Sich „Lifestyle-Sorgen“ zu machen, entspannt. Denn es handelt sich ja um keine echten, wirklich bedrückenden Sorgen. Ähnlich einem Film, in welchem es den Protagonisten so richtig schlecht ergeht. Trotzdem bedeutet der Film Entspannung. Die Sorgen sind ja nicht echt. Unechte Sorgen lenken von echten Sorgen ab. Von der Ehe, die schon lange nicht mehr funktioniert, von den Sorgen um den Nachwuchs, der schon 30 ist und überhaupt nicht in die Puschen kommt, von schlechten Rentenaussichten, vom kaputten Auto, von Einsamkeit. Da kommt Brigitte Be Green gerade richtig. Wir können so tun, als haben wir keine Sorgen. Oder eben nur eingebildete, ungefährliche, oberflächliche, gar nicht konkrete, die ganz weit weg stattfinden. Und man kann sich mithilfe ihrer so hübsch in Szene setzen. Lifestyle-Sorgen eben.

Karsten Dörre / 06.01.2020

Im Einklang mit der Natur nicht wiederkäuen und nicht pupsen. Arme Rindviecher.

Uta Buhr / 06.01.2020

Wen wunder’s? Die Brigitte war doch immer schon ein armseliges Blättchen für hirnamputierte Evastöchter, die sich nie für etwas anderes interessierten als für die hierin offerierten völlig sinnlosen Diäten nach dem Motto: “Wie erreiche ich meine Bikini-Traumfigur?”  Nun also “Brigitte goes green.” Denen, die Geld für so einen Mist ausgeben, ist wirklich nicht mehr zu helfen.

H.Wess / 06.01.2020

Dieses Land wird mit “green” überzogen! Erinnert an ein fff-Kind, welches in ein Laden kommt um eine “grüne” Deutschland-Flagge zu kaufen. Der Verkäufer sagte: Die gibt es nur in schwarz-rot-gold! Darauf erwiderte das Kind spontan… okay dann in rot! Dieser ganze Irrsinn ist nur noch mit Humor erträglich!

Alexander Schilling / 06.01.2020

@Wolf von Fichtenberg: “um papiernern im Blätterwald der Nichtigkeit zu sterben”—Jedwede Broschüre “be green” bedeutet doch zunächst einmal nichts anderes, als: Fälle einen Baum, stelle daraus ein paar von den Druckerzeugnissen her, die ihre Lesergemeinde dazu auffordern, einen Baum zu pflanzen!—Wir brauchen das tatsächlich nicht; das Blättchen, wie es hier skizziert wurde, erinnert von Ferne an den Opel “Manta”—und dieser wurde, unter tatkräftiger Mitwirkung seiner stolzen Eigentümer, bekanntlich sehr schnell zu dem, was er letztendlich dann geworden ist…

U. Unger / 06.01.2020

Moin Herr Buurmann, schön mitschreiben. Dann brauchen Sie für Apokalypse WOW II - XII nicht zu recherieren. Die neuesten Terminansagen zum Weltuntergang könnten Ihr Lebensthema werden. Effizient und zeitlos dank Brigitte Abo. Ich schmeisse auch eins raus: “Teiluntergang Europas, ab dem 01.02.2020.” Nebenbei die Prognose, dass es diesem hippen Brigitte “heule Welt Magazin” nicht auffallen wird, dass in wenigen Wochen keine Spitzenuniversität unter den 25 der 100 führenden der Welt mehr zur EU gehört. Ich persönlich bin froh, dass die Damen an diesen Universitäten in Ruhe und ohne Interviewanfragen von “Bigotte be green” sich ernsthaft einer wissenschaftlichen Karriere im klassischen Sinn widmen können. Die Verbalversatzstücke, die Frau Stockmann vorstellt, lassen erahnen, was für ein Trash wohl Inhalt der nächsten Hefte sein wird. Wie gerne würde ich mal ein Liveinterview mit einer Schreiberin dieses Heftes führen. Es hat den Anschein, als käme auf den Wunsch nach begrifflichen Definitionen wenig rational nachvollziehbares heraus. “Wir müssen Effizienz und Zeit neu definieren!” Geht das? Naturwissenschaftlich, Ökonomisch? “Die Wahrheit hört niemand gern!” Darum lüge ich mal:” Von den jungen hippen Leserinnen dieses Ökuspokusmagazins wird in den nächsten 15 Jahren garantiert keine ein Studium im angloamerikanischen Sprachraum erfolgreich abschließen.” Heureka: Effizienz und Zeit sind bedingt definierbar, sofern man so verblödet ist, die Welt in egozentrischer Idiotie zu erklären. Ich hätte nie geglaubt, wie schnell es mit den von Prof. Heinsohn angekündigten Kompetenzfestungen und Ihrer Herausbildung gehen wird. Ich bin dabei, ab Februar…...Amerika, GB, Kanada, Australien, China, Japan, Südkorea…..(n. Heinsohn).

Martin Stumpp / 06.01.2020

Grüne und antikapitalistisch, das finde ich lustig. Die ganze Klima-Hysterie in Deutschland hängt unter anderem damit zusammen, dass viele Grüne und ihre Wähler ihr Geld in Unternehmen gesteckt haben, die sogenannte nachhaltige Produkte herstellen insbesondere Windräder. Jetzt haben diese mit den Solarpanels bereits Schiffbruch erlitten und viel Geld verloren. Jetzt droht den Investitionen in Windräder dasselbe Schicksal. Und diese Investitionen gilt es zu schützen. Es gibt natürlich auch die Dummen bei den Grünen, die wie Baerbock an stromspeichernde Leitungen und Kobolde glauben, ein Habeck weiß das aber sicher besser. Ist es nicht interessant, wie die Grünen für Windräder kämpfen, obwohl diese doch für alles stehen, was die Grünen früher bekämpft haben. Verschandelung der Landschaft, abholzen von Bäumen, Zerstörung ökologisch wertvoller Lebensräume sinnloses abschlachten von Vögeln, Fledermäusen und Insekten. Da kann nur Profitgier dahinterstecken, denn um zu glauben, dass Deutschland allein die Welt retten kann, muss man wirklich debil sein.

Rolf Lindner / 06.01.2020

Frau Stockmann, haben Sie auf das Impressum dieses Heftes geschaut? Vielleicht ist es in Wirklichkeit die Ausgabe eines Satiremagazins oder sogar eines “rechtspopulistischen” Blogs wie achgut oder Tichys-Einblick. Sie verstehen sicherlich, warum?

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