Von Matthias Guericke.
Václav Havel hat in seinem Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ von 1978 die Rolle der Ideologie in dem (von ihm so bezeichneten) posttotalitären System der sozialistischen Staaten des Ostblocks anhand eines Gemüsehändlers erklärt, der in sein Schaufenster zwischen Zwiebeln und Möhren das Spruchband „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ gehängt hat. Der semantische Inhalt des Spruchbands ist dem Gemüsehändler gleichgültig, die Parole ist nur ein Zeichen, mit dem er zeigt, dass er weiß, was er zu tun hat, dass auf ihn Verlass ist und dass er deshalb ein Recht auf ein ruhiges Leben hat. Es ist ein Loyalitätsbekenntnis, das dem Gemüsehändler umso leichter fällt, weil es auf der Textoberfläche auf eine höhere Ebene der uneigennützigen Überzeugung hinweist: Damit er sich nicht durch das gehorsame Aufhängen des mit den Zwiebeln und Möhren vom Betrieb mitgelieferten Spruchbandes gedemütigt fühlt, ist es wichtig, dass er sich sagen kann: „Warum sollten sich eigentlich die Proletarier aller Länder nicht vereinigen?“ Das „Höhere“ ist die Ideologie, hinter der die Unterwerfung unter die Macht und die Macht versteckt werden.
Havel und WIR
„Was spricht eigentlich dagegen, sich für Toleranz, Respekt und Zusammenhalt stark zu machen und für Vielfalt und Demokratie einzustehen?“ können sich jetzt auch die Menschen in Halle (Saale) sagen, die aufgerufen sind, sich an dem vom 21. September bis 9. November stattfindenden WIR-Festival zu beteiligen. Und auch hier sind die Ladenbesitzer aufgerufen, ein öffentliches Bekenntnis abzulegen, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Es ist ganz einfach: Sie müssen nur eine Sprechblase mit dem Wort "Wir" in ihr Schaufenster kleben und ein Verb hinzufügen: „Wir lesen“. „Wir sprechen“. „Wir stricken“. „Wir schauen“. „Wir kochen“. „Wir backen“. „Wir essen“. So gesehen im Stadtbild. Noch nicht gesehen, aber auch möglich: „Wir trinken“. „Wir schrauben“. „Wir bestatten“.
Jeder Ladenbesitzer, der das macht, nimmt an einem großen Festival teil, das die Literatur feiere, behaupten die Erfinderinnen des WIR-Festivals. Denn: „Literatur kann gelesen werden, gehört, gesungen, gespielt, getanzt, geschrieben, gemalt, gesprayt, gehäkelt, gestrickt, gebacken und vieles mehr.“
Wenn eine Bäckerei Literatur „backen“ und ein Feinkostladen Literatur „essen“ kann, dann ist Literatur alles und - nichts. Der Vorteil dieser Sinnentleerung liegt auf der Hand: Jeder kann mitmachen, selbst der, der Lesen hasst. Und das ist wichtig, denn „wir möchten zeigen, dass wir mehr sind“ (so eine der beiden Initiatorinnen des WIR-Festivals). Es geht um Selbstvergewisserung einer Mehrheit, die sich von einer Minderheit Andersdenkender bedroht fühlt.
Bücher als Feinde
Das WIR-Festival „ist eine Reaktion auf die für den 8. und 9. November in Halle geplante rechte Buchmesse ‚Seitenwechsel‘, die vom Buchhaus Loschwitz aus Dresden veranstaltet wird. Dessen Leiterin Susanne Dagen hat enge Kontakte in rechte Kreise.“ So erklärt es uns der Mitteldeutsche Rundfunk und mehr muss dazu auch nicht gesagt werden, denn dass „Kontakte in rechte Kreise“ etwas ganz Verwerfliches sind, ist für das Wir selbstverständlich.
Das Wir möchte einerseits „Toleranz, Respekt und Zusammenhalt stark machen“ und „für Vielfalt und Demokratie einstehen“, andererseits möchte es aber gegenüber „rechten Kreisen“ keine Toleranz und Respekt zeigen oder sie als Teil der Vielfalt in der Demokratie verstehen. Rechts = rechtsextrem und deshalb beklagt das Wir auch, dass es „in Zeiten“ leben muss, „in denen rechtsextreme Stimmen ihre eigene Buchmesse veranstalten dürfen“.
Das Beste wäre also, wenn Susanne Dagen die Buchmesse gar nicht veranstalten dürfte, wenn sie verboten würde, oder wenn sie wenigstens „aufgrund des öffentlichen Drucks auf den Messebetreiber abgesagt“ würde (so die andere Initiatorin). Dabei versteht sich das Wir aber selbstverständlich als Anwalt der Meinungsfreiheit. „Wir wollen alle Meinungsfreiheit“, sagt die Festivalinitiatorin. „Es braucht aber keine Messe Seitenwechsel, um Meinungsvielfalt darzustellen.“
Das Wir ist also für Meinungsfreiheit, es ist aber der Meinung, dass es ausreicht, wenn nur es selbst seine Meinung äußert. Wer nicht zum Wir gehört, soll wenigstens schweigen und schon gar nicht eine Buchmesse veranstalten. Da schon das Wir die Vielfalt verkörpert, gibt es für die nicht zum Wir Gehörigen keinen legitimen Ort mehr in der Gesellschaft. Für das Wir ist Freiheit nicht die Freiheit der Andersdenkenden.
Es gibt nur uns
Die kognitive Dissonanz, die sich das Wir mit seinem Verständnis von Meinungsfreiheit zumutet, muss allerdings gemildert werden. Das geht, indem man behauptet, dass die anderen nur Lügen, Hass und Hetze verbreiten. Noch sind nicht alle Aussteller bekanntgegeben worden, die Initiatorin des Festivals hat aber bereits alle Bücher, die auf der Buchmesse präsentiert werden, überprüft und kann deshalb die Buchmesse mit dem Diktum, „die Verbreitung von Lügen, Hass und Hetze habe nichts mit Meinungsfreiheit zu tun“ verurteilen.
Zur Eröffnung des Festivals am 21. September wurde auf den Marktplatz in Halle mit Kreide ein riesiges Wir gemalt und mit Bildern und Schrift ausgefüllt. Ein Foto davon auf der Website des Festivals zeigt den mit Kreide auf dem Pflaster geschriebenen Satz: „ES Gibt NUR UNS“. Dies ist die Essenz des Denkens des Wir. Um die anderen, die es irgendwie doch gibt, wegzudenken, wird ein Festival der Autosuggestion veranstaltet, mit dem sich das Wir einzureden versucht, dass es das Ganze, nicht nur ein Teil ist.
Doch wie kann das gelingen? Wenn ein Fünftel der Läden in der Stadt (es sind weniger) ein „Wir“ ins Schaufenster klebt, haben sich dann vier Fünftel gegen das Wir entschieden? Oder kann das Wir davon ausgehen, dass vier Fünftel stille Sympathisanten sind, die sich nur aus Trägheit nicht um eine Wir-Sprechblase gekümmert haben? Wie immer es sich die Veranstalterinnen zurechtlegen mögen – das Festival teilt die Stadt in zwei Teile: einen Teil, der sich zum Wir bekennt und einen, der es nicht tut. Die Veranstalter möchten zeigen, „wie stark Gemeinschaft in Toleranz und Vielfalt strahlen kann“ – was sie tun, ist die Stadt aufzuspalten.
Das Bekenntnis ist das Festivalprogramm
Das WIR-Festival ist nicht nur eine Schaufensterkampagne. Jeder ist aufgerufen, eine Veranstaltung für das Festival anzumelden, sei es Lesung, Konzert, Theateraufführung, Filmvorführung, Podiumsdiskussion etc. Der Clou ist: Die Veranstaltung muss nicht eigens für das Festival geplant worden sein. Auch Veranstaltungen, die ohnehin stattfinden, kann das Wir-Label aufgeklebt werden.
Und so sieht es dann auch aus: Von „Wir gärtnern in den bunten Beeten“ (eine Veranstaltung der Gemeinschaftsgärten „Bunte Beete“) über „Rundgang auf den Spuren orthodoxer Christen: Religiöse Vielfalt in Halle im 18. Jahrhundert“, das Kabarettprogramm „Die Komiklinik“, Konzert mit dem Projektchor „CHORios“ und „Pimp your book“ mit der Buchklasse der Kunsthochschule Burg Giebichenstein bis hin zu einem Bibelleseabend in der Pfarrei St. Mauritius und St. Elisabeth („Wir schauen gemeinsam in das Evangelium des nächsten Sonntags und tauschen uns darüber aus.“) Und auch das: “Kürbisse schnitzen und Suppe kochen“ (am 23. Oktober in der Lernwerkstatt, Franckestr. 1). Auch Veranstaltungen an anderen Orten – die räumliche Entfernung von Halle spielt keine Rolle – können als Teil des Festivalprogramms angemeldet werden. Alles ist Teil des WIR-Festivals und damit eine Reaktion auf die Buchmesse Seitenwechsel.
Eine endliche Inszenierung
Die Buchmesse Seitenwechsel wird am 8. und 9. November unbeeindruckt von den sinnleeren Sprechblasen des WIR-Festivals stattfinden. Die Konstrukteure des Wir werden feststellen müssen, dass Autosuggestion und magisches Denken nicht geholfen haben. Sie haben die anderen nicht zum Verschwinden gebracht. Der Satz „Es gibt nur uns“ spricht keine Wahrheit aus.
Danach werden, nach und nach, die Sprechblasen von den Schaufensterscheiben verschwinden. Die große Selbstfeier des Wir und – immerhin! – die sichtbare Teilung der Stadt in Wir und Nicht-Wir endet. Ein schaler Nachgeschmack für diejenigen auf der Seite des Nicht-Wir wird bleiben. Manche, die sich für das Wir einspannen ließen, werden erahnen, dass Toleranz, Respekt, Zusammenhalt und Vielfalt nur ideologische Phrasen waren, hinter denen sich der triviale, unerfreuliche und vollkommen unliterarische Kampf gegen abweichende Meinungen und Ideen versteckte, die das Wir meint, nicht aushalten zu können. Mehr wird nicht passieren. Bis zum nächsten Mal.
Matthias Guericke ist Mitglied des Netzwerkes KRiStA („Kritische Richter und Staatsanwälte“).
Redaktioneller Hinweis: Achgut wird am 8./9.11.2025 mit einem Stand auf der Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle vertreten sein und dort Bücher aus der Edition Achgut anbieten. Am Sonntag 9.11.25 um werden Gunter Frank zusammen mit Martina Binnig und Kay Klapproth ihr Buch „Der Staatsverrat; Corona als Vorbote des Totalitären: Wie Deutschland aufgelöst wird“ vorstellen. Um 11.15 Uhr in Raum 4. Sie können das Buch hier schon vor bestellen
So neu ist dieses ‚Wir‘ nicht. Schon der königlich bairische Landtagsabgeordnete Josef Filser hatte vor 150 Jahren erkannt: M(W)ir san die Bleederen, aber die Mehreren!‚
Alles sehr gut erkannt. Hervorragender Artikel. Chapeau. „Es geht um Selbstvergewisserung einer Mehrheit, die sich von einer Minderheit Andersdenkender bedroht fühlt.“ Die gabs hierzulande nicht nur schon immer. Vor noch nicht einmal 100 Jahren sind die schon mal besonders laut geworden. Was die dann getan haben, sollte jedem bekannt sein. Und das wollen die jetzt auch wieder tun. Und sie suchen verzweifelt nach einem Weg, es irgendwie wieder hinzubekommen, ohne dafür harte Backpfeifen kassieren zu müssen – denn davor haben die unglaublich viel Schiss.
„Wir marschieren im Gleichschritt“
könnte man ja auch plakatieren…..
Das Wir benötigt natürlich eine Nacharbeit. Läden und Unternehmer, die nicht dabei waren, müssen sich fragen lassen, ob man bei Ihnen
noch einkaufen darf oder mit denen Geschäfte macht. Aktivisten könnten in Halle die Straßen ablaufen und entsprechende Listen abgleichen. Im Internet kann der zukünftige korrekte Bürger vorher überlegen, bei welchem Bauern oder Metzger er einkaufen will. Also die positive Umkehrung vom: Kauft nicht bei den…..
Und der Kater war Herr im Hause, und die Henne war die Dame, und immer sagten sie: „Wir und die Welt!“ Denn sie glaubten, daß sie die Hälfte seien, und zwar die bei weitem beste Hälfte. Das Entlein glaubte, daß man auch eine andere Meinung haben könne, aber das litt die Henne nicht.
„Kannst Du Eier legen?“ fragte sie.
„Nein!“
„Nun, da wirst Du die Güte haben, zu schweigen!“
Und der Kater fragte: „Kannst Du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?“
„Nein!“
„So darfst Du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute sprechen!“
(Aus: Hans Christian Andersen, Das hässliche junge Entlein)
Das fiel mir spontan ein, als ich diesen Artikel las. Zum Thema „wir“ und zum Thema „Meinung“. Jeder weiß, wie die Geschichte weiterging: aus dem armen Entlein, das von allen geknufft und gebissen wurde, ist ein stolzer Schwan geworden.
Wegen diesem ominösen „Wir“ sollte man auch die Fernsehlotterie boykottieren, die ins selbe Horn stößt (Das Wir gewinnt), und weit über das hinaus geht, was ursprünglich das Ziel war: Hilfe für Behinderte. Inzwischen heißt es: Neue Förderaktion „Zeichen setzen! Für mehr Respekt und Vielfalt“ (Wer verlangt ständig „Respekt“? Unsere migrantischen Freunde, obwohl sie uns keinen entgegenbringen), zählen die neuerdings zu den Behinderten?, SPOT ON: Konflikte im Kiez konstruktiv lösen, Wie kann man im Alltag mit Rassismus oder Sexismus umgehen? Was tun, wenn man mit Behindertenfeindlichkeit oder Transfeindlichkeit konfrontiert wird? (==>Was für ein Interesse hat Aktion Mensch an Transpropaganda?) Hier werden meines Erachtens unterwürfig Parolen übernommen, dubiose Ziele verfolgt und mit Millionen gefördert, die man durchaus in Frage stellen kann. Übrigens hat auch die Geschichte mit „JurassicaParka“, bekannte Berliner Vorzeige-Transe und überführter Kinderporno-Nutzer und -Verbreiter, der noch kürzlich in Kindergärten die bekannten Transen-Lesungen vornahm, vollinhaltlich alle Bedenken bestätigt, die seinerzeit geäußert und von Aktivisten und Unterstützern aufs Schärfste bestritten wurden. Nach dem Bekanntwerden der Tatbestände begannen selbige sofort mit Absetzbewegungen und Distanzierungen, wie es bei diesen feigen S…. nicht anders zu erwarten ist. Vermutlich werden wir bald hören: Bedauerlicher Einzelfall, auf Schärfste verurteilt, darf nicht verallgemeinert werden, darf nicht von Rechten instrumentalisiert werden, und ist im Übrigen nur Hass und Hetze gegen die Bewegung LGBTetcpp. Und sie hören nicht auf: heute auf TICHY==> SEXUALISIERUNG STATT SCHUTZ
Elternprotest gegen Sexualkonzept von katholischer Kita in Schwäbisch Hall.
Die killing fields in Kambodscha waren doch eine linke Gesellschaftsidee, oder? Initiiert von ihren chinesischen Klassenbrüdern. Wer hat den Massenmördern noch mal zugejubelt? Wer hat die Mao-Bibel zu hause gehabt? Wer hat in Entebbe schon mal wieder Juden und Nichtjuden separiert? Die grünen Gesinnungsgenossen! Joschka Fischer und Co. „Und wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen, ich bin der Faschismus. Er wird sagen, ich bin der Antifaschismus!“ zugeschrieben Ignacio Silone, italienischer Partisanenführer.