Henryk M. Broder / 02.10.2016 / 09:15 / Foto: Texcoco / 21 / Seite ausdrucken

Willkommenskultur: Es geht um das Image deutscher Produkte

Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Ingo Kramer, hat der Passauer Neuen Presse ein Interview gegeben, in dem er über ein Nachlassen der „Willkommenskultur“ klagte, für die wir „im Ausland gefeiert wurden“. Es könnte der „Eindruck“ entstehen, „dass der Fremdenhass stärker ist als die Willkommenskultur“; das wiederum „könnte unter anderem dazu führen, dass das Image deutscher Produkte leidet und die Investitionsbereitschaft zurückgeht“. Für die gekippte Stimmung seien Politiker verantwortlich, „die sich heute gegenüber Flüchtlingen und Fremden in einer Weise äußern, die ihnen vor einiger Zeit peinlich gewesen wäre“.

Vor einiger Zeit wäre es freilich auch dem BDA-Präsidenten peinlich gewesen, ungeniert zuzugeben, dass die „Willkommenskultur“ eine PR-Plattform war, um für deutsche Produkte zu werben und Investoren anzulocken. Die „Flüchtlinge“ waren nur Mittel zum Zweck.

Nun, da sogar die Kanzlerin einräumt, dass es mit der unkontrollierten Zuwanderung ein Problem gibt, schwächelt auch die Willkommenskultur, und das könnte sich zum Nachteil der deutschen Wirtschaft auswirken. Möglich wäre es ja, dass ein Farmer in Texas, der einen Pickup von VW kaufen will, nicht nach den Abgas- und Verbrauchswerten fragt, sondern danach, wie es um die „Willkommenskultur“ in Deutschland steht. Und dass ein Investor in New York wissen möchte, wie weit die Integration der Flüchtlinge in Ludwigshafen gediehen ist, bevor er Aktien von BASF ordert.

Nicht immer waren die Vertreter der großen deutschen Wirtschaftsverbände dermaßen auf den guten Ruf deutscher Produkte bedacht. Erst im Jahre 2000 nahmen sie sich des Themas „Zwangsarbeiter“ an, das sie seit Kriegsende souverän ignoriert hatten, und beteiligten sich an der vom Bund initiierten und mitfinanzierten Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.

Etwa 1.6 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter, vor allem in Osteuropa, bekamen einmalige Abschlagszahlungen zwischen 7.600.- und 530.- Euro, je nachdem, wo und wie lange sie schuften mussten.

Damals sorgte sich niemand um das „Image deutscher Produkte“ im Ausland oder das Wohlwollen der Investoren. Und das Wort „Willkommenskultur“ war noch nicht erfunden.

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

Siehe auch: „Der Ruf unsere Landes droht sich zu verschlechtern“, warnte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). „Gegen Europa, gegen die transatlantische Partnerschaft, gegen Zuwanderung zu sein – das ist Gift für uns als Exportnation“, sagte Grillo. Hier

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Leserpost

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Thomas Thieme / 04.10.2016

Grillo als Mitinitiator der Merkel Asylpolitik sieht sich offenbar in der Offensive zur Vertuschung.Köstlich, wie peinlich die “selbsternannte Elite” agiert.

Birgit Meissner / 03.10.2016

Brilliant Herr Broder, wie immer sehr gut und unterhaltsam auf den Punkt gebracht !

Karla Kuhn / 03.10.2016

Hallo Herr Decke, ich habe neulich geschrieben Prost Malzeit. Als ich meinen Fehler erkannt habe, war er schon gedruckt. Nun war ich zwar mal Künstlerin und habe meine “Malzeit” hinter mir, trotzdem hätte mir dieser Fehler nicht unterlaufen dürfen. Ist er aber und wie Sie sehen , ich lebe noch. Die Zeit ist viel zu stürmisch, um Fehlern nachzulaufen. Der Artikel von Herrn Broder ist wie immer erfrischend und die Leserbriefe sind es ebenfalls.

H. Stiller / 03.10.2016

7600 Euro Abfindung für Zwangsarbeiter - Maximum. Für eine ganze Zwangsarbeiter-“Karriere”. Das ist weniger, als ein unbegleiteter minderjähriger “Flüchtling” den deutschen Staat in zwei Monaten (!) kostet. Da kann man ungefähr die Wertigkeiten erkennen, mit denen unsere menschenfreundlichen Politiker sich dieser Angelegenheiten widmen.

Hjalmar Kreutzer / 03.10.2016

Insbesondere der abgebildete Panzer passt ja hervorragend. Hat jemand irgendwo gelesen oder gehört, dass Saudi-Arabien wegen einer Pegida-Demo diesen Panzer nicht mehr kaufen will?

Werner Liebisch / 03.10.2016

Herr Dippel bringt es auf den Punkt. Das erinnert mich aber auch an Südafrika, da ist die normale Mittelschicht es sogar schon ewig gewohnt hinter hohen Zäunen zu wohnen. Oder in den Staaten an die Gated communities. Das wird hier auch kommen. Das erinnert mich an Mutter Courage. Denn die Aktien der Sicherheitsfirmen, der Rüstungsindustrie steigen und steigen.

Reiner Doderer / 02.10.2016

Kein Mensch kauft irgendwo Produkte eines anderes Landes, sondern Produkte eines Herstellers! Das Produkt und der Preis entscheiden, ansonsten würde bei uns kaum jemand chinesische Artikel kaufen, weil dort ja angeblich die Menschenrechte nicht eingehalten werden. Kaufen wir holländischen Käse weil die Holländer so nett zu ihren Migranten sind, oder gehen wir zu Ikea weil Schweden so viele Flüchtlinge aufnimmt? Dieser Herr Kramer sollte nicht so einen absolut verblödeten Quatsch von sich geben und falls er diesen Blödsinn selber glauben sollte, sofort seinen Posten räumen und besser bei PRO ASYL Sprecher werden. Der gute Mann hat sicher vergessen sein Büro zu lüften, denn so viel gutmenschlicher Irrsinn hat den Raum schon sehr verpestet.

Helge-Rainer Decke / 02.10.2016

@Jacke Berger, ich erlaube mir, Sie zu bitten, etwas an Ihrer Orthographie zu feilen. Sie wollen sich doch von dem “Teil der Gesellschaft” abheben, das “verblödet”.

Uta-Marie Assmann / 02.10.2016

Wieder hervorragend auf den Punkt gebracht, Herr Broder ! Die Herren Kramer und Grillo, Geschäftsführender Gesellschafter der Kramer Gruppe der eine und Miteigentümer der Grillo-Werke der andere, haben ja laut gejubelt über all die einwandernden Fachkräfte. Es würde nun doch sehr interessieren, wie viele der Migranten von diesen beiden Unternehmen eingestellt wurden. Zur ‘Ehrenrettung’ Deutschlands sozusagen.

Michael Tharandt / 02.10.2016

Abgesehen davon, dass der Beitrag sehr, sehr zutreffend analysiert wurde, was könnte man Herrn Kramer vom BDA noch antworten? 1.  Wir werden im Ausland wegen unserer ehemaligen Willkommenstrunk nicht gefeiert, sondern eher mitleidig belächelt. 2.  Wer Flüchtlinge nicht willkommen heißt, der ist nicht automatisch ein Fremdenhasser, sondern jemand, der 1 und 1 zusammenzählen kann, was Sie, Herr Kramer offensichtlich nicht können. 3.  Deutsche Produkte werden im Ausland wegen ihrer Qualität geschätzt und nicht nach Fremdenhass bewertet. 4. Nicht die Politiker sind verantwortlich für die gekippte Stimmung der Willkommenskultur, sondern die Realität holt irgendwann auch die Politiker ein (wobei mancher Politiker ein hoffnungsloser Fall bleiben wird). 5.  Wo, Herr Kramer, sind die von der Industrie versprochenen Stellen, die so dringend für die Integration der Flüchtlinge gebraucht werden? Ist man bei Ihnen jetzt auch fremdenfeindlich geworden, oder liegt es doch am Bildungsstand der Flüchtlinge? Machen Sie sich an Ihre Hausaufgaben Herr Kramer und versuchen Sie nicht, den “Schwarzen Peter” anderen in die Schuhe zu schieben.

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