Volker Seitz / 31.08.2020 / 16:00 / Foto: Michelangelo / 12 / Seite ausdrucken

Willkommen im „Reich des Guten“

Das Reich des Guten entsteht da, wo nicht mehr das kritische Denken und Handeln des Einzelnen gefragt ist, sondern alles für alle per Gesetz verordnet wird. Mit ihm zieht eine Zeit herauf, in der jede Interaktion und jeder Gedanke reglementiert sein werden – und in der kein Platz mehr für individuelle Haltungen, für Geschmäcker und Vorlieben ist, in der nicht mehr an unpassender Stelle gelacht, eine Zigarette zu viel geraucht oder ein Glas Wein über den Durst getrunken werden wird. 

Der in Deutschland kaum bekannte französische Philosoph, Essayist und Schriftsteller Philippe Muray (1945–2006) schrieb seinen Essay „Das Reich des Guten“ über die französische Gesellschaft der frühen 1990er Jahre. „Die Ideen von Philippe Muray verdienen Verbreitung, sehr viel mehr als jene der meisten Intellektuellen und auch mehr als meine“, sagte Michel Houellebecq 2016 in seiner Frank-Schirrmacher-Preis-Rede. 

Wer die aktuellen Debatten um die moralische Besserwisserei verstehen möchte, sollte zu diesem kürzlich bei Matthes & Seitz auf Deutsch erschienenen Buch greifen. Murays unverschnörkelte Sprache ist heute selten. 

Einige Highlights aus dem Buch: 

Die demokratische Basis der neuen Tyrannei erlaubt jetzt schon, jeden, der besagte Tyrannei zu problematisieren wagt, an die äußersten Ränder der Gesellschaft zu verbannen. Künftig lautet die einzig richtige Frage, ob es noch möglich ist, nicht alles rigoros zu verbieten.“ (S. 53) 

„So sichert sich das System seine ‚geistige‘ und ‚moralische‘ Macht. Mithilfe schneller und öffentlicher Polizeieinsätze in seinem Inneren beruhigt es die Zuschauer hinsichtlich seiner eigenen Integrität und macht die angeblich uns zuliebe selbstauferlegte totalitär-hygienische Überwachungspflicht tagtäglich unentbehrlicher." (S. 58) 

„Die Neue Weltordnung wacht über die allgemeine Zufriedenheit. Von der Utopie eines Universums, in dem nur noch Freundlichkeit, Zärtlichkeit und gute Absichten herrschen, sollte man eigentlich eine Gänsehaut bekommen: der erschreckendste, weil realisierbarste aller Träume. Aber nein, niemand scheint ihn zu fürchten. Mit Gesetzen in den einzelnen Ländern, mit Polizeieinsätzen auf der ganzen Welt greift das Programm mit rasanter Geschwindigkeit um sich.“ (S. 66) 

Er zitiert Sade („Die Philosophie im Boudoir“): „Die Wohltätigkeit ist viel eher ein Laster des Stolzes als eine wahre Tugend der Seele ... Durch Zurschaustellung verschafft man den anderen Erleichterung, nie durch bloße Absicht, Gutes zu tun.” (S. 68) 

„Die wirklich grausame, wirklich reale Geschichte über die Varianten der Wohltätigkeit mit ihren Fluten, Krisen, Komödien sanfter oder rasender Torheit wird so schnell nicht gedruckt werden, man brächte ja die ganze Welt gegen sich auf.“ (S. 80) 

„Das Leben ist kurz, Geschäft ist Geschäft: Damit das Geld aus den Tresoren sprudelt, muss mindestens, und zur Primetime, ein Leichentuch gelupft, den Fernsehzuschauern ab und zu ein frisch verhungertes somalisches Baby gezeigt werden.“ (S. 82) 

Über Moral zu reden, verpflichtet zu nichts! Das verschafft einem Ansehen, verbirgt einen. Alle Mistkerle sind Prediger! Je ausgekochter, desto gesprächiger! Ich werde nie müde, diese Passage aus Mea Culpa [Louis-Ferdinand Céline: „Mea Culpa“, 1937] zu zitieren.“ (S.102) 

Muray sah den Moralismus von heute schon in den 1990er Jahren vorher. Sein Zorn richtet sich vor allem gegen einen Moralismus, der jegliche Abweichung von den selbst gesetzten Standards des Guten ahndet.

 

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe erschien im September 2018. Drei Nachauflagen folgten 2019 und 2020. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

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Wirsam, Dietmar / 31.08.2020

Sehr geehrter Herr Seitz, ein wundervoller Beitrag. Hier in Dunkeldeutschland(Sachsen, hat wohl ein gewisser Gauß oder Graus? gesagt) war die Bevölkerung schon immer etwas renitenter als der Rest des Landes. Das kennt man noch aus der sog. “DDR”. Es beruhigt mich etwas, daß ich viele Meinungen aus der Bevölkerung höre(durch beruflich bedingte Kontakte), die mir die Hoffnung vermitteln, daß die Bevölkerung nicht so blöd ist, wie die Obrigkeit hofft. Leider steigt aber überall dort, wo Linke etc. dominieren, der Grad der Dummheit parallel zum Grad einer gewissen politischen Anschauung. Ist das jetzt politischer Rassimus ? Freundliche Grüße

Hans-Peter Dollhopf / 31.08.2020

Correctiv: statt “hatte wolle” bitte “wolle hatta!”

Frances Johnson / 31.08.2020

Nachtrag zu gestern: In Mozambique gab es in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 35,136 ernste Malariaerkrankungen, es starben daran 365 Patienten. Laut JohnsHopkins gab es in dem Staat bis jetzt 3.821 Coronavirus-Positive, es starben 23. Nigeria: Für dieses Jahr keine genauen Zahlen bisher gefunden. Ansonsten: “Malaria is a risk for 97% of Nigeria’s population. ... There are an estimated 100 million malaria cases with over 300,000 deaths per year in Nigeria. This compares with 215,000 deaths per year in Nigeria from HIV/AIDS.” Etwas über 54.000 Coronaviruspositive, etwas über 1000 Tote im gleichen Land. w-on: “Die Corona-Pandemie hat laut den UN in vielen Ländern zu Unterbrechungen bei der medizinischen Versorgung von Patienten geführt. Laut einer Studie hätten mehr als 90 von 105 Staaten von März bis Juni Corona-bedingte Behandlungsausfälle und andere Probleme im Gesundheitswesen verzeichnet, teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Montag in Genf mit.” Die EU will ärmere Länder, also z.B. Afrika, mit einer erklecklichen Summe für eine Impfung gegen Co19 unterstützen. Hier scheint mir völlig der Maßstab verloren gegangen zu sein. M.f.G.

Hans-Peter Dollhopf / 31.08.2020

Herr Seitz, danke für diese Referenz auf die allgemeingültige Profitabilität und Erbaulichkeit einer Lektüre meisterlicher Prophezebilität, von welcher hier im Falle von Philippe Muray die .de sprak-Wokepidiotistas bis DaTo nicht mehr zu verscripten ToDo wussten als “er verstarb am 2. März 2006 an Lungenkrebs.” Nu denne! Schon jetzt tut mir vor lauter Intellitilität der Kopf oh weh, den ich ursprünglich für den Survival Lockdown Over The Unfitties beim alternativlos-apokalyptischen “Wir schaffen das”-Szenario aufgehoben hatte wolle!

Max Wedell / 31.08.2020

“Muray sah den Moralismus von heute schon in den 1990er Jahren vorher.” Man könnte allerdings auch sagen, daß Céline ihn schon 1937 vorhersah: Mit so wenigen Worten das vielschichtige Phänomen des moralisierenden Gutmenschen so treffend zu erklären ist einfach genial.

Gudrun Meyer / 31.08.2020

Eine zentrale Tatsache erwähnt Muray zumindest in diesen wenigen Zitaten nicht: das Gut-Sein gibt der herrschenden Minderheit - Politikern, Polit-Aktivisten, Journalisten - das Recht, absolut verantwortungslos über die beherrschte Mehrheit zu walten. Diese Mehrheit muss in ständiger Selbst-Unsicherheit, besser noch in ständigem Schuldwahn und Selbsthass leben. Die Obrigkeit verabscheut die Untertanen, von denen sie parasitiert, als radikal fremdartige, stets für das Böse anfällige Wesen. Zur Zeit wird dieses Böse “rechts”, “rassistisch” und/oder “corona-leugnerisch” genannt und die Obrigkeit gibt vor, an einen “Rechtsruck” zu glauben, den sie seit 50 Jahren predigt. Dass alle Mistkerle Prediger sind, ist richtig, aber viel gefährlicher sind Prediger, die völlig unbewusst Mistkerle und -innen sind. Heuchelei ist schlimm, aber reflektiert. Der Glaube an die eigene Mission und den nötigen “Kampf” gegen die “Rechten” da unten ist schlimmer.  Natürlich besteht die “rechte Gefahr” nur innerhalb der verachteten plebs, über die man herrscht - die AfD und selbst die Werte-Union gelten ja als Teile dieser plebs. Die machtlosen Autochthonen, aber auch gut integrierte Migranten, sollen wirklich daran glauben und sich selbst noch mehr dafür verabscheuen, dass sie, d.h. wir, es der Führungsetage nie gut genug machen können. Eine Mischung aus etwas Zynismus und viel echtem Glauben an die vorherrschende Ideologie seitens der Obrigkeit ergänzt sich zum Schaden des Volkes mit der Untertänigkeit, die diese ewig schuldige Bevölkerung ihren/unseren Herrschaften schuldet. Kurzgefasst: Die da oben sind GUT. Die da unten sind BÖSE, müssen also zum GUTEN hin gehirngewaschen werden. Für normale Menschen ist unbegreiflich, wie sehr totalitäre und halbtotalitäre Herrscher auf dem Kniefall auch des machtlosesten Menschen im Würgegriff ihres Systems bestehen. Das Ganze ist dann zwar immer weniger ein demokratischer Rechtsstaat, aber dafür eine liberale Demokratie in Reinkultur.

Harald Unger / 31.08.2020

Vor einigen Wochen musste “The Federalist” ihren Leser-Kommentarbereich schließen. Auf Verlangen von Google. Dort hatte man moniert, daß The Federalist Kommentare ohne vorherige Prüfung freischalte. Falls man der Anweisung nicht nachkomme, würde man die Publikation vom Anzeigengeschäft ausschließen. - - - Das von Google angeführte GAFAT Kartell ist ein Herz und eine Seele mit der CCP. Deren totalitäre Ideologie und Machtausübung, die sich “Das Zeitalter der Harmonie” nennt, ist das vom GAFAT Kartell geteilte Zukunftsmodell des Feudal-Absolutismus, der sich heute Globalisierung nennt und marxistisch gibt. - - - Das in den 90ern begonnenen Zeitalter des Internet, ist dabei zum totalitären Instrument der lückenlosen Überwachung, Gedanken- und Sozialkontrolle mutiert, mit der Folge einer unfassbaren Infantilisierung der westlichen Gesellschaften, was in die heute herrschende, selbstverschuldete Unmündigkeit führte. - - - Philippe Muray hat es zu einer Zeit vorhergesehen, als sich bei mir lediglich eine vage, noch ungerichtete Ahnung einschlich, daß etwas nicht stimmte. War er der letzte Intellektuelle im Westen Europas?

Rupert Reiger / 31.08.2020

Ob man nun in den zehn Geboten liest „Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen“, oder ob man die Geistesgifte des Buddhismus liest, als da wären „Dummheit/Verblendung, Hass und Gier“, wobei die Gier als Steigerung den Neid, als Gier nach etwas was einem anderen gehört beinhaltet, stets wird der Neid als eine wesentliche Ursache für das Schlechte in der Welt gesehen. Und was die Dummheit/Verblendung betrifft: Je dümmer einer ist, desto mehr reißt er das Maul auf und dessen simple Aussagen haben den Vorteil, dass eine empfängliche Mehrheit sie gut aufnimmt. Ob wir nun über das, was in der Welt geschieht, von Aktivisten, Journalisten und Politikern lesen oder sie im Fernsehen diskutieren hören, es werden immer gutmenschliche Argumente wie der Klimawandel instrumentalisiert. Man ist froh diese Argumente zu haben, denn die immer präsenten „Dummheit/Verblendung, Hass und Gier/Neid“ sind nie ein Thema. DIESE GENERALLÜGE DEFINIERT DEN GUTMENSCHEN! Jedoch so ergibt sich nie eine Lösung, da alles am tatsächlichen Grund des Neides vorbei läuft!! Im Gegenteil, vielmehr noch liefert der moralische Vorschub, nicht mal für sich selbst sondern als Religion vorgeschobenen Fühlens für andere und die Welt zu handeln, dann die moralische Grundlage zu radikalem Handeln. Das ist dann das durchtrieben-vermeintlich Gute, welches den bösen Grund verdeckt. Ist nun aber, mit dem Hass und der Dummheit, der Neid ein Hauptgrund für das Schlechte in der Welt, kann aber als Grund nicht auf den Tisch kommen sondern nur Ersatzargumente, dann kann keine Diskussion auf den Grund kommen, muss also ins Leere stoßen! Warum nicht dazu stehen? Nietzsche meint in seiner Umwertung der Werte: Neid schadet nicht, wenn es zu Ehrgeiz führt, schadet aber schon, wenn es zum Diebstahl des Sozialismus führt. Denn dann werden durch die Politik zur Erlangung der Macht diejenigen instrumentalisiert, die aus Neid gut dafür taugen. Denn es geht auch den Gutmenschen nur um eines: Es geht immer ums Geld.

Rupert Reiger / 31.08.2020

Hilfe unterwirft ! aus Jenseits von Gut und Böse, Friedrich Nietzsche 1886: Unter hülfreichen und wohlthätigen Menschen findet man jene plumpe Arglist fast regelmässig vor, welche sich Den, dem geholfen werden soll, erst zurecht macht ! : als ob er zum Beispiel Hülfe “verdiene”, gerade nach ihrer Hülfe verlange, und für alle Hülfe sich ihnen tief dankbar, anhänglich, unterwürfig beweisen werde (Einfügung: und sie wählt), - mit diesen Einbildungen verfügen sie über den Bedürftigen wie über ein Eigenthum, wie sie aus einem Verlangen nach Eigenthum überhaupt wohlthätige und hülfreiche Menschen sind.

Dr. Joachim Lucas / 31.08.2020

In Samuel Butlers Werk “Erewohn” (Anagramm von Nowhere) von 1872 beschreibt er ein Land, in dem die bürgerlichen Grundsätze konsequent in ihr Gegenteil verkehrt sind: Verbrecher werden wie Kranke behandelt, die wirklich Kranken (oder Schwachen!) ausgestoßen. Ungeborene werden nach Gutdünken abgetrieben, Kirchen wie Banken geführt, Maschinen als Unterjochungswerk stillgelegt, und das Erziehungswesen gipfelt in der Einrichtung von “Hochschulen der Unvernunft”. Da erkennt man ebenfalls einiges, was sich in diesem Land unter dem linksgrünen Diktat falsch entwickelt hat. Allen Schwachsinn, der hier in D getrieben wird, konnte er sich bei aller visionären Vorstellung dann aber doch nicht vorstellen.

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