Thilo Schneider / 28.04.2020 / 15:30 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 74 / Seite ausdrucken

Willkommen auf der „Deutschland“

Stellen Sie sich – natürlich derzeit rein theoretisch – vor, Sie würden eine Kreuzfahrt machen. Sie haben gebucht und brav den Reisepreis bezahlt und als Sie morgens zum Frühstück wollen, erreicht Sie über Lautsprecher eine Durchsage: „Liebe Passagiere. Wir haben einen Notfall. Bitte bleiben Sie in Ihrer Kabine.“ Ende der Durchsage.

Sicher würden Sie zuerst einmal in der Kabine bleiben, Anweisung ist schließlich Anweisung und der Kapitän wird für seine Durchsage schon seinen Grund haben. Nach etwa einem Tag in Ihrer Kabine bringt Ihnen ein Steward das Abendessen vorbei. Sicher würden Sie ihn fragen, um welchen Notfall es sich handelt, ob Sie in Gefahr sind und wann Sie die Kabine verlassen können. Als Antwort bekämen Sie in etwa Folgendes: „Der Kapitän hat seine Gründe. Es handelt sich um einen schlimmen Notfall, sonst hätten wir die Maßnahmen nicht ergriffen. Sobald der Notfall aber vorbei ist, dürfen Sie auch die Kabine wieder verlassen.“ Was wüssten Sie nun?

Sie würden spekulieren, Möglichkeiten gibt es viele. Angefangen bei einer schweren, ansteckenden Krankheit eines Passagiers, über eine filmreife Schiffsentführung oder eine wirklich üble Schlechtwetterfront, bis hin zu einem schweren Schaden am Schiff oder der Sichtung eines Eisbergs. Mitten im Mittelmeer. Sicher wüssten Sie nur eines: Sie dürfen Ihre Kabine nicht verlassen.

Sie müssen sich auf den Kapitän verlassen

Am nächsten Morgen bringt Ihnen der Steward das Frühstück, das im Vergleich zu gestern und vorgestern ein deutlich verringertes Format aufweist. „Der Kapitän hat die Speisen rationiert“, würde Ihnen der Steward auf Nachfrage antworten. Auf erneute Nachfrage nach dem Grund für die Maßnahme antwortet der Steward stoisch: „Wir haben einen Notfall.“

Welche Maßnahme würde es rechtfertigen, dass wie auf der „Santa Maria“ die Rationen gekürzt werden? In diesem Moment spüren Sie auch, dass das Schiff gestoppt hat und hören das Rasseln der Ankerketten. Es bewegt sich nichts mehr. Positiv: Sie stellen fest, dass sich die Lage des Schiffes selbst nicht verändert. Sie scheinen nicht zu sinken – wenigstens noch nicht. Das Schiff liegt stabil. Als Ihnen ein Steward das leckere Mittagessen, bestehend aus einem wässrigen Linseneintopf, bringt, fragen Sie erneut nach. Sie wollen wissen, wie die Sachlage ist, wann der Notfall endet und ob Sie helfen können. Sie erhalten, in dieser Reihenfolge, folgende Auskunft: „Wir haben eine unangenehme Situation an Bord, wir geben Bescheid, wenn diese beendet ist, bitte bleiben Sie so lange in Ihrem eigenen Interesse in der Kabine, damit helfen Sie uns am meisten.“

Jeden von uns wird eine derartige Lage früher oder später zuerst in Unbehagen, später in Panik versetzen. Das Schiff liegt still, Ihre Informationen sind rudimentär, Sie müssen sich darauf verlassen, dass der Kapitän des Schiffs weiß, was er tut. Gesichert ist, dass der Notfall so groß ist, dass Sie in Ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt sind und dass es weder vorwärts noch rückwärts geht. Abends erklärt Ihnen der Steward, dass der Kapitän beschlossen hat, Ihnen und den anderen Passagieren etwas Bewegungsfreiheit zu geben. Sie dürfen eine Stunde auf das Unterdeck, wenn Sie eine Schwimmweste tragen und sich nicht mit anderen Passagieren unterhalten. Von dem Angebot machen Sie natürlich Gebrauch, und die Gerüchteküche brodelt. Sie reden selbstverständlich doch mit den anderen Passagieren. Die überwiegende Mehrheit geht davon aus, dass sie sich auf einem Seuchenschiff befindet und der komplette Kahn unter Quarantäne gestellt wurde. Wo Sie sind und wie lange Sie dort sein werden, wissen Sie nicht. Sie können nur vermuten. Nebenbei erfahren Sie auch noch, dass einige Passagiere den Pool auf dem Achterdeck nutzen dürfen, Sie hingegen nicht. Weil Ihr Weg zum Pool weiter ist.

„Unser Schiffskompass und unser Funkgerät sind ausgefallen“

Spätestens nach einer Woche sind nicht nur Sie, sondern auch die anderen Passagiere weichgekocht. Auf dem Unterdeck finden sich Grüppchen, die ganz offen eine Meuterei fordern. Die „endlich wissen wollen, was hier los ist“ und wann das Schiff wieder Fahrt aufnimmt – oder die Passagiere evakuiert werden. Der Kapitän tritt in Begleitung bewaffneter Crewmitglieder auf das Oberdeck und verkündet seinen zornigen Passagieren, dass sie doch bitte Vertrauen haben mögen, er alles Menschenmögliche tut, um die Notlage zu beenden und er die Ausgangserleichterung auch jeden Moment wieder aufheben – oder erweitern könne. Es hinge ganz vom Verhalten der Passagiere ab.

Und als Ihnen am nächsten Morgen der Steward Ihre traurige Scheibe Toastbrot und die Tasse dünnen Kaffee bringt, drücken Sie ihm 500 Euro aus Ihrer Reisekasse in die Hand, damit er Ihnen endlich sagt, was hier eigentlich los ist und um welchen Notfall es sich handelt.

Der Steward steckt das Geld ein, schließt die Türe hinter sich und raunt Ihnen im Vertrauen zu: „Unser Schiffskompass und unser Funkgerät sind ausgefallen und der Kapitän hat weder eine Ahnung, wohin die Reise geht noch wann wir wohin wieder Fahrt aufnehmen. Bis wir dies wissen, bleiben wir da, wo wir sind und sparen Ressourcen. Und hoffen, irgendwie gerettet zu werden.“

Willkommen auf der „Deutschland“.

Foto: Bildarchiv Pieterman

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Frances Johnson / 28.04.2020

Kubicki in der Welt: “Wenn die Kanzlerin sagt, diese Pandemie sei eine demokratische Zumutung, kann ich nur entgegnen: Die fehlenden Begründungen der Kanzlerin sind eine demokratische Zumutung.” Stimme zu.

Thomas Schmied / 28.04.2020

Jetzt drängen sich natürlich weitere Metaphern auf. Es kann ja auch sein, dass der Kapitän den Kahn auf einen Kurs gesteuert hat, der bald alle lieben Passagiere den Zumutungen einer rauen See aussetzt. Damit die lieben Passagiere den falschen Kurs dann nicht dem Kapitän anlasten, spinnt er nun Seemannsgarn von einem riesigen Haifisch namens Corona, der das Schiff in die raue See getrieben hat. Der Hai war´s! Natürlich gibt es Haie - und Haie können gefährlich sein. Doch für den Kurs und somit auch die kommenden Stürme sind der Kapitän und seine Crew verantwortlich. Der Sturm wird hart werden und eher die lieben Passagiere treffen, als den Kapitän und seine Freunde in den obersten Kajüten. Doch all die lieben Passagiere haben dem Kapitän ja auch bis zuletzt zugejubelt, besonders doll sogar, als er sie vor dem bösen Hai in ihren Kabinen versteckt hat. Na denn mal gute Reise, du treues Deutschland! Diese Reise habt ihr selbst gebucht!

Nadja Schomo / 28.04.2020

Mir fallen dazu noch 2 passende Verschwörungstheorien ein, von denen an Bord geflüstert wird. Die eine geht von Piraterie aus, und dass umständlich ein Lösegeld verhandelt wird.  Bei der anderen geht es um Meuterei, und dass eine Bande von entschlossenen Passagieren den Kapitän ausschalten will. Die Mehrheit allerdings hält beides für ganz undenkbar.

Claudius Pappe / 28.04.2020

………. Dr. Beetfort-Marx stelle allerdings sehr deutlich klar, das das Tragen christlicher Symbole wie Kreuze etc. auf Rücksicht Andersgläubiger, strengstens untersagt sei…….

Sirius Bellt / 28.04.2020

Als vorbildlicher Kapitän nimmt er erstmal sämtliche Migranten an Bord, die im Meer in Schlauchbooten rumdümbeln. “Willkommen in Deutschland”.

Claudius Pappe / 28.04.2020

………..der anwesende Schiffpfarrer Dr. Bettfort-Marx wies nochmals auf die Öffnungszeiten der Schiffskapelle hin, die auch muslemischen Gläubigen offenstehe, hin……..

Claudius Pappe / 28.04.2020

………..zum Abschluss des Kapitän-Dinner gibt der Offizier vom Dienst ( der Mann mit der Fliege und dem unkonventionellem Haarschnitt) bekannt, dass die Reise weitergeht, sobald das Schiff 1000 Schiffbrüchige aufgenommen hat……..

Claudius Pappe / 28.04.2020

……...und beim Kapitäns-Dinner gibt es selbstgemachte pürierte Kartoffelsuppe…….vorher stehen alle auf und singen beim Kerzenschein die Internationale und Jean-Claude hebt das Glas und prostet den Gästen zu.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Thilo Schneider / 30.01.2024 / 16:00 / 20

Jahrestag: Die Schlacht von Stalingrad geht zu Ende

Heute vor 81 Jahren ernannte Hitler General Paulus, der mit seiner 6. Armee in Stalingrad dem Ende entgegensah, zum Generalfeldmarschall. Denn deutsche Generalfeldmarschälle ergaben sich…/ mehr

Thilo Schneider / 26.01.2024 / 16:00 / 20

Anleitung zum Systemwechsel

Ein echter demokratischer Systemwechsel müsste her. Aber wie könnte der aussehen? Bei den Ampel-Parteien herrscht mittlerweile echte Panik angesichts der Umfragewerte der AfD. Sollte diese…/ mehr

Thilo Schneider / 18.01.2024 / 16:00 / 25

Neuer Pass für einen schon länger hier Lebenden

Ich will einen neuen Reisepass beantragen. Doch um ihn zu bekommen, soll ich den abgelaufenen mitbringen, ebenso meine Heiratsurkunde und Geburtsurkunde. Warum muss ich mich…/ mehr

Thilo Schneider / 16.01.2024 / 15:00 / 73

Zastrow-FDP-Austritt: „Ich will den Leuten noch in die Augen schauen können“

Holger Zastrow, Ex-Bundesvize der FDP, kündigt. In seiner Austrittserklärung schreibt er: „Als jemand, der in der Öffentlichkeit steht und durch seinen Beruf mit sehr vielen…/ mehr

Thilo Schneider / 11.01.2024 / 14:00 / 64

Was würden Neuwahlen bringen?

Kein Zweifel, die Ampel hat fertig. „Neuwahlen!“ schallt es durchs Land, aber was würden die angesichts der aktuellen Umfrageergebnisse bringen, so lange die „Brandmauer“ steht…/ mehr

Thilo Schneider / 10.01.2024 / 14:00 / 35

Das rot-grüne Herz ist verletzt

Die Leute begehren auf, vorneweg die Bauern. Es wird viel geweint. In Berlin, Hamburg, München und Stuttgart. Aus Angst. Aus Angst, von den Futtertrögen des…/ mehr

Thilo Schneider / 24.12.2023 / 12:00 / 25

Meine Agnostiker-Weihnacht

Herrgottnochmal, ich feiere tatsächlich Weihnachten. Wenn es doch aber für mich als Agnostiker eigentlich „nichts zu feiern gibt“ – warum feiere ich dann? Die Geschichte…/ mehr

Thilo Schneider / 02.12.2023 / 12:00 / 15

Jahrestag: High Noon bei Austerlitz

In der auch „Drei-Kaiser-Schlacht“ genannten Schlacht in Mähren besiegt Napoleon Bonaparte am 2. Dezember 1805, genau ein Jahr nach seiner Kaiserkrönung, eine Allianz aus österreichischen…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com