Michael Wolffsohn, Gastautor / 18.12.2018 / 16:00 / Foto: Pelz / 12 / Seite ausdrucken

Willi Brandts Kniefall und seine absurden Nebenwirkungen

Kanzler Willy Brandts Kniefall im Jahr 1970 hatte absurde Auswirkungen. Seine Jahrhundertgeste am Warschauer Mahnmal für die Opfer des gegen die SS- und Wehrmachtsmörder gerichteten Ghettoaufstands von 1943 hat die Erinnerung an die jüdischen Märtyrer sozusagen entjudaisiert und zugleich polonisiert. Entjudaisierung einerseits und Polonisierung andererseits – das klingt polemisch und überspitzt, ist es aber nicht: Dieser Ghetto-Gedenkort wurde seit dem Kanzler-Kniefall quasi „judenrein“.

Von „Historischen Orten“ sprechen Historiker neuerdings gar nicht mehr so gerne, weil sich jeder seine eigene Bestimmung dieses Begriffs konstruiert. Der Ort, an dem seit 1946 das Ghetto-Mahnmal steht, ist aber tatsächlich ein historischer Ort, denn das Mahnmal steht genau da, wo sich die Ruinen des ausgebrannten Ghettos befanden, wo tatsächlich Historisch-Schreckliches verübt worden war. Das Schreckliche wurde an Juden verübt, weil sie Juden waren, aus keinem anderen Grund. Im Warschauer Ghetto waren Juden zusammengepfercht. Deshalb ist Jüdisches von diesem Ort nicht zu trennen. 

Das ist das Besondere dieses Ortes. Wer dieses Besondere in das Allgemeine überführt, löst das Besondere auf. Genau dies fand damals statt, in der Wahrnehmung und Begründung der politischen Akteure. Noch mehr in den Darstellungen und Erklärungen der Historiker oder Journalisten. Am meisten wohl in der Nachwelt. Zumindest der deutschen. Mit dem Stichwort „Ghetto-Mahnmal Warschau“ verbindet „man“ in Deutschland heute eher Brandts Kniefall als jüdische NS-Opfer, und wenn Opfer, dann ganz allgemein eher Polen als Juden, polnische Juden oder jüdische Polen.

Die Erklärung hierfür ist leicht gefunden: Viele Deutsche und andere Nicht-Polen setzen den Aufstand der Warschauer Ghettojuden aus dem Jahre 1943 mit dem nationalpolnischen Aufstand gegen die deutschen Besatzer vom Sommer 1944 gleich. Willy Brandt selbst, sein Berater-Freund Egon Bahr sowie Ex-Bundespräsident Roman Herzog zählen zu den prominenten Gleichsetzern beziehungsweise Verwechslern. Wenn sogar diese Musterschüler deutscher Politik und deutschen Politikwissens die beiden (leider gescheiterten) Aufstandsversuche verwechselten, kann man weniger informierten Menschen nicht vorwerfen, sie wüssten zu wenig oder nichts. 

Fehlende Grundkenntnisse polnisch-jüdischer Geschichte

Auch aus bundesdeutscher Nachkriegssicht mag dieses Missverständnis nachvollziehbar sein. Es ist allerdings auch ein Zeugnis dafür, dass es an Grundkenntnissen polnisch-jüdischer Geschichte fehlt. Beide Aufstände, der jüdische von 1943 und der nationalpolnische von 1944, richteten sich gegen die mörderischen deutschen Besatzer. Sowohl die meisten Ghettojuden Warschaus als auch die Nationalpolen waren nach objektiven Kriterien, erst recht von außen betrachtet, Polen. Die einen jüdische, die anderen christliche Polen. 

Was man wissen kann und beim Gestalten jeglicher Polen-Politik bis (mindestens) zum Ende der kommunistischen Ära Ende der 1980er Jahre wissen musste: Mit „den“ Juden als Juden wollten „die“ Polen, gläubig-christliche ebenso wie areligiös-kommunistische, nichts zu tun haben. Als das Ghetto 1943 brannte, schauten unzählige nichtjüdische Polen jubelnd zu. Louis Begley, der aus Polen stammende US-jüdische Anwalt und Schriftsteller, hat dieses autobiografische Erlebnis in seinem Roman „Lügen in den Zeiten des Krieges“ erschütternd geschildert. 

Wenn das so war, stellt sich die Frage, weshalb trotzdem in der polnisch-kommunistischen Ära ein bzw. das Warschauer Ghetto-Mahnmal errichtet wurde. Die Antwort ist einfach und empirisch nachweisbar. Um die kolonialpolitische Vormachtstellung des Westens (vornehmlich Großbritanniens, Frankreichs und der USA) zu brechen, setzte Moskau, sprich: Stalin in seinem „Antikolonialistischen Kampf“ bis zum September 1948 auf die zionistische bzw. israelische und damit die allgemeinjüdische Karte. Somit war es welt- und blockpolitisch für die neukommunistischen polnischen Behörden vergleichsweise einfach, die Genehmigung für das Mahnmal zu erteilen. Das erste, kleine, wurde im April 1946 eingeweiht; das zweite, große und noch heute zu besichtigende, im April 1948, also ungefähr einen Monat vor Israels Unabhängigkeit, die am 14. Mai 1948 von David Ben Gurion ausgerufen wurde. Die ersten Monate seiner Existenz konnte der Jüdische Staat allein dank sowjetischer Waffenlieferungen (über die Tschechoslowakei) überleben. 

Im Herbst 1948 erkannte die Moskauer Führung aber, dass die Israel- bzw. Judenhilfe das innersowjetische Gleichgewicht dramatisch gefährdete. Die Aktivierung der jüdischen „Nationalität“ drohte den Geist der allgemein sowjetischen Nationalitätenpolitik aus der Flasche zu zaubern, sprich: den Wunsch der Sowjetvölker nach Selbstbestimmung wiederzubeleben. Was Stalin & Co. 1948 befürchteten, wurde bekanntlich seit den 1970er Jahren wahr, nicht zuletzt durch die politische Selbst-Reaktivierung der sowjetischen Juden. Einmal mobilisiert, schwappte der Faktor Nationalität und – auch oder – Religion auf andere Gruppen mit eigenem Wir-Gefühl über. Das Zerbrechen des Sowjetimperiums, dessen Implosion war nicht zuletzt auch dadurch bedingt. Nicht nur, aber gewiss auch dadurch. Vom Warschauer Ghetto-Aufstand 1943 und dessen Nachwirkungen schlagen wir den Bogen zum nationalpolnischen Warschauer Aufstand des Sommers und Frühherbstes 1944. 

Die Ostblock-Medien zeigten kein einziges Kniefall-Foto 

Während des nationalpolnischen, bürgerlichen, nichtkommunistischen Warschauer Aufstands gegen die deutsche Besatzung im Sommer und Frühherbst 1944 stand Stalins Rote Armee am östlichen Weichselufer Gewehr bei Fuß, Panzer und Artillerie außer Betrieb, und schaute zu, wie die Wehrkraft des bürgerlichen Polen auf dem Westufer von Hitlers Wehrmacht regelrecht abgeschlachtet wurde und im wahrsten Sinne des Wortes verblutete. Damit war machtpolitisch der unblutige Weg zur Machtergreifung der polnischen Kommunisten mithilfe der Rotarmee-Bajonette frei. 

Bezogen auf die polnisch-kommunistische und zugleich die gesamte von Moskaus Kommunisten eingeforderte Erinnerungspolitik bedeutete dies: Ungern gedachte man beider Aufstände, sowohl des „Judenaufstands“ von 1943 als auch des nationalpolnischen von 1944. Folgerichtig wurde das Mahnmal zum Gedenken an den Warschauer Aufstand von 1944 erst in frühpostkommunistischer Zeit errichtet und am 1. August 1989 enthüllt. 

Unmittelbar vor seinem Warschaubesuch im Dezember 1970 bestand Willy Brandt – zum Verdruss der polnischen Kommunisten – auf seiner Kranzniederlegung am Mahnmal für die Ghetto-Opfer des Jahres 1943 und damit, wie er sowie seine engsten Berater irrtümlich annahmen, „der“ polnischen Opfer. Der Kanzler bestand darauf. Er verstand nicht, dass er auf diese Weise nicht nur in ein geschichtspolitisches Fettnäpfchen, sondern in einen Fettnapf, ja, in ein Fettfass trat. Das wiederum erklärt, weshalb Brandts grandiose Geste von seinen polnisch-kommunistischen Gesprächspartnern und von den Ostblock-Medien insgesamt verschwiegen und vertuscht wurde. Kein einziges Kniefall-Foto zeigten die Ostblock-Medien den dort lebenden Menschen. 

Brandts Kniefall wurde zur Ikone 

Auf lange Sicht, über die Hochphase der Ostpolitik hinaus, ermöglichte jene Entjudaisierung und Polonisierung „den“ Polen eine zusätzliche Heroisierung ihres Widerstands gegen Hitler-Deutschland. Eine andere, „den“ Polen bis heute unbequeme Wahrheit, konnte auf diese Weise bequem verdrängt werden und fast ins Reich des Vergessens geraten: die teils begeisterte und freiwillige Beteiligung zahlreicher Polen am millionenfachen Judenmord. Der Tod war „ein Meister aus Deutschland“, er fand aber auch in Polen willige Helfer. 

Brandts Kniefall wurde zur Ikone. Viel gesprochen und geschrieben wurde und wird hierüber. Zurecht. Im Detail geforscht wurde allerdings nicht. Politisch entscheidend ist, dass es eindeutige, nachweisbare politische Vorgeschichten gab, die zu diesem Ereignis führten. Ob der Kniefall selbst spontan war oder nicht, ist zweitrangig, auch wenn diese Frage häufig gestellt wird.

Den Ort hatte Brandt gewählt, nur Willy Brandt selbst. Und das hatte seine guten sowie vor allem – nochmals – nachweisbaren Gründe. Als er am Mahnmal selbst den Genius loci spürte, den für historische Bewusste historisch und emotional überwältigenden Geist des Ortes, kam ES in ihm zum Kniefall. Er wollte dokumentieren, er hat dokumentiert, dass es nun, nicht zuletzt durch ihn, ein anderes, neues, sehr wohl auch menschliches Deutschland gab. 

Auszug aus dem neuen Buch Friedenskanzler? Willy Brandt zwischen Krieg und Terror von Michael Wolffsohn © 2018 dtv Verlagsgesellschaft mbH. & Co. KG, München.

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Leserpost (12)
Wolfgang Kaufmann / 18.12.2018

Unausgesprochen ist sich Deutschland darüber einig, dass der Dąbrowski allenfalls ein Autodieb ist und auch im europäischen Rahmen nur ein Rosinenpicker. Würde er sich sonst dem hochmoralischen deutschen Anliegen verweigern, Millionen von Dschihadisten in Europa eine bombensichere Zukunft zu bieten? – Die bewährte Arroganz, mit der Berlin wieder versucht Europa zu beherrschen, hat Brandts Geste längst zur Makulatur werden lassen. Polen stehe in der EU isoliert da, wollen uns zwar Juncker und Merkel einreden. Doch eher werden 25 Staaten aus der Union austreten als sich dominieren zu lassen. Außer Luxemburg; die waschen deutsches Geld.

C. Bellechamps / 18.12.2018

Also ich muss vehement widersprechen. 1. Fragen Sie mal Polen danach. Für die Polen ist der Kniefall eine Geste an Juden und eine Geste an die Polen wurde schmerzlich vermisst. Bei ebenfalls 2 Millionen ermordeter polnischer Christen, darunter insbesondere die Intelligenz (der Rest sollte als Sklaven den Herrenmenschen dienen). Mit Sicherheit keine “Polonisierung” jüdischer Opfer. Eher das Gegenteil. 2. Der Versuch, Polen in größerem Umfang zu Mittätern abzustempeln ist einfach nur schäbig. Besuchen Sie mal die Kaplica-Pamieci in Torun und schauen Sie sich die Namen Tausender ermordeter Polen an, die Juden gerettet haben. Gehen Sie nach Yad Vashem und fragen danach, wieviele Gerechte unter den Völkern die Polen stellen. Und wieviele andere Nationen. Absolut und anteilig an der Bevölkerung. Und das bei Todesstrafe für die ganze polnische Familie, im Gegensatz zur Besatzung im Westen. Gerade der Versuch von vielen Deutschen, Nachfahren der Herrenmenschen, andere für diese Verbrechen mitverantwortlich zu machen ist ekelhaft. Und Verbrechen von Polen, die es natürlich auch gab zu überzeichnen. Widerwärtig ist ebenso das ZDF mit seinem Film “Unsere Mütter unsere Väter” der ein paar “Deutsche” zeigt, die da irgendwie so reingeraten sind, dann “Nazis” - nicht zu verwechseln mit den guten Deutschen, und die Polen - alles Antisemiten und die Russen - böse Vergewaltiger im Lazarett. Zum letzten Punkt: es gab ca. 600.000 Vergewaltigungen von Russen (Rote Armee) an deutschen Frauen, aber unglaubliche 100.000.000 Vergewaltigungen deutscher Männer an osteuropäischen Frauen. Einhundermillionen. Eine Millionen Vergewaltigungskinder! Im Schnitt mehrere pro deutschem Mann. Also bitte lieber Gastautor, lassen sie die Relativierungen sein. Fragen Sie mal Herrn Broder danach.

Robert Jankowski / 18.12.2018

Und nu?! Fahre ich in Frankreich an einem der vielen Denkmäler für die Toten des ersten Weltkriegs vorbei, dann gedenke ich ich selbstverständlich aller Toten und nicht nur der deutschen. Wie hätte Brandt denn dokumentieren sollen, dass er (und mit ihm viele Deutsche) sich für das Abschlachten von polnischen Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Patrioten, Christen usw. entschuldigen wollte? Eine saubere ethnisch-religiöse Trennung war ihm, als logische Folge des Dritten Reiches, völlig unmöglich. Das sich polnische Nationalisten dabei auf den Schlips getreten fühlten, genau wie ihre deutschen Pendents, war dabei vollkommen nebensächlich. Das Brandt das mit soviel Pathos, wie möglich gemacht hat, entsprach seinem Naturel. Wie bekannt, badete er auch gern lau. ;o)

J.P.Neumann / 18.12.2018

Randbemerkung:  Die Bilder in der Presse zeigten zwar Willy Brandts Kniefall, aber nicht das ganze Denkmalbild vor dem er kniet.  Die Fotos wurden von westlichen Medien ebenso streng redigiert, wie sie auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs unterdrückt wurden. Das Willy Brandts Heldentat heute sozusagen „judenrein“ wirkt, ist nicht Brandt zuzuschreiben, sondern Infamie der damaligen Presse.  Es sollte der Eindruck entstehen Willy Brandt hätte vor Polen gekniet und nicht vor jüdischen Opfern.  (Systempresse gab es eben schon immer).

Hubert Bauer / 18.12.2018

@ Dr Gerhard Giesemann: Ich konnte jetzt auf die Schnelle im Internet nichts dazu finden, dass Moslems in der SS an der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes von 1944 beteiligt waren. Ohne konkretes Wissen - Sie nutzen ja selber den Konjunktiv - halte ich solche Vermutungen nicht für sinnvoll. Viele Menschen vom rechten Rand überlesen den Konjunktiv und schreiben es später anderswo als Tatsache. @ Jochen Selig: Nicht Brandt, sondern Hitler ist Schuld am Verlust der ehemaligen deutschen Ostgebiete. Die Rückforderung der ehemaligen deutschen Ostgebiete ist seit 1990 die Wasserscheide zwischen den Konservativen (i. S. v. Kohl) und den Rechtsextremen (z. B. NPD). Bereits 1970 haben seit 25 Jahren nur noch Polen, Russen und ein paar fast assimilierte Deutsche dort gelebt. @ Achse: Ich halte die Freigabe der beiden Kommentare für sehr grenzwertig. Damit geben sie der AAS, Hensel & Co. eine - berechtigte - Angriffsfläche. Bleibt patriotisch, konservativ und liberal; aber auf der Seite der Guten.

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