Zu Besuch in Deutschland, werde ich Zeuge unheimlicher Vorgänge. Viele deutsche Intellektuelle scheinen von der Obsession heimgesucht, sich voneinander abgrenzen zu müssen. Ein Vorgang der Fragmentierung. Zunächst schafft das Ein- und Ausgrenzen eine gewisse Ordnung. Wie das Einordnen verstreuter Objekte in formelhaft beschriftete Schubladen. Es mag hilfreich sein bei toten Gegenständen. Bei lebendigen Menschen hat es den Nebeneffekt, dass die Kommunikation, der Meinungsaustausch, das kreative Klima einer bizarren Ordnung geopfert werden.
Alte Bekannte erklären mir mit starrem Blick, mit anderen alten Bekannten nicht mehr verkehren, mit dieser oder jenem nicht mehr sprechen zu können. So schrieb mir eine Berliner Freundin: „Mit XY möchte ich nie wieder zu tun haben, nachdem sie diese Initiative mit konservativen und rechten Intellektuellen für ein Einwanderungsgesetz unterschrieben hat.“ Die Zuordnung von guten Bekannten als „rechts“ oder „konservativ“ erstaunt mich, ich kenne die Genannten noch als Linke oder Liberale. Die neuen Abgrenzer behaupten, jene alten Freunde wären „bedenklich nach rechts gerückt“. Haben sich die Maßstäbe für die Pauschal-Etiketten „links“ und „rechts“ verschoben? Oder dient das Etikettieren als Vorwand, sich lästiger Bekanntschaften zu entledigen?
Auch ich bin längst etikettiert und eingeordnet. Erst dieser Tage sprach mich nach einer Vorlesung ein Student an: Warum ich in der als rechts bekannten Zeitschrift Sezession veröffentlicht hätte. Er weiß es aus Wikipedia. Denn dort steht: „Noll war Redaktionsmitglied und Autor des Monatsmagazins Mut. Darüber hinaus ist er Autor der Zeitschrift Sezession des Instituts für Staatspolitik sowie des politischen Blogs Die Achse des Guten.“ Ende. Kein weiteres Wort zu meiner seit Jahrzehnten laufenden publizistischen Arbeit in zahlreichen deutschen Medien der verschiedensten politischen Richtungen.
Ich arbeite seit etwa fünfunddreißig Jahren als sogenannter „freier Autor“. In dieser Zeit habe ich für fast alle deutschen Rundfunkanstalten und großen Printmedien geschrieben, für die Frankfurter Allgemeine, die Welt, für Focus oder den stern, für als links bekannte Blätter wie taz oder jungle world, sogar für das Neue Deutschland (solange dort eine intelligente, nicht manisch israelkritische Redakteurin im Feuilleton beschäftigt war). Nichts davon findet sich in meinem Wikipedia-Eintrag. Obwohl dutzende Texte von mir in den erwähnten Medien erschienen sind.
Ich habe in der Jüdischen Allgemeinen, der Jüdischen Rundschau und vielen anderen Wochenzeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, in literarischen wie Lettre oder Merkur, in politischen wie liberal, Die politische Meinung oder Deutschland Archiv, in historischen wie der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, doch keine von ihnen ist dem anonymen Wikipedia-Schreiber eine Erwähnung wert, genannt werden dort ausschließlich Mut, Achse des Guten und, als Krönung meiner Abirrung nach „rechts“, die Zeitschrift Sezession.
Weil dadurch die Ordnung gestört wird
Zur Achse des Guten will ich mich gern bekennen. Mut wurde inzwischen eingestellt. In der Sezession habe ich nur ein einziges Mal veröffentlicht, und dabei handelte es sich um den Nachdruck eines Textes aus der Jüdischen Zeitung. Was im betreffenden Heft der Sezession korrekt vermerkt worden war, vom anonymen Wikipedia-Schreiber jedoch verschwiegen wurde. Mein Text beschäftigte sich mit Voltaires Versdrama Mahomet oder Der Fanatismus, das in Europa nicht mehr aufgeführt werden darf. Mir war bekannt, dass die Sezession als „rechts“ gilt, und ich fand es gerade interessant, dass sie einen Text aus der Jüdischen Zeitung veröffentlichen wollte. Warum denn nicht? Weil dadurch die Ordnung gestört wird, die heilige Ordnung deutscher Gedankenwächter, wonach alles entweder „links“ oder „rechts“ sein muss und nichts anderes existieren darf als diese jämmerlichen Kategorien?
Ich werfe dem Wikipedia-Anonymus nicht vor, dass er unwahre Behauptungen verbreitet, ich habe für die genannten Medien geschrieben und werde es nach Möglichkeit weiterhin tun. Doch ich muss ihm unfaires Verzerren und Vereinseitigen vorwerfen, das Einschränken meiner vielseitigen publizistischen Arbeit auf drei Medien in der Absicht, wenigstens mit der spürbaren Wirkung, mich dadurch im zunehmend hysterischen deutschen Intellektuellen-Betrieb als „rechts“ zu stigmatisieren. Der Artikel reduziert mich auf einen schmalen Sektor meiner selbst, er stempelt mich ab, wörtlich im Sinn dieser Metapher: Er macht mich flach und leicht konsumierbar. „Rechts“. So einfach ist es heute, einen unliebsamen Autor abzutun.
Der Anonymus – oder die Anonyma – projizieren die eigene Einseitigkeit, die Engstirnigkeit des Ideologen auf mich, ihren Gegenstand. Haben nicht gerade jene, die sich „Linke“ nennen, stets „Differenzierung“ in der Darstellung gefordert? Ich kann nicht sagen, wie oft ich inzwischen auf diesen Eintrag angesprochen wurde. Er ist schlampig geschrieben, schlecht recherchiert und tendenziös. Es gibt noch einen englischen Wikipedia-Artikel unter meinem Namen, um einiges informativer, doch in Deutschland wird vornehmlich der deutsche gelesen, der den größten Teil meiner Arbeit unterschlägt. Danke, Wikipedia. Auch dadurch ist mir klar geworden, was in Deutschland insgeheim vor sich geht. Dabei habe ich noch Glück: Einem Juden traut man sich nicht so leicht „Rassismus“, „Nähe zu Rechtsradikalen“ oder „Fremdenhass“ anzuhängen. Was, wenn ich keiner wäre?
Nachtrag: Der entsprechende Wikipedia-Eintrag wurde wenige Stunden nach Erscheinen dieses Beitrages offenbar "upgedated". Jetzt heißt es dort:
"Seit seiner Übersiedlung nach West-Berlin ist Noll als Autor für eine Vielzahl deutscher Medien tätig. Er veröffentlichte u.a. in: FAZ, Welt, Focus, Stern, taz, Jungle World, Neues Deutschland, Jüdische Allgemeine, Jüdische Rundschau, Lettre International, Merkur, Liberal – Das Magazin für die Freiheit, Die Politische Meinung, Deutschland Archiv, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Noll war Redaktionsmitglied und Autor des inzwischen eingestellten Monatsmagazins Mut. Darüber hinaus wurde in der Zeitschrift Sezession des Instituts für Staatspolitik ein Beitrag Nolls aus der Jüdischen Zeitung nachgedruckt. Weiterhin ist Noll Gastautor des politischen Blogs Die Achse des Guten".
Beitragsbild: Freud CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Lieber Herr Noll, es geht nicht einmal um Sie aber um die Objektivität mit der sie Israel betrachten. Der neuer Jude ist heute Israel und am Besten hat es der Holocaust Überlebender und Nobelpreisträger Imre Kertész in seinem letzten Werk "Letzte Einkehr" vor seinem Tod beschrieben. Ich zitiere:" Mich hat seit jeher die mit knirschender Rührseligkeit verschleierte Lüge gestört. Jetzt, da sich Europa offen zur Zerstörung Israels bekennt, zur Ausrottung der Juden, also eigentlich zu Auschwitz, hat die Luft sich gewissermaßen gereinigt". Das ist die heutige Wirklichkeit und deshalb werden Sie und alle, die Antizionismus mit Antisemitismus gleichsetzen in die rechte und konservative Ecke eingeordnet.
Ja Herrt Noll, so einfach ist die Welt! Offensichtlich gibt es auch auf anderer Seite mal etwas kalte Füsse. Lassen wir uns nicht unter kriegen und ich hoffe, dass wir noch viele Menschen unter uns haben, die genauer hin sehen, die bereit sind miteinander zu sprechen und sich mit Respekt zu begegnen. Niemand sagt, dass wir alle einer Meinung sein müssen. Wir sollten uns aber eine Gesellschaft erhalten, in der es erlaubt ist, andere Meinungen und andere Lebensweisen zu haben, so lange wir uns an die Gesetze der Gemeinschaft und an die Gepflogenheiten des Landes halten, in dem wir uns befinden. Freiheit ist gut und hat viele Gesichter. Sie hört dort auf, resp. wird mindestens eingeschränkt, wo ein anderer Mensch idazu kommt.. Ich wünsche Ihnen den Mut weiter zu machen und Ihre Meinung klar zu äussern. Menschen die sich nicht mehr trauen, die sollten über "Freiheit" nachdenken und eventuel auch gleich die "zweite Backe" hin halten. Etiketten zeugen von Unreife und Voreingenommenheit. Alles Gute. b.schaller
Hallo Herr Noll, ändern Sie den Wikipedia-Eintrag doch einfach. Wenn es sein muss, immer und immer wieder, falls Anonymus / Anonyma den Text wieder auf die stigmatisierende Version zurückstellen. Durch das womöglich dann entstehende Hin und Her dürfte jedem mit einem IQ über Goldfisch klarwerden, dass es sich bei der verkürzten Darstellung um eine - wie auch immer motivierte - Kampagne gegen Sie handelt. Zur Not würde ich Kontakt mit Wikipedia aufnehmen, und eine Art "Faktencheck" beantragen. Dass das Ganze natürlich dennoch ärgerlich und nervig bleibt, ist klar...aber aufgeben "gildet" nicht! ;-) Liebe Grüße
Lieber Chaim Noll, habe gerade anläßlich dieses Artikels ein paar Ihrer älteren wiedergelesen, so z.B. den aus der "Jüdischen" von 2010 über die Causa Sarrazin. Ganz herzlichen Dank für jahrelangen standhaften gesunden Menschenverstand! Zum Fall: Ich bin jederzeit bereit, Linken jede Gemeinheit zu unterstellen, aber es ist ja nicht "Wikipedia" als Organisation, die hier Ihren Ruf schädigt, es ist ein einzelner Autor, der zudem auch einfach unwissend sein kann. Hier bleibt nur, sich selbst um seinen eigenen Eintrag zu kümmern. Macht natürlich etwas Arbeit, aber das Ergebnis ist ungleich befriedigender.
Na? Es geht doch. Für den 22.4. gleich 4 Änderungen vermerkt. Und quasi sofort von den Aufpassern durchgewunken. Die von Noll beklagten Weglassungen sind jetzt keine mehr. Mal gucken, wieder wie der Lexikoneintrag sich so weiter entwickelt. Der Vorwurf, dass es um die Neutralität des freien (.....) Internetlexikons manchmal nicht so weit her ist, der ist ja nicht ganz aus der Luft gegriffen. Aber es kann ja besser werden. ;-)
Erstaunt rieb ich mir soeben die Augen! Warum? Weil Wikipedia blitzschnell reagiert und korrigiert hat!
Gute Nachricht. Der bisherige Text bei "Wikipedia" wurde kurz nach Veröffentlichung Ihres Beitrags mit dem Vermerk: " Diese Seite wurde zuletzt am 22. April 2018 um 08:04 Uhr bearbeitet." geändert. Also alles wieder gut? Wer diese Veränderung herbeigeführt hat, ist aber auch nicht ersichtlich.