Chaim Noll / 22.04.2018 / 06:27 / Foto: Freud / 21 / Seite ausdrucken

Wie Wikipedia versucht, meinen Ruf zu ruinieren

Zu Besuch in Deutschland, werde ich Zeuge unheimlicher Vorgänge. Viele deutsche Intellektuelle scheinen von der Obsession heimgesucht, sich voneinander abgrenzen zu müssen. Ein Vorgang der Fragmentierung. Zunächst schafft das Ein- und Ausgrenzen eine gewisse Ordnung. Wie das Einordnen verstreuter Objekte in formelhaft beschriftete Schubladen. Es mag hilfreich sein bei toten Gegenständen. Bei lebendigen Menschen hat es den Nebeneffekt, dass die Kommunikation, der Meinungsaustausch, das kreative Klima einer bizarren Ordnung geopfert werden.

Alte Bekannte erklären mir mit starrem Blick, mit anderen alten Bekannten nicht mehr verkehren, mit dieser oder jenem nicht mehr sprechen zu können. So schrieb mir eine Berliner Freundin: „Mit XY möchte ich nie wieder zu tun haben, nachdem sie diese Initiative mit konservativen und rechten Intellektuellen für ein Einwanderungsgesetz unterschrieben hat.“ Die Zuordnung von guten Bekannten als „rechts“ oder „konservativ“ erstaunt mich, ich kenne die Genannten noch als Linke oder Liberale. Die neuen Abgrenzer behaupten, jene alten Freunde wären „bedenklich nach rechts gerückt“. Haben sich die Maßstäbe für die Pauschal-Etiketten „links“ und „rechts“ verschoben? Oder dient das Etikettieren als Vorwand, sich lästiger Bekanntschaften zu entledigen?

Auch ich bin längst etikettiert und eingeordnet. Erst dieser Tage sprach mich nach einer Vorlesung ein Student an: Warum ich in der als rechts bekannten Zeitschrift Sezession veröffentlicht hätte. Er weiß es aus Wikipedia. Denn dort steht: „Noll war Redaktionsmitglied und Autor des Monatsmagazins Mut. Darüber hinaus ist er Autor der Zeitschrift Sezession des Instituts für Staatspolitik sowie des politischen Blogs Die Achse des Guten.“ Ende. Kein weiteres Wort zu meiner seit Jahrzehnten laufenden publizistischen Arbeit in zahlreichen deutschen Medien der verschiedensten politischen Richtungen.

Ich arbeite seit etwa fünfunddreißig Jahren als sogenannter „freier Autor“. In dieser Zeit habe ich für fast alle deutschen Rundfunkanstalten und großen Printmedien geschrieben, für die Frankfurter Allgemeine, die Welt, für Focus oder den stern, für als links bekannte Blätter wie taz oder jungle world, sogar für das Neue Deutschland (solange dort eine intelligente, nicht manisch israelkritische Redakteurin im Feuilleton beschäftigt war). Nichts davon findet sich in meinem Wikipedia-Eintrag. Obwohl dutzende Texte von mir in den erwähnten Medien erschienen sind.

Ich habe in der Jüdischen Allgemeinen, der Jüdischen Rundschau und vielen anderen Wochenzeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, in literarischen wie Lettre oder Merkur, in politischen wie liberalDie politische Meinung oder Deutschland Archiv, in historischen wie der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, doch keine von ihnen ist dem anonymen Wikipedia-Schreiber eine Erwähnung wert, genannt werden dort ausschließlich MutAchse des Guten und, als Krönung meiner Abirrung nach „rechts“, die Zeitschrift Sezession.

Weil dadurch die Ordnung gestört wird

Zur Achse des Guten will ich mich gern bekennen. Mut wurde inzwischen eingestellt. In der Sezession habe ich nur ein einziges Mal veröffentlicht, und dabei handelte es sich um den Nachdruck eines Textes aus der Jüdischen Zeitung. Was im betreffenden Heft der Sezession korrekt vermerkt worden war, vom anonymen Wikipedia-Schreiber jedoch verschwiegen wurde. Mein Text beschäftigte sich mit Voltaires Versdrama Mahomet oder Der Fanatismus, das in Europa nicht mehr aufgeführt werden darf. Mir war bekannt, dass die Sezession als „rechts“ gilt, und ich fand es gerade interessant, dass sie einen Text aus der Jüdischen Zeitung veröffentlichen wollte. Warum denn nicht? Weil dadurch die Ordnung gestört wird, die heilige Ordnung deutscher Gedankenwächter, wonach alles entweder „links“ oder „rechts“ sein muss und nichts anderes existieren darf als diese jämmerlichen Kategorien?

Ich werfe dem Wikipedia-Anonymus nicht vor, dass er unwahre Behauptungen verbreitet, ich habe für die genannten Medien geschrieben und werde es nach Möglichkeit weiterhin tun. Doch ich muss ihm unfaires Verzerren und Vereinseitigen vorwerfen, das Einschränken meiner vielseitigen publizistischen Arbeit auf drei Medien in der Absicht, wenigstens mit der spürbaren Wirkung, mich dadurch im zunehmend hysterischen deutschen Intellektuellen-Betrieb als „rechts“ zu stigmatisieren. Der Artikel reduziert mich auf einen schmalen Sektor meiner selbst, er stempelt mich ab, wörtlich im Sinn dieser Metapher: Er macht mich flach und leicht konsumierbar. „Rechts“. So einfach ist es heute, einen unliebsamen Autor abzutun.

Der Anonymus – oder die Anonyma – projizieren die eigene Einseitigkeit, die Engstirnigkeit des Ideologen auf mich, ihren Gegenstand. Haben nicht gerade jene, die sich „Linke“ nennen, stets „Differenzierung“ in der Darstellung gefordert? Ich kann nicht sagen, wie oft ich inzwischen auf diesen Eintrag angesprochen wurde. Er ist schlampig geschrieben, schlecht recherchiert und tendenziös. Es gibt noch einen englischen Wikipedia-Artikel unter meinem Namen, um einiges informativer, doch in Deutschland wird vornehmlich der deutsche gelesen, der den größten Teil meiner Arbeit unterschlägt. Danke, Wikipedia. Auch dadurch ist mir klar geworden, was in Deutschland insgeheim vor sich geht. Dabei habe ich noch Glück: Einem Juden traut man sich nicht so leicht „Rassismus“, „Nähe zu Rechtsradikalen“ oder „Fremdenhass“ anzuhängen. Was, wenn ich keiner wäre?

Nachtrag: Der entsprechende Wikipedia-Eintrag wurde wenige Stunden nach Erscheinen dieses Beitrages offenbar "upgedated". Jetzt heißt es dort:

"Seit seiner Übersiedlung nach West-Berlin ist Noll als Autor für eine Vielzahl deutscher Medien tätig. Er veröffentlichte u.a. in: FAZ, Welt, Focus, Stern, taz, Jungle World, Neues Deutschland, Jüdische Allgemeine, Jüdische Rundschau, Lettre International, Merkur, Liberal – Das Magazin für die Freiheit, Die Politische Meinung, Deutschland Archiv, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Noll war Redaktionsmitglied und Autor des inzwischen eingestellten Monatsmagazins Mut. Darüber hinaus wurde in der Zeitschrift Sezession des Instituts für Staatspolitik ein Beitrag Nolls aus der Jüdischen Zeitung nachgedruckt. Weiterhin ist Noll Gastautor des politischen Blogs Die Achse des Guten".

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Oliver Vogel / 22.04.2018

@edgar timm Stimmt nicht ganz. Bei Wikipedia kann zwar jeder seinen Senf abliefern,die Veränderungen werden aber den “Überwachern” gemeldet.Und was denen nicht passt löschen sie einfach. Versuchen sie doch mal den englischen Artikel über die SD ins deutsche Wikipedia einzufügen: “According to Aftonbladet, 14% of SD members are of immigrant origin,[70][71] which corresponds to the proportion of foreign-born in Sweden.[72] For the 2010 election in the municipality of Södertälje (Stockholm County), SD was the only party with a majority of immigrants on its electoral list, mostly Assyrians from the Middle East”.

Martin Schau / 22.04.2018

Gratulation, Herr Noll, mit diesem Wikipedia-Update hatten Sie richtig Glück. Allerdings sollten Sie gelegentlich überprüfen, ob der korrigierte Text dauerhaft drin stehen bleibt. Denn die Änderung der Änderung ist dort ein beliebtes Spiel. Was den Umgang mit Bekannten und Freunden betrifft, habe ich leider ähnliches erlebt: zwei meiner langjährigen Bekanntschaften sind letztes Jahr im Streit wegen Merkel & Medien in die Brüche gegangen. Das geradezu absurde Schönreden der massenhaften Asyl-Erzwingung als Sühnezeichen wurde mir körperlich und geistig unerträglich.

Jürgen Schnerr / 22.04.2018

Werter Herr Noll, lassen Sie sich von Wikipedia nicht die Stimmung vermiesen! Wie hier schon richtig bemerkt wurde, taugt dieser Rechercheblog seriös eigentlich zu nichts. das hat mir meine Tochter bereits nach dem 1. Semester ihres Studiums als Bibliothekarin gesagt. Es ist schlichtweg als seriöse Quelle nicht zugelassen! Die, welche da völlig unreflektiert ihr Wissen von dort beziehen und nur von dort, disqualifizieren sich selbst. Unabhängig davon schließe ich nicht aus, dass da einige “Redakteure” am Werk sind, um ihre Sicht der Dinge einseitig zu verbreiten, wohl wissend, dass viele Zeitgenossen das dann als bare Münze betrachten. Das ist eben leider so in einer Zeit, wo die bisher größte Medienschlacht um die Herzen und Köpfe der Menschen geführt wird. Seien wir froh, dass es derzeit nur eine Medienschlacht ist.

Edgar Timm / 22.04.2018

Sehr geehrter Herr Noll, Wikipedia versucht gar nichts - und kann auch nichts dafür, dass Ihr Wirken unvollständig (und damit falsch) dargestellt wurde. “Das Ziel der Wikipedia ist der Aufbau einer Enzyklopädie durch freiwillige und ehrenamtliche Autoren ... Ein Wiki ist ein Webangebot, dessen Seiten jeder leicht und ohne technische Vorkenntnisse direkt im Webbrowser bearbeiten kann.” (Startseite Wikipedia) - Richtig ist, dass jeder “seinen Senf absondern” kann und damit nicht zutreffende Informationen in Wikipedia veröffentlicht. Das kann übrigens auch die beschriebene Person selbst sein, die in einem besonders guten Licht erscheinen will und unliebsame Wahrheiten löscht. Verschiedene juristische und natürliche Personen sind ständig damit beschäftigt, ihren Wiki-Eintrag zu kontrollieren.

Dieter Grimm / 22.04.2018

Ich weiß jetzt nicht im genauen, wie oft das Wort Rechts in diesem Artikel von Herrn Noll geäußert wurde. Rechts war bis vor einigen Jahren, als die mediale Welt in D noch gesund war, ein Begriff für “rechts der Mitte” oder eben “stark konservativ”. Seit dem der kranke Linkswahn wie die Pest über D gekommen ist, muss man nun die Bezeichnung Rechts in der Politik und der privaten Meinung neu definieren. Wenn man sich kritisch oder skeptisch gegenüber einer staatsindoktrinierten Meinung, egal zu welchem Thema, äußert oder diese in Frage stellt, ist man jetzt RECHTS. Ich persönlich habe damit überhaupt kein Problem. Früher wurde ein Mensch, bei dem nicht alle Kerzen auf der Geburtstagstorte brennen, als Dumm bezeichnet. Heute nennt man so etwas “Bildungsfern” Die Zeiten im Sprachgebrauch ändern sich genauso wie das Klima. Warum also Angst vor der Bezeichnung “Rechts” haben. Ein Rechter in der heutigen Zeit ist als ein Kritiker, ein Mensch, der Anschauungen, Meinungen, Statements oder Anweisungen hinterfragt und in der Lage ist sich nach ausreichender Recherche eine eigene, nicht staatsmoralische, Meinung zu bilden. Was also sollte am Begriff Rechts falsch sein? Ich, jedenfalls bin Stolz darauf, bei Diskussionen im Kollegen, Freundes und Famileinkreises als Rechter angesehen zu werden.

Christian Koch / 22.04.2018

Wikipedia… Das Prinzip bei dieser freien Enzyklopädie ist dass jeder mitmachen kann. Es ist auch nicht übermäßig anrüchig den Artikel über sich selbst zu ergänzen wenn es sich um klar belegbare Fakten handelt. Sich also über die Einseitigkeit eines Beitrags zu beschweren ist wie sich über die eigene Bequemlichkeit zu beklagen. ;-)

Michael Lorenz / 22.04.2018

Der Humanistische Pressedienst der Giordano-Bruno-Stiftung schrieb schon 2006: “Eine Gruppe sich gegenseitig legitimierender Administratoren beherrscht inzwischen die Wikipedia und erinnert an die Schweine aus Animal Farm, die meinen, gleicher zu sein als die Gleichen, während sie andere ausschließen und lieber alleine im Wiki-Haus wohnen, um dort machen zu können, was sie wollen.” Linke fallen eben überall in genau der gleichen Weise auf. Jedoch gilt in Zeiten des sich drehenden Windes: ein Wikipedia-Verriss (deutsch) in den Jahren 2015-2021 wird einmal eine Ehrung sein, die viele später gerne gehabt haben würden. Ich finde: Sie können schon heute stolz darauf sein!

Pavel Hoffmann / 22.04.2018

Lieber Herr Noll, es geht nicht einmal um Sie aber um die Objektivität mit der sie Israel betrachten. Der neuer Jude ist heute Israel und am Besten hat es der Holocaust Überlebender und Nobelpreisträger Imre Kertész in seinem letzten Werk “Letzte Einkehr” vor seinem Tod beschrieben. Ich zitiere:” Mich hat seit jeher die mit knirschender Rührseligkeit verschleierte Lüge gestört. Jetzt, da sich Europa offen zur Zerstörung Israels bekennt, zur Ausrottung der Juden, also eigentlich zu Auschwitz, hat die Luft sich gewissermaßen gereinigt”. Das ist die heutige Wirklichkeit und deshalb werden Sie und alle, die Antizionismus mit Antisemitismus gleichsetzen in die rechte und konservative Ecke eingeordnet.

beat schaller / 22.04.2018

Ja Herrt Noll,  so einfach ist die Welt! Offensichtlich gibt es auch auf anderer Seite mal etwas kalte Füsse. Lassen wir uns nicht unter kriegen und ich hoffe, dass wir noch viele Menschen unter uns haben, die genauer hin sehen, die bereit sind miteinander zu sprechen und sich mit Respekt zu begegnen. Niemand sagt, dass wir alle einer Meinung sein müssen. Wir sollten uns aber eine Gesellschaft erhalten, in der es erlaubt ist, andere Meinungen und andere Lebensweisen zu haben, so lange wir uns an die Gesetze der Gemeinschaft und an die Gepflogenheiten des Landes halten, in dem wir uns befinden. Freiheit ist gut und hat viele Gesichter. Sie hört dort auf, resp. wird mindestens eingeschränkt, wo ein anderer Mensch idazu kommt.. Ich wünsche Ihnen den Mut weiter zu machen und Ihre Meinung klar zu äussern. Menschen die sich nicht mehr trauen, die sollten über “Freiheit” nachdenken und eventuel auch gleich die “zweite Backe” hin halten. Etiketten zeugen von Unreife und Voreingenommenheit. Alles Gute. b.schaller

Claudia Schickhoff / 22.04.2018

Hallo Herr Noll, ändern Sie den Wikipedia-Eintrag doch einfach. Wenn es sein muss, immer und immer wieder, falls Anonymus / Anonyma den Text wieder auf die stigmatisierende Version zurückstellen. Durch das womöglich dann entstehende Hin und Her dürfte jedem mit einem IQ über Goldfisch klarwerden, dass es sich bei der verkürzten Darstellung um eine - wie auch immer motivierte - Kampagne gegen Sie handelt. Zur Not würde ich Kontakt mit Wikipedia aufnehmen, und eine Art “Faktencheck” beantragen. Dass das Ganze natürlich dennoch ärgerlich und nervig bleibt, ist klar…aber aufgeben “gildet” nicht! ;-) Liebe Grüße

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