Rainer Bonhorst / 02.12.2016 / 06:30 / Foto: Alice Wiegand / 20 / Seite ausdrucken

Wie wär’s mit Halbwahrheitenpresse?

Hier ein paar ungeordnete Bemerkungen zur Lügenpresse. Also ein paar Worte über das Lügen und welche über die Presse. Die Presse? Da fängt der Unfug schon an. Die Presse gibt es nicht. Und die, die "Lügenpresse" schreien, können meist kaum lesen und meinen das Fernsehen. Das Fernsehen? Gibt's so auch nicht. Das Programm der Sender reicht von betulich-bevormundend bis ahnungslos-frech. Dazwischen eine Menge sehr Gutes über Tiere, Geschichte und den Weltraum.

Aber fangen wir mit dem Lügen an. Alle Menschen lügen, mal mehr mal weniger. Der gerichtlichen Formel, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, wird kaum einer gerecht, und das ist gut so. Ein gesundes Maß an Lügen ist ein Akt der Höflichkeit, die das menschliche Zusammenleben nun mal braucht. Man muss nur einen Nachruf in der „Lügenpresse“ lesen, um zu sehen, dass eine gewisse Beschönigung sich manchmal einfach gehört.

Nun gut. Und jetzt ein Wort zur Wahrheit. Als man dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff medial ans Leder ging, hat der Wahrheitstrieb investigierender Reporter eine geradezu irre Dimension erreicht. Kleine „Wahrheiten“ wurden so aufgeblasen, dass sie sich in ihrer Wirkung in boshafte Verleumdungen verwandelten. (Allerdings unter kräftiger Mitwirkung einer übereifrigen Staatsanwaltschaft.)

Die ganze Wahrheit schafft schon aus Platz- und Zeitgründen keiner

Aber natürlich gibt es jenseits solcher Übertreibungen die ganz simple Anforderung an die Journalisten aller Medien, zu berichten, was ist. Die ganze Wahrheit? Das schafft schon aus Platz- und Zeitgründen keiner. Aber nichts als die Wahrheit, das geht durchaus. Und der Verzicht auf Halbwahrheiten geht auch, wenn man will.

Das will nicht jeder. Der Presserat bleibt in seiner Selbstzufriedenheit bei der unglücklichen Forderung, die Nationalität von Straftätern nur bei dringender Notwendigkeit zu nennen. Diese Politik hat Auswirkungen bis hinein in die Polizei und in die Politik selber. So erklärt sich die absurde Nichtberichterstattung über die Kölner Massengrabschereien, die als notorisches Beispiel journalistischen Versagens gelten können. Viele Journalisten, wenn auch nicht der Presserat, haben daraus gelernt und achten wieder stärker darauf, zu berichten, was ist.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das sich ja ständig den gesellschaftlich-relevanten Organisationen stellen muss, gibt es sozusagen von Haus aus eine Neigung, staatstragend zu wirkend. Das ist in Ordnung, so lange es nur zur Betulichkeit führt. Wenn aber Kameraleute angewiesen werden, beim Filmen von Flüchtlingskolonnen vorzugsweise Familien mit Kindern zu filmen und möglichst nicht den Strom junger, tatkräftiger Männer, dann wird dem Zuschauer eine selektive Wahrheit präsentiert. Er spürt früher oder später die Absicht und ist verstimmt. Auch da hat man gelernt. Die Anfangsthese, dass hauptsächlich Ärzte und Ingenieure aus Mittelost zu uns kommen, hat einer wahrhaftigen Betrachtung nicht standhalten können und wurde stillschweigend zu den Akten gelegt.

Wer mehr Wahrheit will, muss sich auf längere Texte einlassen

Soweit das Fernsehen. Bei der Presse muss man noch deutlicher unterscheiden. Dass Boulevardzeitungen von Übertreibungen leben, sollten die Leser von Boulevardzeitungen, also viele der "Lügenpresse"-Schreier, nun wirklich wissen. Die selektive, weil spannendere Wahrheit ist ein Markenkern. Wer das nicht mag, muss sich halt auf Zeitungen mit längeren Texten einlassen.

Und derer gibt es viele und unterschiedliche. In der öffentlichen, von intellektuellen Köpfen geführten Debatte, schaut man fast nur auf die bundesweit verbreiteten Organe, ob täglich oder wöchentlich erscheinend. Diese Blätter für die etwas klügeren Köpfe bilden zusammen mit dem öffentlich rechtlichen Fernsehen den sogenannten Mainstream. Allerdings kann man die an einer Hand abzählen. Sie erreichen nicht mal zehn Prozent der deutschen Leser. Und auch sie sind unterschiedlich. Zwischen Süddeutsche Zeitung und DIE WELT liegen Welten. 90 Prozent der Leser beziehen ihre Informationen aus ihren Regional- und Lokalzeitungen. Und die sind nun wirklich nicht unter einen Mainstream-Hut zu bringen.

Als einer, der sein Leben lang für Regionalzeitungen gearbeitet hat, fühle ich mich kompetent genug zu sagen: Die Regionalen sind näher an den Lesern als die oft abgehobenen Überregionalen. Sie merken früher, wenn sie schief liegen, weil sie früher mit der Nase drauf gestoßen werden. Kluge Politiker lesen ihre Heimatzeitungen und erfahren so am ehesten, wie die Stimmung im Volk ist. Wer sich „auf BamS und Glotze“ verlässt, kann leicht den Anschluss an die Leute verlieren. Und das tat offenbar nicht nur Gerhard Schröder.

Was also bleibt von der "Lügenpresse"? Ein Schimpfwort aus der Nazi-Zeit, das der heutigen Lage nicht gerecht wird und auch nicht gerecht werden will. Schimpfen ist nun mal ein prima Wutventil. Und natürlich gibt es Grund zum Schimpfen. Zum Schimpfen über eine mit Fehlern behaftete Medienszene, in der sich gern besserwisserische Volkserzieher und flotte Zyniker ausbreiten. Das ist ärgerlich genug. Aber bewusst lügen – das ist eher die Ausnahme. Vielleicht wird in der Presse sogar weniger gelogen als im menschlichen Alltag mit seinem steten Fluss an Halbwahrheiten.  

Foto: Alice Wiegand CC BY-SA 3.0 via Wikimedia

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Horst Wagner / 02.12.2016

Die Regionalzeitungen berichten wahrheitsgemäß allenfalls über lokale Ereignisse und selbst dies nicht. Bsp. Siegener Zeitung über einen Tankstellenräuber-Prozess: Die Angeklagten Peter und Paul (Namen geändert), die sich in einer Moschee kennengelernt haben, .....). Berichte zu überregionalen Themen werden meist von Nachrichtenagenturen übernommen (dpa, afp usw). Diese Berichte sind eindeutig Mainstream. Insofern sehe ich keinen Grund, die Regionalpresse anders zu beurteilen, als die Überregionale. Der einzige Grund, diese Zeitung noch weiter zu beziehen, ist für mich der Familien-Anzeigenteil. Solange es hierfür noch keine Alternative im Internet gibt.

Stefan Lanz / 02.12.2016

Die vom Presserat verordnete Leitlinie, grds. keine Nationalität zu nennen, ist schon die erste Bevormundung und Halbwahrheit. Das hat Merthode, nämlich den dämlichen Leser vor eigenen Schlüssen zu bewahren…

Rainer Brandl / 02.12.2016

Sehr geehrter Herr Bonhorst, hiermit widerspreche ich – zum Teil. Bei manchen Themen stimmt Ihre Analyse; bei manchen Themen stehen die Reihen dicht auch in der Regionalpresse. Bei der MZ in Sachsen Anhalt schreiben Journalisten unermüdlich, wie wichtig und sinnvoll das EEG ist und sie rechnen auch schnell mal aus, wie vierzehntausend Haushalte durch elf Windmühlen mit Strom versorgt werden (das war jetzt eine Lüge von mir, aber die Tendenz stimmt). Auch beim Gender lese ich nur wohlwollendes – manchmal aber definieren die Gender anders, als ich es so kenne. Schlimm ist es, wenn die Kinderschändung in den Schulen und nun auch in Kindergärten wohlwollend kommentiert wird. Hier allerdings erwähnt man zumindest, daß die AfD-Fraktion widerspricht. Trotzdem war es für die MZ-Journalisten ein Vergnügen, daß die Tunte Olivia Jones den Fraktionsvorsitzenden Poggenburg wegen Volksverhetzung anzeigte. Zweimal bekam der Typ fast eine ganze Zeitungsseite. Positiv fand ich, daß Journalisten bei der Fahndung nach illegalen Beraterverträgen dabei waren. Leider eben erst jetzt. Es handelte sich aber um Verträge aus vorherigen Legislaturperioden. Noch was! Auch die LVZ lese ich und habe schon oft verwechselt welches Blatt ich mir gerade reinziehe. Viele Grüße Rainer Brandl

J. Schnerr / 02.12.2016

Werter Herr Bonhorst, also alles nur halb so schlimm? Ich dagegen behaupte, dass das gezielte, ideologisch gefärbte Weglassen oder Betrachten bestimmter Tatsachen oder aus dem Zusammenhang reißen von Aussagen etc. schlimmer ist als die direkte Lüge! Selbst die Medien in der DDR, ich habe da 40 Jahre gelebt, haben relativ selten direkt gelogen. Nein, auch da bestand die Fehlinformation hauptsächlich aus den vorstehend genannten Maßnahmen. Deshalb beherrsche ich die hohe Kunst des zwischen den Zeilen lesen noch immer gut. Das ist heute leider wieder von Nöten. Und da muss ich feststellen, dass der Vorwurf “Lügenpresse” sicher so nicht haltbar ist, aber “Desinformationspresse” wohl schon. Aber Demonstranten aller Art und Zeit können nicht ellenlange Artikel vor sich hertragen. Da wird eben eingänglich verkürzt. Insofern verharmlost ihr Artikel die Sache ein bißchen.

Michael J. Glück / 02.12.2016

Hervorragend, lieber Kollege Bonhorst, ich sehe das nach rund 45 Jahren als Wirtschaftsjournalist grundsätzlich nicht anders als Sie.  Doch möchte ich ergänzen, dass man bei Pressekonferenzen häufig eine geschönte oder sogar getürkte Wahrheit aufgetischt bekommnt, was man trotz langer journalistischer Erfahrung nicht immer erkennt.  Und das kann dann bei den Lersern einen unschönen Eindruck erwecken. Zwei Beispiele: Wären Sie ohne Nachhilfe eines Whistleblowers darauf gekommen, wie man Dieselmotoren “gesünder” erscheinen lässt?  Oder wo fand man eine Klarstellung zum historischen Hintergrund der aktuellen Krimkrise? Zur Urkraine jedenfalls gehört die Krim erst seit 1954, und zwar im Rahmen der UdSSR.  Russland hatte die Halbinsel 1883 annektiert. Davor ghörte sie zum Osmanischen Reich. Während des zweiten Weltkriegs war sie sogar für drei Jahre Bestandteil des großdeutschen Reiches. Mit freundlichen Grüßen!  Michael J. Glück

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