Gunnar Heinsohn / 23.07.2018 / 16:30 / 9 / Seite ausdrucken

Wie wäre es, von Australien zu lernen?

Wer in Australien arbeiten will oder Asyl begehrt, darf den Boden des Landes erst betreten, wenn er alle vorgeschriebenen Schritte bei diplomatischen Vertretungen oder per Korrespondenz erfolgreich abgeschlossen hat. Versuche der illegalen Einreise blockieren in der Regel auch den legalen Zugang auf immer. Canberra besteht auf diesem Prozedere, weil bei seiner Zielgröße von 190.000 Einwanderern jährlich zu viele kommen könnten, die ein soziales, kriminelles oder terroristisches Risiko darstellen. Sie dann wieder herauszuschaffen, ist juristisch aufwendig und für die Steuerzahler teuer.

Die Strenge ist mithin die Voraussetzung für die migratorische Großzügigkeit. Rechnet man die Aufnahmebereitschaft der 24 Millionen Australier auf die 82 Millionen Menschen in Deutschland um, wären zwischen Rhein und Oder jedes Jahr 650.000 Neuankömmlinge unterzubringen. Das entspricht einem Stuttgart.

Australien bleibt allerdings unter diesem Limit, wenn die Vorsichtsmaßnahmen durch Missbrauch und Betrug ausgehebelt werden. So begrüßt der kleine Kontinent aufgrund genauerer Überprüfungen nicht nur der Kandidaten, sondern auch der zuständigen Beamten im Rechenjahr 2017/2018 „nur“ 162.000 zusätzliche Bürger. 

Der zuständige Minister Peter Dutton ruft – fünf Jahre nach Beginn der Operation Sovereign Borders im September 2013 – noch einmal in Erinnerung, warum das Land so vielen Menschen eine Chance bieten kann: "Wir sorgen dafür, dass Menschen, die Teil unserer australischen Familie werden, hier arbeiten und nicht von Sozialhilfe leben. Wer ein so robustes Migrationsprogramm fährt wie wir, bekommt produktive Neubürger, die dem Land wachsenden Wohlstand bescheren, weil sie nicht vom Staat abhängen, sondern fleißig arbeiten.“ 

71 Prozent der Australier unterstützen die Regierung

Von 2.700 auf fast 21.000 steigt zwischen 2009 und 2013 die Zahl der ins Land Geschmuggelten.  2014 kommen – bei lediglich drei Zerstörern für die Kontrolle von 24.000 km Küstenlinie – noch 160 Menschen durch. Danach geben die Schlepper auf. Bei ihren Aktionen gibt es von 2009 bis 2013 rund 1.200 Todesopfer. Zwischen 2014 und 2018 sind es noch 32

Die Kritik an Canberras Politik bleibt gleichwohl heftig. So bekämpft Amnesty International „die Politik der Zurückweisung von Booten, weil sie für die Menschen an Bord gefährlich ist.“ Doch bereits 2014 unterstützen 71 Prozent der Australier die Schritte der Regierung, solange das Risiko für die Passagiere nicht wächst. 

Die Todeszahlen gehen gerade deshalb zurück, weil die weltweit angekündigte Unterbindung der illegalen Einreise die Menschen dazu bringt, ihre Ersparnisse nicht mehr für ein immer schon lebensgefährliches und jetzt auch noch aussichtloses Unternehmen einzusetzen. Sobald sie ein Boot betreten haben, ist ihr Geld auch dann weg, wenn es vor der Küste abgefangen wird. Die Menschen können kalkulieren und meiden das Risiko. 

Man weiß naturgemäß nicht, wer seitdem nicht mehr zu kommen versucht. Man weiß allerdings, dass 26 Nationen jeweils mehr als 50.000 Menschen an Australien abgegeben haben. Unter den im Ausland Geborenen liegt Deutschland mit 103.000 (2016) hinter Sri Lanka auf dem 11. Platz. Aus dem Subsahara-Raum schafft es nur die Republik Südafrika – hinter Italien – auf den 8. Platz dieser Ländergruppe. Zwischen 10.000 und 50.000 stammen aus Sudan, Kenia und Simbabwe (früher South Rhodesia). Es geht dabei oft um Europäer, die in Afrika keine Zukunft mehr sehen.

Bekannt ist auch, dass die seit den 1970er Jahren geltenden und stetig aktualisierten Anforderungen für Hereingelassene ihre Wirkungen nicht verfehlen. Es gibt rund 180 maßgeschneiderte Visaklassen. Allen gemein ist ein aufwändiger Skills Assessment Process. Sehr gute Englischkenntnisse, ein Alter unter 44 Jahren, hohe Qualifikation und guter Verdienst im bisherigen Berufsleben sichern den Einstieg in die neue Heimat.

Außergewöhnliche Hilfe zur Selbsthilfe

Australien wird damit zum ersten westlich geprägten Land, bei dessen Zuwanderern ein höherer IQ (100) gemessen wird als bei dort Geborenen (99). Es gibt mit Singapur überhaupt nur eine weitere Nation, der dieses Kunststück gelingt (105 zu 106). Im europäiden Raum schafft das oft genannte Einwanderungsvorbild Kanada immerhin noch 102 zu 100, während Deutschland mit 100 zu 92 eine typisch westeuropäische Relation aufweist. Auch daran liegt es, dass die Bundesrepublik bei der Schülerolympiade TIMSS vom 12. Platz 2007 über den 16. im Jahr 2011 auf den 24. im Jahr 2015 abgerutscht ist.

Dass deshalb die groß angekündigte Initiative zu Künstlicher Intelligenz nicht mehr vom hiesigen Nachwuchs gestemmt werden kann, gesteht der zuständige Minister Altmaier am 17. Juli unumwunden zu. Als letzten Ausweg will er „weltweit die besten Forscher unter Vertrag“ nehmen. Da das Konkurrenznationen genau so entschlossen versuchen, dürfte der Verlust an kognitiver Kompetenz unumkehrbar bleiben. Dabei sind die seit 2015 Hinzugekommenen noch nicht erfasst. Die Kanzlerin hat das Bildungsfiasko also nur vergrößert, aber nicht selbst hervorgerufen.  

Australiens Weg hingegen hilft nicht nur den Hereingelassenen, sondern auch ihren nicht akzeptierten Angehörigen. Die bestens qualifizierten Neubürger verdienen schnell so hohe Einkommen, dass sie jährlich rund 21 Milliarden australischen Dollar an ihre Familien überweisen können. Die staatliche Entwicklungshilfe dagegen erreicht nur knappe 4 Milliarden australische Dollar

Gleichwohl wird die Migrantennation auch in Zukunft zu hören bekommen, dass sie zu wenig Abgeschlagene aus aller Welt lebenslänglich versorge. Der unverstellte Eigennutz in der Bevorzugung von Talenten, die dann ihrerseits Leid lindern können, führt zum Ausbleiben moralischer Hochachtung. Die Freude der Zurückgebliebenen, die Geld aufs Konto bekommen und nicht aufs Wasser müssen, hat dagegen kaum Nachrichtenwert. Und doch bezeugt sie eine außergewöhnliche Hilfe zur Selbsthilfe.

DIE WELT brachte eine kürzere Fassung dieses Textes am 20. Juli 2018.

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klaus Blankenhagel / 23.07.2018

Und, sollte man nicht mehr sein Geld verdienen muessen (Seniors) ist der Nachweis, dass man mehr als ausreichend Geld hat, um sein Leben komplett selbst finanzieren kann.

Bernhard Krug-Fischer / 23.07.2018

Alles schön und gut. Aber wenn eine Ideologie etwas durchsetzen will,  nützen leider keine Zahlen und Fakten, um etwas zu verhindern. Genau so verhält es sich hier in Deutschland mit dem politischen Willen: Schwachsinn wird durchgesetzt. Koste es, was es wolle. Das ist traurig, aber wahr.

Mike Loewe / 23.07.2018

Ein sehr guter Artikel. Ich möchte noch drei Aspekte hinzufügen. Erstens sorgt die Akquise talentierter Einwanderer für ein wesentlich höheres generelles Ansehen von Einwanderern in der Bevölkerung. In Deutschland passiert leider gerade das Gegenteil. Zweitens hat Australien mehr Platz. Deutschland hat 231 Einwohner pro Quadratkilometer, Australien aber nur 3,1. Auf derselben Fläche wie die Bundesrepublik hätte Australien also nur 1,1 Millionen Einwohner. Auch unter Berücksichtigung, dass 70% der Fläche Australiens sehr trocken ist, hat Australien deutlich mehr Platz für Einwanderer. Drittens wollen Deutschlands Linke in gesellschaftspolitischen Fragen grundsätzlich nicht vom Ausland lernen, sondern glauben, im Besitz höherer Moral zu sein. Dies bestätigt auch die These, dass viele Linke eigentlich verkappte Nazis sind, und Links das neue Rechts!

Wolfgang Kaufmann / 23.07.2018

„[…] produktive Neubürger, die dem Land wachsenden Wohlstand bescheren, weil sie nicht vom Staat abhängen, sondern fleißig arbeiten“ – Australien fährt ein typisch kapitalistisches Programm. Doch je länger die DDR tot ist, desto mehr huldigt Deutschland dem Sozialismus. Erfolgreiche Einwanderer müssen es geradezu darauf anlegen, dem Altbürger auf der Tasche zu liegen. Nur so können wir den Kapitalismus kaputt machen. Doch wenn dereinst der letzte Einheimische begraben ist, kommt dann das klassenlose Paradies? Oder die Hölle einer Theokratie?

Stefan Bley / 23.07.2018

Ich bin mir sicher, dass im TIMMS-Ranking, der Kanzlerin sei Dank, für Deutschland noch viel Luft nach unten ist. Soviel hat sie schon mal geschafft.

Karla Kuhn / 23.07.2018

„Wir sorgen dafür, dass Menschen, die Teil unserer australischen Familie werden, hier arbeiten und nicht von Sozialhilfe leben. Wer ein so robustes Migrationsprogramm fährt wie wir, bekommt produktive Neubürger, die dem Land wachsenden Wohlstand bescheren, weil sie nicht vom Staat abhängen, sondern fleißig arbeiten.“  WAS sind das für KLUGE POLITIKER !! Ich könnte heulen. “Prozent der Australier unterstützen die Regierung.”  So eine Regierung könnte auch mit meiner Wählerstimme rechnen.  “Auch daran liegt es, dass die Bundesrepublik bei der Schülerolympiade TIMSS vom 12. Platz 2007 über den 16. im Jahr 2011 auf den 24. im Jahr 2015 abgerutscht ist.” Das einstige Land der “Dichter Und Denker und hervorragender Wissenschaftler rutscht auf Platz 24 im Jahr 2015. Mal sehen wo Deutschland 2019 landet. 2007 bis 2015, wann wurde Merkel Kanzlerin ??

Ivan de Grisogono / 23.07.2018

In den siebzigern Jahren, wo es an Grenzen in Europa strenge Kontrollen gab, am Warschauerpakt Grenzen galt Schußbefehl, war die für Australien beschriebene Prozedur auch in Deutschland gültig. Man reiste ein mit mindestens drei Monate gültigem Pass, Visum, Arbeitserlaubnis, und Arbeitsvertrag! Man wurde am Bahnhof ohne Teddybären abgeholt und Abends zum Essen bei Vorgesetztem eingeladen. Nach ein Paar Tagen arbeitete man schon und suchte eine Wohnung. Alles war freundlich und effizient, einfach normal. Eine win-win Situation für beide Partner. Was ist inzwischen aus Deutschland geworden, Deutschland ist ein fremdes, ratloses Land geworden? Wer Deutschland von früher kennt ist bereit für Australische Verhältnisse kompromislos zu kämpfen, bevor es zu spät wird. Es bleibt nicht viel Zeit.

Frank Box / 23.07.2018

Wie wäre es, von Südafrika zu lernen? - Als die Buren im 17. Jahrhundert sich im Gebiet Kapstadt ansiedelten, war die Gegend so gut wie unbewohnt. In den folgenden Jahrzehnten schafften sie sich Sklaven an, damit die auf den Feldern für sie arbeiteten. Doch die Sklaven vermehrten sich viel schneller als ihre Herren und stellten irgendwann die Bevölkerungsmehrheit. Es folgten viele Jahre der Unterdrückung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert mit dem weißen Apartheidsregime ihren Höhepunkt fand. Doch kann keine Minderheit die Mehrheit auf Dauer beherrschen. Jetzt schlägt das Pendel in die andere Richtung aus. Die Schwarzen treiben mit Pogromen die weißen Farmer aus dem Land. Neben Australien bietet sogar Russland (!!!) ihnen Ackerflächen und eine neue Heimat an. Nun die Frage: Was wäre, hätten die Buren von Anfang an ihre Arbeit selbst erledigt, und Fremde gar nicht erst ins Land gelassen? Würden sie heute aus ihrer Heimat vertrieben?

Thorsten Lehr / 23.07.2018

Die australische Art, Vorteile für die Nation mit Vorteilen für die entsprechend qualifizierten Migranten zu verbinden ist logisch, effizient und zielführend. Allein deswegen chancenlos in der ideologisch verdrehten und zutiefst dekadenten EU.

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