Der Hafen von Rotterdam gilt als einer der wichtigsten Infrastrukturpunkte Europas und ist deswegen auch ein potenzielles Ziel für einen russischen Angriff. Dort trifft man nun Vorbereitungen für den Ernstfall. Aber wie sieht es mit den deutschen Häfen aus?
Insgesamt gilt die Wahrscheinlichkeit einer direkten militärischen Konfrontation oder eines russischen Angriffs derzeit als gering. Dennoch ist Europa gerade seit Beginn des Kriegs in der Ukraine im Februar 2022 wachsamer geworden und hat zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen zur kritischen Infrastruktur ergriffen. Angesichts der Spannungen warnte der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius, dass Russland möglicherweise in den nächsten Jahren NATO-Territorien angreifen könnte. Auch der litauische Präsident Gitanas Nauseda unterstützt diese Einschätzung und verweist auf eine potenzielle Bedrohung der baltischen Staaten. Der Angriff Russlands würde im Osten des NATO-Territoriums stattfinden, mit den baltischen Staaten, Finnland und Polen als ersten Zielen. Auch die Ostseehäfen wären damit direkt bedroht, darunter auch deutsche Ostseehäfen wie Kiel, ein bedeutender Marinestützpunkt, und Rostock. Die russische Schattenflotte operiert bereits in der Ostsee und sabotiert von Zeit zu Zeit Unterseekabel. Auch die LNG-Terminals, etwa in Saßnitz auf Rügen, könnten Ziele eines Angriffs sein, wie es auch Nord Stream 2 war (wenn auch anscheinend durch die Ukraine und nicht durch Russland).
Allerdings würde ein bewaffneter Konflikt mit Russland nicht nur den Ostseeraum, sondern auch die weiter entfernte kriegsrelevante Infrastruktur an der Nordsee betreffen. Neben Rotterdam als Europas größtem Hafen und daher von besonderer Bedeutung wären auch die wichtigsten deutschen Häfen potenzielle Ziele russischer Angriffe: Wilhelmshaven (JadeWeserPort) ist der größte Standort der Deutschen Marine und damit ein entscheidender Stützpunkt für maritime Operationen, auch im NATO-Verband. Bremerhaven hat für die NATO eine besondere strategische Bedeutung, da hier umfassende Umschlaganlagen und entsprechende Infrastruktur existieren. Militärmaterial aus den USA und anderen NATO-Staaten wird regelmäßig hier entladen und weitergeführt. Als Deutschlands größter Universalhafen ist Hamburg von großer strategischer Bedeutung für die Handels- und Energieinfrastruktur von ganz Mitteleuropa.
In den Niederlanden haben die Behörden bereits begonnen, den Hafen von Rotterdam auf eine mögliche militärische Konfrontation mit Russland vorzubereiten. Laut Financial Times werden Plätze für NATO-Schiffe reserviert und Routen für Waffenlieferungen geplant. Im Hafen werden amphibische Landungsübungen durchgeführt. Obwohl Rotterdam schon früher Waffenlieferungen abgewickelt hat, wurde ein spezieller Militärlogistik-Anlegeplatz erst jetzt eingerichtet. Der Hafendirektor Boudewijn Siemons gab an, dass die Logistik mit dem Hafen von Antwerpen koordiniert wird, besonders bei Lieferungen aus den USA, Großbritannien und Kanada. Für große Waffentransporte wird die Zusammenarbeit mit Antwerpen und anderen Häfen angestrebt.
Der Hafen von Rotterdam, der an der Mündung des Rheins in die Nordsee liegt, erstreckt sich über 42 Kilometer und schlägt jährlich etwa 436 Millionen Tonnen Fracht um. Er ist auch ein bedeutender Standort für die petrochemische Industrie. Der Hafen wird von etwa 28.000 Seeschiffen und etwa 91.000 Flussschiffen pro Jahr angesteuert, insbesondere aus Deutschland. In seiner Geschichte hat er häufig Waffen abgefertigt, etwa im Jahr 2003 während des 3. Golfkriegs. Dennoch existierte selbst während des Kalten Krieges kein spezieller Kai dafür. Der benachbarte Hafen von Antwerpen in Belgien, der regelmäßig Versorgungsgüter für US-Truppen in Europa erhält, verarbeitet jährlich 240 Millionen Tonnen Fracht und ist der zweitgrößte Hafen Europas.
In Anbetracht der Verteidigungsmaßnahmen bestätigte das niederländische Verteidigungsministerium im Mai dieses Jahr, dass der Hafen von Rotterdam auf NATO-Anfrage Fläche für militärische Lieferungen im Rahmen des EU-Aufrüstungsprogramms bereitstellen wird. Der Hafen spielt auch eine Rolle bei der Lagerung der strategischen Ölreserve. Die Niederlande sind Mitgliedstaat sowohl der EU als auch der NATO, sodass im Falle einer Bedrohung der Hafen Rotterdam unter den Schutz von NATO-Bündnispartnern gestellt würde. Zudem verfügt Rotterdam selbst über umfangreiche Sicherheits- und Verteidigungsmaßnahmen, darunter Überwachungssysteme, Sicherheitskräfte, Cyberschutzmaßnahmen und enge Zusammenarbeit zwischen Hafenbehörden, Polizei und den niederländischen Streitkräften. Zusätzlich führen Niederlande, wie alle NATO-Mitglieder, regelmäßig Übungen zur Verteidigung kritischer Infrastruktur durch.
Eher unwahrscheinlich ist ein direkter Seeangriff auf die Häfen an der Nordsee, aber eine Sabotage ist durchaus möglich. In Deutschland ist dies bereits an Flughäfen (etwa Leipzig-Halle im Oktober 2024) passiert, genauso gut könnte es auch in deutschen Häfen passieren. Selbstverständlich sind auch Häfen gesichert mit Zäunen, Überwachungskameras und Radar und es existieren Notfallpläne. Allerdings gab es (glücklicherweise) seit vielen Jahren keinen militärischen Angriff mehr auf Deutschland, es bleibt zu hoffen, das alles im Ernstfall funktioniert. Der bundesweite Warntag im Jahr 2020 war in der Hinsicht kein gutes Omen, allerdings hat man seither Verbesserungen implementiert.
Dabei sollte auch nicht nur nach Russland als Bedrohung geschaut werden, was ja seit dem Ukrainekrieg fast überall in Europa verbannt oder unter Beobachtung ist, sondern auch nach Russlands wichtigstem Unterstützer, China. China ist bereits, wie ein trojanisches Pferd, durch seinen Staatskonzern Cosco im Hamburger Hafen etabliert. Cosco hält knapp 25 Prozent Anteil des Containerterminals Tollerort, der zur kritischen Infrastruktur gehört. Dass China in Sachen aggressiven Auftretens in der Geopolitik, etwa bei Spionage und auch Sabotage, ein Hauptakteur ist, ist längst bekannt. Gerade kürzlich gab es den Fall eines deutschen Militärflugzeuges, was von einem chinesischen Marineschiff mit einem Laserstrahl angepeilt wurde.
Häfen, die mitten in der Stadt liegen, wie im Fall von Hamburg, und täglich von tausenden Touristen besucht werden, sind natürlich viel schwieriger zu sichern als reine Marine- oder Containerhäfen weit draussen vor der Stadt. Das birgt auch die Gefahr der Mobilisierung von politischen Aktivisten und Terroristen. Man denke hier an das von Linken und Linksexstremisten verursachte Chaos während des Hamburger G20-Gipfels von 2017. Auch Russland könnte sich des immer mobilisierbaren und großen linksradikalen Spektrums von Hamburg als „nützliche Idioten“ bedienen, etwa durch gestreute Gerüchte, die zu einem „Occupy Hafen“ führen könnten.
Beitragsbild: Petty Officer 2nd Class Elizabeth Merriam, Link
