Thomas Rietzschel / 08.01.2019 / 16:06 / 19 / Seite ausdrucken

Wie mir Robert Menasse „die Fresse“ polieren wollte

Die Genossen sind treue Seelen. Wen sie einmal in die Arme geschlossen haben, den lassen sie so schnell nicht fallen. Obwohl er als Falschmünzer enttarnt wurde, hat Malu Dreyer, die sozialdemokratische Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, entschieden, Robert Menasse wie geplant am 18. Januar mit der Carl-Zuckmayer-Medaille zu ehren.

Die literarische Auszeichnung, dotiert mit einem 30-Liter-Weinfass, werde dem Wiener Autor für seine „Verdienste um die deutsche Sprache“ verliehen. Außerdem habe „sein engagiertes Streiten für die europäische Idee ... die politische Debatte um die Zukunft der Europäischen Union sehr bereichert“.

Für diese ideologische Dienstleistung hatte sich die SPD bereits 2013 erkenntlich gezeigt. Für seinen Lobgesang auf die Brüsseler Bürokratie, erschienen unter den Titel „Der europäische Landbote“, bekam Robert Menasse den Literaturpreis der Friedrich-Ebert-Stiftung, eine hübsche Urkunde und 10.000 Euro dazu. Die Laudatio hielt Peer Steinbrück. Im Publikum saß neben anderen Frank-Walter Steinmeier, der dem Fabulierer noch als Bundespräsident seine Aufwartung machte, 2017 beim Antrittsbesuch an der schönen blauen Donau.

Gesucht und gefunden

Robert Menasse und die Genossen haben sich gesucht und gefunden. Sie sind ein Herz und eine Seele. Mit seinen Geschichten schmeichelt er den Linken, indem er die Welt erfindet, wie sie sie gern hätten, multikulturell, chic, ein bisschen verrucht, unkonventionell, sexy und wohl versorgt allemal. Dass er dabei bisweilen historische Ereignisse erfindet, die es zwar nie gab, die aber gerade deshalb ins vorgefasste Weltbild passen, hat seine Gemeinde nie gestört. Zuverlässig seit Jahrzehnten bedient er das Verlangen der Weltbürger im Krähwinkel nach dem politischen Kitsch. Schwermütig tragen seine Helden die Last des Lebens.

Erstmals aufgefallen ist mir das 1991. In einer Rezension für die Zeitschrift „Literatur und Kritik“ schrieb ich damals über den Roman „Selige Zeiten, brüchige Welt“: „Das Lachen ist des Autors Sache nicht, ein gequältes Lächeln allenfalls vermag er sich bisweilen abzuringen; am liebsten jedoch legt er die Stirn in Falten; gleich, ob er die hermaphroditischen Anwandlungen des Helden beschreibt oder in Bildern schwelgt, wenn er uns berichtet: "Leo sah Judith jetzt entschlossen in die Augen, mit einem langen zupackenden Blick, heiß und beinahe grob, ein Blick, der gleichsam ein glühendes Fragezeichen auf einen Amboss legte und zu einem Ausrufezeichen zurechtschlug.“

Bei so viel Qualm verschlägt es mir noch heute den Atem. Wie glücklich wäre Hedwig Courths-Mahler gewesen, wäre es ihr einmal gelungen, ähnlichen Schwulst zu dichten. „Hier müsse sich einer“, heißt in meiner ausgegrabenen Kritik weiter, „seinen Traum von der Seele geschrieben haben“. Einer zudem, der an anderer Stelle von sich sagte: „Ich habe eine so schwache Identität, dass ich mir Lebensläufe und Identitäten erfinden muss.“

Brüchige Welten und feuchte Augen

Mit meinen Zweifeln an dem „großen österreichischen Roman“ (Karl-Markus Gauß) stand ich ehedem allerdings ziemlich verlassen auf weiter Flur. Die älteren Kollegen wollten sich mit dem pubertären Geraune nicht befassen, während die jüngeren feuchte Augen bekamen, wenn sie lasen, wie da aus der brüchigen Welt selige Zeiten geschmiedet wurden. Dafür gab es Preis um Preis. Selbst verrissen wurde, wer nicht in den Lobgesang einstimmte. Der Autor ballte die Fäuste. Mir wollte er nach dem Erscheinen meiner Kritik „die Fresse“ polieren. Soweit ist es dann nie gekommen. Hunde, die bellen, beißen nicht.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Robert Menasse schwebt nach wie vor in Illusionen. Ihm wie seinen Lesern helfen sie, sich über die Realität hinwegzusetzen. Mehr als den politischen Kitsch, den ich ihm seinerzeit vorhielt, hat er nie zustande gebracht: „Nichts kennt der Autor besser als die geheimen Sehnsüchte seiner Generation, der Enttäuschten, die zu spät geboren wurden, um 68 schon auf die Barrikaden klettern zu können. Ihnen hat er eine romantische Geschichte auf den Nachttisch gelegt. Hier finden sie noch einmal die Welt, in der sie gern Außenseiter gewesen wären.“

Was wäre dem noch drei Jahrzehnte später und etliche Romane danach hinzuzufügen? Nichts! Robert Menasse ist geblieben, was er von Anfang an war: eine aufgeblasene Knalltüte. Und insofern mag es dann doch berechtigt sein, ihm eine Auszeichnung zu verleihen, die nach dem Autor der Geschichte des „Hauptmanns von Köpenick“ benannt ist. Wenigstens dem Schwindler könnte der Geehrte das Wasser reichen. Wie indes Carl Zuckmayer, der geniale Spötter, das Schmierentheater dieser politischen Preisvergabe auf die Bühne bringen würde, steht auf einem anderen Blatt.

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Nina Herten / 08.01.2019

Woher kommt einem diese Ausdrucksweise dieses ‘Autors’ bloss so bekannt vor? Welche Zeitgenossen bedienen sich solch gewählter Wortwahl? Er befindet sich bei ‘Malu’ und dem Steingeier in ‘guter Gesellschaft’: gleich und gleich gesellt sich halt gern.

Udo Kemmerling / 08.01.2019

Menasse, noch so eine arme Wurst, die nicht mehr intellektuelle Reichweite hat, als den Holocaust als Dreh- und Angelpunkt ihrer lächerlichen Pseudo-Hypothesen zu mißbrauchen. Robert “the relotius” Menasse und seine spezialdemokratische Mäzenin?!? Gutes Paar für den Abgesang auf die Demokratie!

Silvia Polak / 08.01.2019

Danke ! Habe noch jeden Versuch einen Menasse- Roman zu lesen nach wenigen Seiten aufgegeben, jetzt weiß ich, warum.

Claudia Maack / 08.01.2019

Vor 30 Jahren, als ich noch den Spiegel las, Grün wählte und mir schrecklich intellektuell vorkam, hielt ich links-grünes Gedankengut für unheimlich aufgeklärt und progressiv. In Frankreich sozialisiert, waren meine literarischen Fixsterne immerhin Voltaire und Flaubert. Das sind sie bis heute auch geblieben. Der ganze Rest meines hehren damaligen Gedankengebäudes ist mit den Jahren völlig erodiert. Und wenn ich mir heute links-grüne Weltanschauung ansehe, so finde ich da nur grauenvollen Kitsch, dumme Lügen, Selbstbetrug, völliges naturwissenschaftliches Unwissen, Endlos-Toleranz für eine mittelalterliche Brutalo-Religion und selbstgerechten Paternalismus. Alles das, was ich (dank Voltaire und Flaubert) schon immer verachtet habe und von dem ich glaubte, dass es gerade die links-grünen Intellektuellen bekämpfen würden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Diese Preisverleihung zeigt, wie verbohrt und verkalkt die linke Kaste, von Malu Dreyer bis zu den Menasse- und Relotius-Claqueuren, in ihrer müffeligen Schmollecke verharrt und nichts begreift, gar nichts. Die verströmen allesamt den geistigen Mief eines holzvertäfelten Vereinsheims aus den 70er Jahren, in dem man jahrelang eklige Pommes frittiert und Roth Händle geraucht hat. Wenn man da lüften wollte, bekäme diese ranzige Truppe einen Kreislauzusammenbruch.

Peter Müller / 08.01.2019

Der Mann ist produktiv, erfolgreich und gehört zu den liebsten Preisträgern der verschiedenen Jurys. Und das seit Jahren. Ob er allerdings “Weltliteratur” schreibt oder auch nur redlich zitiert, ist damit nicht gesagt. Hauptsache, er hat die richtige Haltung. Dann klappt’s auch mit der Anerkennung. Wer waren eigentlich noch mal Hermann Kant oder Johannes R. Becher?

Sabine Schönfelder / 08.01.2019

Jedes Land produziert seinen Relotius und der Groschenromanschreiberling eines anderen Landes steht in der Gunst der ideologisch Verbündeten immer noch ein bißchen höher, als der eigene, der von bösen Trumpanhängern gerade der dreisten Lüge überführt wurde. Die Vorstellungswelt des linken Ideologen ist, wie sein geistiger Gesamtzustand, einfach strukturiert. Wer bei der Legendenbildung mitwirkt, bekommt einen schönen Preis, wer kritisiert ‘eins auf die Fresse’. Das wissen wir aus berufenem Munde, von A. Nahles. Seien Sie froh, daß Menasse, wie Maulhelden öfters, feige ist und seiner Drohung keine Taten folgen ließ. Heute rücken die paramilitärischen Vermummten aus, zur politischen Überzeugungsarbeit. Als Pfälzerin, das muß ich zugeben, bedaure ich zutiefst, daß unser lecker ‘pälza Woi’ an diese Krampe verschenkt wird. Immerhin, läuft er nicht Gefahr, sich den Verstand zu versaufen!

Nico Schmidt / 08.01.2019

Sehr geehrter Herr Rietzschel, jetzt bekommen schon Betrüger Preise in Deutschland. Die SPD ist sich wirklich nicht zu schade dafür? Unsere Auszeichnungen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. MFG Nico Schmidt

Walter Neumann / 08.01.2019

“Wie viele Lichter verdanken nur ihrem Leuchter, daß man sie sieht!” (Friedrich Hebbel). Im Fall Menasse ist der Leuchter die untergehende Sozialdemokratie. Der Letzte macht dann das Licht aus.

Arne Brandt / 08.01.2019

Vielleicht sollte ich meine albernen Fantasy Geschichten mal bei der Friedrich Ebert Stiftung einreichen. Besser geschrieben als “Andorra” oder “Bahnhof Zoo” sind sie allemal. Dummerweise allerdings eher kritisch, was die derzeitige Politik angeht. Vielleicht sollte ich lieber über Orks schreiben, die von Elfen “willkommen” geheißen werden, dann winkt der Literaturpreis ;) Aber ich glaube, niemand kauft so was freiwillig, also lieber doch kein Literaturpreis & dafür zufriedene Leser.

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