Wie mich Ben Hur vom Rauchen befreite

Aufhören mit Rauchen gehört zu den am weitesten verbreiteten Neujahrsvorsätzen. Die meisten Raucher scheitern. Im 474. Anlauf habe ich es geschafft.

Kaum hatte ich als Teenager mit Rauchen angefangen, wollte ich wieder damit aufhören. Aber es war kompliziert. Das Mädchen, das ich gerade kennengelernt hatte, rauchte. Sie bot mir eine Zigarette an. Ich wollte die Frau, aber nicht die Zigarette, und dachte, damit ich die Frau bekomme, muss ich wohl die Zigarette nehmen. Die erste Mary Long schmeckte scheußlich, aber es war der Beginn einer großen Jugendliebe.

Jahre später wollten wir beide mit dem Rauchen aufhören. Wir warfen unsere Zigaretten in den Müll und schauten uns den Dokumentarfilm von Mario Cortesi an: „Der Duft der großen weiten Welt“ (1980). Er zeigte Cowboys, die durch die Prärie reiten, Marlboro-Männer. Doch als sie aus dem Sattel stiegen und zu reden begannen, verrutschte uns das Gesicht: Die harten Kerle hatten einen Luftröhrenschnitt, und ihre Stimmen waren kaum verständlich. Der Schock saß tief. Jetzt brauchten wir wirklich eine Zigarette.

Ewig jung, ewig gesund

Dann hörten wir wieder auf. Bis zum Geburtstag meiner mittlerweile verstorbenen Frau. Weder die Blumen noch die Uhr noch meine Kochkünste machten sie glücklich: „Könntest du uns wenigstens Zigaretten holen?“ So ging das ewig weiter. Wenn wir gemeinsam mit Rauchen aufhörten, entwickelte meine Frau Hyperaktivitäten, sie mutierte zu einer weiblichen Ausgabe von Meister Proper. Ich hingegen wurde zum schweigsamen Couchpotato, der sich Western und historische Monumentalfilme anschaute. Es blieb kompliziert.

Einmal bestellten wir uns vom Bundesamt für Gesundheit Hochglanzbroschüren mit Abbildungen von Raucherbeinen und kaputten Lungen. Wir klebten die Blätter an die Küchenschränke. Und rauchten eine Mary Long. Wir waren noch keine 30 und dachten, dass alte Menschen zu einer anderen Rasse gehören und alte Kranke sowieso. Und Churchill war immerhin 91 geworden. Wir dachten, wir würden ewig jung und gesund bleiben. Irgendwie.

Camel-Fake und Marlboro-Mann

In den Medien erschienen vermehrt Artikel, die auf die Gefährlichkeit des Rauchens hinwiesen, doch die Sitzungszimmer bei Fernsehanstalten waren immer noch so verqualmt wie Pennsylvania nach der Schlacht von Gettysburg. Mir erging es wie Clint Eastwood. Jedes Mal wenn er seinen Zigarillo wegspickte und einen Bad Guy vom Pferd schoss, zündete er sich den nächsten Glimmstängel an. Kein wirklich gutes Vorbild.

Als Lucky Luke nach 30 Millionen verkaufter Alben dem blauen Dunst abschwor, wurde der Wilde Westen zur Non-Smoking Area. Dieter Scholz hätte ein Vorbild sein können. Er trampte meilenweit für eine Camel durch die Serengeti und gab nach sechs Jahren das Laster auf. Doch Jahre später gestand er, er sei ein Fake-Raucher gewesen, er habe nie geraucht. Anders als der Marlboro-Mann Wayne McLaren. Er starb 1992 an Lungenkrebs.

Die Ketten der Galeere gesprengt

Meinen 474. Versuch startete ich in der Nacht auf den 1. Januar 2000. Ich zündete mir einmal mehr „die letzte Zigarette“ an und schaute mir einen Film auf DVD an: „Ben Hur“ mit Charlton Heston. Ich dachte: Was waren das doch für arme Schweine auf diesen römischen Galeeren, und nach einem weiteren Glas Rotwein fühlte ich mit Charlton Heston und dachte: #MeToo –, ich sei eigentlich auch ein armes Schwein, das in den Galeeren der Zigarettenindustrie angekettet sei ohne Aussicht auf Befreiung.

Verzichtet man aufs Rauchen, fängt man früher oder später wieder an. Manchmal aus Frust, manchmal aus Freude, man ist da nicht so wählerisch, eine Ausrede findet sich immer. Niemand verzichtet gerne. Ich wollte dieses Mal nicht verzichten, sondern mich befreien. Wie Ben Hur. Das war neu. Obwohl in der römischen Kriegsmarine keine angeketteten Sklaven auf den Ruderbänken saßen, sondern durchtrainierte Legionäre, wurde Ben Hur Teil meiner Autosuggestion. Ich überlebte die Tortur der ersten Tage, und wie fast alles im Leben wird Neues nach einiger Zeit zur Gewohnheit. Das gilt für das Gute wie auch für das weniger Gute.

Sparen Sie sich also all die teuren Ratgeber. Der Sieg beginnt im Kopf, das ist nicht nur im Fußball so. Beim Rauchen lautet das Schlüsselwort: Befreien, nicht verzichten. Und ja, ich bin immer noch Nichtraucher.

 

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, wo dieser Beitrag zuerst erschien. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche die Romane „Genesis – Pandemie aus dem Eis“ und „Hotel California“. Die ersten 100 seiner Geschichts-Kolumnen wurden soeben als Buch veröffentlicht.

Foto: Benjamin B. Hampton historyofmovies via Wikimedia Commons

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Thomas Roth / 01.01.2022

Es war einfach. Am 31.10.1989 habe ich meine letzte Zigarette geraucht. Seitdem gute ich mich vor einer einzigen: vor der nächsten. Wenn ich die rauche, dann bin ich in einem Monat bei 20/Tag, also lass ich’s. Es sind mehr als dreißig Jahre, doch manchmal habe ich Lust auf eine. Und ich träume, nicht oft, aber mmer wieder, ich würde rauchen.

Markus Viktor / 01.01.2022

“Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich muss es wissen – schließlich habe ich es schon tausende Male getan” (Mark Twain). “Aufhören mit Rauchen gehört zu den am weitesten verbreiteten Neujahrsvorsätzen. ” - Gilt das auch für Kiffer? Wird es nach der Legalisierung - gegen die ich nicht bin - Haschisch-Packungen nur mit Schockbildern geben, etwa von Teer im Atemtrakt? Cem Özdemirs versehrte Lungen? Schockbilder will ich, Nichtraucher,  grundsätzlich nicht an der Supermarktkasse sehen. Die Übergriffigen, die das durchgesetzt haben, sollten den Rauchern für die Entlastung der Rentenkassen dankbar sein. Aus Kalifornien wird berichtet, dass nach Legalisierung und Strafrechtsreform die legalen Marihuana-Händler straflos beklaut werden und schlechter dastehen als vorher.

R. Wagner / 01.01.2022

“Nee, ich bin doch nicht bekloppt” hat Altkanzler Helmut Schmidt auf die Frage geantwortet, warum er nicht mit dem Rauchen aufhöre. Mehr braucht es nicht zu dem Thema. Sorry, ich bin langsam zu Alt um mir diesen Quatsch alljährlich aus welcher Edelfeder auch immer vorschreiben zu lassen.

Joerg Machan / 01.01.2022

Nur zur Information: Es gibt mehr alte Raucher als alte Ärzte ... P.s. Dankeschön für diesen wunderbaren - und im besten Sinne “kafkaesken” - Roman “Hotel California”.

Rudolf Dietze / 01.01.2022

In meinen Betrieb wird nicht geraucht! Das war das Motto nach der Meisterprüfung. Als Angestellter unter Kollegen täglich zwei Schachteln a 4,80 über Jahre geraucht. Da hätte sich nie etwas geändert.  Dann eine Erkältung mit Husten, hör auf, es klappte. Seit dem bin ich Nichtraucher. Aber Verlangen, Kribbeln, Lust auf eine Zigarette hatte ich zwei Jahre. Es ist nicht einfach.

RMPetersen / 01.01.2022

Ich verstehe dies Problematisieren des Rauchen-Aufhörens nicht. Wenn man das will, kann man das tun. Ich hörte mit 24 auf, zuhause zu rauchen (- Rothhändle), als meine erste Tochter geboren wurde.Danach nur noch, viele JAhrzehnte lang, im Büro, Das Wochenende war immer rauchfrei, ausser es ergab sich bei einer Feier. Am Arbeitstag so etwa 10 Rothhändle, mal mehr, mal weniger. Mit 55 schmeckte mir die Zigarette nicht mehr. Ich probierte ab und zu noch, wechselte zu Reval oder Gitanes, aber es schmeckte eben nicht mehr. Mein Fazit: Rauchen hatte nie Suchtpotential, Weintrinken schon eher. Aber seit ich aus medizinischen Gründen (neurologisches Problem) keinen Alkohol mehr darf, habe ich eben aufgehört. Seither geniesse ich - Leitungswasser.  Man hat geschmacklich viel mehr Nuancen beim Essen und Trinken, auch bei der Wahrnehmung der Umgebungsluft. (Wenn jemand raucht, stört mich das nicht.)

lutzgerke / 01.01.2022

Ich habe es geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. 20 Jahre. Ich gebe meinen Tipp, wie es funktioniert, zwar immer weiter, aber die meisten Raucher, die aufhören wollen, lehnen ihn ab. Rauchen ist vor allem Inhalation und schädigt die Lunge. Das einfach Prinzip: Man steige um auf Zigarillos! Gute aus dem Zigarrenladen. 20 Stück kosten 10 bis 12 Euro. Man muß die erste Woche nur konsequent sein darf nicht inhalieren. Man raucht auf “Backe”, wie es so schön heißt. Daran gewöhnt man sich. So kann man mit Rauchern zusammenhocken beim Bier und raucht mit. Zigarillos schmecken auch sehr gut, Brasil sind schwächer, Sumatra sind die stärkeren. Nach einiger Zeit wurden die einfach langweilig. Ich hatte zwar immer welche liegen, aber das Interesse verflacht und nach einigen Monaten war die Lust aufs Rauchen wie weggeblasen. / Rauchen verstopft zwar die Arterien und verursacht Krebs, macht aber wieder sexy. Deshalb habe ich übergangsmäßig wieder angefangen. Mein Umgang: ich rauche nur 10 Cigaretten am Tag. Ich nehme die überfälligen raus und schmeiße sie weg, damit ich nicht gleich am nächsten morgen danach greife. Ich kaufe mir erst mittags, oft nachmittags, welche und oft rauche ich nicht mal die 10 auf.

Wilfried Cremer / 01.01.2022

Prosit Neujahr! Leichter als aufzuhören ist zu reduzieren. Sehr viel leichter.

Gabriele H. Schulze / 01.01.2022

Hätte mich die Pumpe nicht im Stich gelassen, täte ich wohl noch immer rauchen. Is nich gut, laßt et sein.

Klaus Keller / 01.01.2022

Wie wäre es mit fasten? Das geht beim Rauchen auch. Ich habe die islamische Variante am Tage zu fasten meinen Bedürfnissen angepasst. Ich faste Nachts ab ca 22.00. Breakfeast (Fastenbrechen) ist üblicher Weise gegen 09:00. Seit ich keine Nachtdienste mehr machen muss, geht das problemlos. Bei den Nachdiensten hatte ich Tagsüber gefastet. idR aber nur so lange wie ich im Bett lag. Ich wünsche allen gutes gelingen, was immer sie vor haben und einen baldigen Regierungswechsel.

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