Diesen Beitrag sandte uns Enno Dittmar, der ihn wiederum auf Facebook zugeschickt bekommen hatte. Angeblich stammt der Text von dem russischen Opernsänger Alexander Vinogradov, was wir aber nicht verifizieren konnten.
Wie man auf Deutsch opert
1) Der Regisseur ist die wichtigste Persönlichkeit der Aufführung. Seine Vision steht über den Anforderungen des Komponisten und des Librettisten, den Bedürfnissen der Sänger und ganz besonders den Wünschen des Publikums, diesen satten Dummköpfen, die unterhalten und gerührt sein wollen.
2) Die zweitwichtigste Persönlichkeit ist der Bühnenbildner.
3) Komik ist verboten, es sei denn, sie ist unbeabsichtigt. Wort- und Geisteswitz sind für fernsehguckende Idioten.
4) Großes Schauspiel besteht aus Hyperintensität, mit viel Herumgerolle auf dem Fußboden, Herumtasten an Wänden und Sitzen auf dem nackten Boden.
5) Die Aufmerksamkeit des Publikums muß auf alles gelenkt werden außer auf die Person, die singt. Eine Solo- Arie, die schon im letzten Jahrhundert out war, muß von belanglosen Figuren begleitet werden, die neben, auf oder um die Person, die die Arie singt, auf triviale Weise ihre Angst ausdrücken.
6) Erzählkunst ist für den modernen Regisseur ein Bannfluch, so wie “fotografische” Malerei für den abstrakten Maler. Erzähle keine Geschichte. KOMMENTIERE sie. Besser noch, UNTERGRABE sie!
7) Wenn hohe Töne gesungen werden, muß der Sänger zusammengesunken hocken, auf dem Boden liegen oder die Rückwand der Bühne anschauen.
8) Ab und zu muß die Musik zugunsten intensiver, verworrener Mimik unterbrochen werden.
9) Sexuelle Szenen müssen reizlos und aggressiv sein. Auf dem Boden Herumrollen ist hier ein Muß.
10) Unmotiviertes homosexuelles Verhalten muß in die Aufführung mindestens ein paar mal einfließen, unabhängig davon, daß das mit der Oper nichts zu tun hat.
11) Glückliche Ausgänge sind ein intellektueller Offenbarungseid. Spiele das Gegenteil. Baue wenn irgend möglich einen plötzlichen Mord oder eine Vergewaltigung ein, auch wenn das in der Oper gar nicht vorkommt.
12) Vermeide es unter allen Umständen, das Publikum zu unterhalten. Wenn sie Dich ausbuhen, dann war Deine künstlerische Vision ein Erfolg.
13) Probe die Aufführung, bis sie tot ist. Sehr wichtig.
14) Jede Anspielung auf die Schönheit und Rätselhaftigkeit der Natur muß unter allen Umständen vermieden werden! Das Bühnenbild muß trivial, zeitgenössisch und baufällig sein. Fluoreszierende Lichter nicht vergessen! Flutlichtstrahler gehen auch.
15) Das Publikum darf nicht wissen, wann es applaudieren soll oder wann die Szene / der Akt endet.
16) Geschichtliche Gräuel wie der Holocaust oder die AIDS- Epidemie müssen eingebaut und soweit wie möglich ausgeschlachtet werden. Der Lebensstil des Publikums ist ebenfalls zu verspotten.
17) Farben sind nur dekorativ. Ausschließlich schwarz, weiß und grau! Wenn Du Farbe einsetzen mußt, dann geschmacklose, tränentreibende Primärfarben in großen Blöcken im Spielzeugland- Stil. Und ausgedehnte plumpe Blumenmuster für die Kostüme, und etwas Gewagteres für die Frauen. (Unter den Trenchcoats, natürlich. Siehe auch Punkt 18.)
18) Der Chor muß kahlköpfig, geschlechtslos und gesichtslos sein, gekleidet in Trenchcoats. Das Ideal ist eine Reihe lebloser Onkel Festers (aus der Addams Familiy). Für höfisches Publikum oder andere Adelige (grundsätzlich flegelhafte, dekadente Spötter) sind Gehröcke akzeptabel, ebenso wie Kronen, aber nur, wen sie ausgeschnittene Pappkränze sind.
19) Wenn sich das Publikum langweilt, ist das ein Beweis dafür, daß dies Kunst ist.
20) Requisiten sind Sperrmüll, anzuhäufen in einer Ecke des Bühnenbildes. Sie müssen bis zur Sinnlosigkeit eingesetzt und mit viel Rabatz auf den Boden geworfen werden. Am besten in Momenten, in denen die Musik so leise spielt, daß man darauf achten könnte. Denke daran, gefährliche Gegenstände am Rand der Bühne zu plazieren, damit die mit verbundenen Augen tanzenden Tänzer sie in den Orchestergraben kicken können.
21) Alle Partien im Abseits müssen neben der Person gesungen werden, die sie nicht hören soll.
22) Die Gesichter der Hauptpersonen müssen in weiße Masken verwandelt werden, um jede Form von Individualität oder Ausdruck auszuschließen - Opernsänger können sowieso nicht schauspielern. Dies ist eine der fundamentalen brechtschen Techniken, um a) die allfällige beschränkte ideologische Zurechnungsfähigkeit von Schauspielern und b) die penetrante Perpetuierung von Agitprop zu verbergen. Es ist weniger auffällig, wenn das ein typischer Protagonist vorführt, bei dem man es als Stilisierung bezeichnen und ihn als Genie feiern kann.
23) Vorbereitung ist wichtig für den Regisseur. Versuche, das Libretto vorher mal zu lesen um sicherzustellen, daß es Deinen Vorstellungen der Inszenierung nicht widerspricht. Es schadet nicht, auch mal in die CD reinzuhören, obwohl das nicht wirklich Dein Job ist.
24) Gib dem Dirigenten das Gefühl von Wichtigkeit, auch wenn er in Wirklichkeit nicht mehr als ein fantasieloser Schmock ist.
25) Der Bühnenregisseur muß jede Idee vermeiden, die nicht seine eigene ist. (Diese Anweisung ist eigentlich überflüssig, da diese Richtung in der Liste bereits vorgegeben ist.)
26) Ein Kostüm muß mindestens zwei der folgenden Kriterien erfüllen: a) den Sänger unattraktiv machen, b) seine Sicht einschränken, c) ihm das Hören des Orchesters erschweren, d) seine Bewegungsfreiheit einschränken, oder e) der Ära, in der die Oper geschrieben wurde, widersprechen (letzteres ist kaum der Erwähnung wert).
27) Versuche ab und zu als Ausgleich für den Müll, den Du auf Kosten der Steuerzahler produzierst, eine “Oper für Kinder” zu machen. Das ist nicht schwer. Laß einfach irgendwann am Nachmittag von Amateuren in einer unpassenden Umgebung die Zauberflöte geben, in einer externen Aufführung, und mit Änderungen der Geschichte, die Deiner Meinung nach für alles mögliche taugt, nur nicht für Kinder.
28) Stelle Deiner Sänger in der größtmöglichen Anzahl an, so daß jede Szene wie eine Parodie wirkt. Spiele den Überraschten, wenn es keinem gefällt, und erkläre hinterher vor der Presse, daß das heutige Publikum ganz einfach keinen Sinn mehr für Opern hat, und daß im Übrigen mehr modernisierende Aufführungen notwendig seien.