1983 veröffentlichte der österreichische Psychologe Paul Watzlawick den Millionenbestseller „Anleitung zum Unglücklichsein“. Seine Hauptthese lautete: „Unglücklich kann jeder sein, aber richtig unglücklich zu werden, das muss man erlernen“. Das Studium der PISA-Resultate und ein Rückblick auf meine jüngste Tätigkeit im Lehrberuf riefen mir die Aussagen dieses famosen Schriftstellers wieder in Erinnerung. Allerdings würde ich heute den Begriff „Unglück“ in den Terminus „Erfolglosigkeit“ umwandeln. Ich beobachte seit geraumer Zeit ein heftiges Streben nach Erfolglosigkeit, in der Schule wie auch in der Gesellschaft. Und wie es Watzlawick einst betonte, ist es zwar einfach, ab und zu erfolglos zu sein, aber es ist schwierig, Jugendliche vom Glück der dauerhaften Erfolglosigkeit zu überzeugen. Deshalb habe ich mir erlaubt, eine Art Leitfaden für Lehrpersonen, Bildungsforscher und Erziehungsspezialisten für eine möglichst erfolglose Laufbahnkarriere zusammenzustellen:
Geben Sie dem Kind das Gefühl, ein toller Typ zu sein. Loben Sie es, wo Sie nur können. Lassen Sie es glauben, der Beste zu sein und alles zu wissen.
Vermeiden Sie jede Selbstkritik. Schon der ehemalige Genfer SP-Nationalrat und Bankenschreck Jean Ziegler formulierte es treffend: „Selbstkritik schwächt!“ Mit diesem Motto sausten die Regimes, die er jeweils leidenschaftlich unterstützte, in die beeindruckendste Erfolglosigkeit der letzten Jahrzehnte. Kleinklarierte Selbstkritik ist etwas für Stümper des Scheiterns. Wer wahrhaft erfolgreich erfolglos bleiben will, stellt sich niemals in Frage. Ganz wichtig für einen gekonnten Weg in die Lebenskatastrophe ist, dass man niemals einen Fehler zugibt. Suchen Sie sich Rat bei den Bildungsforschern und Frühfranzösisch-Predigern, die Sie in das gekonnte Festhalten an einmal eingeschlagenen Irrwegen unterweisen können und wo Sie sich auch hervorragende Beispiele für kunstvolle Ausreden abschauen können.
Keine Vergleiche! Schon der britische Schriftsteller Oscar Wilde mahnte: „Sei du selbst, alle anderen sind vergeben“. Deshalb vermeiden Sie jeden Vergleich, das Kind ist der Kern des Universums. Es soll sich niemals an stärkeren Kameraden orientieren. Wir unterstützen die Schüler dabei, wo wir nur können. Wir arbeiten daran, die Schulnoten abzuschaffen, die Selektion aufzuheben und ein Gymnasium für alle zu fordern. Es braucht noch etwas Geduld. Aber wir schaffen das. Sporttage mit Leichtathletikwettkampf einem Podest und einer Rangliste? Ein Gräuel. Der Turnunterricht bietet seit Längerem eine ganze Palette von „Spielen ohne Sieger“.
Kritik negieren. Es ist unvermeidlich, dass die Schule, bei der Unterweisung eines erfolgreich erfolglosen Lebens bald einmal in die Kritik gerät. Am besten negiert man dies. Wenn es aber nicht anders geht, dann schiebt man die Schuld für den Misserfolg auf andere. Es finden sich immer wieder zuverlässig Leute, denen man die Schuld für das eigene Versagen in die Schuhe schieben kann. Da eignen sich am besten allzu strenge Lehrer, die mobbenden Schulkameraden oder der spätere Lehrmeister. Wenn das nicht funktionieren sollte, bieten sich die Gesellschaft, das ungerechte Bildungssystem, die soziale Herkunft und natürlich der Rassismusvorwurf an, letzterer zieht immer. Und wenn das die Zweifler immer noch nicht überzeugen sollte, sind ja da noch die Eltern. Die kann man immer für den kapitalen Mist, den man in der letzten Matheprobe angerichtet hat, verantwortlich machen. Ein Heer von Psychotherapeuten, Mediatoren und Schulsozialarbeiterinnen stehen bereit, den Kindern beizustehen.
Keine überzogenen Leistungsforderungen. Erwarten Sie nicht zu viel von den Schülern und Schülerinnen. Sie sollen es schön haben und sich nicht allzu sehr anstrengen müssen. Lesen Sie die Klassiker in vereinfachter Sprache, lassen sie die Kinder selbstorganisiert nach ihrem Gutdünken Aufgaben lösen. Korrigieren Sie die Texte ja nicht mit Rot, das traumatisiert und sie sollen ja auch erfolglos bleiben. Schreiben nach Gehör eignet sich bestens. Lassen Sie die Kinder weitergehende Schulen wählen mit Lehrgängen, die wenig Mathematik aber viele Gruppenarbeiten verlangen. Wir haben inzwischen zahlreiche Entlastungsmaßnahmen in den Schulen eingeführt. Ungenügende Noten, die es leider immer noch geben soll, kann man heute mit einer Diagnose erklären, es gibt zahlreiche Sonderpädagogische Maßnahmen, die die Betroffenen entlasten. Hervorragend eignen sich auch die Nachteilsausgleiche, die nicht im Zeugnis ausgewiesen werden müssen.
Ich bin überzeugt, dass Sie mit diesen Maßnahmen Ihren Kindern ohne große Anstrengung eine garantiert erfolglose Schulkarriere ermöglichen können. Ich wünsche Ihnen viel Unglück.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Concordet.
Beitragsbild: Hillebrand Steve, U.S. Fish and Wildlife Service - http://www.public-domain-image.com/public-domain-images-pictures-free-stock-photos/people-public-domain-images-pictures/children-kids-public-domain-images-pictures/happy-child-finds-joy.jpg, Public Domain, via Wikimedia Commons

@Else Schrammen, „Schriftliches Dividieren in der Grundschule?“ –
Kein Erwachsener beherrscht „Schriftliches Dividieren“ (ich hab alle gefragt). Warum? Weil man es in seinem gesamten Leben nicht ein einziges Mal benötigt (Ausnahme: Grundschul-Mathelehrer). Einige können Kopfrechnen (das geht dann aber völlig anders), alle Anderen nehmen einen Taschenrechner.
Es ist wahr Selbstkritik schwächt. Weil man selbst gar nicht zur Kritik wirklich fähig ist. Niemand macht freiwillig Fehler, außer Politikern, abert die sind der andere Typus. Also kann man selbst gar nicht die Fehlerhaftigkeit erkennen. Es muss einem von Anderen gesagt werden. Da genau setzt die Selbstkritik an. Sie ist entweder das kraftlose Nachplappern extrener Kritik als Unterwerfungsgeste, der keine Korrektur oder zukünftige Fehlervermeidung folgt, im Normalfall wenisgstens nicht. Oder es ist der Versuch, die Kritik umzudeuten, indem man Verständnis heuchelt. Das hat erst recht keine Wirkung. Selbstkritik ist völlig unsinnig. Man muss stattdessen in der Lage sein ernstgemeinte und konstruktive externe Kritik zu verstehen und sie von neidischer Miesmacherei zu unterscheiden. Das Problem ist es, wenn es gar keine ernstgemeinte konstruktive Kritik mehr gibt. Was soll man dann erkennen? Inhalt-Form-Problem. Die Form der rituellen Selbstkritik ist leer, und ihr Fassungsvermögen ist ZERO.
Wie lerne ich Erfolglosigkeit? Wie Sie beschreiben, herrlich. Besonders gut: „Korrigieren Sie die Texte ja nicht mit Rot, das traumatisiert und sie sollen ja auch erfolglos bleiben.“ Schlage die Farbe Grün vor, vollkommen klar.
Wie aber lerne ich Erfolglosikeit, die belohnt wird? So:
„So habe das Verteidigungsressort für 2015 ursprünglich lediglich sieben externe Beraterverträge mit einem Gesamtvolumen von 2,2?Millionen Euro gemeldet. Tatsächlich hätten die Prüfer aber 182 Verträge im Gesamtvolumen von 100 Millionen Euro gefunden.“
TAZ: „Von der Leyen: im Netzwerk der Berater“
Wenn man den Werdegang betrachtet und ernst nimmt, brauchen die kids an sich nur zwei Sachen zu lernen: Mails zu „verlieren“. Und das Richtige sagen, auch wenn es falsch ist.
Also ich bin erfolglos, auch ohne diesen 5 Punkten ausgeliefert gewesen zu sein. Andererseits gibt es Menschen, die schon immer great waren und alles was sie anfassten war greatest und die sogar überzeugt sind ihr weiteres Umfeld great again machen zu können, die sehr erfolgreich sind. Tauschen wollte ich aber nicht.
Und Freitags immer in die Moschee, um alles wieder auf Null zu setzen. Aber Ironie beiseite, Es geht natürlich auch mit Netflix, Jogginganzug und Domino’s Pizza.
„Geben Sie maximalen Lob und fordern Sie minimale Leistung. So erziehen Sie eine unmündige Jugend die sich für allwissend hält und sich beliebig politisch instrumentalisieren lässt.“
Ich hätte noch drei Tipps zur Ergänzung: Kutschieren Sie Ihr Kind auch bei schönstem Sommerwetter, und auch wenn es bis zur Schule nur drei Kilometer zu Fuß sind, und es Nachbarskinder gibt, die gemeinsam mit ihrem Kind laufen könnten, auf jeden Fall mit dem Auto zur Schule, und zwar bis zum Abi. Trivialitäten wie den Straßenverkehr als Fußgänger zu bewältigen sollten vom Kind fern gehalten werden. Tipp 2: Hat das Kind eine umfangreiche Projektarbeit abzuliefern, und hat es wieder einmal bis zum Vorabend des Abgabetermins nichts (absolut gar nichts) gemacht, noch nicht mal angefangen, nehmen Sie Ihrem Kind auf jeden Fall die Arbeit ab, und setzen Sie sich bis in die frühen Morgenstunden zu zweit mit dem Kind hin, um die Deadline irgendwie zu schaffen. Setzen Sie Ihr Kind niemals der demütigenden Erfahrung aus, eine schlechte Note wegen nicht gemachter Hausaufgaben zu bekommen! Drittens: lassen Sie Ihr Kind das gesamte Wochenende durchzocken, das garantiert bis mindestens Dienstag Mittag totale Unkonzentriertheit in der Schule. Viel Erfolg…äh…Mißerfolg!