Die türkische Republik war gerade erst einige Jahre jung, als meine 26-jährige Großmutter bereits an einer Hochschule in Ankara Mathematik, Handelslehre und Astronomie unterrichtete. Sie war die erste Türkin, die an einer Hochschule lehrte. Wir sprechen von den 1920er Jahren. Es war eine Ära, in der Frauen sich gegen eine bleierne, islamisch geprägte Männergesellschaft behaupten mussten – eine Gesellschaft, die noch tief im über 600-jährigen Erbe des Osmanischen Reiches steckte.
Meine Großmutter war eine Institution. Sie war beliebt bei ihren Studenten, von denen viele später als führende Politiker und Wissenschaftler das Land prägten. Sie war die Frau an der Seite meines Großvaters, eines Professors für angewandte Physik, der die wissenschaftliche Fakultät in Ankara gründete und – man muss es heute fast als tragische Ironie bezeichnen – gemeinsam mit einem Deutschen die Anwerbung türkischer Gastarbeiter nach Deutschland vorantrieb.
Meine Großmutter war bis ins hohe Alter eine Erscheinung: wunderschön, mit Haltung und Rückgrat. Wenn ich mit ihr durch die Straßen ging, war es ein Spießrutenlauf der Ehrerbietung. Ehemalige Studenten überschlugen sich vor Hochachtung. Mit meinem Großvater siezte sie sich ein Leben lang. Getrennte Schlafzimmer, getrennte Arbeitszimmer – „wir arbeiten nachts viel“, hieß es lakonisch. Dass mein Vater und mein Onkel (beide später hochdekorierte Akademiker) 13 Jahre auseinanderlagen, zeugt davon, dass sich ihre Wege in der Wohnung trotz nächtlicher Arbeit wohl doch gelegentlich kreuzten.
In der nächsten Generation, bei meiner heute 94-jährigen Mutter, wurde die Türkei noch westlicher. Das Straßenbild der 50er und 60er Jahre in Istanbul war von dem in Paris kaum zu unterscheiden. Meine Mutter, eine Schneidermeisterin, zauberte den Glanz Hollywoods in unser Wohnzimmer. Die Schnittmuster des deutschen Magazins Burda Moden lagen dort ebenfalls ausgebreitet wie strategische Schlachtpläne, nach denen sie die moderne Welt für sich und ihre Freundinnen zusammennähte. Es war eine Zeit der Hoffnung, des Anstands und der Bildung.
Alles Schlechte für die Türkei kam aus Deutschland
Doch dieser Aufbruch wurde verraten – und zwar maßgeblich aus Deutschland. Ich behaupte heute: Alles Schlechte für die Türkei kam aus Deutschland. Es ist ein historisches Paradoxon, dass das damals noch „dunkel-christliche“ Deutschland jene reaktionären Kräfte konservierte und förderte, die die Türkei längst hinter sich gelassen zu haben schien. Diese wuchsen und gediehen aber in Deutschland weiter. Das Kopftuch, wie wir es heute als politisches Kampf-Symbol kennen, wurde in der deutschen Diaspora erst zum Identitätsmerkmal hochstilisiert. In meiner Kindheit war es ein loses Accessoire oder bäuerliche Tradition – in Deutschland wurde es zum ideologischen Kerker festgezurrt.
Ob es die PKK war, die hierzulande ihre finanzielle und strategische Höchstform erreichte, die Grauen Wölfe oder die islamistische Bewegung Milli Görüş, aus deren Reihen auch Erdoğan hervorging – Deutschland bot den Nährboden für den Zerfall dessen, was meine andere Heimat hätte werden können.
Während sich Frauen in der islamischen Welt heute unter Lebensgefahr von der Unterdrückung befreien wollen, halten die deutschen Linken und die selbsternannten Progressiven weltweit schützend ihre Hand über den „politischen“ Islam und verklären Unfreiheit als Vielfalt. (Der Begriff des „politischen Islam“ wird oft überstrapaziert und missbräuchlich verwendet. Meist dient dieser Zusatz lediglich dazu, den Islam an sich vor dem Vorwurf der Verallgemeinerung zu schützen, anstatt die untrennbare Verbindung zwischen Religion und politischem Anspruch beim Namen zu nennen.)
Ich habe nicht nur meine türkische Heimat an diesen aufgezwungenen, dunklen Islam verloren. Ich habe auch mein Deutschland verloren. Denn auch dieses Land war früher einmal lebens- und liebenswerter, bevor es begann, den Rückschritt zu importieren und ihn als kulturelle Bereicherung zu verkaufen. Die Türkei hat ihre schönen Jahre hinter sich; die Dunkelheit ist hausgemacht – mit freundlicher Unterstützung aus der Bundesrepublik.
Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir ein Deutschland erleben werden, das fundamentale Werte wie Meinungsfreiheit, Säkularismus und die Gleichberechtigung nicht nur schleichend aus dem Blick verliert, sondern sie zugunsten einer falsch verstandenen Toleranz endgültig aufgegeben hat.

Auch ich fürchte, dass der Point of no Return überschritten ist und wir eine undemokratische islamisch-theokratische Gesellschaft bekommen. Ich sehe da keine politische, aber auch keine gesellschaftliche Gegenwehr. – Mein Dank an Autor Dener für diesen Beitrag.
@Elias H.: Ich denke auch, dass die/unsere unkritische Sicht auf Islam die nur ermutigt hat, ihre Pest über den ganzen Planeten zu verteilen. Das wird zwar untergehen wie die Hexenverbrennerey (Verbrennerverbot!) auch, aber bis dahin wird noch viel Unglücks geschehen, porca miseria.
Das 1.5 Mio. Deutschtürken, sie sind einer davon, Herr Dener, 90 Mio. Türken in der Heimat re-islamisiert haben sollen, halte ich für eine gewagte These. Und was Deutschland betrifft, so hat es sich selbst verkackt.
„mit freundlicher Unterstützung aus der Bundesrepublik“ –
Kann man so sehen. Aber warum hat die türkische Bevölkerung in der Türkei mitgemacht, und tut es noch immer? Z.B. bei Wahlen?
Vor 50 Jahren in unserem Studentenhaus in Deutschland wohnten wir zu 11ft mit 2 Paaren zusammen, jeweils zwei türkische Männer zum einen mit einer Deutschen italienischer Wurzeln, zum anderen sogar mit einer Griechin. Bis heute habe ich das umgekehrt nirgendwo auf 4 Kontinenten gesehen. Die Türkei hat sich vielleicht nicht wegen Deutschland zurückentwickelt, sondern mittels ihrer durch heftige Steigerung der Wohlstands- und Kulturunterschiede überforderten, ja überfahrenen außerstädtischen Bewohner. Das hiesige Kopftuchgehabe und demonstrative Bewachen der Mädchen und jungen Frauen sehe ich erst als Folge dessen.
Herr Dener, vielen Dank für die Klarstellung bezüglich der Kopftücher! Das hat bisher niemand so deutlich gesagt.
Der Kemalismus wurde in der Türkei schon zu Lebzeiten Atatürks [1881 – 1938] von Korangläubigen bekämpft. Danach halfen nur Putsche des Militärs, den Islam und seine Wiederkehr ein klein wenig einzudämmen. Das Zweite Vatikanische Konzil [1962-1965] ‚lud‘ den Islam nach Europa ein. Bereits 1969 gehörte dann die Türkei zu den Gründungsnationen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit [OIC]. All das hatte mit Deutschland nicht so viel zu tun.