Henryk M. Broder / 17.07.2014 / 11:16 / 8 / Seite ausdrucken

Wie friedlich wären der Nahe Osten und die Welt ohne Juden

Dass die Deutschen nie «so ausser sich geraten, wie wenn sie zu sich kommen wollen», ist eine Erfahrung, die schon Tucholsky immer wieder staunen liess. Würde er noch leben, käme er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zum WM-Endspiel titelte eine Berliner Boulevardzeitung an die Adresse der Argenti nier: «Ihr seid Papst, aber wir sind Götter!» Und das noch vor dem entscheidenden Spiel.

Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätten die Deutschen das Endspiel verloren. Ein lange anhaltendes Trauma wäre ihnen sicher gewesen. Denn als Deutscher darf man weder ein Endspiel verlieren noch eine Endlösung nicht beenden. Die Folgen sind verheerend.

Dieser Eintrag war vor kurzem auf der Facebook-Seite von Gregor Gysi zu lesen: «[. . .] lieber freund gregor [. . .] ich habe da eine ganz eigene meinung [. . .] der holocaust war ganz schlimm, und so etwas darf nie wieder von uns deutschen ausgehen [. . .], aber mal angenommen, nur so rein hypothetisch leise nachgedacht [. . .], um wie viel friedlicher wäre der nahe osten, wenn der holocaust erfolgreich gewesen wäre?»

Bald darauf stand auf der Homepage des von Jakob Augstein herausgegebenen Wochenblattes Freitag ein Beitrag zur aktuellen Gaza-Krise. «Das eigentliche Problem am Israel-Palästina-Konflikt ist das zionistische Israel. Die Ausrufung des zionistischen Staates Israel am 14. Mai 1948 auf besetztem palästinensischem Boden ist das eigentliche Problem. [. . .] Das Problem, welches mit der Gründung Israels einherging, ist nicht nur ein Problem der Palästinenser. Nein, es ist ein weltweites Problem. [. . .] Erst wenn das zionistische Gebilde der Vergangenheit angehört, wird der Weltfrieden zur Gegenwart und die Hoffnung die Zukunft.»

Wenig später kommentierte Spiegel online die Wirkung des israelischen Raketenschutzschilds «Iron Dome» mit diesen Worten: «Er trägt dazu bei, dass der Weg zu einer Lösung des Problems versperrt bleibt. Denn die kann nur eine politische, niemals aber eine technisch-militärische sein.»

Wie friedlich wären der Nahe Osten und die Welt ohne Juden! Und wie gemein sind die Israelis, die eine politische Lösung des Problems durch den Einsatz technisch-militärischer Mittel verschleppen, um am Leben zu bleiben.

Erschienen in der Weltwoche vom 17.7.14

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Stefan Walfort / 18.07.2014

Nie hat die so genannte antiimperialistische Linke ihren Hang zum Antisemitismus, der heute immer unverhohlener zu Tage tritt, aufgearbeitet. Wider besseren Wissens wird dieser schlicht geleugnet. Zwar ist man in derlei Kreisen nach außen hin ständig bemüht seinen Wahn politisch akzeptabel durch in Endlosschleife abgespultes Gefasel von »Zionisten« zu verkaufen, doch nach einigen Flaschen Bier, so habe ich es des Öfteren erlebt, fällt die Maske, und der »Zionist« weicht dem »Juden«. Vor wenigen Jahren auf einer Demo zum Ersten Mai in Duisburg war ich Augen- und Ohrenzeuge, wie sich Leute aus dem Umfeld der Roten Antifa gegenseitig unter schrillem Gelächter infantil als »du Jude« beschimpften, ähnlich wie sich Vierzehnjährige auf Schulhöfen inflationär »du Schwuler« um die Ohren hauen. Ohne Juden würden sich diese antiaufklärerischen Ewiggestrigen andere Sündenböcke suchen. Lessing?Mendelssohn? Alles für die Katz - so scheint es. Ja, in der Tat dürfte Tucholsky heute abwechselnd im Grab rotieren und erbrechen, vor allem, wenn er erleben würde, welche Popularität trotz der Erfahrungen des Weimarer Präsidialkabinetts Kurt von Schleichers und der unsäglichen Kooperationen zwischen KPD und SA abstruse Querfrontbestrebungen plötzlich genießen. Anscheinend müssen vorgeblich Linke erst wieder in Konzentrationslagern landen, bis man kapiert, dass Antifaschismus und Faschismus einander ausschließen. Ob es allerdings, Herr Broder, ihr neuer Lieblinsfeind Gysi tatsächlich verdient hat, als Blitzableiter für berechtigte Wut auf Antisemiten, die sich links nennen, herhalten zu müssen, wage ich zu bezweifeln. Rufen Sie sich doch bitte noch mal die Bilder von 1990 vor Augen, als Gysi selbst von einem hasserfüllten Mob mit »Jude, Jude«-Gebrüll bedacht wurde.

Uwe Mildner / 17.07.2014

Genau das ist die Denkstruktur, die sich in so vielen, ganz einleuchtenden und schnellen Argumenten im Hintergrund befindet. Und genau das hat mir vor vierzig Jahren ein gleichaltriger junger SED-Genosse versucht beizubiegen. Dieser Mief stinkt immer weiter vor sich hin, aber die Kleider, die er trägt, sind so bunt wie die Menschheit. Reduziert auf den kleinsten Gemeinsamen Nenner komme ich auf den Minderwertigkeitskomplex eines jeden Menschen, der so irrsinnig verheerende Auswirkungen haben kann. Kain und Abel waren wohl die ersten Zeugen, von denen es aufgeschrieben wurde.

Thomas Schmied / 17.07.2014

Hallo Herr Broder! Ich schätze Ihr Engagement für Israel. Ich kenne keinen einzigen Juden persönlich und mit der jüdischen Religion kenne ich mich kaum aus. Ich stehe auf der Seite Israels nicht, weil da Juden wohnen oder weil ich “besonders als Deutscher” irgendeine “besondere Verantwortung” verspüre. Auch bin ich keiner von denen, die eine “besondere Freundschaft mit Israel” vorheucheln, um mit diesem Steckenpferd dann ungehemmt auf dessen Selbsterhaltungspolitik eindreschen zu können. Israel ist einfach das einzig vernünftige, demokratische und rechtstaatlich funktionierende Land in dieser Region - ringsum ist Chaos, Mord und Todschlag. Israel bringt was zustande - wirtschaftlich, innovativ. Soviel dazu. Ja, diese abgehobene Erwartungshaltung, etwas “ja” gewinnen zu müssen, ging mir auch gegen den Strich. Das Spiel hätten wir auch verlieren können - ja, “wir”. Ich habe mich gefreut - ja, “als Deutscher” - und ich bin froh, dass die “Endlösung nicht beendet wurde”. Aber lassen Sie doch mal wenigstens ein gutes Haar an “den Deutschen” - ganz ohne Sarkasmus oder den obligatorischen intellektuellen Nachtreter. Nä - wir sind nicht alle Antisemiten, verkappte Nazis oder Augstein. Wir sind sehr unterschiedliche Menschen, die ihre eigenen Interessen verfolgen, wie Menschen überall auf der Welt es tun - ok manchmal vielleicht über die Grenze zum Egoismus hinweg. Es ist aber Ihr spürbares Misstrauen gegenüber Deutschland, den Deutschen, Herr Broder, das mir so manchen guten Artikel von Ihnen vergällt.

Karl Helger / 17.07.2014

Die Juden gewinnen die Nobelpreise, haben die besten Wissenschaftler und gute Start-ups, und vor allem eines: Sie haben keinen (!) Völkermord begangen! Die Türken hatten ihre Armenier, die Muslime die Hindus, die Deutschen die - genau -, die Amis - zumindest unfair behandelt - die Indianer, die Briten haben die Iren sehr stark unter Druck gesetzt usw. Man kann den Juden einfach nicht verzeihen, daß sie so verdammt humanistisch sind und die paar 700.000 Araber nicht einfach ausradiert haben, wie jedes andere Land der Welt das gemacht hätte.

Waldemar Undig sen. / 17.07.2014

Ich bin immer Ihrer Meinung, Herr Broder, aber diesmal nicht. Ich liebe alle Juden, die Lebenden und die Toten. Und die Juden sind nicht an allem schuld.

Thorsten Haupts / 17.07.2014

Da gab´s doch mal, in einem Buch von Kishon, vor 40 Jahren eine Satire, die sich genau mit demselben Thema beschäftigte. Fazit: Ein ausgelöschtes Israel wäre für die Weltöffentlichkeit viel bequemer, die könnte dann Krokodilstränen vergiessen und Mahnmale errichten. Also genau das, was die Hamas offiziell anstrebt. Die Deutschen finden seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges alle gemein, die sich wehren können und wollen. Über Zusammenhänge mögen Psychologen spekulieren.

Hydrangea Aspera / 17.07.2014

Wenn der jüdische Staat eine Lehre aus der Ermordung der Europäischen Juden ziehen kann, dann diese: seine Rechte und Freiheiten muss man beizeiten verteidigen - und natürlich auch mit militärischen Mitteln!

Christian Schulz / 17.07.2014

Ich teile die Ablehnung solcher Kommentare, aber die sind leider fast überall zu finden. Ob Gysi und andere linke Seiten, SPON und Freitag da herausragen vermag ich nicht zu beurteilen.

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