In der Via San Gregorio Armeno in Neapel lebt das Märchenreich der spannenlangen, bunt bemalten Krippenfiguren aus Holz, Terrakottta oder Papiermaché. Dort werden das ganze Jahr über Weihnachtskrippen und allerlei Beiwerk angeboten, das in den Werkstätten an der Straße entstand. Da drängen mit neapolitanischer Sinnenfreude Fiedelspieler und Dudelsackpfeifer zur Krippe, während Hirten das Jesuskind mit Käselaiben und Bändern aus prallen Würsten, mit gefüllten Weinschläuchen oder mit tropfenden Mozzarellakugeln beschenken. Daneben sehen Prominente aller Art zu, wie die heiligen drei Könige ihre Geschenke ausbreiten: Unter ihnen Fußballer, Schlagersänger, Schauspieler und selbst Päpste, die einen Hang des Publikums zum Althergebrachten verraten. Denn es werden unübersehbar ein Pole und ein Deutscher bevorzugt: Giovanni Paolo und Benedetto, der die Umstehenden in den berühmten roten Schuhen und mit dem Camauro auf dem Kopf segnet. Politiker sieht man bis auf Giorgia Meloni und Matteo Salvini selten, manchmal nur als Gescheiterte (Zum Beispiel: „Per caduta governo Berlusconi al 50 %“ – „50 Prozent glauben an einen Sturz der Regierung Berlusconi“).
Eigenheiten der Dargestellten werden hin und wieder betont, aber es gibt keine hämischen Karikaturen, allenfalls Anspielungen. So bietet ein Abbild des unvergessenen Totó, Neapels Prinz des Lachens, Spaghettometri an – Holzscheiben mit Löchern verschieden großer Durchmesser. Das sind nun nicht jene Küchengeräte, die ohnehin kein Neapolitaner benutzen würde. Durch Totós Spaghettometri kann man in fröhlicher Runde messend stecken, was man will. Daneben liegen, kleinen Paprikaschoten gleichend, die Cornetti: keine gebackenen Hörnchen, sondern Erinnerungen an die Fruchtbarkeit versprechenden Phalli früherer Zeiten. Und natürlich mischt sich überall Pulcinella unter die Leute – der rüde Spaßvogel mit schwarzer Maske, Habichtsnase und einem mächtigen Buckel. Pulcinella, lebensgierig, verschlagen, gefräßig und wolllüstig, ist der Gebieter über eine strahlende Welt voller Sonne und lüstern flatternder Bettwäsche, der Welt der Mandolinen und Canzonieri, dunkler Weinreben und des rauchenden Vesuvs – des Neapels von gestern, das es sicherlich so nie gegeben hat.
Zur Reisezeit im Sommer und um Weihnachten herum ist die Via San Gregorio Armeno ein Paradies für Taschendiebe. Viele Menschen, die da im Gedränge oft gebeugt und fasziniert Figuren betrachten, haben keinen Blick mehr für ihre Umgebung. Die meisten von ihnen übersehen deshalb den Eingang zur Kirche, die der Straße den Namen gab, obwohl er so groß wie ein Scheunentor ist. Bedauerlich, denn dahinter liegt seit dem Umbau im 16. Jahrhundert eine der schönsten Barockkirchen Neapels. Damals schufen Baumeister, Marmor verarbeitende Dekorationskünstler, Stukkateure, Holzschnitzer, Kunstschmiede, Vergolder, Orgelbauer und bildende Künstler – bis in das 18. Jahrhundert hinein – ein Gotteshaus, von dem jemand schrieb, es gleiche einer stanza di paradiso in terra. Dem Touristen, der vielleicht noch nie eine katholische Kirche der Barockzeit von innen sah, werden zunächst die Gemälde, die Marienglorie, die Säulen und die vielfarbigen Marmorintarsien am Hochaltar auffallen, bevor er die gewaltigen Sänger- und Orgelemporen mit ihrem reichen Schnitzwerk aus vergoldetem Nussbaumholz näher besieht. Die Orgelpfeifen stehen freilich grau und stumm. Auch hier schmerzt, wie in nahezu allen Kirchen Neapels, der Zustand der Orgeln – der einzigen Musikinstrumente, deren Spiel imstande ist, Himmel und Erde miteinander zu verbinden. Dennoch ahnt der Betrachter, wie einst Gold und Silber im Licht der Kerzen und Öllampen funkelten, wie mit den Weihrauchschwaden Orgelklänge über die Andächtigen hinweg himmelwärts schwebten – oder jedenfalls bis zum mit Blattgold belegten Schnitzwerk der Decke.
Phrasen vom Abfallhaufen politischer Rethorik
Wer nun hinausgeht und sich an das Halbdunkel gewöhnt hat, der wird im Eingangsgewölbe ein mit einem Kreuz sowie mit fremdartigen Ornamenten versehenes Mahnmal aus rosa Gestein bemerken: armenischer Tuff. Das rosafarbene Kreuz steht dort seit 2015, seit dem hundertsten Jahrestag des von der türkischen Regierung noch immer geleugneten Völkermordes an den Armeniern. Mancher mag denken, es sei nach einem Jahrhundert nicht mehr notwendig, deshalb neue Denkmäler in alten Kirchen aufzustellen, zumal der Vorwurf des Völkermordes, der planvollen Vernichtung eines ganzen Volkes, in unserer Zeit schnell erhoben wird. Doch der Stein steht hier schon richtig, in der Kirche San Gregorios, Gregors des Erleuchters, dessen Einfluss in Armenien das erste christliche Staatswesen der Welt schuf. Wohlgemerkt: das erste christliche Staatswesen der Welt – also noch vor Georgien, Äthiopien und dem Römischen Reich.
Nun ist es in dieser Welt nicht unbedingt vorteilhaft, wenn ein Staat sich zu Grundsätzen des christlichen Glaubens bekennt. Insbesondere dann, wenn er nicht über nennenswerte Reichtümer und Rohstoffquellen verfügt, steht er bald ebenso wie Armenien da: mit Phrasen vom Abfallhaufen politischer Rethorik beschenkt, aber ohne Verbündete. Da konnte es dann geschehen, dass 2016 Bundeskanzlerin Merkel, ihr Vizekanzler Gabriel und ihr Außenminister Steinmeier einer Bundestagssitzung fernblieben, in der jener Völkermord an den Armeniern und die mittelbare deutsche Beteiligung daran verurteilt werden sollten. Wer schweigt, stimmt zu. Es ist nicht besonders rühmenswert, aber mit Respekt zu vermelden, dass die Abgeordneten des damaligen Bundestages dennoch beschlossen, das von der osmanischen Staatsführung befohlene Geschehen von 1915/16, bei dem anderthalb Millionen Armenier ermordet wurden, als Genozid zu verurteilen. Der Beschluss wurde mit einer Gegenstimme und einer Enthaltung gleichsam einstimmig verabschiedet.
Von dieser Haltung war allerdings kaum noch etwas wahrnehmbar, als vor sechs Jahren wieder einmal die Kreuzsteine Gregors des Erleuchters zerschlagen wurden, während Aserbaidschan mit türkischer Unterstützung Krieg gegen das christliche Armenien führte. Die deutschen Kirchen rangen sich zwar erheblich mehr Beileidsbekundungen als etwa für den anhaltenden Massenmord an nigerianischen Christen ab, vermieden jedoch ängstlich den Vorwurf einseitiger Parteinahme. Das entsprach durchaus der allgemeinen Gemütslage. Denn zum einen gibt es in Deutschland fortwährend ethnisch oder ideologisch motivierte Übergriffe gegen Armenier und ihre Kultur des Gedenkens, wobei sich Städte wie Köln, Berlin und Hamburg besonders hervortun – zum anderen gehört Aserbaidschan inzwischen zu Deutschlands zehn wichtigsten Rohöllieferanten, und ohne aserbaidschanisches Gas müsste die deutsche Wirtschaft noch ganz andere Kröten schlucken. Deshalb gilt für Armenien weiterhin: kein Gas, kein Öl, kein nachhaltiger Beistand.
Bekenntnis für andere Schwestern und Brüder im Glauben
Das sind natürlich Belange, die der Welt, in der die Nonnen in der Kirche San Gregorio Armeno zu Neapel lebten, gänzlich fern lagen und es noch immer sind. Stattdessen hatten im 8. Jahrhundert aus Konstantinopel fliehende Glaubensschwestern die Reliquien des Heiligen Gregor nach Neapel gebracht, wo sein Schädel noch immer aufbewahrt und bisweilen feierlich ausgestellt wird. Jenen Nonnen folgten seither Schwestern anderer Vereinigungen, und heute sind es nur noch sehr wenige – sie stammen aus Süditalien und werden von Schwestern aus anderen Häusern unterstützt. Gewöhnlich betreuen sie gefährdete Mädchen und in irgendeiner Weise abhängige junge Frauen. In der Kirche des Heiligen Gregor sieht man sie überdies an jedem Vormittag vor dem Jakobsbrunnen, wo an den Rand der Gesellschaft geratene Menschen immer auf Zuspruch und eine kleine Mahlzeit hoffen dürfen. Ich erinnere mich überdies an ein anderes Bild – nämlich daran, wie ich sie kichernd vor einer Eiskonditorei in der Spaccanapoli stehen sah und sie dabei ihr Spiegelbild in den Schaufensterscheiben betrachteten. Möge ihr Gott sie beschützen.
An Neapels Klöstern und Kirchen geht ja die Zeit nicht vorbei. So wie sich die Kirchenbehörde im Gegensatz zur italienischen Regierung mit dem Gedenkstein in der Kirche des Heiligen Gregor zur Verurteilung des Völkermordes an den Armeniern bekannte, so legte sie auch ein Bekenntnis für andere Schwestern und Brüder im Glauben ab, als sie die Kirche Santa Maria della Pace orthodoxen Gläubigen, die während des Bürgerkrieges aus der Ostukraine geflohen waren, für Andachten und Gottesdienste öffnete.
In Deutschland und in zwei Dutzend anderen Ländern wird an jedem 24. April offiziell und mehr oder weniger stillschweigend der Opfer des Völkermordes an den Armeniern gedacht – Italien ist übrigens nicht darunter. Uns bleibt an diesem Tag kaum mehr als das Gedenken und der Respekt. Die Bilder im Internet, die Fotografien von ermordeten und zuvor geschändeten Frauen, von erschlagenen Kindern und gekreuzigten Männern, sind so unerträglich wie jene bezahlten Texte, in denen von angeblichen armenischen Pogromen im Osmanischen Reich die Rede ist, die dem Völkermord vorausgegangen sein sollen. Da ist es dann vielleicht doch unvermeidbar, die Fotos zu besehen, auf denen die türkischen Schlächter grinsend vor den Leichen ihrer Opfer stehen.
Zumutbar ist es vor allem, sich zu informieren, zum Beispiel Franz Werfels Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh zu lesen, der erstmals 1933 erschien und von den Nationalsozialisten sofort auf den Scheiterhaufen geworfen wurde – schon deshalb, weil die Judenhasser unter ihnen darin einen Hinweis auf ihre Absichten vermuteten. Werfel sah als Reisender in Syrien in einer Teppichfabrik unterernährte armenische Kinder, die den Genozid überlebt hatten. Der Anblick traf ihn tief, und er beschloss, das Schicksal des armenischen Volkes literarisch festzuhalten. Nicht als hilfloses Opfer, sondern im Widerstand gegen Deportation und Vernichtung. Sein Roman entstand nach gründlichem Studium der Berichte von Diplomaten, Militärangehörigen und Augenzeugen sowie in deutschen und französischen Archiven. Er bleibt deshalb nicht allein ein hervorragender historischer Roman, sondern auch eine eindringliche Warnung vor organisierter Menschenvernichtung.
Das sich damals offiziell noch als christlich verstehende Deutsche Reich hatte schon 1915/16 als übergeordneter Verbündeter des Osmanischen Reiches nichts gegen diesen durch und durch jihadistisch inspirierten Völkermord unternommen bzw. diesen recht unverhohlen unterstützt. Die durchweg muslimischen Soldaten mordeten nicht zufällig mit deutschen Gewehren und Kanonen. Die ebenfalls genozidale Vertreibung der Armenier aus dem ältestchristlichen Berg-Karabach oder Artsakh durch Aserbeidschan in den vergangenen Jahren und abschließend 2025 unter Beihilfe der sich auch immer wieder gerne als christlich inszenierenden Trump-Regierung sollte in diesem Kontext auch nicht vergessen werden. Eine Schande für alle gläubigen Christen. In Paris, an der Seine und nicht weit vom Eiffelturm, gibt es mit dem Komitas-Monument übrigens ein bewegendes Denkmal an den Völkermord 1915/16, in Form einer Statue des Überlebenden, Priesters und Komponisten Komitas, dessen wundervolle Musik eine lohnende Entdeckung ist.
„…gilt für Armenien weiterhin: kein Gas, kein Öl, kein nachhaltiger Beistand.“ – Hätte auch erwähnt werden können: der Massenexodus/ethnische Säuberung der armenischen Christen aus Bergkarabach (Arzach) im September 2023.
Wer keinen persönlichen Kontakt mit Menschen in Transkaukasien hatte, sondern nur die Geografie und die Geschichte der Region kennt, würde definitiv sagen, dass der natürlichste Alliierte von Armenien Georgien, das ander erzchristliche Land südlich der großen Berge, sein sollte. Dass dies nicht der Fall ist, kann ich nur psychologisch aber nicht politisch erklären. Eine Zusammenarbeit, eine politische Koordination zwischen den zwei kulturell so ähnlichen Nachbarn ist leider genauso unvorstellbar, wie sie z.B. zwischen Litauen und Lettland selbstverständlich ist.
Danke für die interessante Geschichte. Bleibt nachzutragen, dass in Baku schon 1918 ein Massaker an den dortigen Armeniern verübt wurde, die sich mit russischer und britischer Hilfe gegen die vereinten muslimischen Armeen des osmanischen Reichs und Aserbaidschans verteidigen mussten („September Days“).
Einmal geriet ich unversehens nachdem ich mein Auto abgestellt hatte, in die schrägste Demo aller Zeiten. Es war eine Demo von Türken FÜR den Genozid an den Armeniern. Hamburg Landungsbrücken, etwa 10 Jahre her. Die Demonstranten trugen Plakate wie „die Umsiedlung war richtig!“ und „Nein zur Völkermordlüge“. Und jede Menge Türkeifahnen. Ich kapierte natürlich nicht was los war und ging weiter. Erst in den Nachrichten erfuhr ich, dass die türkische Gemeinde deutschlandweit dazu aufgerufen hatte, gegen den Beschluss der EU auf die Strasse zu gehen, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen. Hatte sie wohl vorher nicht gemacht. Die Kirchen schweigen dazu bis heute. Logisch, denn sie sind Profiteur Nr.1 in der Asylindustrie, in der es hauptsächlich um Ansiedlung von Moslems geht. Türken vorneweg.