Ende des 19. Jahrhunderts zog es den findigen Schweizer ins Osmanische Reich. Dort angekommen, tat er das Naheliegendste, um in einer islamisch geprägten Kultur zu unermesslichem Reichtum zu gelangen: Er baute eine Bierbrauerei.
Wie rasant dieser alpine Gerstensaft-Kapitalismus Früchte trug, lässt sich an einer wunderbaren Chronologie ablesen. Die Brauerei im Istanbuler Stadtteil Feriköy wurde 1890 errichtet. Bereits im Jahr 1910 kehrte Herr Bomonti als gemachter Mann nach Bern zurück, um sich eine standesgemäße Residenz zu bauen. Zwanzig Jahre schuften für den Istanbuler Traum – das schafft heute kein Tech-Start-Up-Gründer mehr. Zufällig befindet sich diese Villa Bomonti heute im Berner Botschaftsviertel, in spuckweite zur türkischen Vertretung. Bis 1952 residierte die Familie selbst darin. Ein nettes Detail am Rande: Die Garage der Villa bot Platz für zehn Fahrzeuge. Man gönnte sich ja sonst nichts.
Ab 1840 wussten die Osmanen, wie Bier schmeckt
Entgegen der heutigen, kulturkampferprobten Vorstellung war das Bierbrauen am Bosporus keineswegs eine Erfindung der modernen Republik. Die Osmanen wussten schon ab etwa 1840 ganz genau, wie Hopfen und Malz munden. In jenen Jahren öffneten auch die ersten Bierhäuser im Reich der Sultane. Erste offizielle Statistiken aus dem Jahr 1896 belegen, dass damals bereits beachtliche 1,2 Millionen Liter Bier gebraut wurden.
Bomontis Brauerei lief so gut, dass sie einem ganzen Viertel dauerhaft ihren Stempel aufdrückte. Wer heute in Istanbul etwas auf sich hält und sich als wahrer Connaisseur outen möchte, der bestellt in den Bars von Kadıköy oder Beşiktaş kein profanes „Efes Pilsen“. Man verlangt nach einem „Bomonti“ – dem bis heute süffigsten türkischen Malt. Der heutige Braugigant Anadolu Efes hat die historische Marke zwar längst geschluckt, war aber klug genug, die nostalgische Flasche und den malzigen Geschmack unangetastet zu lassen.
Die elfjährige Volkszählung
Schwierig gestaltete sich von Anfang an die Berechnung des Pro-Kopf-Verbrauchs. Das lag vor allem an der osmanischen Bürokratie. Die erste Volkszählung des Reiches zog sich von 1882 bis 1893 hin. Wenn man elf Jahre lang Menschen zählt, um am Ende stolz die Zahl von 20.488.562 Personen zu verkünden, sollte man das mit der statistischen Präzision nicht allzu genau nehmen. Zumal die damalige Landkarte noch Gebiete umfasste, die heute auf völlig anderen Pässen stehen. Aber getrunken wurde, das steht fest.
Heute ist die Anadolu Efes-Gruppe der unangefochtene Platzhirsch am türkischen Markt und kontrolliert rund drei Viertel des Geschäfts. Der Konzern rangiert im globalen Vergleich konstant unter den Top 15 der größten Brauereigruppen der Welt. Von Russland über Kasachstan bis Georgien wird Efes gebraut – und selbst in Deutschland lief das Bier jahrelang über die Bänder, erst im Einbecker Brauhaus, später in der Gilde Brauerei in Hannover. Sogar die westliche Konkurrenz lässt in Lizenz bei Efes vom Band laufen: Miller, Beck’s und Foster’s wissen die türkische Braukompetenz zu schätzen.
Wenn der politische Islam die Korken knallen lässt
Und der Konsum? Der steigt unverdrossen. Während der Konsum von Rakı – dem eigentlichen Nationalgetränk mit knackigen 45 Prozent – seit Jahren stagniert, fließt das Bier immer üppiger. Knapp eine Milliarde Liter Bier werden in der Türkei pro Jahr durch die Kehlen geschleust.
Das bringt uns zur absoluten Pointierung des modernen, türkischen Staatsverständnisses. Für den oberflächlichen Beobachter mag es so aussehen, als wolle die AKP-Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan das Volk mit moralischer Härte in die Abstinenz zwingen. Zweimal im Jahr wird die Alkoholsteuer (ÖTV) inzwischen automatisch angehoben. Rakı ist für den Normalbürger mittlerweile ein unbezahlbares Luxusgut geworden. Die Folge: Ein boomender Schwarzmarkt, bei dem sich verzweifelte Hobby-Alchemisten ihren Anisschnaps im Badezimmer selbst destillieren – was leider regelmäßig zu tödlichen Methanolvergiftungen führt.
Doch wer glaubt, die Regierung sei darüber unglücklich, unterschätzt den ökonomischen Pragmatismus des politischen Islams. Die Menschen versuchen verständlicherweise, ihren wirtschaftlichen Kummer zu ertränken. Und da die restlichen Alkoholsorten trotz – oder gerade wegen – der exorbitanten Preise weiter konsumiert werden, spülen die Sündensteuern gigantische Summen in die chronisch klammen Kassen des Staates.
Es ist eine herrliche Ironie des Schicksals: Auf der einen Seite geriert man sich als streng gläubiger Hüter der islamischen Moral. Auf der anderen Seite hält man die Staatskasse mit den Erträgen aus Alkoholsteuern, staatlichen Wetten und Glücksspielen (die im Islam eigentlich bei schwerer Strafe verboten sind) künstlich am Leben. Man könnte fast sagen: Nirgends wird so gottesfürchtig an der Flasche verdient wie in Ankara.
Das finale Diyanet-Update
Die ultimative Krönung dieser Realsatire betrifft jedoch das historische Erbe von Walter Bomonti selbst. Das weitläufige Gelände der alten Bomonti-Brauerei in Istanbul wurde von der Regierung an die staatliche Religionsbehörde (Diyanet) übertragen. Wo über ein Jahrhundert lang die Kessel dampften und der Alkohol floss, wurden Koranschulen, Kulturzentren und Wohnheime für die Jugend errichtet.
Das Projekt ist durchgezogen. Bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass die Sanierungstrupps gründliche Arbeit geleistet haben und auch das letzte Molekül aus den alten Gemäuern geschrubbt wurde. Es wäre ja schließlich fatal, wenn die heranwachsende, gottesfürchtige Jugend bei der Koranrezitation plötzlich vom süßlich-nostalgischen Duft eines frisch gebrauten Walter-Bomonti-Malzbiers inspiriert würde. Prost!!

Fünfundvierzig Prozent? Ich dachte, sowas gibt’s nur in Polen?
Mit Raki ist die Fete vorbei, bevor sie angefangen hat.
Bier hat fünf Prozent und man kann lange feiern, bis man voll ist.
Ich habe mich schon gewundert, bei „Nord bei Nordwest“ betrinkt man sich öfter und Mehmet Ösker (Cem-Ali Gültekin) macht mit, bis alle dudeldick sind.
An anderer Stelle bekennt er sich zum Islam. (verkauft wird die Zugehörigkeit irgendwie wie eine genetische Angelegenheit)
Die offensiv getragene Islam-Symbolik hat meines Erachtens dazu geführt, daß man sich mehr zum Christentum bekennt. Plötzlich tragen wirklich viele ein Kreuz.
Das ist die Auferstehtung. Ich habe das schon für tot gesehen.
Im Christentum verwandelt Jesus Wasser in Wein und dann feiern sie alle. Gemäßigter Konsum ist erlaubt. Aber, was ist gemäßigt?
Im Mittelalter war das Zinsnehmen (Wucher) in der christlichen Lehre verboten, da es als Ausbeutung galt. Die katholische Kirche verurteilte das Zinsnehmen auch als Sünde. Mit Aktien und Anleihen haben die modernen Christen ja kein Problem mehr mit, obwohl das sehr hart verurteilt wird. Vielleicht liest man einfach nicht bis zu der Stelle, oder überspringt sie: „Die Hure Babylon“.
Im Islam ist das Erheben von Zinsen ebenfalls verboten. Es gilt als ungerecht und ausbeuterisch. Da ist kein Widerspruch zum Christentum.
Der Handel mit Zinspapieren wird daher im traditionellen islamischen Recht abgelehnt.
Es gibt heute islamische Finanzprodukte, die zinsfreie oder zinsähnliche Geschäfte vermeiden und stattdessen auf Gewinn- und Verlustbeteiligung setzen.
Mir kam der Verdacht, daß George W. Bush die Nahost-Kriege (Neuordnung!) wegen des inkompatiblen Bankensystems angefacht hat. Das steht eine Wirtschaftsbesziehung nach westlichem Modell ja eher im Wege?
Sehr geehrter Herr Dener,
Sie schreiben immer so schöne Geschichten, die man sonst nie und nirgens lesen kann. Sie mit Flöte, Bastkörbchen und Königskobra und ich mit einer Stiege Tomaten, altem Hund und Kreuzschmerzen auf dem örtlichen Marktplatz. Was für eine Geschäftsidee!
Vkele Grüße
Nico Schmidt