Moritz Mücke, Gastautor / 13.08.2016 / 12:00 / Foto: Gage Skidmore / 10 / Seite ausdrucken

Wie ein Hypnotiseur mir Donald Trump erklärte

Von Moritz Mücke.

Als Donald Trump Mitte Juni letzten Jahres seine Kandidatur für die republikanische Präsidentschaftsnominierung bekannt gab, war eine der netteren Vokabeln, die dem Unternehmer an den Kopf geworfen wurde, der herablassende „Clown“. Niemand glaubte, ihn ernst nehmen zu müssen, alle hielten ihn für eine Eintagsfliege in einem Kandidatengebräu, das mit schließlich 17 teils herausragenden Senatoren, Gouverneuren, und Kongressabgeordneten bereits ausgezeichnet gewürzt war. Doch nach der von Trump dominierten, erdrutschartigen Vorwahlsaison bleibt nun vielen das Lachen im Halse stecken. Mit dem britischen Unterhalter Bob Monkhouse könnte man auch sagen: „Als ich ankündigte, ich wollte Komiker werden, haben sie mich alle ausgelacht – aber jetzt lachen sie nicht mehr!“

Ich selbst beschreibe das Trump-Phänomen gerne mit einer persönlichen Anekdote. Ungefähr zwei Wochen nach der erwähnten Ankündigung saß ich in Kalifornien zusammen mit anderen jungen Unterstützern einer freiheitsbefürwortenden, den Republikanern nahestehenden Denkfabrik – dem Claremont Institute – bei Whisky und bestem Wetter auf der Terrasse eines Hotels. Ich fragte in die Runde, welchen Kandidaten die konservativen Nachwuchsintellektuellen unterstützten. Von 15 Anwesenden waren etwa die Hälfte (inklusive meiner Wenigkeit) für Gouverneur Scott Walker aus Wisconsin, die andere Hälfte für den Senator Marco Rubio aus Florida. Ein unangepasster New Yorker feuerte Ted Cruz an. Nicht nur wollte niemand sich auf die Seite Trumps schlagen, er wurde überhaupt nicht erwähnt. Wir hatten ihn für so wenig wichtig gehalten, dass es niemand für nötig hielt, ihn auch nur als Clown zu bezeichnen. Er war nicht auf unserem Radar. Als Freunde der republikanischen Partei hatten wir schlicht dabei versagt, die Wünsche und Sorgen der eigenen Parteibasis realistisch einzuschätzen. Setzen, sechs!

Wie konnte es nur so weit kommen mit Trump? In der Rückschau hat mir bei der Beantwortung dieser Frage niemand so gut weiterhelfen können wie ein Comiczeichner namens Scott Adams. Am besten bekannt ist Adams als Schöpfer der erfolgreichen Comicfigur „Dilbert“ – aber er ist zufälligerweise auch ein ausgebildeter Hypnotiseur und Experte in der Wissenschaft der Überzeugung („persuasion“). Nur wenige Wochen nachdem Trump in den Ring stieß, erkannte Adams das riesige Potential des „Meister-Überzeugers“ und schrieb auf seinem Blog, dass Trump die Nominierung gewinnen würde.  Zwei Monate später änderte er seine Voraussage zu einem  „Erdrutschsieg“  in der allgemeinen Präsidentschaftswahl für den republikanischen Kandidaten Trump, der seine Partei einem ordentlichen „bitch-slapping“ ausgesetzt habe. Was hat Adams gesehen, dass sonst niemandem von uns bewusst war? In diesem Video können Sie hören, wie er selbst Trumps Geniestreiche analysiert.

Ausgeklügelte Tricks irgendwo zwischen Marketing und Hypnose

Trump ist kein Clown, sondern genial. Er benutzt im Wahlkampf ausgeklügelte Tricks der Überzeugungswissenschaft, welche selbst irgendwo zwischen Marketing und Hypnose anzusiedeln ist. (Auch die Brexit-Kampagne hat erfolgreich mit einem Hypnotiseur zusammengearbeitet.) Ein Grundpfeiler dieser Wissenschaft ist die Einsicht, dass Emotionen überzeugender sind als Fakten, und dass richtig gewählte Worte, wie bei Hypnose, die meisten Leute von fast allem überzeugen kann.

Trumps Rhetorik ist unter anderem deshalb so überzeugend, weil er stets das Visuelle dem Abstrakten vorzieht. Wenn er über ISIS spricht, so erwähnt er stets, dass die Terroristen „Leuten die Köpfe abschlagen“ und „Leute in Stahlkäfigen ertränken.“ Beim Zuhörer erschaffen diese Worte Bilder im Kopf – Bilder sind emotional und Emotionen sind überzeugend. Sofort sieht man vor dem geistigen Auge die vermummten Terroristen, wie sie mir ihren Messern auf ihre gefesselten und in orangefarbigen Overalls gekleideten Opfer losgehen. Das Bild erzeugt Angst, und was ist überzeugender als Angst?

Ein weiterer Kunstgriff von Trump ist das Setzen eines „Ankers“ in der Vorstellung seiner Zuhörer. Ein Beispiel hierfür ist sein Beharren auf dem Mauerbau an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Wenn Trump tollpatschig wäre, wie die meisten Politiker, dann wollte er „to physically fortify“ die Grenze – Worte, die unnötig abstrakt sind, keine Bilder im Kopf erzeugen, und zudem noch größtenteils auf dem Lateinischen basieren, also von vielen schlicht nicht verstanden werden. Da Trump aber geschickt ist, fordert er „to build a wall.“ Jeder versteht sofort, was gemeint ist. Zudem ist eine Grenzmauer nicht nur ein Bild, sondern eine große Idee, die sich besonders gut im Hirn verankern lässt und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er beschreibt die Mauer gerne als „big and beautiful“ und konzessiert, dass sie eine „große Tür“ haben werde für Leute, die legal nach Amerika einwandern wollen. Auch hier: einfach, visuell, emotional – ein perfekter mentaler Anker.

Wer einfache Worte als anti-intellektuell empfindet, hat nichts begriffen

Die Medien missverstehen Trumps einfache Worte oft als anti-intellektuell. Dabei übersehen sie, dass hochintellektuelle Politiker, wie Winston Churchill, oft dieselben Techniken benutzten und benutzen. Churchills berühmteste Worte – „finest hour“, „blood, toil, tears, and sweat” – sind verblüffend simpel. Stellen Sie sich vor, er hätte komplizierte, lateinbasierte Wörter benutzt, etwa „perspiration“ anstelle von „sweat“ – wären die Worte dann wohl in die Geschichte eingegangen? Vermutlich nicht.

Auch was Branding betrifft, ist Trump genial. In den Vorwahlen hat er jedem seiner (ernstzunehmenden) Mitbewerbern Spitznamen verpasst, die Scott Adams „linguistic kill shots“ nennt. So wurde aus Marco Rubio „Little Marco,“ aus Ted Cruz „Lying Ted”, und aus Jeb Bush “low energy Jeb”. Gerade letzterer ist eine brillante Manipulation, denn eigentlich würde man sich im Weißen Haus jemanden wünschen, der ruhig ist und in Krisensituationen einen kühlen Kopf behält – aber wer will schon einen „low energy“ Präsidenten? Schließlich hat er Hillary Clinton als „Crooked Hillary“ gebrandmarkt (etwa: korrupt, schief). Gut möglich, dass sie daran zu Grunde gehen wird, wie vor ihr Marco, Ted, und Jeb.

Zudem versteht Trump die Kunst, zum richtigen Zeitpunkt vage zu sein. Zum Beispiel erklärt er, dass er die „schlausten Leute der Wall Street“ anheuern will, um für die amerikanische Regierung Verhandlungen zu führen. Er nennt aber keine Namen, sondern überlässt es den Zuhörern, sich vorzustellen, wer genau diese Leute sein werden. Jeder hat eine eigene Vorstellung davon, wer an der Wall Street nun besonders brillant ist, aber Trump kultiviert, indem er vage ist, alle diese verschiedenen Vorstellungen gleichermaßen.

Schließlich bleibt noch Trumps genialer Wahlkampfslogan „Make America Great Again“. Er ist perfekt, weil er kurz und einfach ist, aber auch, weil er vage ist, denn jeder hat eine andere Vorstellung davon, worin amerikanische Großartigkeit nun gerade besteht. Außerdem appelliert er an die menschliche Tendenz zu Nostalgie, zu der Früher-war-alles-besser-Haltung, die in dem Wörtchen „Again“ zum Ausdruck kommt. Arthur Schopenhauer hat diese Vergangenheitssehnsucht einmal treffend so ausgedrückt: „Die Erinnerung wirkt wie das Sammlungsglas in der Camera obscura: Sie zieht alles zusammen und bringt dadurch ein viel schöneres Bild hervor, als sein Original ist.“

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Leserpost

netiquette:

Martin Friedland / 14.08.2016

Na ja, mit dem “nicht mal Bürgermeister einer Kleinstadt” kann man das auch anders sehen - siehe M. Schulz.

Helmut Driesel / 14.08.2016

  Ich lese das hier mit einigem Erstaunen, ein unvoreingenommener Bewunderer offenbar. Sonst überall Spott und Abneigung. Ob der Kandidat Trump nur in der geschilderten Weise beraten wurde oder ob er vielleicht nicht zu Abstraktionen fähig ist, mithin sich auch nicht in komplizierte Rhetorik versteigen kann oder will, das wird man ja bald heraus finden. Wenn so ein simples Gemüt Präsident wird, das hat man ja in der Amtszeit von G.W. Bush gesehen, spielen die Berater eine überragende Rolle. Die sollte man sich also rechtzeitig gut anschauen. Ich vermute, hier in Deutschland würde er keine Chance haben, auch nur Bürgermeister einer Kleinstadt zu werden. Die Amerikaner sind bei dieser Wahl wirklich in Not und nicht zu beneiden.

Fritz Blumer / 14.08.2016

Trumps Slogan “Make America great again” soll so genial sein, weil er vage ist? Ich denke, eher das Gegenteil ist der Fall: Im Vergleich zu Clintons “I’m with her” und “Stronger together”, oder gar zu Obamas berühmten “Yes we can” hört sich Trumps Slogan doch sehr konkret an. Auch enthält er eine programmatische Botschaft, was man von Clintons Slogans beim besten Willen nicht behaupten kann. Und das scheinen viele Amerikaner zu schätzen.

Alex Schindler / 14.08.2016

Den Vogel schießt mal wieder Gabriel ab, der im Falle eines Wahlsieges von Donald Trump vor einem “irrationalen Amerika” warnt. Ich meine, HALLO, hat der Mann das letzte Jahr über auf dem Mond gelebt? Warum nur fallen mir im Zusammenhang mit Politik bei dem Wort “irrational” immer zunächst Merkel und ihre Lakaien (auch genannt “Groko”) ein?

Ron Taube / 14.08.2016

Ich verachte Trump nicht. Ich halte ihn auch nicht für lächerlich. Auch Gerhard Schröder hatte eine deutlich jüngere Frau in 2. Ehe und färbte seine Haare. Ich hoffe sehr, daß er US-Präsident wird. Wie alle US-Präsidenten ist er ja nur ein Aushängeschild, im Hintergrund wirken andere, die, die dann wirklich regieren. Bei Clinton ist das das zähe, die USA immer stärker strangulierende Establishment in Washington. In Wahrheit ist Trump überhaupt kein Republikaner, er benutzt die Grand Old Party bloß als Vehikel, um überhaupt gewählt zu werden. Am Ende wählen die US-Amerikaner keine unabhängigen Kandidaten, das weiß er, also hat er die Reps benutzt. Sie sind ja genauso Establishment wie Clinton und hoffen nun heimlich, daß sie gewinnt, und damit ihre Pfründe erhalten bleiben. Schaut man sich Trumps Programm an, so erkennt man, daß darin, neben einer nationalen Rückbesinnung, mehr Sozialismus des kleinen Mannes steckt als bei Clinton, die zwar mit der postnational-linksliberalen Elite des Silicon Valleys per du ist, aber ansonsten eine knallharte Neoliberale mit Umverteilung von unten nach oben. Bernie Sanders hätte sich eher an den Troß von Trump hängen sollen. Aber wie auch immer, man kann den USA nur die Daumen drücken, daß es Trump schafft. Eine solche Chance wird das Land so schnell nicht wieder bekommen. 2020 tritt Michelle Obama an, ihr wird niemand widerstehen. Vorher müssen die Hausaufgaben gemacht werden.

Wolfgang Richter / 13.08.2016

So er gewinnen sollte, freue ich mic h schon heute auf die Konfrontation zwischen ihm und den aqngepaßten EU-Vertretern bei dem einen oder anderen sog.  Gipfel. Da bei diesen Treffen i.d.R. nichts Substanzielles raus kommt, dürfte er zumindest für die Stimmung sorgen. Und unseren öffentlich-rechtlichen und sonstigen Hofberichterstattern nach Kleber und Co. dürften dank der dauerhaft zu vergießenden Tränen der Entrüstung die Taschentücher ausgehen. Auch das eher ein Grund zur Freude.

Rainer Segen / 13.08.2016

Ich habe mir mal die letzten Beiträge aus dem Blog von Adams, in denen er weiterhin über den Präsidentschaftswahlkampf unter psychologischen Aspekt schreibt (leicht zu ergoogeln), gelesen. Man kann viel davon lernen. Unseren einschlägigen Medien würde dieser Blog sicherlich auch nicht schaden, um den Präsidentschaftswahlkampf besser verstehen zu lernen. Sofern sie überhaupt ein Interesse an objektiver, fundierter und ausgewogener Berichterstattung hätten. Dagegen berichten unsere eigenen Medien, als wären auch sie selbst hypnotisiert worden - oder sie selbst versuchen, uns zu hypnotisieren - oder auch beides gleichzeitig. Letztlich ist der Präsidentschaftswahlkampf aber schon längst zu einer Schlammschlacht verkommen - und als Wahlberechtigter/Wähler muss man sich doch schon vorkommen wie eine Marionette. Vielleicht kann man anders auch nicht (mehr) US-Präsident werden. Aber Adams Blog ist lesenswert.

Karla Kuhn / 13.08.2016

Es müssen wahnsinnig viele Menschen Angst haben, dass Trump die Wahlen gewinnen könnte. Das ist wie bei der AfD. Irgendwie scheint Trump die Menschen in Amerika zu beeindrucken, anders kann ich ich den Hass ihm gegenüber nicht erklären. Sogar das Auswärtige Amt soll vor Trump gewarnt haben.  Das ist wohl ein Witz.  Warum müssen sich unsere Politiker ständig in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen. Vor Trump warnen aber Erdogan hofieren, das ist wirklich irre.

Hans Meier / 13.08.2016

Donald Trump praktiziert schon die ganze Zeit, was unser “Praxisphilosoph Dieter Bohlen”, so treffend sagte. “Mach einem Idioten…, das kapiert der doch garnicht”. Er kennt die Fähigkeiten seiner Konkurrenz und lässt sie ein ums andere mal an der Realität auflaufen.

Yvonne Strecker / 13.08.2016

Unabhängig davon, ob man Trump fürchten oder herbeisehnen sollte, kann ich mir seinen Wahlsieg beim besten Willen nicht mehr vorstellen. Was das für Amerika, für Europa und für uns heißt, wenn der abgewirtschaftete Status-Quo in Gestalt von Hillary Clinton weiterwurschteln darf, wird man abwarten müssen. Es gibt offenbar bei diesen Wahlen nichts mehr zu gewinnen. Ein Vorgeschmack auf unsere BTW 2017?

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