Es gibt Universitäten, die sich durch große wissenschaftliche Leistungen auszeichnen. Und es gibt Universitäten, die unfreiwillig Lehrstücke darüber liefern, wie man den eigenen Auftrag verrät. Die Münchner Jesuitenhochschule für Philosophie hat sich mit dem Fall Sebastian Ostritsch eindeutig in die zweite Kategorie vorgearbeitet. Ostritsch ist promovierter und habilitierter Philosoph, Redakteur bei der Tagespost, und wurde durch die Hochschule zu einem öffentlichen Vortrag am 27. November eingeladen. Titel der Veranstaltung: „Ist Gottes Existenz eine Sache der Vernunfterkenntnis? Thomas von Aquin vs. Immanuel Kant.” Kurz: das bravste Futter, das die Philosophiegeschichte zu bieten hat. Zwei Tage vor dem Termin wurde der Vortrag abgesagt.
Einige Studierende entdeckten nämlich den Namen Ostritsch und entschieden, dass hier Gefahr im Verzug sei. Sie erklärten ihn in einem Aufruf zum „rechtsextremen Fundamentalisten“ und warnten vor seiner „gefährlichen politischen Agenda.“ Was daran rechtsextrem sein soll? Bleibt unklar. Worin diese Agenda bestehen soll? Ebenfalls unklar. Belege, Zitate, Argumente: all das wurde durch eine Mischung aus Alarmton und politischem Vokabular ersetzt. Man rief zum Gegenprotest auf, bat um Unterstützung, wünschte sich mehr Leute beim Protest als im Vortragssaal.
Besonders hübsch ist die ästhetische Gestaltung des geplanten Widerstands. Aus „Fundamentalisten“ wird selbstverständlich „Fundamentalist*innen,“ denn selbst die Feinde dieser Studenten müssen ordentlich gegendert sein. Man will „Flagge und Gesicht“ zeigen, die Hochschule mit Ostritschs Zitaten schmücken, es gibt Glühwein, und Prideflaggen sollen auch nicht fehlen. Es ist weniger politischer Einspruch als eine betreute Besoffenheitsgelegenheit, bei der der Alkohol stärkt, was an Argumenten fehlt. Das Motto lautet: Erst Glühwein runter-, dann Gesinnung nachschütten.
Kampfbegriffe wie Farbbeutel werfen
Nun hätte man erwartet, dass eine Hochschule für Philosophie an dieser Stelle die Nerven behält. Dass sie sagt: Wir sind eine Institution, in der man denkt, nicht heult und cancelt. Wer jemandem „rechtsextreme“ Tendenzen vorwirft, soll das begründen. Wer einen Vortrag deswegen problematisch findet, kommt hin, hört zu, stellt Fragen. Ein Haus, das behauptet, seine Studenten lernten, „komplexe Zusammenhänge zu analysieren“ und „schlüssig für ihren Standpunkt zu argumentieren“, hätte hier ein lehrbuchhaftes Praxisbeispiel schaffen können.
Stattdessen tat die Hochschule genau das Gegenteil. Zuerst verschwanden die Hinweise auf die Veranstaltung von Plakatwänden und der Internetseite, ohne Herrn Ostritsch darüber in Kenntnis zu setzen. Dann wurde der Vortrag abgesagt. Kein öffentliches Statement, keine Einladung zur Auseinandersetzung, kein Versuch, die Lage in etwas zu verwandeln, das entfernt an Philosophie erinnert. Die Mutprobe der Hochschule bestand darin, möglichst lautlos zu zensieren. Eine Hochschule, die sich selbst als „Ort des Dialogs und der Debatte“ ausgibt, hat also den Dialog und die Debatte präventiv verhindert. Man hat nicht, wie es eine Universität tun sollte, ein Konfliktfeld geöffnet und darin Denken zugelassen. Man hat es geschlossen, bevor es überhaupt entstand. Effektiv wurde eine Debatte gecancelt, ohne je begonnen zu haben.
Damit setzt die Hochschule ein klares Signal. Wer laut genug Kampfbegriffe wie Farbbeutel wirft, kann Veranstaltungen verschwinden lassen. Für Studierende ist das eine verführerische Lektion. Es ist viel einfacher, jemanden öffentlich zum „Fundamentalisten“ zu erklären, als sich durch seine Texte zu arbeiten. Es ist bequemer, Glühwein mit Protest zu verbinden, als sich hinzusetzen und eine saubere Kritik zu formulieren. Und es ist reizvoll, zu erleben, wie eine Institution sich unter dieser Mischung aus Pathos und Pression tatsächlich beugt.
Besonders haarsträubend ist der Rollenwechsel in diesem Fall: Die Studierenden empörten sich darüber, dass die Hochschulleitung den Vortrag „zwar boykottiert,“ ihn „doch aus Gründen der Wissenschaftsfreiheit“ stattfinden lassen wollte. Sie griffen die Uni also genau dort an, wo sie noch einen Rest ihres akademischen Auftrags ernst nahm. Statt daraus Haltung zu gewinnen, machte die Leitung erst symbolisch beim Boykott mit und vollzog ihn dann ganz. So werden aus Studierenden, die akademische Freiheit bekämpfen, und Verantwortlichen, die vor ihnen einknicken, gemeinsam die perfekte Anti-Universität: eine Allianz gegen genau das, was sie vorgeben zu verkörpern.
Die Banalität des Rückgratsverlusts.
Am Tag nach dem gecancelten Vortrag feiert die Hochschule übrigens eine Filmvorführung über Hannah Arendt unter dem Titel „Philosophie im Kino: Hannah Arendt – Denken ist gefährlich.“ In der Beschreibung wird sie als „Denkerin ‚ohne Geländer‘“ gepriesen. Man bewundert ihr „furchtloses Eintreten für die Freiheit des Denkens und die offene Gesellschaft.“ Und man tut dies buchstäblich unmittelbar nachdem man gezeigt hat, wie wenig furchtlos man selbst im München des 21. Jahrhunderts sein möchte.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Arendt-Veranstaltung wie eine selbst geschriebene Anklageschrift. Wenn man Arendt ernst nähme, müsste man sich sehr unwohl dabei fühlen, ausgerechnet gleichzeitig einen Vortrag zu canceln und eine Frau zu feiern, die über die Gefahren der gedankenlosen Anpassung geschrieben hat. Arendt hätte in diesem Vorgang vermutlich genau das erkannt, was sie die Banalität des Bösen nannte, nur in einer harmloseren, akademisch weichgespülten Variante: die Banalität des Rückgratsverlusts.
Es ist amüsant, dass sich die Hochschule vermutlich als besonders sensibel und progressiv empfindet. In Wirklichkeit verhält sie sich ängstlich, konfliktscheu, zensorisch, abhängig vom Applaus der eigenen kleinen Öffentlichkeit. Man will modern sein, aber bitte ohne Risiko. Man will offen sein, aber bitte ohne Widerspruch. Man will Arendt, aber nur als Kinoprogramm. Die Hochschule schreibt, ihr Campus solle „ein Ort des Dialogs“ sein, „der auch über die Wissenschaft hinaus in die Gesellschaft hineinwirkt.“ Das tut er jetzt tatsächlich: als Beispiel dafür, wie eine Hochschule für Philosophie ihre eigenen Grundsätze verbrennt und sich mit einem einzigen Cancel-Entscheid dauerhaft aus der geistigen Ernsthaftigkeit verabschiedet.
Beitragsbild: Pixabay
Was soll nur aus uns werden, wenn auch diese Generation von Studenten den Marsch durch die Institutionen vollzieht und beispielsweise Gerichtsverhandlungen cancelt, damit vermeintlich Rechte direkt ins Gulag kommen?
Hat diese Hochschule jemals einen bedeutenden Philosophen hervor gebracht? Ein CSU Vorsitzender und ein CDU Generalsekretär, sind wohl die prominentesten Absolventen. Abschluss, Bachelor of sustainable Demagogie. Aber vielleicht wird da auch nur Piraterie, Schizophrenie Misanthropie gelehrt?
„Studierende“ = Lesen beendet…
„Nur der Gott kann uns da noch retten“, Martin Heidegger. Dafür das: Der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) studierte von 2005 bis 2008 für fünf Semester an der Hochschule für Philosophie in München. Er begann sein Studium mit 65 Jahren nach seinem Rücktritt vom Amt und zog dabei sogar in eine Studentenbude im Kloster der Redemptoristen. Er strebte dabei jedoch keinen Abschluss an. Geht auch nicht, ohne Abi.
@Markus Peter
Bei Andrea Seamann handelt es sich um einen Mann. Andrea ist in Italien und im Kanton Graubünden durchaus auch ein Männername. Ansonsten kann ich Ihnen nur zustimmen, der Autor würdigt seinen Artikel durch den unkorrekten Sprachgebrauch herab. Diese unsägliche Sprachverhunzung ist mittlerweile leider auch in der NZZ anzutreffen. Die sind alle krank! Nicht nur an den Unis.
„Belege, Zitate, Argumente: all das wurde durch eine Mischung aus Alarmton und politischem Vokabular ersetzt.“ ••• Genau so kennen wir die linksgrünwoke Blase. Genau dieses Vorgehen erlebt man beispielsweise auf X tagtäglich 24 Stunden lang. Warum ist das so? Weil sie es so machen MÜSSEN. Denn wer keine stichhaltigen Argumente und überzeugenden Belege hat, der muss sich zwangsläufig auf „Alarmton und politisches Vokabular“ mit abgegriffensten Kampfbegriffen kaprizieren – aus schierer Not. Der linksgrünwoke Zeitgeist sägt mit seinen hemmungslosen Übertreibungen an dem Ast, auf dem er sitzt – zum Glück für die Vertreter bürgerlicher Vernunft! Möge dieser Zeitgeist bald Geschichte sein!
@Markus Peter: Apropos Gendern – der Autor ist Schweizer und trägt den schönen rätoromanischen und italienischen männlichen Vornamen ‚Andrea’. ;-)