Thilo Schneider / 17.04.2020 / 06:15 / Foto: Mmz khan / 101 / Seite ausdrucken

Wie die Bundesländer das Virus verwirren!

Nach jetzt rund vier Wochen halbfreiwilliger Quarantäne ist es Zeit, ein Fazit zu ziehen. Glaubt man den Bestimmungen der einzelnen Bundesländer, so ergibt sich zur Verbreitung von Covid-19 folgendes Bild: 

Das Virus verbreitet sich generell und irre schnell in Kindergärten und Schulen. In Altersheimen rottet es Kundschaft und Belegschaft aus. In Hessen verbreitet sich das Virus durch Eisdielen (weswegen diese geschlossen sind), aber nicht in Baumärkten, sobald das Virus aber die bayerische Landesgrenze überquert, überlegt es sich das anders und verbreitet sich jetzt über Baumärkte (weswegen diese geschlossen sind), nimmt dafür aber Abstand von Eisdielen. Wenn und sofern die Eisdealer das Eis mit der gleichen Hand im Gummihandschuh, die soeben das Geld in Empfang genommen hat, in der Waffel über den Tresen reichen. Hübscher Nebeneffekt: Die bayerische Polizei bestraft Hessen, die sich ein bayerisches Eis holen, die hessische Polizei schnappt sich dafür bayerische Heimwerker. 

Das Virus hat eine weitere Besonderheit in Bayern: Es lauert auf Parkbänken, es sei denn, jemand sitzt darauf und liest. Dann liest das Virus mit und ist abgelenkt. Deswegen darf man ausdrücklich in Bayern auf einer Bank als Einzel- oder Doppelperson Platz nehmen, wenn man dabei liest und Tisch und Bett miteinander teilt. Sich selbst fremde Personen sollten aber nur mit einem Mindestabstand von 1,50 Metern miteinander lesen und lieber nicht auf der gleichen Bank hocken. 

Ferner macht das Virus einen Unterschied zwischen diversen Supermarktketten. Im Aldi fällt das Virus nur Personen an, die keinen Einkaufswagen schieben, deswegen muss im Aldi jeder Besucher einen Einkaufswagen nehmen. Was die Gänge derart verstopft, dass sich die Leute aneinander vorbeiquetschen. Im Edeka ist das Virus etwas lockerer, da befällt es nur Toilettenpapierkäufer ab einer Anzahl X im Laden. Aus diesem Grund darf dort nur der Laden betreten werden, wenn dafür ein anderer Besucher den Laden verlässt. Dann ist das Virus irritiert und verkrümelt sich. 

Das Virus meidet generell Dienstleistungsbetriebe

Auch erstaunlich ist, dass sich das Virus nur in einem Null- und 180-Grad-Winkel verteilt, wie die diversen Markierungen in den Supermärkten zeigen. Seitlich sind diese nämlich recht eng nebeneinandergeklebt, mit weniger als wenigstens einer Armlänge Abstand. Gut, das Computerfahndungsfoto des Virus zeigt ja auch einen hübschen symmetrischen Schnitt, da kann man das verstehen. 

Außerdem verbreitet sich das Virus gerne in Elektronikmärkten, weswegen diese geschlossen sind. Es sei denn, es handelt sich um Großmärkte mit einer Elektronikabteilung. Da weiß das Virus nämlich nicht, ob es sich auf Cognac oder Computer setzen soll und entscheidet sich dafür, gar nichts zu tun. Deswegen kann man in Großmärkten nach wie vor Elektronik kaufen. Zumindest in Bayern und wenn man eine Gewerbeanmeldung hat. Diese immunisiert zusätzlich. 

In Rheinland-Pfalz treibt sich das Virus gerne in Kantinen herum, meidet diese aber in Baden-Württemberg und Berlin, wahrscheinlich hat es Angst, auf Grüne zu treffen. Deswegen sind Kantinen in Rheinland-Pfalz geschlossen, nebenan aber nicht. In Bayern wiederum hält das Virus die Tentakel still, wenn sich in einer Kantine nicht mehr als 30 Personen aufhalten. Da lohnt sich die Verbreitung für das Virus nicht. Außerdem unterscheidet das Virus in Bayern nach Touristen und Geschäftsreisenden, denn Hotels, die ausschließlich Geschäftsreisende und Gäste für nicht private touristische Zwecke aufnehmen, dürfen geöffnet bleiben. Wer diese ominösen Gäste sind, die keine Geschäftsreisenden und keine privaten touristischen Zwecke verfolgen, steht in der Verordnung nicht drin.  

Das Virus meidet generell Dienstleistungsbetriebe – außer Bordellen, da ist das Virus gerne, was ich nachvollziehen kann. Deswegen sind Bordelle geschlossen, Banken hingegen nicht. Daneben fühlt sich das Virus in Berliner Buchläden unwohl (gut, so viel Literatur gib es da auch nicht), in Bayern hingegen sogar so pudelwohl, dass in Bayern Buchläden geschlossen, in Berlin jedoch offen sind.  

In Bayern juckt das keinen

Das Virus befällt außerdem Zweitwohnsitzbewohner in Mecklenburg-Vorpommern (die deswegen aus dem Bundesland geschmissen werden) und Feriengäste in Schleswig-Holstein (deswegen ist für die Hamburger an der Stadtgrenze Schluss). Außerdem verbreitet sich das Virus in Rheinland-Pfalz in Sportboothäfen, was ein schwerer Schlag für die Sportbinnenschiffer ist. In Thüringen und Berlin müssen Bürger, die von einer Reise zurückkehren, die Behörden hierüber informieren und erst einmal 14 Tage zu Hause bleiben, in Bayern juckt das keinen. Außer, er kommt aus einem Gebiet, das das Robert-Koch-Institut als „Risikogebiet“ ausgewiesen hat. Dann darf der möglicherweise fiebrige Transpirant für 14 Tage keine Hochschule betreten. Gut, das wäre sowieso sinnlos, die sind ja geschlossen. Thüringen nimmt dafür nur noch Thüringer auf; wer aus einem anderen Bundesland ohne triftigen Grund in das Staatsgebiet des deutschen demokratischen Bundeslandes Thüringen einreist, muss Thüringen ohne den Verzehr einer regionalen Bratwurst auch sofort wieder verlassen und darf Thüringen nur als Transitland benutzen. Außer, sie sind bekennende Infizierte. Dann dürfen sie nicht einmal das und müssen einen Umweg über Tschechien fahren.  

Während Sachsen ausdrücklich erwähnt, dass seine Bürger beispielsweise bei einem Wohnungsbrand das Haus verlassen dürfen, wurde dies in Bayern schlicht vergessen. Oder die Bayern gehen davon aus, dass es besser ist, wenn ein potenzieller Virenträger verbrennt als sich einem Feuerwehrmann auf weniger als zwei Armlängen Abstand nähert. 

Gegen das Virus komplett immun sind überraschenderweise Schutzsuchende aus aller Sklaven Länder, für die gilt keine der genannten Einschränkungen, diese dürfen weiterhin einreisen. Es sei denn, sie besuchen Deutschland zu touristischen Zwecken, weil sie sich gerne Deutsche in ihren Häuschen betrachten. Das wiederum ist verboten. Die müssen schon hier Schutz suchen – sonst gilt’s nicht. 

(Weitere Beobachtungen des Autors unter www.politticker.de )

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Leserpost

netiquette:

Gertraude Wenz / 17.04.2020

Och Herr Textor, nun seien Sie mal nicht so! Lassen Sie den Leutchen doch ihren Spaß! Ich jedenfalls amüsiere mich immer über witzige Kommentare und Herr Schneider bestimmt auch.

P. F. Hilker / 17.04.2020

Witzig geschrieben, aber ich kann nicht drüber lachen. Die meisten Einzelhändler sollten mal einen Hygienekurs mitmachen. Igitt. Erst Geld anfassen, dann das Eis. Viele Bäcker sind auch solche Schmuddelköpfe.

Hans-Peter Dollhopf / 17.04.2020

Die Kanzlerei von Bundesdeutschland steht für Zentralismus als für das Durchregieren und “Durchgreifen” von gaaaanz, ganz von oben her: Ein Stück aus einem Guss und einer messerkantigen Linie a’la Heiko Seehofer. “Eine Bewohneritis! Eine Behausereichistan! Eine Mutti!” Herr Schneider präsentiert in diesem Stück erheiternd die Entlarvung des aktuell vom Deutschen Elektorat in Umfragen stramm durch die Decke gewürdigten “Krisemanagement Merkel”! Schneider satirisch, what else: In der aktuellen Situation verhängen im deutschen Föderalismus Fürsten in Land und Kreis einfach selbstgerecht all das, was als Verbote für passend fantasieren. Merkel machte dabei rein gar nichts, sie ließ es “gewähren”. Doch das deutsche Elektorat? Das lässt die Mutti für “einzigartiges” Management als die eigentliche Krisenmanagerin in Umfragen hochleben! Für alle diese wildesten Wucherungen an Verordnungen, von föderalen und untergeordneten Lokalmadatoren verhängt, die sich gegenseitig vollkommen widersprechenden Maßnahmen. Das ist das Einzige, was Merkel höchstpersönlich zu diesem Kraut-und-Rüben-Gemälde beitrug: Dass unsere Staatsgrenze für alle Art “Flüchtiger” gerade jetzt und - Alternativlos - so unendlich weit offen bleibt und bleiben wird wie eben ab 2015 von ihr voll perönlich verhängt!

Gabriele H. Schulze / 17.04.2020

Da haben Sie aber geschuftet, Her Schneider! Echte Recherche! Bei allem Irrsinn köstlich zu lesen.

Ruth Rudolph / 17.04.2020

Sehr verehrter Herr Schneider, wie sagt man heute so schön, you made my day. Das Beste “Oder die Bayern gehen davon aus, dass es besser ist, wenn ein potenzieller Virenträger verbrennt als wenn er sich einem Feuerwehrmann auf weniger als zwei Armlängen Abstand nähert”. Danke!

Lutz Gütter / 17.04.2020

Außerdem ist das Virus gegenüber Handwerkern feierabendaktiv. Tagsüber traut sich das Virus an den Handwerker nicht ran, wahrscheinlich aus Angst, mithelfen zu müssen. Deswegen überzeugt mich auch die Fledermaus-Theorie nicht, es war halt eher ein Faultier. Nach Feierabend allerdings scheint es fleißig zu werden und die sächsische Staatskanzlei verweist es in seine Schranken, indem es die Freizeitgestaltung der sächsischen Untertanen streng reguliert. Alles zum Wohle des Volkes! Wir folgen den Direktiven des 12. Parteitags! Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Es leben die Genossen der Nationalen Front!

Marion Knorr / 17.04.2020

@Heribert Glumener: Ihr Kommentar hat das Zeug zur Legende.

Michaela Joergensson / 17.04.2020

Wir dürfen jetzt im öff. Nahverkehr Atemschutz- Masken tragen sollen und vielleicht tragen müssen. Auch selbstgebastelte. Keine Maskenpflicht, aber wir sollten doch bitte wollen, weil es vernünftig ist und wir es ja nicht verpflichtend tragen müssen, nur eben müssen wir einsehen müssen, dass wir daher Masken tragen müssen sollen würden werden müssen. .....  *facepalm*, *repeat*

Josef Gärtner / 17.04.2020

Ja so ist das eben in unserem föderalistischen System. Und es ist so auch vorgesehen, auch wenn man das (wie ich finde aus gutem Grund) für nicht zielführend und Unfug erachtet. Jedes Bundesland kann und darf nun mal sein eigenes Süppchen kochen. Und sich dabei schlauer als die anderen Regionen fühlen.  Sowas lieben wir Germanen eben. Davon hätte schon Armin der Cherusker berichten können, als er die verschiedenen germanischen Stämme unter seiner zentraler Führung gegen einen gemeinsamen Feind (damals die Römer) bringen wollte.  Damals hat es sogar kurz funktioniert, - aber nur als Ausnahme.

Markus Knorr / 17.04.2020

Das Virus ist extrem schlau. Es kann nicht nur exakt ausmessen, ob ein Raum kleiner oder größer als 800 m² ist, es erkennt auch, ob es sich um ein Fahrradgeschäft, ein Autohaus oder etwas ganz anderes handelt. Es erkennt auch genau die Grenzen von Bundesländern und Städten. In Jena ist das Camouflage-Virus allgegenwärtig, weshalb man sich dort im gesamten öffentlichen Raum schützen muss, in Sachsen befällt es die Menschen nur in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einzelhandelsgeschäften. Raffiniert. Aber so schlau, dass es explizit die Gehirne von Politikern angreift, ist es auch nicht - eigentlich schade. Ein Bundesgesundheitsminister, der am 29.01. “keinen Anlass zu Unruhe und unnötigen Alarmismus” sieht, am Tag darauf ergänzt “ein Mundschutz ist nicht notwendig, weil der (!) Virus gar nicht über den Atem übertragbar ist” und heute absondert “Der Ausbruch ist wieder beherrschbarer geworden” (Hallo Jens, entweder beherrschbar oder nicht beherrschbar! “beherrschbarer” ist Unsinn) hat grundsätzlich einen Sprung in der Schüssel.

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