Die NATO feuerte mit millionenteuren Raketen auf billige russische Sperrholzdrohnen. Das ist schlicht eine ruinöse Form von Abwehr. Dabei haben ukrainische Ingenieure längst eine Lösung für das Problem. Die militärische Reaktion war hilflos, doch die politische Reaktion kaum besser
Am Mittwochmorgen letzter Woche bereitete ich mich auf meine Nachmittagsrede bei der Konferenz des Financial Services Council in Auckland vor. Zwischen den Sitzungen scrollte ich auf meinem Handy durch X. Was ich sah, schockierte mich. Russische Drohnen hatten den polnischen Luftraum verletzt. NATO-Kampfflugzeuge stiegen in der Dunkelheit auf. Zum ersten Mal seit Beginn des Ukrainekriegs beschoss ein NATO-Mitglied russische Militäreinrichtungen.
Mein erster Instinkt war, zu überprüfen, ob das, was ich las, wirklich stimmte. In den sozialen Medien liegt man oft falsch. Also ging ich direkt zur BBC, CNN, Die Welt, der Washington Post – den internationalen Medien, denen man vertraut, wenn etwas Ernstes passiert. Doch dort war nichts. Keine Eilmeldung. Kein Hinweis auf irgendetwas Ungewöhnliches.
Und doch konnte ich auf X Details lesen über niederländische Kampfjets, die über Polen russische Drohnen abfingen. Und so saß ich da, 17.000 Kilometer von Warschau entfernt, und las über Ereignisse, von denen die meisten Europäer noch nichts wussten. Stundenlang dokumentierten X-Nutzer den ersten NATO-Kampfeinsatz gegen Russland, während europäische Journalisten schliefen. Die europäischen Medien holten erst Stunden später auf – ungefähr zu dem Zeitpunkt, als der Angriff schließlich vorbei war. Neuseeländische Medien berichteten noch viel später.
Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Weltmedien den Test, auf russische Aggression gegen die NATO zu reagieren, nicht bestanden. Leider bestand auch die NATO den Test von Russlands Präsident Wladimir Putin nicht – weder operativ noch politisch. Das Grundproblem mit der Reaktion der NATO war, dass sie zu teuer und nicht sehr wirksam war. Das braucht vermutlich etwas Erklärung.
Millionen verbrennen, um billige Sperrholz-Drohnen abzufangen
Als Russland seine 19 billigen Drohnen nach Polen schickte, setzte die NATO alles ein, was ihr zur Verfügung stand. Die modernsten westlichen Kampfjets, F-35, stiegen auf und feuerten ihre Raketen ab. Einige der russischen Drohnen wurden tatsächlich getroffen. Aber hier liegt das Problem: Eine russische Shahed-Drohne kostet etwa 35.000 US-Dollar. Doch die US-gefertigte AMRAAM-Rakete, die bevorzugte Luft-Luft-Waffe, kostet ein bis zwei Millionen US-Dollar. Die andere Option wären Patriot-Abfangraketen, die rund 4 Millionen US-Dollar pro Stück kosten. Selbst eine schultergestützte Stinger, die billigste Variante, kostet typischerweise mehrere Hunderttausend Dollar.
In diesem Tempo würde die NATO Millionen verbrennen, um billige Sperrholz-Drohnen abzufangen. Und das noch bevor man zehntausende Dollar pro F-35-Flugstunde hinzurechnet. Es ist schlicht keine wirtschaftliche Art der Verteidigung. Und es ist auch nicht nachhaltig.
Doch selbst mit dieser hochmodernen, teuren Abwehr kamen viele russische Drohnen durch und drangen hunderte Kilometer tief nach Polen ein. Trümmerteile tauchten bis nach Łódź auf. Offensichtlich handelte es sich nicht um einen Grenzzwischenfall. Russische Drohnen flogen tief in NATO-Gebiet, und die High-Tech-Ausrüstung der NATO konnte sie nicht stoppen.
Man vergleiche das mit der Ukraine, die jede Nacht 70 bis 90 Prozent der ankommenden Drohnen abschießt. Sie tun dies mit billigen Abfangdrohnen – im Grunde Renn-Drohnen mit Sprengstoff, die nur ein paar tausend Dollar kosten. Die Ukraine setzt außerdem elektronische Störsender ein, die nur einen Bruchteil von Stinger-Raketen kosten (und mehrfach nutzbar sind). Mobile Kanonenteams, unterstützt von akustischen Sensoren, erledigen den Rest.
Teure Waffen setzt die Ukraine nur ein, wenn Marschflugkörper oder ballistische Bedrohungen auftauchen. Ukrainische Ingenieure haben unter Bombardierung gelöst, was die NATO nicht geschafft hat: Billige Bedrohungen mit billiger Abwehr zu bekämpfen.
Polen verfügt über ein eigenes Anti-Drohnen-System, das genau für diese Bedrohung ausgelegt ist. Leider wurden dessen Upgrades dieses Jahr zur „Neubewertung“ pausiert. Ob es ausgereicht hätte, ist eine andere Frage.
Militärische Reaktion suboptimal, politische Reaktion kaum besser
Wenn die militärische Reaktion der NATO suboptimal war, war ihre politische Reaktion kaum besser. Zuerst twitterte US-Präsident Donald Trump „Here we go!“, und dann, Stunden später, meinte er, es könnte alles ein „Fehler“ gewesen sein.Washington gab schließlich eine Erklärung bei den Vereinten Nationen zur Verteidigung des NATO-Gebiets ab – aber erst, nachdem die polnischen Führer vehement widersprochen hatten. Das Problem war, dass der entscheidende Moment, Russland eine klare Botschaft zu senden, längst verstrichen war.
Dass Polen Artikel 4 des NATO-Vertrags anrief, nicht Artikel 5, vervollständigte das Bild. Artikel 5 löst den kollektiven Verteidigungsfall aus: Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle. Das hätte die Situation eskaliert.
Artikel 4 bedeutet nur Konsultationen. Er war nicht dafür gedacht, Fälle abzudecken, in denen ein Angriff bereits stattgefunden hat, sondern nur, wenn einer befürchtet wird. Außer, dass in diesem Fall eindeutig ein Angriff geschehen war. Polen wollte jedoch, ganz weise, nicht in den Krieg ziehen, sondern sich mit seinen Verbündeten beraten.
Doch wie sieht das aus Putins Perspektive aus? Wahrscheinlich zieht er daraus den Schluss, dass er knapp unterhalb der Artikel-5-Schwelle zuschlagen kann, nur um zuzusehen, wie die NATO Geld für unwirksame Antworten verbrennt und ihre Mitglieder darüber streiten, was zu tun ist.
Und was beschlossen sie zu tun? Sie entwickelten eine Antwort, die etwas nach 20. Jahrhundert aussah: Frankreich schickte Rafale-Jets, die Tschechische Republik stellte Hubschrauber für „Tiefflug-Anti-Drohnen-Missionen“ bereit, Deutschland aktivierte seine Patriot-Batterien, und Großbritannien kündigte Sanktionen an. Zwei Tage später startete die NATO die Operation Eastern Sentry zur Verstärkung der Ostflanke.
Das war alles schön und gut. Nur: Keine dieser Reaktionen beinhaltete billige Anti-Drohnen-Systeme wie die, die in der Ukraine eingesetzt werden.Wenn Putin die Reaktion der NATO testen wollte, hat er nun viele wertvolle Lektionen aus diesem Vorstoß gelernt.
Wenn 19 Drohnen Chaos verursachen, was wenn 200 geschickt werden?
Der russische Angriff blieb stundenlang von den Mainstream-Medien unbemerkt. Dann brauchte die NATO zu lange, um Drohnen daran zu hindern, hunderte Kilometer in den polnischen Luftraum einzudringen. Und als die NATO schließlich aktiv wurde, kostete es Millionen Dollar, um einen Angriff abzuwehren, der nur Tausende Dollar kostete. Und die Krönung war die verworrene politische Kommunikation nach dem Angriff – insbesondere von US-Seite.
Wenn 19 Drohnen ein solches Chaos verursachen, was passiert dann, wenn 200 geschickt werden? Vielleicht aber war die wichtigste Erkenntnis, dass die Schwelle zur Auslösung von Artikel 5 höher liegt, als jeder angenommen hatte. Wie sich herausstellt, führen Angriffe auf NATO-Gebiet zu Konsultationen, nicht zu Vergeltung. Das ist gut zu wissen, wenn man Wladimir Putin heißt.
Sicherheitsexperten (und auch diese Kolumne) warnen seit Langem, dass Russland die NATO-Verteidigung testet. Nichts an dem, was letzte Woche geschah, war überraschend – außer, wie unvorbereitet die NATO war, als es passierte. Beim nächsten Mal könnte es nicht mehr nur ein Test sein.
Dr. Oliver Marc Hartwich, geboren 1975 in Gelsenkirchen, ist seit 2012 geschäftsführender Direktor der New Zealand Initiative in Wellington, der windigsten Hauptstadt der Welt. Die Initiative ist ein Verband neuseeländischer Unternehmen und die führende Denkfabrik des Landes.
cnn, bbc, die welt und die washington post sind also „die medien denen man vertraut? das soll vermutlich eher keine satire sein, oder?
Die NATO mit all ihrem technischen Brimborium ist eine Luftpumpe. Eine sauteure Luftpumpe, die mehr mit dem verdienen von Geld durch Investitionen in die Rüstungsindustrie beschäftigt ist, als mit echter Abwehr. Die NATO hat genau wie die EU einen enormen Verwaltungswasserkopf, der mit echter Kriegsführung gar nichts mehr am Hut hat. Klassisches Problem, wenn eine Militärmaschinerie zu groß und dadurch zu behäbig wird. Bei der Bundeswehr ist der Anteil derer, die im Krisen- und Kriegsfall gar nicht kämpfen, sondern nur auf der Schreibstube sitzen, prozentual ja auch viel zu groß geworden. Es fehlt massiv an Kaltstartfähigkeit und schneller Reaktion. Die alte überaus erfolgreiche Blitzkriegtaktik (man erinnere sich: Tempo schlägt Kraft) wäre mit der NATO gar nicht umzusetzen. Das würde Jahre dauern, bevor die den Hintern hochbekommen würden. Und noch was, worüber ich mich hier letzte Tage schon ausgelassen habe: Die Aufklärung und Informationsbeschaffung ist eine Katastrophe. Was daran liegt, dass die das dafür nötige Bodenpersonal mittlerweile nahezu vollständig durch Technik ersetzt haben. Vom Büro aus sieht man aber nichts. Und schon gar nicht, wenn man den ganzen Tag auf einen Monitor schaut anstatt mal aus dem Fenster, oder noch besser: direkt selbst vor die Tür zu gehen. Man übersieht so nicht nur das, was in der Welt wirklich passiert, man wird auch noch fett und träge.
Mir ist der Artikel viel zu einseitig. Die betroffenen NATO-Staaten leben alle im Frieden. Das können sie auch, denn echte russische Kriegsvorbereitungen wären bemerkt worden. Putin hat eigentlich dumm gehandelt. Denn er hat tatsächlich eine Schwachstelle in der NATO-Verteidigung offengelegt, die man hoffentlich umgehend schließt. Der Vergleich mit der Ukraine geht m.E. vollkommen fehl, weil die Ukraine eben nicht im Frieden lebt, sondern im Krieg mit Rußland.
Von AWACS hört man gaenix mehr…. Warum wohl? So ein Blödsinn um diese „Drohneninvasion “ Überhaupt ernst zu nehmen!!!
Zur NATO-Drohnenabwehr und dem von den hiesigen Medien ua gezeigten Wohnhaus mit beschädigtem Dach habe ich gerade gelesen, daß dieses nicht durch eine „abgestürzte“ russische Drohne beschädigt wurde, sondern laut der polnischen Zeitung Rzeczpospolita unter Berufung auf Quellen durch eine fehlerhafte Luftabwehrrakete einer NATO-F16. Demnach handelte es sich um eine „AIM-120 AMRAAM-Luft-Luft-Rakete“, deren Lenksystem während des Fluges versagte und nicht funktionierte. Möglicherweise wären die Schäden eher nicht meßbar gewesen, hätte man die unbewaffneten „Fluggeräte“ einfach „in der Pampa“ am Ende ihrer Antriebsenergei abstürzen lassen.
Es ist so praktisch, immer den gleichen Sündenbock zu peitschen und sich selbst von allem auszunehmen. Für mich gilt immer noch die Devise: Was Gwisses woas ma net! Und solangs nicht gewiss ist, ist auch nichts sicher. Man sagt’s uns halt, in der Hoffnung, daß wir jede Kröte brav schlucken. Und „Was die Guten dürfen, dürfen die Bösen noch lange nicht!“ Habe immer noch den alten Schmidt im Kopf, der vor langer Zeit die Maischberger fragte, wie denn die bösen Russen reagieren sollen, wenn die „ADG“ (Allianz der Guten) (NATO) trotz Zusagen und in die Hand versprochener Garantien der Nichterweiterung an deren Wohnzimmertür steht. Die lassen sich nicht mal ehrlich betrügen. So isser, der Russe!!
Im Vergleich zu NATO-Einsätzen der letzten 25 Jahre, stehen die Russen blendend da. Wie gaga muss man sein, um sowas daherzumaulen?