Vera Lengsfeld / 05.05.2010 / 12:12 / 0 / Seite ausdrucken

Wie der Sozialismus das Paradies auf Erden ruiniert (6)

Die Trotzstarre der Revolutionäre

Die Geschichte von Kuba wir in zwei Hälften geteilt: vor der Revolution und nach der Revolution 1959. Im Unterschied zur Oktoberrevolution in Rußland soll es sich um eine echte Revolution gehandelt haben, die von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wurde. Das ist in sofern richtig, als die amateurhaften militärischen Operationen von Castro und seinen Leuten allein durch das positive Echo in der Bevölkerung Erfolge erzielen konnten. Zum Schluss war es Che Guevara, der bei Santa Clara den entscheidenden Sieg über Batista erringen konnte.
Zu erwarten wäre, dass der Gründungmythos der sozialistischen Republik Kuba besonders gepflegt wird. Weit gefehlt. Wer das ehemalige Präsidentenpalais in Havanna besucht, den Sitz des gestürzten Diktators Batista, heute Revolutionsmuseum, findet eine verstaubte, vernachlässigte Ansammlung von Bildern und Texten im Stil der 50er Jahre, die bestenfalls die Kraft der Langeweile ausstrahlt. Im Garten gruppiert sich allerlei Kriegsgerät rund um ein Boot, Granma, das die Rebellen nach Kuba brachte, nachdem sie sich nach dem gescheiterten Angriff auf die Moncada- Kaserne aus dem Exil in Mexiko zurückkehrten. Nach der Landung wurden die meisten Rebellen getötet, der Rest zog sich in die Sierra Maestra zurück, von wo sie schließlich das Land eroberten. Nach dem Sieg verhielten sich Castros Leute weniger großzügig als der Diktator Batista, der die Angreifer auf die Moncada- Kaserne nicht nur am Leben ließ, sondern amnestierte, was ihnen die Gelegenheit gab, ihren Kampf fortzusetzen. Che Guevara, der Held aller unbelehrbaren Linken, wurde nach dem Sieg zum obersten Ermittler gegen die Batista- Leute ernannt und war monatelang damit beschäftigt, Hinrichtungen anzuordnen und zu überwachen. In Santa Clara, dem Ort seines endgültigen Triumphs über die Armee Batistas, befindet sich heute ein großes Mausoleum, in das man die Überreste von Che und seinem Mitstreitern, u.a. Tamara Bunke aus der DDR, überführte, nachdem sie Ende der 90er Jahre in Bolivien entdeckt worden waren. Die Ausstellung bietet ein klinisch reines Bild des Mannes, dessen Porträt man in Kuba nicht ausweichen kann. Von Che ,dem gnadenlosen Revolutionswächter, ist nicht die Rede, auch nicht vom Henker seiner Kameraden im bolivianischen Dschungel, die hingerichtet wurden, weil sie angeblich Verräter oder nur hinderlich beim Weitermarsch waren. Allerlei Devotionalien sind zu besichtigen, u.a, die „lengendäre Rolex“ Guevaras. Ich fragte mich beim Anblick der Uhr bang, ob es sich um diejenige handelt, die Guevara, wie er in seinem bolivianischen Tagebuch beschreibt, einem sterbendem Kameraden abgenommen hat, dem er vorher ein Kopfschuß  verpasste.
Dicht neben der Guevara-Gedenkstätte stehen bettelnde Kinder und schwangere Frauen. Santa Clara ist in einem schlimmeren Zustand, als die anderen kubanischen Städte, die wir gesehen haben. Hier müssen die Touristen mit Bauzäunen vor herabstürzenden Fassaden geschützt werden. Die Bettelei findet anders als in Havanna nicht versteckt, sondern offen statt. Ich frage mich, ob die Bewohner Santa Claras Guevaras Rebellen auch dann geholfen hätten, wenn sie fähig gewesen wären, die Zukunft ihrer Stadt zu erblicken.
Wie sieht es mit der Unterstützung des Regimes durch die Bevölkerung heute aus? Der riesige „Platz der Revolution“ in Havanna, der so vernachlässigt und trostlos aussieht, wie der Rest des Landes, ist noch immer voll, wenn die jährliche Maidemonstration stattfindet. Allerdings haben Staatsangestellte, die hinbeordert werden, keine Möglichkeit, die Teilnahme abzulehnen. Über 70% der Bevölkerung Kubas ist nach der Revolution geboren worden. Die restlichen 30% unterstützen Castro aus einer Art Trotzstarre heraus, weil sie sich nicht eingestehen können, dass sie ihr Leben der falschen Sache gewidmet haben. Diese Schicht macht, wie viele Linke im Westen, das amerikanische Handelsembargo für die Misere des Landes verantwortlich. Wenn es dieses Embargo nicht gäbe, müsste es von der Propaganda erfunden werden, um einen Schuldigen zu haben. Tatsächlich ist die Blockade löchrig wie ein Schweizer Käse. Seit 2000 ist sie für Lebensmittel und Medikamente vollkommen aufgehoben. Trotz des Embargos stehen die USA an 6. Stelle aller Handelspartner von Kuba. Die UNO hat das Embargo nie unterstützt und hat jedes Jahr eine Resolution für seine Aufhebung verabschiedet. Kuba besitzt Überseehäfen, die nicht blockiert sind. Es kann frei Handel treiben. Es liegt an der Ineffizienz seiner Industrieproduktion und der am Boden liegenden Landwirtschaft, dass es nicht viel zu bieten hat.
Überraschenderweise wird Kuba nach dem Human Development Index der 2. Platz im Lebensstandard in Mittelamerika zugebilligt. Den hat es so sicher inne, wie die DDR 1989 die zehnt stärkste Industriemacht der Welt war. Die Verbreitung solcher Daten ,z. b. in Wikipedia, trägt zur Desinformation bei.
Kuba hat mehr Ärzte pro Kopf der Bevölkerung als Deutschland. Richtig. Doch nach der ärztlichen Diagnose beginnt das eigentliche Problem. Der Mangel an Medikamenten im Land, das sich seiner pharmazeutischen Industrie rühmt und sogar Arzneien exportiert, ist so groß, dass es jedem Touristen gestattet ist, 10 kg ! Medikamente einzuführen. Arznei muss gekauft werden und ist oft unerschwinglich. Wenn jedem Kubaner die kostenfreie Sanierung seines Gebisses garantiert ist, warum laufen so viele Menschen mit ruinierten Zähnen herum? Wirklich nur, weil sie zu träge sind, zum Zahnarzt zu gehen?
Woran sich die Jugend orientiert, ist auf der Straße leicht festzustellen. An Amerika. Man kleidet sich amerikanisch, isst, wenn man es sich leisten kann, Burger, trinkt Cola und sitzt am Abend an Malecon, der Uferpromenade Havannas, die Florida am nächsten ist.
An einem Abend gehen wir zu einer Show ins Cafe Habana. Hier stehen amerikanische Straßenkreuzer im Saal, auf Monitoren an der Wand läuft ununterbrochen amerikanische Werbung. Der Abend beginnt mit amerikanischer Jazzmusik der 30er Jahre und endet mit dem Hip-Hop der Harlemer Kids. Ein Programm, das widerspiegelt, wohin die Sehnsüchte der meisten Kubaner gehen- nach Amerika. Es wäre ihnen zu wünschen, dass sich diese Sehnsucht bald erfüllt.

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