Thilo Schneider / 08.12.2019 / 10:00 / Foto: Einsamer Schütze / 16 / Seite ausdrucken

Wie CO2-neutral lebten die Neandertaler?

Es ist der späte Nachmittag des 20. Oktober 30.000 vor Christi Geburt im Neandertal, als Nog Mahmut in der Höhle seiner Sippe zwei Steine aneinanderschlägt und bemerkt, dass sie dadurch Funken schlagen. Schnell schaffen seine Clanmitglieder Reisig und trockenes Holz herbei, das Nog, eifrig mit den Steinen schlagend, dann entzündet. Soeben haben die Menschen das erste Feuer entdeckt. Falls man Neandertaler als Menschen bezeichnen will.

Es ist der Abend des 20. Oktober 30.000 vor Christi Geburt, als sich Gog, Nogs älterer Schwager nähert und erklärt: „Na klasse, schön, dass Du es durch das Feuer hier so warm hast – Aber hast Du auch an die Umwelt gedacht? Durch den Rauch des Feuers fallen hinten in der Höhle die Fledermäuse in ihr Guano.“ Nog ist verblüfft und antwortet zuerst mit einem Grunzlaut und erklärt, dass das ja sein mag, aber sie jetzt nicht mehr frieren müssten und ihm ein paar Fledermäuse herzlich egal wären, wenn er sich nur nicht mehr in fünf Pelze hüllen müsste, und außerdem äße er gerne sein Fleisch gekocht, ob sich Gog noch an den letzten Sommer erinnern könne, als der Baum nach dem Blitzeinschlag gebrannt habe und sie die verbrannten Rebhühner gegessen hätten, und das wäre doch toll gewesen!

Aber Gog bleibt hart: „Überlege selbst, Nog. Wir haben jetzt das Feuer bei uns in der Höhle. Jetzt stell Dir mal vor, ein anderer Stamm oder andere Sippen kommen auf die gleiche Idee. Hast Du ansatzweise eine Ahnung, was so viele Feuer im Himmel anrichten? Der Himmel erwärmt sich und all das Eis um uns schmilzt und ertränkt uns! Überlege doch mal selbst, wohin das führt: Wir benutzen das Feuer zuerst zum Wärmen, dann zum Kochen, dann schmelzen wir irgendwann Eisen, Kupfer, Bronze und andere Rohstoffe und dann?“ „Ja, was dann?“, fragt Nog interessiert nach. „Na, dann geht alles den Bach ’runter und wir werden alle sterben und dereinst werden unsere Nachfahren, falls es sie geben sollte, unsere Fossilien ausgraben!“, erklärt Gog aufgeregt und armwedelnd.

„Nein, wir sind nicht wie die Tiere! Wir haben Feuer!“

„Sieh Dir nur die Fledermäuse an, da geht es doch schon los. Kannst Du Dir eine Welt ohne Fledermäuse vorstellen?“, erklärt Gog Nog weiter, „wie das wäre, wenn die nicht mehr die Insekten in der Höhle fressen?“ Nog denkt einen Augenblick nach: „Auf jeden Fall wäre es in der Höhle sauberer, weil nicht mehr überall Fledermausguano herumliegt, und durch den Rauch gehen ja auch die Insekten weg, und die Fledermäuse können sich ja eine andere Höhle suchen, eine Fledermaushöhle sozusagen.“ Gog greift sich an den Kopf und schüttelt ihn derart heftig, dass ihm kleine Dreckbrocken aus dem Haar fallen: „Die Fledermäuse haben das gleiche Recht wie wir, in dieser Höhle zu leben. Jedes Leben ist wertvoll! Ob Fledermaus oder wir, wir alle leben in dieser Höhle!“

„Hmm“, brummt Nog, „der Bär den wir letztes Jahr getötet haben, als wir die Höhle beziehen wollten, hat das anders gesehen...“ „Mag sein“, sagt Gog und verschränkt die Arme vor der Brust, „deswegen habe ich da ja auch nicht mitgemacht...“ „Aber von dem Fleisch wolltest Du!“, wirft Nog ein, Gog lässt sich jedoch nicht irritieren, „Aber der Bär war ja auch ein Tier, und wir wollen ja nicht wie Tiere sein, oder?“ Nog stößt ein grunzendes Lachen aus: „Nein, wir sind nicht wie die Tiere! Wir haben Feuer!“

In diesem Moment kommt der junge Bog in die Höhle. Er rollt eine ungeschlachte hölzerne Scheibe vor sich her. „Schaut mal“, ruft er freudig, „das habe ich gefunden! Schaut, wie es sich bewegt! Ich nenne das „Rollen“. Es geht viel schneller als Laufen!“ Die Sippe, die um Nogs Feuer hockt, quittiert die Entdeckung mit einem erstaunten „Aaaaah!“ Außer Gog. Der schlägt sich mit der flachen Hand auf die flache Stirn. „Na toll! Der nächste Spinner. Eine rollende Holzscheibe. Von hier bis dahin, dass wir jetzt zwei Scheiben mit einer Achse verbinden und den ersten Kramp-Karren bauen, ist es jetzt auch nur ein noch ein kleiner Schritt. Weiß jemand von Euch Neandertalern, was das bedeutet?“, fragt er bedrohlich und bedeutungsschwanger in die verlauste Runde.

Erst verhungern, dann aussterben

„Hab ich mir gedacht. Also: Wenn wir das jetzt durchlaufen lassen, dann werden wir über kurz oder lang tausende von Bäumen für die Scheiben fällen und alle, die bisher unsere Lasten getragen haben, von der Ziege bis zum versklavten Träger, werden über Nacht arbeitslos. Natürlich nutzen wir dann die Karren, um schneller und leichter Güter von Höhle zu Höhle zu bringen, wir werden Wege schaffen und dafür Wälder roden müssen, ganze Lebensräume werden wir vernichten, nur, um nicht zehnmal zu einem erlegten Mammut laufen zu müssen, sondern nur einmal. Das wird uns fett und bräsig machen und wir werden bald auch nicht mehr jagen, weil wir zu dick und zu faul und zu langsam geworden sind, um einem Mammut oder einer Gazelle hinterherzurennen. Wir werden alle aussterben. Erst verhungern, dann aussterben.“ Gog nickt, entschlossen und zufrieden mit seinen Ausführungen, mit dem Kopf.

Nog schüttelt zweifelnd seinen platten Schädel: „Letzte Woche hat mir einer von der Flachschädelsippe was gezeigt. Die werfen keine angespitzten Hölzer mehr, sondern benutzen ein kleineres Holz zusammen mit einem mit Darm gebogenen Stock, da muss niemand mehr schneller laufen als eine Gazelle, und man muss auch nicht mehr so nah an die Beute heranschleichen!“ Er überlegt einen Moment. „Wenn man an das kleinere Holz eine härtere Spitze aus Stein machen könnte...“, sinniert er laut.

Gog, der sich hingesetzt hat, springt wie von der Tarantel gestochen auf: „Seid Ihr alle noch zu retten? Feuer, Rollscheiben und angespitzte kleine Stöcke? Was kommt als nächstes für eine blöde Idee? Vielleicht sollten wir ja das gelbe Gestein hinten in der Höhle gegen irgendetwas Essbares tauschen, wenn wir einen Blöden finden, der das macht? Diese Stöckchen-Stock-Erfindung sondert nicht mehr die alten und kranken Tiere aus, sondern damit kann man die gesunden und jungen Tiere erlegen! Super Idee, Ihr Irren. Wir werden ganze Herden vernichten, Herden, mit denen wir hier unser Neandertal teilen.

„Wie könnt Ihr es wagen?“

Und damit nicht genug! Das lässt sich ja sogar gegen Säbelzahntiger und Wölfe einsetzen. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie viele tausende von Gazellen es plötzlich gibt, wenn wir die Säbelzahntiger und Wölfe töten? Wie viel die uns dann wegfressen? Dann brauchen die Frauen nicht mehr vor den Höhleneingang gehen und Beeren suchen, es wird keine mehr geben! Wir bringen uns mit dem Zeug um!“ Gog lässt sich wieder auf den Boden fallen und vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. „Wie könnt Ihr es wagen?“, schluchzt er.

Nog streichelt ihm beruhigend über die Schulter. „Hast ja recht, Gog. Du bist mit Deinen 30 Sommern der Älteste und Weiseste von uns. Was sollen wir Deiner Meinung nach tun?“, fragt er sanft. Gog erhebt sich. „Ich zeige Euch, was wir tun, um unser Überleben hier im Neandertal zu sichern.“, sagt er und nimmt Bog die hölzerne Scheibe weg und wirft sie ins Feuer, in dem sie sich prasselnd entzündet: „Bis hierher und nicht weiter, sage ich. Wir haben die Welt nur von unseren Kindern geliehen. Wir sichern unser Überleben nur im völligen Einklang mit der Natur! Kein künstliches Feuer, keine konstruierten Scheiben, keine komischen Konstrukte. Früher gab es nicht einmal Wurfhölzer. Da haben wir noch Mann gegen Mammut gekämpft und das hat auch funktioniert! Also: Mut, Zuversicht und ein paar warme Felle werden uns auch in Zukunft genügen!“ So spricht der weise Gog und setzt sich unter zustimmendem Gemurmel der Sippe wieder hin.

Und wenn sie nicht ausgestorben sind, so leben sie noch heute. Mit Säbelzahntigern und Mammuts. Und Einhörnern.

(Mehr Herzerwärmendes vom Autor auch unter www.politticker.de )

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Leserpost

netiquette:

A. Ostrovsky / 09.12.2019

Na, wenigstens wissen wir jetzt warum sie ausgestorben sind. Denkt eigentlich niemand an d i e K i i i n d e r im Neandertal?

Gerd Kistner / 08.12.2019

Der Neandertaler ist wohl das falsche Objekt für diesen nur mäßig amüsanten Kalauer. Weshalb er sich mit dem Homo sapiens erfolgreich gepaart hat, aber dennoch ausgestorben ist, weiß bisher niemand. Dumm war er nicht, er hatte mehr DUF 1220 Kopien als der Homo sapiens und somit möglicherweise einen höheren IQ. Vielleicht ist der IQ von uns Europäern der klägliche Rest dessen, was vom Neandertaler übrig geblieben ist.

Stephan Bender / 08.12.2019

Wenn ich als letzter, lebender Großdenker noch etwas nachlegen darf: Der Faschismus in Deutschland hinterließ Zerstörung, Tod und Besetzung. Die säkularisierten Christen gehen als Grüne jedoch noch einen Schritt weiter und wollen dahin zurück, wo das Christentum einmal angefangen hat, und von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu den Auslöschungsphantasien der Neanderthaler, aber ein großer Schritt für die Menschheit.

Emmanuel Precht / 08.12.2019

Wie gewohnt: “Siebene auf einen Streich!” Wohlan…

Klaus Plöger / 08.12.2019

POTSDAM Hier sagen sie: Der Klimawandel sei von Menschen gemacht. - Mag sein. Aber man fragt sich: wie hat der Neandertaler bloß die Eiszeit zustande gebracht?

Dr. Gerhard Giesemann / 08.12.2019

Noch zur Zeit meiner Gnadengeburt um 1950 war es völlig egal, wie die Leute lebten, wieviel CO2 sie in die Luft entließen - sie waren einfach wenig genug, das hat die Erde, die Atmosphäre gar nicht gemerkt. Über die Anderen vorher gar nicht zu reden. DAS ist das historisch Ein- und Erstmalige, was wir derzeit erleben müssen: Eine Verdrei-, gar Vervierfachung unserer Anzahl global. In Afrika von ca. 200 Millionen damals auf 1.200 Millionen heute. Und die Herstellung von hydraulischem Zement (“Portland-Zement”) bläst viermal so viel CO2 in die Luft als der gesamte weltweite Flugverkehr, Jahr für Jahr,  gucksdu wiki. Braucht man für Betone, für die Behausungen der Milliarden, für Industrie- und Bürogebäude. Übrigens auch für die gigantischen Fundamente der WKA. Aber nicht nur. Je mehr Leute irgendwie versorgt werden müssen, desto mehr Betone. Usw. Es gibt nur ein einziges Problem auf Erden, für das auch der hässliche weiße alte Mann bald keine Lösung mehr parat haben wird: Die Ü. Punkt. Anstatt jährlich ein Deutschland mit, sagen wir mal 80 Millionen hinzu weltweit, lieber eins weniger: DAS wäre die Lösung für das “problem to be solved”. So einfach, so schwer zugleich - wir sind selber schuld, wenn wir nicht das Paradies auf Erden haben, in this best of all possible worlds. Man stelle vor, vier Milliarden Erdenbewohner, bei unserer heutigen Technik, unserer Medizin, atemberaubend. Bis 2100 leicht zu erreichen, wenn es alle so machen täten wie die Euros, die Japaner, die Russen mit ihren 1,5-Kind-Frauen. Hoffentlich tun sich die 1,5-Kind-Menschen zusammen, weisen die Anderen konsequent ab und leben ein besseres Leben als je zuvor. Die Anderen können mitmachen oder im eigenen Dreck ... .

F. Auerbacher / 08.12.2019

“den ersten Kramp Karren bauen”, köstlich ... In der Tat würde eine Technikfolgenabschätzungskommission mit dem Wissenshintergrund der Steinzeitmenschen und den RRG moralischen Ansprüchen der Neuzeit, die Nutzung des Feuers verbieten, zumindest für Plethi und Krethi. Die Oberpriester des RRG Kults könnten davon wohl ausgenommen sein.

Paul Braun / 08.12.2019

Hätte mich schon interessiert, was es zur CO2 Neutralität der Neandertaler zu sagen gibt.

Gernot Stenzel / 08.12.2019

Wie hat es Douglas Adams so treffend ausgedrückt: “Viele kamen allmählich zu der Überzeugung, einen großen Fehler gemacht zu haben, als sie von den Bäumen heruntergekommen waren. Und einige sagten, schon die Bäume seien ein Holzweg gewesen, die Ozeane hätte man niemals verlassen dürfen.” (Per Anhalter durch die Galaxis)

H.Roth / 08.12.2019

Gähn!...Ich dachte tatsächlich, jetzt bekäme ich hier einen lustigen Text über unsere ischiasgebeugten (damals war die Rückenkrümmung auch ohne Smartphone möglich) Vorfahren zu lesen! Stattdessen eine Debatte aus dem Bundestag!

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