Henryk M. Broder / 18.11.2016 / 08:38 / Foto: Sergio Valle Duarte / 6 / Seite ausdrucken

Wie bei 9/11, nur umgekehrt

Die Geschichte des deutschen Anti-Amerikanismus beginnt vor genau 184 Jahren. Nikolaus Lenau, Romantiker und Schriftsteller, verspekuliert sich bei Börsengeschäften und beschließt, in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Der Sohn eines k.u.k.-Beamten will seine „Phantasie in die Schule – in die nordamerikanischen Urwälder schicken“. Er kommt Anfang Oktober 1832 in Baltimore an, wechselt in kurzen Abständen seine Aufenthaltsorte, kauft Land in Ohio, kann aber nirgendwo Fuß fassen. Im Frühjahr 1833, nach nicht einmal einem Jahr in der Neuen Welt, kehrt er zurück nach Europa, tief enttäuscht vom Materialismus der Amerikaner und der Unkultur der „verschweinten Staaten von Amerika“, wo es „überhaupt keine wahren Singvögel“ gebe. Die Nachtigall, notiert Lenau, hätte Recht, „dass sie bei diesen Wichten nicht einkehrt“. Seitdem hat sich viel in der Welt getan, Millionen von Europäern sind in die USA ausgewandert, und die USA mussten zweimal die Europäer vor sich selbst retten.

Aber an der USA-Verachtung der intellektuellen Kreise hat sich nichts geändert. Die Amerikaner gelten als arrogant, oberflächlich, unreif. „Ein Kindvolk“, so beschreibt sie der bedeutendste deutsche Philosoph der Gegenwart, Peter Sloterdijk. „Wie bekloppt sind die Amerikaner?“, fragte Anne Will neulich ihre Gäste. Es war natürlich eine rhetorische Frage, die Thomas Gottschalk mit einem Bezug zu Deutschland beantwortete: Trump als Präsident sei wie „Dieter Bohlen als Nachfolger von Herrn Gauck“. Da war die Wahl in den USA noch nicht gelaufen, und Gottschalk konnte nicht wissen, dass er zu kurz gesprungen war, dass es viel schlimmer kommen und nicht Dieter Bohlen, sondern Frank-Walter Steinmeier die Nachfolge von Joachim Gauck antreten würde.

Die Deutschen im Zustand kollektiver Hysterie

Dann haben die Amerikaner, allen Mahnungen und Warnungen zum Trotz, Donald Trump zu ihrem Präsidenten gewählt. Seitdem sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel, vom Noch-Außenminister Steinmeier, der den Republikaner Trump bereits im Sommer einen „Hassprediger“ genannt hatte, bis zum Vizekanzler Gabriel, den es keine Überwindung kostet, die blutbefleckten Hände der Mullahs und Ayatollahs in Teheran zu schütteln, dem es aber schwindelig wird, wenn er daran denkt, worum es Trump und seinen Anhängern „in Wahrheit“ geht, nämlich „um die Abschaffung der Moderne“ und die „Neuvermessung unserer Gesellschaften durch autoritäre, nationalistische und chauvinistische Bewegungen“. 

Statt froh zu sein, dass Deutschland keine Neuvermessung durch autoritäre, nationalistische und chauvinistische Bewegungen, sondern nur eine Islamisierung infolge der Zuwanderungspolitik droht, geraten die Deutschen in einen Zustand kollektiver Hysterie. Besorgte Eltern fragen sich, ob sie ihre Kinder noch als Austauschschüler in die USA schicken können; ein Mitarbeiter des "stern" klammert sich an die Hoffnung, „dass Donald Trump der Weg ins Weiße Haus verwehrt wird“, wenn genug Wahlmänner „sich nicht zwingend an das Ergebnis der Wahlen vom 8.11. gebunden“ fühlen, was so realistisch ist wie die Wahl von Claudia Roth zur Miss Universe; ein Kommentator des Berliner „Tagesspiegel“ phantasiert, „der Marsch des Mannes aus dem Trump Tower auf Washington“ provoziere „schlimme Assoziationen“, unter anderem die, Trumps Sieg sei ein neues „9/11“, nur „umgekehrt“.Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, twittert: „Als Jugendliche war Amerika mein Traum. Heute...“

Das haben die Amis davon, dass sie den Falschen gewählt haben. Keine Nachtigall in Sicht, die bei ihnen einkehren möchte.

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

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Leserpost

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Karla Kuhn / 18.11.2016

“Keine Nachtigall in Sicht,....., wunderbar Herr Broder. “Die Amerikaner gelten als arrogant, oberflächlich, unreif.” Genau genommen gibt es DIE Amerikaner gar nicht. Die Amerikaner sind ein zusammengewürfeltes Volk aus vielen Nationen. Amerika ist so groß, die “neuen Menschen” aus aller Herren Länder hatten und haben genug Platz in diesem Land gefunden. Und es gab jede Menge Pioniere, die das Land zu dem gemacht haben, was es heute ist. Die Amis sind auch nicht arroganter, oberflächlicher und unreifer als der Rest der Welt. Wenn ich mich in Deutschland so umschaue, dann haben sich die Nachtigallen aber sehr rar gemacht. Übrigens, Herr Trump wird bestimmt nicht in Depressionen verfallen, wenn K. G.-E.  Amerika fern bleibt. Abgesehen davon, daß diese Frau völlig unbedeutend ist, die kein Mensch kennt in diesem Land.  Warum müssen sich manche Menschen bloß so wichtig nehmen.

Kai Hartmann / 18.11.2016

Ja, man kann sie nur lieben, die Deutschen…

Jacek Berger / 18.11.2016

Herr Broder, dem ist es nichts hinzuzufügen. Nicht nur die deutsche Politiker Kaste aber auch ein Großteil des Volkes verblödet förmlich. Wenn man diese Anti-Amerikanische Hysterie beobachtet, dann muss man sich fragen: Haben wirklich Vertreter diese Volkes Druck und Mondrakete erfunden?

Isabelle d'Aguerre / 18.11.2016

Hervorragend, Herr Broder, lache immer noch!

Wilfried Cremer / 18.11.2016

Traditionsbewusstsein kann schon mal in Arroganz gegenüber jüngeren Kulturen umschlagen. Bei manchen ist das notorisch, bei Sloterdijk nennt es sich Philosophie.

Sebastian Laubinger / 18.11.2016

Vielen Dank fuer diese kurze und praegnante Zusammenfassung der politischen Lage! Ich reagiere mittlerweile nur noch mit Belustigung auf die zahllosen Versuche, eine demokratische Wahl dergestalt zu diskriminieren. Gut, man man von Herrn Trump halten, was man will. Immerhin, er nimmt kein Blatt vor den Mund, und das macht ihn mir sympathischer. Er ist nicht “politically correct”, was ich ihm hoch anrechne—denn die Juenger der PC sind oft die schlimmsten Heuchler und Luegner. Ulkig nur, wie wirklich alles zu seinem Nachteil ausgelegt wird. Er hat ueber Frauen hergezogen. Nicht die feine englische Art, aber ein gewisser Herr Clinton hatte wuesteste Affairen. Herr Trump verkuendet, fuer einen Dollar arbeiten zu wollen? Nein, auch wieder nicht recht, das zeuge von mangelndem Respekt vor dem Amt, entbloedet sich ein SPON-Autor nicht, zu behaupten. Spannend, wie man vor Herrn Erdogan und anderen Machthabern kuscht, waehrend man meint, dem Vertreter eines Landes, das Deutschland immer wieder zur Seite gesprungen ist, mit dem Hintern ins Gesicht springen zu koennen. Nun, das wird man noch sehen.

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