Zu Beginn eine Anmerkung. Der Hinweis auf die Verbrechen der SED-Diktatur wird von gewissen Leuten gerne als Angriff auf jene Deutschen missverstanden, die ungefragt hinter Mauer und Stacheldraht leben mussten. Als Dokument dafür, dass man ihre Lebensleistung herabwürdigen, ihnen keine schönen Erinnerungen zubilligen würde. Aber das ist hanebüchener Unsinn. Es wäre schlimm, wenn unsere Landsleute östlich der Elbe aus der Zeit der 45jährigen Teilung Deutschlands keinerlei positive Erfahrungen und Erinnerungen und kein persönliches Glück gefunden hätten. Aber sie fanden es in aller Regel nicht wegen, sondern trotz der Diktatur. Dass das Schicksal sie zwang, in einer Diktatur zu leben, die vielen eben auch schlimme Erfahrungen abnötigte, war nicht ihre Schuld. Doch es sollte ein gesamtdeutsches Anliegen sein, dieser Opfer zu erinnern, sie und ihre Leiden nicht zu vergessen.
Josef Kraus hat am 26.07.2026 in der PAZ an den langen Schatten des SED-Unrechtsstaates erinnert. War sein Text erst hinter einer Bezahlschranke versteckt und nur für Abonnenten oder Leser der Druckausgabe einsehbar, kann er nun endlich von jedem gelesen werden. Das ist sehr zu begrüßen, weil der Beitrag des Autors völlig zu recht der „immer weiter fortschreitende[n] Verharmlosung und Verklärung des brutalen DDR-Regimes“ Einhalt gebietet. Das täte auch dringend not, wie man gleich sehen wird.
Fangen wir mit der Union an, die offensichtlich immer weniger Probleme damit hat, zwecks Machterhalt sich an die mehrfach umbenannte SED anzubiedern, die heute unter dem Tarnnamen DIE LINKE firmiert, als wäre nichts gewesen. Keine über vierzig Jahre andauernde menschenverachtende Diktatur, keine Toten an Mauer und Stacheldraht, keine politischen Gefangenen in Bautzen II und anderswo. Klaus-Rüdiger Mai schreibt hier: „Die Linksfront in Sachsen-Anhalt mit der CDU steht. Die CDU hat es klar und deutlich belegt. Wer die CDU wählt, wählt die SED-Linke. Wer keine linke Regierung will, darf nicht die CDU wählen. Soweit ist es nun mit der CDU gekommen. Ramelow und Pantisano reiben sich die Hände.“ Und die Nicht-Geschichtsvergessenen, weder in Sachen CDU noch SED, können nicht einmal mehr die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, möchte man hinzufügen. Denn von der Union, wie man sie einmal kannte, gefühlt in grauen Vorzeiten, ist nichts mehr übriggeblieben.
Ergänzende Worte zu dieser niederschmetternden Feststellung Mais, die für jedes Opfer der SED-Diktatur ein Schlag ins Gesicht sein muss, findet Josef Kraus in seinem Text über den neuen Jahresbericht der SED-Opferbeauftragten Evelyn Zupke: „Daher sind diese 115 Seiten des Berichts all den ewig gestrigen, verblendeten DDR-Nostalgikern zur intensiven Lektüre angeraten. Menschen, die immer noch meinen, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen: beispielsweise die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), und der Ex-Ministerpräsident von Thüringen und jetzige Vizepräsident des Bundestages Bodo Ramelow (Die Linke, die Rechtsnachfolgerin der SED). Letzterer zweifelte 2008 gar die Existenz eines Schießbefehls für die DDR-Grenzsoldaten an.“
Die Partei DIE LINKE ist die SED
Deutliche Worte eines ehemaligen Lehrers. Ich wünschte, ich hätte so einen Lehrer gehabt, der die brutale Wirklichkeit im geteilten Deutschland genauso schnörkellos beschrieben hätte. Fehlanzeige. Doch in einem Punkt muss ich Herrn Kraus korrigieren, und er möge mir das nachsehen: die Partei DIE LINKE ist keine „Rechtsnachfolgerin der SED“, sie IST die SED. Dies hat niemand anders als Dr. Karl Holluba am 28. April 2009 vor dem Berliner Landgericht an Eides statt erklärt: „Ich bin Bundesschatzmeister der Partei ‚DIE LINKE‘. Daher weiß ich: ‚DIE LINKE‘ ist rechtsidentisch mit der ,Die Linkspartei.PDS‘, die es seit 2005 gab, und der PDS, die es vorher gab, und der SED, die es vorher gab.“ Man muss diese Tatsache immer wieder betonen, denn dies scheint noch immer nicht in die Köpfe der meisten hineingegangen zu sein, auch nicht in die Köpfe derer, die dazu beitragen, das Unrecht der SED-Diktatur nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Das ist bedauerlich.
Der Historiker Dr. Hubertus Knabe führt auf seiner Webseite dazu weiter aus: „Auf der Website der Linken sucht man diese Erklärung vergeblich. Denn sie räumt mit dem weit verbreiteten Irrtum auf, die Partei sei eine Neugründung oder zumindest ein Zusammenschluss zweier Parteien aus Ost und West. In Wirklichkeit ist die Linke noch nicht einmal eine Nachfolgepartei, wie sie von Journalisten oft genannt wird. Der Erklärung ihres Schatzmeisters zufolge wäre vielmehr die Bezeichnung „Fortsetzungspartei“ am zutreffendsten.“
Verschiedentlich ist zu lesen, die Repressionen hätten in der Spätphase der „DDR“ abgenommen. Doch davon kann keine Rede sein. Das letzte Maueropfer Chris Gueffroy wurde in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 kaltblütig erschossen, obwohl der junge Mann niemanden bedroht hatte, sondern – wie auch sein Freund Christian Gaudian, der den Fluchtversuch überlebte – nur frei sein wollte. Wer wissen möchte, wie mit „Grenzverletzern“ verfahren wurde, wenn ihre Flucht scheiterte, der lese die Ausführungen von Hans-Hermann Hertle und Maria Nooke: „Die Grenztruppen überführten verletzte oder getötete Flüchtlinge aus dem Todesstreifen nicht automatisch in das nächstgelegene Hospital, sondern hatten sie in festgelegte Krankenhäuser – bevorzugt in das Volkspolizei-Krankenhaus in Berlin-Mitte und in das Armeelazarett Drewitz bei Potsdam – bzw. zur Obduktion in das Gerichtsmedizinische Institut der Humboldt-Universität (Charité) oder das Zentrale Armeelazarett Bad Saarow einzuliefern. Der Transport erfolgte in der Regel auch bei Schwerstverletzten nicht in Krankenwagen, sondern auf der Ladefläche von Armeelastwagen oder „Kübel-Trabis“ ohne jede ärztliche Versorgung. Eine schnellere Hilfe und menschenwürdigere Handlungsweise hätte späteren Gutachten zufolge einige Leben retten können (z.B. im Fall von Klaus Garten, Hans Jürgen Starrost, Silvio Proksch, Michael Schmidt).“ Auch der Eiserne Vorhang forderte noch 1989 die letzten deutschen Todesopfer durch Erschießen, etwa bei dem Versuch, von Ungarn nach Österreich zu fliehen, um von dort weiter nach Westdeutschland zu gelangen (Quelle: Jochen Staadt, Hrsg.: Die deutschen Todesopfer des Eisernen Vorhangs 1948-1989. Mitteldeutscher Verlag 2023).
Die Berichte der Zentralen Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen in Salzgitter sprechen ebenso eine deutliche Sprache. Beispiele eklatanter Menschenrechtsverletzungen wurden noch im Sommer 1989 in der WELT dokumentiert unter der bezeichnenden Überschrift: „13. August 1989: Wer die DDR-Hymne zitiert, macht sich schon strafbar“. Dabei bezog sich der Titel auf den Fall eines ausreisewilligen Leipzigers, der eine Gefängnisstrafe von 15 Monaten ohne Bewährung bekam, nur weil er ein Bettlaken aus seinem Fenster hängte, welches er schwarz-rot-golden ohne Hammer, Sichel und Ährenkranz bemalt, aber mit einer Verszeile der nicht verbotenen „DDR“-Hymne „Laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland“ beschriftet hatte. Ein weiteres Beispiel war ein Ingenieur, der in Spiegelschrift auf die Heckscheibe seines Trabis „Realität und Wirklichkeit“ sowie auf dem Kofferraumdeckel „40 Jahre UNO-Menschenrechte“ geschrieben hatte. Dafür wurde er zu 16 Monaten Haft verurteilt, sein Auto wurde entschädigungslos eingezogen, seine Tochter durfte die Oberschule nicht mehr besuchen.
Die Brutalität des SED-Regimes herrschte bis zuletzt
Das SED-Politbüromitglied und der spätere Nachfolger Erich Honeckers, Egon Krenz, wiederum sympathisierte im Herbst 1989 noch mit der „chinesischen Lösung“, mit der blutigen Niederschlagung der Aufstände gegen das SED-Regime. Nicht zu vergessen sind ebenso die mit äußerster Brutalität niedergeknüppelten Demonstranten, die zum 40. Jahrestag der „DDR“ am 7./8. Oktober gegen das Regime auf die Straße gingen. Allein diese wenigen Beispiele zeigen, dass das SED-Regime bis zuletzt keinen Deut von seiner menschenverachtenden Praxis gegen Andersdenkende, Kritiker, Ausreisewillige, Flüchtlinge und politische Häftlinge abgerückt war.
Achgut-Autor Manfred Haferburg schrieb mir einmal in einem Leserbrief, die Wiedervereinigung hätte ihm das Leben gerettet; wer sein Buch „Wohnhaft“ oder seinen Erfahrungsbericht liest, dem kann nur das Blut in den Adern gefrieren, bei dem Ausmaß der Brutalität, die ihm noch im Oktober 1989(!) widerfuhr. Der letzte politische Häftling, Bodo Strehlow, wurde übrigens erst am 21. Dezember 1989 nach einem Freikauf(!), für den der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sich persönlich einsetzte, freigelassen. Seine Geschichte kann man hier nachlesen; auch er, zehn Jahre in denkbar unmenschlichster Isolationshaft gehalten, überlebte mit großer Wahrscheinlichkeit nur dank der Friedlichen Revolution von 1989; auf keinen Falle aber, weil die SED nach Ulbricht plötzlich milder mit ihren politischen Gegnern umgegangen wäre.
Dessen muss man sich bewusst machen, immer wieder vor Augen führen, um die Schieflage zu erkennen, die sich da aufgetan hat in Sachen SED-Unrecht. Viele Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft auf deutschem Boden müssen bis heute einen zermürbenden Kampf um die Anerkennung ihrer Leiden führen. Es geht hier nicht um Kinkerlitzchen, wie allein schon die obigen Beispiele zeigen. Es handelt sich um vielfach – wirklich! – schwer traumatisierte Opfer und zerstörte Existenzen. Genau das macht ein Blick in den Jahresbericht 2026 der SED-Opferbeauftragten dann auch unmissverständlich deutlich. Er macht ebenso die ganze erschreckende Bandbreite dieses SED-Unrechts klar, einer Partei, die bis tief in das Privatleben der Menschen hineinregierte. Dieser Umstand ist zugleich verantwortlich dafür, dass es schwierig bleibt, genaue Opferzahlen anzugeben; noch dazu wurden in den Umbruchmonaten 1989/90 viele Akten von SED-Genossen vernichtet oder entwendet, was schließlich Mitte Januar 1990 zum Sturm auf die Stasi-Zentrale führte.
Große Bandbreite an Opfergruppen
Aber wer es wissen will, findet Hinweise auf eine Größenordnung, die nur erschrecken kann. Ansgar Borbe schreibt in seiner Broschüre „Die Zahl der Opfer des SED-Regimes“: „Die vorliegende Untersuchung hat deutlich gezeigt, dass sich zwar in etwa die Anzahl aller politischen Opfer der ehemaligen DDR angeben ließe, jedoch nur in einer sehr unzureichenden Weise: Denn addiert man für alle der analysierten Opfergruppen (ausgenommen solche, die sich überschneiden) die jeweilige Höchstschätzung, so gelangte man zu einem Wert von ca. 5,828 Mio. Personen. Darunter fallen 54.523 Tote sowie 343.000 körperlich-psychisch Versehrte. Nimmt man hingegen die unteren Zahlenwerte der ausgewählten Opfergruppen, so könnte von einer Mindestzahl von ca. 3,515 Mio. Opfern ausgegangen werden. Darunter befinden sich 1.722 Tote und 42.700 körperlich Versehrte.“ Auch wenn der Autor einschränkt, dass unterschiedlichen Ansätze der Definitionen ausschlaggebend für die Höhe der Opferzahlen des SED Regimes seien, so wäre selbst niedrigere Angaben der Anzahl der Opfer weiterhin erschreckende Zahlen, Zahlen, die die wenigsten auf dem Schirm haben werden, wenn sie an die „DDR“ denken.
Noch einmal zurück zum diesjährigen Opferbericht von Evelyn Zupke. Wie schon Josef Kraus konstatierte, ist dieser Jahresbericht wirklich jedem zur Lektüre wärmstens empfohlen, allerdings nicht nur den unverbesserlich Ewiggestrigen und Schönfärbern der SED-Diktatur, sondern auch jedem, dem es ein ehrliches Anliegen ist, das Ausmaß der Verbrechen des SED-Regimes zu begreifen. Denn der Bericht lässt kaum einen Bereich aus über das, was im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands an Ungeheuerlichkeiten und Unrecht geschah. Wer Argumente sucht, weshalb die sogenannte „DDR“ ein Unrechtsstaat war, wird hier reichlich fündig.
So beginnt die Auflistung folgerichtig mit dem Schicksal der Zwangsausgesiedelten und den Opfern der sowjetischen Speziallager. Es lässt das Thema „DDR“-Heimerziehung, einschließlich der Lage in Kinderkrippen und Jugendhäusern sowie das durch Zwangsadoptionen ausgelöste Leid so wenig aus wie das Leid, welches durch Zwangsdoping schon Kindern und Jugendlichen angetan wurde. Der Bericht erwähnt auch den sexuellen Missbrauch in verschiedensten Einrichtungen, die die Betroffenen auf denkbar übelste Weise erniedrigen, zersetzen und schließlich brechen sollten. Der Jahresbericht erinnert ebenso an die etwa eintausend deutsche Todesopfer des „Eisernen Vorhangs“ in der Zeit von 1948-1989.
Alles in allem eine erschütternde Lektüre, aber eine, die eigentlich jedem die letzte Illusion vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ rauben sollte. Man sollte sich das Dokument herunterladen und abspeichern.
Weitere Jahresberichte finden sich hier.
Der Homo Germanikus ist weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Seine Politik ist, wer warum den nächsten Zaun baut und die Regeln in kapitalen Lettern ein für allemal darauf nagelt.
Danke, dass Sie am Thema dranbleiben. Mir war vieles bisher nicht so klar, z.B. dass der Bundesgrenzschutz eine hohe Zahl ehemaliger DDR-Grenzsoldaten übernommen hat. Meiner Meinung nach hätte keiner von ihnen übernommen werden dürfen, auch die nicht, die keine Politoffiziere waren oder keine Stasi-Verbindungen hatten. Sehr aufschlussreich fand ich auch den SZ-Artikel zu Sven Hüber in der SZ „Vom DDR-Politoffizier zum Bundespolizisten. Eine deutsche Karriere und ein Justiz-Albtraum“ v. 19.05.2010. Hüber hat Hubertus Knabe (ehemaliger Direktors der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen) jetzt via Anwalt aufgefordert, auf X/Twitter getätigte Äußerungen zu löschen. Knabe weigert sich. Man darf gespannt sein, wie die Sache weitergeht.
Ramelow und Schwesig sind Westgewächse und sollten lieber die Klappe halten, weil sie keine Ahung haben.
Fie Frage wie man die Opfer der SED Diktatur definiert, ist nicht so leicht zu beantworten.
Die einfachsten Opfer fangen eigentlich da an:
Wer nicht und auch nicht nach Aufforderung in die SED eintrat, hatte seine berufliche Karriere schon verspielt.
Er wurde zwar nicht eingesperrt, aber blieb bis zur Wende Schütze Arsch im letzten Glied. Das ist zwar nicht lebensgefährlich aber war auch nicht leicht zu akzeptieren. Es blieb nur der Rückzug in die Privatsphäre und auch dort gab es genügend Spitzel.
Die Gedankenwelt der goldenen Zeiten der DDR in Tateinheit mit dem herzensguten Brudervolk der Sowjetrussen sind Westlern wie unserer Autorin nicht zugänglich. Warum sonst würde im Sommer 2026 auf Wahlkampfveranstaltungen die DDR-Hymne gesungen, mit Tremolo in der Stimme?
Ich stamme aus diesem Staat. Für mich war es niemals eine „ DDR “, sondern immer eine
„ SBZ “ !
Wertvoller Artikel! Nicht weiter verwunderlich, dass die zeitgenössischen (Inter-) (National-) Sozialisten kein Interesse daran haben, dieses historisch äußerst bedeutende deutsche Thema im Bewusstsein der Bürger zu lassen. Schließlich könnte jemand Parallelen zu ihrem „Kampf gegen Rechts“ entdecken.
Worin bestanden eigentlich die Aufgaben eines „Politkommissars“ bei den Grenztruppen der DDR? Was haben wir uns da wohl noch so alles „eingefangen“? Was stand in „verschwundenen“ Akten über Individuen der „Eliten“ der BRD? Wo ist das Geld der SED? Was ist aus den Mitgliedern der DDR Blockparteien (CDU, SPD, …) geworden? Mal sehen, ob man in den vielen Links etwas findet… Ha. SED ist die Vereinigung von KPD und SPD. Die Ost-SPD war(?) also Teil der Mauermörderpartei(en).