Bulimie ist eine Essstörung: Die Betroffenen suchen heißhungrig nach allem, was sie finden können, und erbrechen sich danach. Die in woken deutschen Intellektuellenkreisen grassierende Erinnerungs-Bulimie ist ähnlich: Die Betroffenen kratzen wie ausgehungert in Briefen, Tagebüchern und Archiven nach wahren und erfundenen Zeugnissen deutscher Gräueltaten (wichtig: nur deutsche, andere schmecken nicht), und würgen diese dann im ÖRR und geistesverwandten Printmedien oder sonstigen öffentlichen Stellungnahmen wieder aus. Der neue Sammelband Deutsche Legenden. Wer schreibt unsere Geschichte? von Cora Stephan dokumentiert zahlreiche Beispiele. Er beginnt mit den notorischen Benin-Bronzen, von – damals noch – Außenministerin Baerbock als deutsches Raubgut auf den Knien nach Nigeria zurückgebracht. Falls überhaupt, wurden die Bronzen von Engländern geraubt. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie von einer unglaublich brutalen Herrscherfamilie auf der Flucht vor einer gerechten Strafe auf einem Müllhaufen zurückgelassen worden sind.
Dieser extrem sorgfältig recherchierten Rückschau aus der Feder des Literaturwissenschaftlers Peter J. Brenner folgt eine Relativierung des angeblichen deutschen Völkermordes an den Herero in Südwestafrika durch Michael Klonovsky. Da existieren durchaus Notizen im Tagebuch des deutschen Militärkommandanten Lothar von Trotha, von Bulimie-Historikern begierig aufgesogen, die Hereros müssten „vernichtet werden“. Auch die nach heutigen Maßstäben unakzeptable, wenn auch bei Franzosen und Engländern genauso übliche, Vergeltung für Gräueltaten von Kolonialvölkern darf nicht verschwiegen werden. Aber für die behauptete Einkesselung der aufständischen Hereros, mit einzigem Ausgang Todeswüste, hätten die maximal 5.000 an diesem Feldzug beteiligten preußischen Soldaten, von denen übrigens fast die Hälfte dabei starben, in einem Gebiet der Größe Südwestafrikas niemals ausgereicht. Auch zu anderen Aspekten der deutschen Kolonialgeschichte im heutigen Namibia ist die Woke-Fraktion inzwischen der Lüge überführt. Weder haben die Deutschen dort mit Sklaven gehandelt, noch erstmals Giftgas eingesetzt. Die in einem ZDF-Video zur deutschen Afrika-Vergangenheit eingeblendete Sklavendarstellung ist der englischen Wikipedia entnommen und zeigt Sklaven in Tansania im Jahr 1878. Die Kolonie Deutsch-Ostafrika entstand aber erst 1885. Bis zum Beginn der deutschen „Schutzherrschaft“ bestimmten die Araber den Sklavenhandel in dieser Region. Und für seine Lüge in der Jugendsendung Funk, die Deutschen hätten im Jahr 1904 in Ihrer damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika gegen die Hereros Giftgas eingesetzt, hat sich das ZDF inzwischen entschuldigt.
Auch anderswo triggert das Stichwort „Genozid“ bei deutschen Wokis eine fanatische Suche nach deutscher Beteiligung. Ein weiteres, in dieser Sammlung ausgespartes Beispiel ist der türkische Völkermord an den Armeniern. Hier wird die Woke-Fraktion nicht rasten noch ruhen, bis dieser endgültig dem deutschen Kaiser in die Schuhe geschoben ist. Ihr Lieben, lest doch mal den Tatsachenroman von Franz Werfel Die 40 Tage des Musa Dagh. Nur beim japanischen Nanking-Massaker vom Dezember 1937 beißt sich die Woke-Fraktion die Zähne aus; hier sind die heldenhaften Rettungstaten des deutschen Geschäftsmannes John Rabe nur zu gut belegt. Aber wer weiß – vielleicht taucht doch noch irgendwann ein Brief von Hitler an den Tenno auf. Denn der hatte die umstandslose Ermordung aller chinesischen Kriegsgefangenen befohlen. Das hat ihm doch sicher irgendein Deutscher eingeflößt …
„Denen von unserer Seite Mut und Stärke geben“
Dass auch in anderen Ländern die Woke-Fraktion die Kolonialgeschichte in Richtung schwarz gleich gut, weiß gleich böse fälscht, zeigt Mathias Brodkorb in dem Kapitel „Das postkoloniale Narrativ“. In den Kapiteln „Der preußische Militarismus“ und „Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges“ räumen Cora Stephan und der Geschichtsprofessor Rainer F. Schmidt mit dem Mythos der deutschen Alleinschuld an diesem Menschheitsdesaster auf. Der ist zwar spätestens mit dem Weltbestseller Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog von Ch. Clarke klar widerlegt, aber was zählen historische Fakten gegen eine gefestigte Ideologie? Und dass auch ansonsten seriöse Medien und Politakteure, wenn es darauf ankommt, historische Fakten dramatisch fälschen können, zeigt Arthur Ponsonby in einem hier verdienstvollerweise nochmals abgedruckten und übersetzen Artikel „Falsehood in Wartime“ von 1928. So stellt er etwa zur Kriegsschuldfrage fest, dass die Engländer keinesfalls aufgrund des völkerrechtswidrigen Einmarsches der Deutschen in Belgien in den Krieg eingetreten sind – sie hatten das von Anfang an geplant: „Der Einmarsch in Belgien war für die Regierung und die Presse ein Geschenk des Himmels und sie nutzten diesen Vorwand sofort, weil sie seinen Wert für die öffentliche Meinungsbildung sehr zu schätzen wussten“ (S. 132). Diese im Verlauf des Ersten Weltkrieges stetig intensivierte und später von den Briten auch als solche eingestandene Lügenpropaganda hatte zur Folge, dass man nach dem Zweiten Weltkrieg die tatsächlichen Gräuel der Nazis zunächst ebenfalls als alliierte Propaganda abtat und nicht glauben wollte.
Weitere Kapitel beschäftigen sich mit dem Mythos, die NSDAP sei ein Werkzeug des deutschen Großkapitals gewesen (DDR-Unfug; die Nationalsozialisten sahen sich in erster Linie als Sozialisten und wurden von einem Großteil der Wirtschaft auch genauso eingeschätzt), mit den wahren Motiven des alliierten Bombenterrors (der genau das zum Zweck hatte: die Terrorisierung der Zivilbevölkerung. Wurde später aber auch von vielen Deutschen selber als gerechte Rache und Revanche verkauft), oder mit der aktuellen woken Lieblingsthese, die Kritiker der Massenmigration spalteten unsere Gesellschaft. Natürlich ist für jeden offensichtlich, dass die Migration und nicht die Kritik daran die Gesellschaft spaltet. Alles in allem liegt hier ein höchst lobenswertes Kompendium von Weltbildkorrekturen vor, die aber ihr in ihrer eigenen Weltanschauungsblase fest eingemauertes Zielpublikum wohl nicht erreichen werden. Aber auch dann war diese Mühe nicht vergebens. Der Rezensent hält es hier mit dem großen Georg Christoph Lichtenberg: „Dass man seine Gegner mit gedruckten Gründen überzeugen kann, habe ich schon seit dem Jahr 1764 nicht mehr geglaubt. Ich habe auch deswegen die Feder gar nicht angesetzt, sondern bloß um sie zu ärgern und denen von unserer Seite Mut und Stärke zu geben und den anderen zu erkennen zu geben, dass sie uns nicht überzeugt haben.“ Danke, liebe Cora, dass du denen von der anderen Seite Mut und Stärke gibst!
Cora Stephan (Hrsg.): Deutsche Legenden. Wer schreibt unsere Geschichte? Edition Buchhaus Loschwitz 2025.
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Vieles, was wir heute als ‚Geschichtswissen‘ betrachten, wurde in den Propaganda-Kellern der SED und der Stasi in Ostberlin ausgebrütet und über die DDR-hörigen, SPD-eigenen Medien in der gesamten BRD verbreitet. Die Herero-Lüge wurde, soweit ich weiß, 1966 von einem Professor der Humboldt-Universität anhand der Akten aus dem Kaiserreich zusammengebogen, natürlich ganz im Sinne der Kommunisten. Ähnlich lief es mit dem als Historiker verkleideten SPD-Funktionär Fritz Fischer, der ebenfalls in den DDR-Archieven (und ausschließlich dort!!!) die deutsche Kriegsschuld am 1.WK zusammenschwurbelte. Das sind nur zwei Beispiele von vielen, das Orwellsche Wahrheitsministerium der Sozialisten läßt grüßen!
Ein typisches Narrativ ist auch der „Überfall“ auf Polen 1939. Ein seltsamer Überfall, bei dem der Überfallene totalmobilgemacht und die komplette Armee an der Grenze in Stellung gebracht hatte. „Angriff“ wäre das richtige Wort, so wie beim russischen Angriff 2022, wo monatelang(!) beobachtet wurde, wie die Soldaten in Stellung gehen…
Moinmoin Herr Prof. Dr. Krämer, was wissen schon Linke über Geschichte? Was wissen Linke überhaupt von irgendwas. Obwohl ich mir geschworen hatte, in diesem Leben keine Bücher mehr zu kaufen, so klingt das Buch Frau Dr. Stephans verführerisch, obwohl wir alle bereits wissen, daß Linke dümmer als dumm sind. Allerdings gibt es immer Haare in der Suppe. An den größten schlechten Witz der Weltgeschichte traut sich aber niemand ran & zwar das III. Reich sei schuld am Ausbruch des II. Weltkriegs. Natürlich hat die Wehrmacht nicht ab 4 Uhr 45 Min., wie laut Gröfaz, zurückgeschossen. Die Okkupation Böhmens & Mährens, wie der Angriff auf Polen war moralisch & völkerrechtlich völlig legitim. Immer hat das III. Reich die Polen (1917 vom Kaiser gegründet) von einer bösen Militärdiktatur befreit & halb Polen wieder ins Deutsche Reich eingemeindet, wo es hingehört.
Solange es in Deutschland noch etwas zu holen gibt, wird man die Deutschen „schuldig“ sprechen. Auch jene Jahrgänge, denen dabei nur über Quasi-Sippenhaft noch beizukommen ist. Und wer „schuldig“ ist, der hat zu zahlen, basta. Dabei stossen manche Deutsche selbst in dieses opportune Horn, wie um zu beweisen, dass man selbst moralisch-ethisch unanfechtbar und somit „unschuldig“ sei. Man vergleiche nur, wie elegant sich andere Nationen (z.B. Italien ebenfalls als WW2-Kriegsbeginner oder Österreich als Heimat mancher „führender“ Politiker und seinerzeit begeistert den deutschen Anschluss suchend…) aus der Verantwortung zogen.
Sehr guter Hinweis und das Buch ist schon bestellt.
Leider muß ich gestehen , daß ich auf dieses Buch AUCH NICHT sehnlichst gewartet habe , ein literarischer Text von einer deutschsprachigen Autorin , der womöglich in aller Welt gern gelesen wird , wäre mir lieber . Aber so etwas können wir kaum , wir sind halt das Volk , das sich über die eigene Vergangenheit verbissen durchzankt und nicht darüber hinwegkommen kann. Die Geschichten , die wir hier erzählen , werden eben nicht von Jung und Alt in Übersee verschlungen , sondern bestenfalls als Akt der bußvollen Reue zur Kenntnis genommen , rein akademisch gesprochen . Dichtung ist hier längst Geschichte . Mit wenigen Ausnahmen . Als literarische Nation sind wir praktisch so gut wie … tot .
Es gibt ja noch die schöne Nachkriegslegende, daß die Migranten deutsche Großstädte wie München aufgebaut hätten. München gab es schon mehr als 100 Jahre vorher und auch der Wiederaufbau wurde von den „Biokartoffeln“ selbst durchgeführt. Wer diese Tatsache benennt, „verleugnet die Lebensleistung der Migranten“ nach Michael Blume.