Von Philipp Lengsfeld
Dem Wutjournalistenstatement von Thomas Rietzschel muss man vehement widersprechen.
Sie kritisieren die Neujahrsansprache der Kanzlerin. Das können Sie gerne tun. Aber was ist eigentlich Ihr Vorwurf? Ihnen missfällt, dass die Kanzlerin indirekt die einfachen Demonstranten von Dresden aufgefordert hat, den Organisatoren von PEDIGA nicht mehr zu folgen. Jetzt bin ich nicht sicher, ob ich selber - wäre ich denn in der Lage gewesen - der Kanzlerin zu diesem Schritt geraten hätte und der starke Beifall von taz und ND bestärken meine Zweifel, aber ist eine solche Aussage unzulässig? Keinesfalls! Der Kern Ihrer politischen Anwürfe ist schlicht substanzlos. Zehntausende Demonstranten sind sicherlich ein starker Auftritt, dies hat es in diesem Land aber schon häufiger gegeben. Das kann maximal der Anfang einer politischen Diskussion sein, die übrigens in der Gemengelage mehr als komplex ist.
Politisch ist ihr Anwurf ein dünnes Brett, dafür hat er es aber stilistisch in sich. Warum sachlich, wenn es auch persönlich sein kann? Dass Sie Angela Merkel die politischen Haltungen und Überzeugungen Ihres Vaters vorhalten, macht mich einfach nur sprachlos. Da ich es aber selber regelmäßig erfahre, wundere ich mich über Sippenhaft im öffentlichen deutschen Diskurs schon lange nicht mehr. Auf den Seiten der Achse des Guten finde ich sie aber besonders deplatziert. Viel schlimmer ist das Wiederaufkochen der ‚FDJ-Anwürfe’. Niemand außerhalb und auch innerhalb des DDR-Kontextes ist berechtigt, einem akademisch interessierten und begabten jungen Menschen die von Seiten des SED-Systems erpresste aktive FDJ-Arbeit zum Vorwurf zu machen, ob er oder sie später ‚nur’ Wissenschaftler oder DDR-Oppositioneller oder sogar Kanzler geworden ist. Das ist Russia Today- Niveau.
Der Kern der PEDIGA-Demonstrationen richtet sich übrigens nach meiner Ferndiagnose vor allem gegen die Medien. Eine freie Presse kann hier das verlorene Vertrauen nur durch Faktentreue und Ausgewogenheit wiedergewinnen. Ich würde der Achse des Guten empfehlen sich hier nicht als Außenstehende zu empfinden, sondern genau diesen Regeln auch möglichst oft zu folgen. Ihr Artikel kann da sicherlich nicht der Maßstab sein.
Der Autor ist MdB der CDU

" einem akademisch interessierten und begabten jungen Menschen die von Seiten des SED-Systems erpresste aktive FDJ-Arbeit " mit dieser Argumentation lässt sich dann wohl jede Gräueltat rechtfertigen....Folter, Mord....einfach alles....sorry aber das ist ja wohl erbärmlich. Jeder Mensch muss sein Handeln mit seinem Gewissen vereinbaren.Leider haben viele kein Gewissen .Für ihren Vorteil liefern sie ihre eigene Großmutter ans Messer. Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Das nennt man auch Opportunismus und ist wohl besonders in unseren Breiten ausgeprägt.
Philipp Lengsfeld schrieb: "Der Kern Ihrer politischen Anwürfe ist schlicht substanzlos. Zehntausende Demonstranten sind sicherlich ein starker Auftritt, dies hat es in diesem Land aber schon häufiger gegeben. Das kann maximal der Anfang einer politischen Diskussion sein, die übrigens in der Gemengelage mehr als komplex ist." Wie will man auch eine Kanzlerin kritisieren, deren Politik in jeder Beziehung substanzlos ist. Wenn Politiker von einer komplexen Gemengelage reden, steht das nur für ein weiter so. Philipp Lengsfeld schrieb: "Der Kern der PEDIGA-Demonstrationen richtet sich übrigens nach meiner Ferndiagnose vor allem gegen die Medien. Eine freie Presse kann hier das verlorene Vertrauen nur durch Faktentreue und Ausgewogenheit wiedergewinnen. Ich würde der Achse des Guten empfehlen sich hier nicht als Außenstehende zu empfinden, sondern genau diesen Regeln auch möglichst oft zu folgen. Ihr Artikel kann da sicherlich nicht der Maßstab sein." Dann ist Ihre Ferndiagnose schlichtweg falsch. Als Unternehmer könnte ich Ihnen mal die ellenlangen Versäumnisse Ihrer Politik schildern. Nur ein Stichwort: Bürokratie. Ist die CDU nicht mal angetreten, um Bürokratie abzubauen? Was sich allein auf diesem Feld in den letzten Jahren getan hat, spottet jeder Beschreibung. Als Bürger und Konsument verschiedener Medien, von TAZ, FAZ, Spiegel, Welt usw., Heute-Journal usw., erlebe ich die mangelnde Faktentreue und fehlende Ausgewogenheit jeden Tag. Mittlerweile recherchiere ich selbst bei bestimmten Themen nach und komme zu völlig anderen Ergebnissen. Wer sich z.B. über die Kernenergie und Fukushima informieren will, sollte dies bloß nicht in unseren Medien tun. Da kann man nämlich schon froh sein, wenn nicht wieder die Maßeinheiten verwechselt wurden. D.h., hier schreiben regelmäßig faktenfremde Journalisten über Themen, die sie zwar nicht verstehen, wo sie dem Leser aber ihre einseitige Meinung aufs Auge drücken. Und in der Regel ist es so, dass Politiker die mediale Mehrheitsmeinung 1 zu 1 übernehmen, um ja ihre Ruhe zu haben. Und genau das nehmen die Bürger Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen mittlerweile so übel. Früher gab es mal Politiker wie Strauß, der konnte verbal noch kontern. Gerade in den letzten Jahren lassen sich Politiker der CDU von Politikern wie J. Fischer, J. Trittin, C. Roth, S. Gabriel u.a., bei fast allen Themen an die Wand nageln. Und deshalb sprechen die Wähler auch von der Einheitspartei aus CduCsuSpdGrüne. Alles ein Brei. Und aus diesem Grund lese ich regelmäßig hier, um nicht den Einheitsbrei zu lesen, den Sie so gerne hätten.
"Der Kern der PEDIGA-Demonstrationen richtet sich übrigens nach meiner Ferndiagnose vor allem gegen die Medien." Diese Demonstrationen sind nur ein Ventil, ein emotionaler Stauabbau, mehr nicht. Für alles, was in den letzten 15 Jahren durch neoliberale Poltik falsch gemacht wurde, HartzIV, Rentenkürzungen, globaler Sozialabbau, Beschneidung von Arbeitnehmerrechten, Finanzkrise, Umweltzerstörung, die Liste lässt sich beliebig fortführen. Kein Poltiker hat mehr den Mut unbequeme Fragen halbwegs realistisch und wahrheitsfindend zu beantworten. Der vorbildliche Sozialstaat BRD wurde durch die neoliberale Poltik unter Schröder, später unter Merkel, in ein ein potentielles Armenhaus reformiert. Und deswegen gehen Bürger auf die Straße und brüllen ihren Frust heraus, einfach um etwas aus ihren Inneren loszuwerden. Ich sehe darin auch keinen produktiven Sinn, aber ich kann den Frust gut nachvollziehen. Der Mensch braucht zum Leben eine Perspektive, einen Sinn, eine Hoffnung. Sich um die großen Probleme in der Welt zu drehen, ist eine schöne Sache, aber das eigene Volk mit den Sorgen und Nöten nicht mehr wahrnehmen zu wollen, das ist eine Negation der Realität. So etwas habe ich vor 26 Jahren schon einmal kennenlernen dürfen.
Wenn Sie schreiben: "Der Kern Ihrer politischen Anwürfe ist schlicht substanzlos" kann ich das nicht nachvollziehen. Die aus meiner (Leser-)Sicht entscheidende Aussage war: "Doch eine Neujahrsansprache, in der es die Regierungschefin aller Deutschen darauf anlegt, das Volk zu spalten, indem sie die Bürger warnt, von ihrem grundgesetzlich verbrieften Demonstrationsrecht Gebrauch zu machen, das gab es noch nicht, nicht in der Bundesrepublik Deutschland." Der Rest des Beitrages war sicher vorsichtig formuliert überflüssig. Aber auch er zeigt eines deutlich: Hier ist eine Spaltung des Landes im Gange. Eine Spaltung die sich daran zeigt, dass das nahezu gesamte linke Lager (und viele lt. Parteibuch konservative Politiker) schon seit Wochen zu sachlicher Diskussion nicht mehr in der Lage ist, sondern sich in Schimpfworten und Beleidigungen ergeht. Eine Spaltung, die sich daran zeigt, dass auch die besonnensten Vertreter anderer Auffassungen kaum noch sachliche Argumentationen hinbekommen. (Sie kritisieren zu Recht die Instrumentalisierung der Vergangenheit von Frau Merkel. Wo aber ist Ihre Kritik der Instrumentalisierung der Vergangenheit von Herrn Bachmann?) Eine Spaltung, die sich daran zeigt, dass die Debatte von radikalen Kräften beider Seiten erfolgreich auf ein "Ausländer rein" versus "Ausländer raus" reduziert wird und beispielsweise eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Pegida-Programm nicht erfolgt. Hier wäre es die natürliche Aufgabe der Bundeskanzlerin (und erst Recht des Bundespräsidenten) zu EINEN und den Weg zu einer sachlichen Auseinandersetzung zu weisen.
Es ist zweifellos Ihr gutes Recht, Herr Lengsfeld, Thomas Rietzschel für dessen pointierte Ausführungen zu kritisieren, keine Frage. Ich hätte diesbezüglich nur gerne gewusst, ob Sie in den letzten Wochen und Monaten auch entsprechende Kommentare in Richtung Ihrer Politikerkollegen verfasst haben, wegen all jener Unverfrorenheiten, Beleidigungen und Schmähungen gegenüber der PEGIDA-Bewegung, die ich hier nicht wiederholen möchte. Sollten Sie dies getan haben, wäre dies zumindest ein Beitrag zur Ausgewogenheit. Was die PEGIDA-Bewegung anlangt, so habe ich mich anfangs nicht sonderlich damit beschäftigt. Als allerdings die Schmierereien und Schmähungen von Teilen der Medien und der Politik ihren Anfang nahmen (von der von Ihnen zu Recht angemahnten sachlichen Kritik konnte keine Rede sein) kam in mir ein Gefühl hoch, das meine Großmutter wohl mit dem Satz "Das macht man nicht!" umschrieben hätte. Mittlerweile drücke ich PEGIDA ganz fest die Daumen und denke über meine eigene Teilnahme an den montäglichen Spaziergängen nach. Zum Ende hin noch etwas zum eigentlichen Thema: Das lesenswerte Buch des Verhaltensforschers Irenäus Eibl-Eibesfeldt mit dem Titel "In der Falle des Kurzzeitdenkens" enthält ein sehr interessantes Streitgespräch zwischen ihm, Eibl-Eibesfeldt, und Daniel Cohn-Bendit, das beide im Stern (Ausgabe 52/1992 S. 32-42) geführt haben. In diesem Gespräch werden all jene Themen behandelt, die unter anderem in Dresden die Leute an Montagen auf die Straße treiben; und die unsere Kanzlerin mit "Hass"-Hinweisen und ähnlichem Unsinn mehr zu unterbinden trachtet. Als ehemaliger Hauptschüler erwarte ich von einer Kanzlerin mehr intellektuelles Niveau, nämlich sich der dahinterstehenden komplexen Thematik das Thema Migration und Zuwanderung betreffend zu stellen. Wenn die Kanzlerin nicht Willens oder auch in der Lage dazu ist, dann gehört sie dort nicht hin. PS: Schmunzeln musste ich bei Ihrer "Ferndiagnose" PEGIDA und die Medien betreffend. Entgegen Ihrer Diagnose steht bei PEGIDA ganz klar die Politik im Focus der Demonstranten. Wäre dem nicht so, dann würden sich die Leute wohl eher beispielsweise in Berlin vor dem Axel-Springer-Hochhaus treffen; tun sie aber nicht. PPS: Faktentreue und Ausgewogenheit ist in meinen Augen ein Markenzeichen der "Achse des Guten". Deshalb lese ich hier bzw. bin entsprechend Pate.
Wider die Wutpolitiker. Rietzschel ist nicht wütend, sonder zornig und sein Zorn ist berechtigt. Zorn über Politiker die über Bürger herfallen die nichts anderes tun, als ihr verfassungsmäßig garantiertes Grundrecht wahrzunehmen sich zu versammeln und zu demonstrieren und deren Forderungen von immerhin 30% der Bevölkerung geteilt werden. Ich kann mich selbst nicht an eine Diktatur erinnern, die jemals über das eigene Volk derartige Kübel von Unrat ausgegossen hätte: Hetzer, Ratte, Rassist, Schande, Islamhasser, Fremdenfeind, Mishpoke, Rechtspopulist, Nazi, Hass im Herzen tragender, usw. ohne Ende. Liebe Politiker, erinnert Euch dass Ihr Volksvertreter und nicht Volkserzieher seit! Schämt Euch Wutpolitiker!
Werter Herr Lengsfeld! Sie unterschätzen das Zusammenspiel zwischen den Eliten in Politik und Medien! Der Vertrauensverlust „draußen im Land“ reicht tiefer, als Ihnen das in Berlin bewusst ist. Als Konservativer habe ich in der CDU schon lange keine Heimat mehr. Frau Merkel ist zwar derzeit alternativlos, das heißt aber nicht, dass sie eine besondere Qualität aufweist, das Land in die Zukunft zu führen, die offenbar überall brüchiger wird, nicht nur bezüglich einer schon seit Kohls Zeiten ungeregelten Zuwanderung. Vernünftige Forderungen an und Lösungen für Migranten unter Einbezug einer offenen Debatte haben die Eliten in Politik und Medien immer nur als Populismus abgetan. Kritiker wurden persönlich angegangen, die stärksten Argumente waren und sind Beschimpfungen und üble, ehrabschneidende Unterstellungen. Das Wort vom Rassisten, Fremdenfeind, Nazi geht den Eliten heute leicht über die Lippen. Vermutlich beschleicht unsere Eliten schon eine Ahnung, dass auch diese Entwicklung einmal für Deutschland böse enden könnte.