Europa, demnächst: Staatsbedienstete schlurfen in durchlöcherten Schuhen durch Straßen voller hungernder Kinder. Ihr Ziel: unbeheizte Büros, in denen der Putz von den Wänden fällt. Kein Wunder, denn alles Geld wird in die Entwicklung von Raketen und Raketenabwehrsystemen gesteckt - beides angeblich das selbe, so wie Feuerlöscher und Brennspiritus. Fragen Sie Kurt Beck oder Guido Westerwelle oder den russischen Außenminister Schröder oder den Mann, der in der Bahn gerade neben Ihnen steht: “Wettrüsten” ist die neueste Horrorvision aufgeklärter Zeitgenossen.
Zehn Abwehr-Raketchen in Polen, ein Satellitenabschuss in China, Modernisierung von Atomwaffen in Indien und Großbritannien - unter jedem Phänomen lugt der alte Begriff “Wettrüsten” hervor, verbunden mit neuen Warnungen vor seinem Inhalt.
“Wettrüsten” ist schlimmer als Klimawandel. Es bedroht den ewigen Frieden, in dem sich die Welt derzeit befindet. Es hat Europa schon im Kalten Krieg bekanntermaßen in eine unsichere Armutszone verwandelt. Doch statt endlich abzurüsten, rüsten alle um die Wette: Dopingfahnder gegen Sportler, Polizei gegen Kriminelle, Mediziner gegen Viren - über unsere Köpfe hinweg und auf unserem Rücken. Sobald die Iraner mitkriegen, dass die USA einen Raketenschirm bauen, werden auch sie wettrüsten und ihre teuren vertrauensbildenden Maßnahmen einstellen, die heute so viel Optimismus in der Welt auslösen.
Um davor rechtzeitig zu warnen, befinden sich deutsche Politiker im Wettrüsten um den besten verbalen Gefechtskopf. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass dieses ganz spezielle Wettrüsten besonders bedrohlich ist.
“Kulturschock der Woche” im Kölner Stadt-Anzeiger, 25.03.07