Gunnar Heinsohn / 03.09.2012 / 21:38 / 0 / Seite ausdrucken

Weshalb Beschneidung?

Monotheisten unterscheiden sich von ihren altisrealitischen Vorfahren durch das Bluttabu. Aus ihm erwächst die Heiligkeit des Lebens als „goldene Regel“ für sämtliche Richtungen des Judentums jenseits aller sonstigen Kontroversen: “Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute. / Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben er¬wählst” (5. Mose 30: 15/19).
Im Altertum staunt man über diesen Rigorismus.  Heka¬teios von Abdera (um 300 v.u.Z) stellt das jüdische Kindestötungsverbot mit Bewunderung gegen das griechische Recht auf Aussetzung (Stern 1976, 29). Tacitus (58-120 u.Z.) – kein Freund der Juden –  stellt diese exotisch anmutende Praxis seinen Landsleuten als Vorbild gegen Entvölkerung hin: Es ist bei den Juden „eine tödliche Sünde, ein ungewolltes Kind zu töten” (Stern 1980, 26).  Gleichwohl wird die Macht über Tod und Leben seiner Familie (patria potestas vitae necisque) noch Jahrhunderte lang als Grundrecht des freien Römers erbittert verteidigt.  Als Christen das jüdische Verbot annehmen und es zum Gesetz des Imperiums machen, muss man das Fortführen des Infantizids durch eine entehrende Todesstrafe in Schach gehalten. Der Vater wird nicht ritterlich enthauptet, sondern zusammen mit Schlangen und Ungeziefer in einem Sack erbärmlich ersäuft.
Als dann nach vielen Jahrhunderten im Deutschland Hitlers Kindestötungen gegen innere Schwächungen durch Behinderte und Genozide zur Ausschaltung äußerer Gegner wieder zu Grundrechten werden, bringt man auch christlichen Widerstand gegen die „Euthanasie“ schnell zum Schweigen: “Das 5. Gebot ‚ Du sollst nicht töten‘  ist gar kein Gebot Gottes, sondern eine jüdische Erfindung” (Schmuhl 1992, 321).

Wohl wahr! Und es ist dieser Gott der Lebensheiligkeit, mit dem Juden durch Beschneidung (mila) einen Bund (berit) des Gehorsams eingehen, damit sie nie wieder auf die alte Blutpraxis zurückfallen.

Doch wie hält man damals die noch altisraelitisch erzogenen Eltern in Schach, wenn ringsumher fortgesetzt wird, was für das nun entstehende Judentum verboten ist? Die Kindesopfer Kanaans (der Phönizier/Punier) gehen – gut belegt für Karthago – mindestens bis 146 v.u.Z. weiter. Nachbarn der Juden leben also immer noch wie Altisraeliten nach Gesetzen „durch die sie kein Leben haben konnten, / weil sie unrein wurden durch ihre Opfer, als sie alle Erstgeburt durchs Feuer ge¬hen ließen“ (Hesekiel 20: 25f.).  Damals war noch nicht die Zeit eines namenlosen Allherrschers, vor dem Himmelskörper zu Nichtsen werden, sondern von „Jahwe und seiner Aschera“ – kosmische Verstörer à la Baal und Astarte oder Merkur und Venus, vor denen die Altisraeliten nicht weniger Furcht hegen als die übrigen Völker. Doch nun gibt es „himmlischen Frieden“, wie die Chinesen sagen. Vorbei ist das „Zeitalter des Opfers“ der altindischen Texte oder – modern gesprochen – der Bronzezeit mit ihren grundstürzenden Katastrophen, auf die zuerst der Elsässer Claude Schaeffer (1948) aufmerksam macht. 

Die Blutopfer-Medizin für die erschütterten Menschen wird überflüssig, verliert deshalb aber noch lange nicht ihren Zauber. Ohne Verhandlungen kommen die Pioniere der Opferüberwindung nicht voran. Der achte Lebenstag für das Opfer Erstgeborener lebt fort in der Beschneidung, aber eben nicht mehr Tötung der Söhne. Auch im letzten verbliebenen Tem¬pel zu Jerusalem, müssen die Lämmer und Zicklein sieben Tage unter der Mutter bleiben, bevor sie geopfert werden dürfen (2. Mose 22: 28f.).

Der Schritt zum absoluten Lebensschutz ist also nur um den Kompromiss der Beschneidung zu haben. Aber die wird flankiert von einer seitdem nie mehr übertroffenen Überwachung der Eltern. Selbst wenn sie Bauern sind und von eigenen Tieren leben, dürfen nicht sie diese schlachten. Die Aufgabe fällt Spezialisten zu, die so streng unter Aufsicht stehen, dass sie das Schächten nicht zu einem Opferakt verfälschen können. Zugleich wird der überkommene Opfertag so strikt mit Verboten umstellt, dass er zum nahezu bewegungslosen Sabbat wird. Niemand darf mehr hinauf auf die Höhen (Tophet), wo Brandaltäre errichtet und Opfertiere geschlachtet wurden. Deshalb wird selbst das Entzünden eines Feuers und das Halten eines Messers verboten. „Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer“ (Hosea 6:6), wird das neue Credo und das Recht auf Leben als erstem der Menschenrechte zur ethischen Tiefenstruktur des Abendlandes. Selbst das noch bis zur Tempelzerstörung im Jahre 70 u.Z. fortgesetzte Tieropfer kann dieser Richtung abschwächen. Davon hat sich selbst ein Eduard Meyer(1923, 26 f.), der auch für sehr ungerechte Ur¬teile über das Judentum zu Buche steht, mitreißen lassen: “Was den Ungläubigen vom Judentum geboten wurde, war in der Tat etwas ganz Eigenartiges. Diejenigen Elemente der Religion und des Kultus, die sonst überall im Mittel¬punkt standen, waren hier völlig weggefallen: es kannte weder Tem¬pel, noch Götterbil¬der, noch Opfer / mit Ausnahme / von Jerusalem. / Tatsächlich wurde [ der Opferdienst] dadurch für den weitaus größten Teil des Judentums aufgehoben. Darauf be¬ruht es, dass der Tempel mit allen Einzelheiten des Opferdienstes den Juden, wenn sie nach Jerusalem kamen, einen so gewaltigen Ein¬druck gemacht hat. / Einen Kultus ohne Götterbild und Tempel gab es sonst nirgendwo in der Kulturwelt“. Doch auch die zum Tempel noch Stehenden – was Max Weber (1963, 375) verblüfft – stehen damals schon einsam unter den Blutritualen der Völker: “Dem täglichen Opferdienst in Jerusalem stand gegen¬über: dass der Einzelne nunmehr überhaupt aufhörte zu opfern” (Weber 1963, 375).

Das strenge jüdische Kindestötungsverbot unterbindet auch das Opfer unter dem Deckmantel der Geburtenkontrolle durch Infantizid, den die Heiden exekutieren. Doch nicht einmal diese Aufsicht über die Eltern wird als ausreichend empfunden. Selbst das Züchtigen der Kinder wird ihnen jetzt entzogen. Es erfordert einen regelrechten Prozess, der meist zum Freispruch der Kleinen führt.

Natürlich steht auch die Beschneidung nicht in der väterlichen Macht, sondern obliegt öffentlich überwachbaren Spezialisten, damit Rückfälle aufs Opfer unterbleiben. Es ist gerade die berit mila, die den Nachwuchs unberührbar machen soll – zu Kindern Gottes eben. Seitdem und wohl bis heute gehören jüdische Kinder zu den bestgebildeten überhaupt.  Selbst in der Not fürs eigene Leben wird jede von den Häschern gewahrte Atempause für das Errichten von Schulen verwendet.

Aber kann das Voranweisende des antioperflichen Kinderschutzes nicht rückständig werden? Wenn einmal alle Kinder den Schutz ihrer jüdischen Altersgenossen genießen und alle Juden den der übrigen Menschen, wird auch innerhalb des Judentum über weitere Schritte diskutiert. Mehrfach schon kam es zu solchen Debatten. Immer jedoch setzte irgendwo eine neue Verfolgung ein, in der die Aufgabe des Bundeszeichens als Verrat am Höchsten des Lebensschutzes empfunden wurde. Deshalb stand man zusammen und wird das angesichts von Antibeschneidungskampagnen nicht-jüdischer Scharfmacher erst recht tun.

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- Meyer, E. (1923) Ursprung und Anfänge des Christentums. Erster Band. Teil II: Die Entwicklung des Judentums und Jesus von Nazaret], Güters¬loh Reprint
- Schaeffer, C. F. (1948), Stratigraphie comparée et chronologie de l’Asie Occi¬dentale (IIIe et IIe millé¬naires), London: Oxford University Press
- Schmuhl, H.-W. (1992), Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Eu¬thanasie. Von der Ver¬hütung zur Vernichtung “lebensunwerten Le¬bens”, 1890-1945 (1987), Göttingen: Vanden¬hoeck und Ruprecht
- Stern, M. (1976), Greek and Latin Authors on Jews and Judaism. Volume One. From He¬rodotus to Plutarch, Jerusalem: The Israel Aca¬demy of Sciences and Huma¬nities
- Stern, M. (1980), Greek and Latin Authors on Jews and Judaism. Volume Two. Fram Tacitus to Simplicius, Jerusalem: The Israel Aca¬demy of Sciences and Humanities
- Weber, M. (1963), “Die Entstehung des jüdischen Pariavolkes” (1920), in: Idem: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie III: Das antike Judentum, Tübingen: J.C.B. Mohr

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