Herauszuheben ist vor allem Schödlbauers opus magnum Die versiegelte Welt und sein bedeutendes lyrisches Werk rund um Ionas. Als Schriftsteller war Schödlbauer in formaler Hinsicht ein durch und durch der Moderne und ihren Stilmitteln verpflichteter Autor, der sich in der Tradition Prousts, Joyces und Musils bewegte. Inhaltlich ging er Themen an, die dem kulturellen Bewusstsein unserer Zeit entnommen waren, indem er sie literarisch meisterhaft darstellte und kommentierte. Anders als die meisten zeitgenössischen Autoren schrieb er keine Gefälligkeitsliteratur, sondern große und anspruchsvolle Romane, deren Lektüre herausfordernd und schmerzhaft ist, aber auch höchste ästhetische Genüsse ermöglicht. Die versiegelte Welt behandelt das akademische Milieu, in dem sich Schödlbauer sein Leben lang bewegte, stellt literarische, autobiographisch inspirierte Prototypen dieser Welt vor und zeigt, wie sie denken, fühlen und beruflich wie privat handeln und interagieren. Das Werk wurde nur in Teilen gedruckt und ist in seiner heutigen Form auch nur mit Anstrengung druckbar, da es als Internetroman konzipiert wurde, in dem die Navigation und graphische Stilmittel eine große Rolle spielen. Viele der Zeichnungen hat Schödlbauer selbst angefertigt, andere hat sein Freund, der gegenständlich arbeitende Künstler Paul Mersmann d.J. geschaffen. Schaut man genauer in die Bestandteile der Versiegelten Welt, wie etwa in Das Bersten, erblickt man die Handschrift eines wirklich bedeutenden Autors, der zu unrecht so wenig Nachhall in Deutschland fand. Warum ist das so? Um dies zu verstehen, müssen wir die Biographie Schödlbauers betrachten.
Sein Leben und Schaffen
Schödlbauer wurde in Bockum-Hövel/Westfalen 1951 geboren, wuchs aber in Bayern in einem kleinbürgerlichen Elternhaus auf. Seine Mutter starb früh, sein Vater hatte wenig Verständnis für die Interessen seines höchstbegabten Sohns, der als Jahrgangsbester an einem bayerischen Elitegymnasium die Reifeprüfung erhielt und dann mit einem Stipendium des Staates Bayern Germanistik und Philosophie studierte. Schödlbauer wurde mit einer Arbeit über Goethes Wilhelm Meister promoviert und habilitierte sich 1991 mit der Monographie Entwurf der Lyrik über Poetik bei Celtis, Shaftesbury und Klopstock. Noch vor der Habilitation entdeckte er als junger Literaturwissenschaftler unveröffentlichte Werke des bedeutenden englischen Philosophen Shaftesbury, warb zu ihrer Bearbeitung DFG Förderung ein und gab sie mit Kollegen heraus.
Er erhielt 1996 eine APL Professur für Literaturwissenschaften als akademischer Rat an der Fernuni Hagen, wo er bis zu seiner Pensionierung lehrte. Nebenbei gründete er 2002 die Zeitschrift Iablis - Jahrbuch für europäische Prozesse, die er zwanzig Jahre lang mit seiner Frau Renate Solbach, die nur wenige Wochen vor ihm gestorben ist, herausgab. Außerdem gründete er mit sozialdemokratischen Freunden die politisch-kulturelle Zeitschrift Globkult, die unter anderem Peter Brand und Gunter Weißgerber herausgaben. Sie wird auch nach seinem Tod weitergeführt. Außerdem gründete er mit Freunden das Kondylis-Institut für Kulturanalyse und Alterationsforschung und betrieb auf seiner Webseite eine literarische Publikationsplattform für Werke zeitgenössischer Schriftsteller, wo er beispielweise das hochinteressante Land aller Übel des DDR-Schriftstellers Thomas Körner veröffentlichte, den er entdeckte und durch literaturwissenschaftliche Publikationen förderte. Des Weiteren arbeitete er mit seiner Frau Renate Solbach über das Werk Paul Meersmann d.J. Dies sind nur seine wichtigsten Arbeiten. Er schrieb zahlreiche weitere Gedichte, Erzählungen, Romane, philosophische Aufsätze, Rezensionen und Glossen zum Zeitgeschehen, hatte eine ungeheuer hohe Produktivität.
Dabei war er, anders als die meisten Schriftsteller und Poeten, in der Lage, nicht nur literarisch, sondern auch analytisch, literaturwissenschaftlich und philosophisch sehr tiefsinnig und klar zu denken, er verband also in seinem Geiste, und das ist etwas ganz Seltenes, das dionysische und das apollinische Prinzip, wie Nietzsche es nannte. Sieht man genau hin, hatte sein geisteswissenschaftlicher Stil aber einen Hauch von literarischem Gehalt, da es bei ihm – wie bei Hegel, der sein Lieblingsphilosoph war – quasi-literarische Leerstellen und bewusste Auslassungen auch in wissenschaftlichen Texten gibt. Umgekehrt haben seine literarischen Werke auch zahlreiche philosophische Reflexionseinschübe. Diese Eigenart macht die Lektüre seiner Werke sehr anspruchsvoll.
Seine Stellung in der Kulturlandschaft
Ulrich Schödlbauer war ein Mann, für die Allgemeinheit gemacht. Er war ein Citoyen im Sinne Rousseaus, ein Mann, der sich für die res publica und das Gemeinwohl in kultureller und intellektueller Hinsicht einsetzte. Aber diese Allgemeinheit wollte ihn nicht so recht. Warum? Warum war ihm bei all seinen künstlerischen und literarischen Leistungen nicht der Ruhm in der Kulturszene sicher, warum ist Schödlbauer relativ unbekannt, warum erschien sein Werk nicht in einem der großen deutschsprachigen Literaturverlage?
Als Citoyen (ein Bourgeois war er nicht) der alten Bundesrepublik war Schödlbauer ein klassischer Sozialdemokrat, der sich sein Leben lang die Partizipation aller Bürger an der politischen Willensbildung, aber auch am Wirtschaftswachstum und der Kultur wünschte und sich dafür einsetzte. Daher waren auch so viele seiner Freunde, mit denen er das Kondylis-Institut gründete, und auch die Autoren, die in Iablis oder Globkult publizierten, klassische Sozialdemokraten wie Günter Grass, Heinz Theisen, Wolfgang Thierse, Klaus Wowereit oder gar Grüne wie Antje Vollmer, aber auch echte Konservative wie Helmut Roewer. Iablis und Globkult betrieben einen Pluralismus alter Schule, der im heutigen kulturellen Klima nicht mehr denkbar ist. Menschen ganz unterschiedlicher Blickwinkel sollten (und sollen noch immer bei Globkult) zu Wort kommen, ohne Tabus, ohne Kontaktschuld, ohne Vorbehalte, ohne versteckte politische Agenda. Dabei blieb Schödlbauer als Herausgeber, als Autor und als Literat seinen Vorstellungen und Werten immer treu, während sich im Laufe seines Lebens ein Werteverfall vollzog, der in dieser Geschwindigkeit historisch wohl selten so vorgekommen ist. Das schuf einen Graben zu den Zeitgenossen und führte auch zur Entfremdung von einigen seiner langjährigen Lebenswegbegleiter, die sich dem Zeitgeist anpassten.
War er also ein Konservativer? Nur in dem Sinne, dass er seine Ansprüche an kulturelle Ausdifferenzierung nicht senken wollte und gleichzeitig die große Transformation der Sozialdemokratie von einer an realer und materieller Partizipation orientierten politischen Bewegung zu einer Partei der Ideologie einer entmaterialiserten Pseudopartizipation, wie wir sie bei Habermas mit dem „herrschaftsfreien Diskurs” oder in der US-Diversity-Equity-Inclusion Bewegung vorfinden, nicht mitmachte. Mit anderen Worten, der Ausgleich für die sozial Schwachen und Benachteiligten waren ihm echte Anliegen und nicht eine Ideologie, die wie die heutige SPD-Doktrin vorgibt, sich den Schwachen zu widmen, während man in Wirklichkeit den Wirtschafts- und Machtinteressen von Eliten dient, so dass die Lebensbedingungen der Massen durch politisches Handeln immer schlechter werden.
Nun beginnen wir zu begreifen, was Schödlbauers Problem mit dem Uni- und Kulturbetrieb war. Aus Sicht der rein wissenschaftlich arbeitenden Germanisten war er als auch und im Herzen primär literarisch schreibender Germanist eine Art Außenseiter. Auch seine wissenschaftliche Themenwahl mag so manchem seltsam erschienen sein, obwohl er ja mit einer Promotion über Goethe ganz klassisch begonnen hatte. Doch warum dann in aller Welt als Germanist Shaftesburyforschung betreiben? Ist das nicht die Aufgabe von Anglisten? Warum Interpretation eines zeitgenössischen bildenden Künstlers liefern und sein Werk katalogisieren? Sollten das nicht Kunsthistoriker machen? So mag mancher gedacht haben. Doch Schödlbauer fasste alles an, was ihn interessierte, und das umfasste unsere gesamte Kultur – bis auf die Naturwissenschaften, mit denen er sich nach der Schulzeit nie mehr ernsthaft beschäftigte. Seine Texte dazu sind alle tiefsinnig und äußerst lesenswert.
Und sein literarisches Werk? Aus Sicht der großen Publikumsverlage waren seine Romane und Erzählungen wohl zu subtil, kompliziert, anspielungsreich, ironisch, stilistisch radikal modern und daher zu schwer konsumierbar. In einem Klima, in dem nur noch wenige neue Romane verlegt werden, die dem Leser eine maximale rezeptionsästhetische und geistige Leistung abverlangen, hatte Schödlbauer mit seiner Art zu schreiben keine gute Ausgangsposition. Und in der Tat haben wir in Deutschland schon lange keine literarische Kultur mehr, die diesen Namen verdient. Dies hat viele hochkomplexe Gründe, aber im Kern ist es eine Entwicklung der kulturellen Entdifferenzierung hin zu einer westlichen Einheitskultur, die konsumorientiert ist und für die die mühsame Lektüre der Klassiker und die Kenntnis der Geistesgeschichte in sozialer Hinsicht weitgehend irrelevant geworden ist. Doch setzt ein Autor wie Schödlbauer einen hochgebildeten und sensiblen Leser voraus, um sein Werk zu kontextualisieren und zu begreifen.
In einer Landschaft der kulturellen Entdifferenzierung konnte einer wie Schödlbauer daher nicht den großen Erfolg genießen. Er gehörte überhaupt zu der eher seltenen Art Mensch, die in keine Vereinigung hineinpassen – wie Groucho Marx einst sagte „In einem Club, der mich aufnehmen würde, möchte ich kein Mitglied sein.” Ulrich Schödlbauer war ein äußerst liebenswerter und großherziger Mensch, ein Philanthrop, dem das Leben in mancher Hinsicht härter zugesetzt hat als vielen andern, die weniger klug, urteilsstark, sensibel und gewissenhaft sind. Er war ein Original und ein wirklich großartiger Denker, Literat und einer der besten Gesprächspartner, die ich je hatte. Wir, seine Freunde, vermissen ihn auf’s äußerste. Möge er in Zukunft viele Leser finden.
@Redaktion – Ulrich Schödlbauer: #Macht ohne Souverän – Die Demontage des Bürgers im Gesinnungsstaat# erschienen 2019 ist vergriffen. Wäre es möglich, diesen Titel in der Achgut-Edition neu zu verlegen?
Mir wird der scharfsinnige, nachdenkliche und anspruchsvolle Aphoristiker Schödlbauer fehlen. Danke für diesen Nachruf.
„(…) , erblickt man die Handschrift eines wirklich bedeutenden Autors, der zu unrecht so wenig Nachhall in Deutschland fand. Warum ist das so?“
Wahrscheinlich eben deshalb: „Anders als die meisten zeitgenössischen Autoren schrieb er keine Gefälligkeitsliteratur, (…).“ Jemand, der sich wirklich treu bleibt, hat es zu Lebzeiten besonders schwer. Das sind aber die interessantesten, die authentischsten Menschen. Das Bild von Herrn Schödlbauer oben zeigt ihn erhobenen Hauptes. Das kann er sich als Autor leisten.
Wieder einer, das ist ein schwerer Schlag. Unser Anfang war schwierig: Er war mir zu philosophisch, ich ihm zu nüchtern. Vielleicht war es das, was uns eng verband – schließlich. Zuletzt schrieb er mir zwei Zeilen in der Nacht, als seine Frau starb. Es war wohl ein Hilferuf. Wir telefonierten sodann ganz gegen jede Gepflogenheit eine Nacht lang miteinander. Ich ahnte nicht, dass dies die letzte Wortmeldung des Freundes war. Ruhe in Frieden, du wirst mir fehlen.
HR
Man sollte eigentlich trauern wie die Piloten in einem Klassiker von Howard Hawks aus dem Jahr 1939 : „ Only angels have wings “.
Große Literaten schreiben so, daß auch Normalsterbliche verstehen. Ohne Professur hätte Schödlbauer wohl zum Amt gehen müssen.
Die Wandlung der Sozialdemokratie von einer an wirklicher und materieller Teilhabe orientierten politischen Bewegung zu einer hypermoralisch-kleinbürgerlichen Partei setzte mit dem Godesberger Programm von 1959 ein. Die Lassalleaner hatten sich nach Jahrzehnten gegen Marxisten, Sozialisten und Sozialdemokraten durchgesetzt. Man schloss einfach Marxisten aus der Partei aus, bedrohte dann Sozialisten mit dem Radikalenerlass und verjagte mit der Agenda 2010 schliesslich noch verbliebene Sozialdemokraten aus der Partei. Deutlich wurde diese Wandlung bspw. durch Aussagen G. Schröders 2005 in Davos wie dieser hier: „Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“ Mit diesen Wandlungen setzte auch die kindische Weigerung ein, sich mit anderen auseinandersetzen. Mittlerweile ist man bei der SPD gar nicht mehr in der Lage zu solchen Auseinandersetzungen.