Dushan Wegner, Gastautor / 28.09.2015 / 14:15 / 0 / Seite ausdrucken

Wer sind wir, und wenn ja, dürfen wir das?

Von Dushan Wegner

We, the people! Wir sind das Volk! Yes, we can! Das Wir entscheidet! Wir helfen! Wir schaffen das!

Es ist eine charmante Eigenheit neuzeitlicher Politik, dass Herrscher nicht mehr Befehle ans Volk richten, sondern rhetorisch sich selbst mit einbeziehen. Einst stand „Wir“ für den König, heute steht „Wir“ für die Untertanen.

Es sei geschenkt, dass diese Wir-Aussagen allzu oft in der Sache falsch sind, indem sie eben nicht den Politiker faktisch einschließen. Wenn Merkel „wir schaffen das“ ruft und die Aufnahme der Flüchtlinge weltweit zu meinen scheint, richtet sie vielleicht gedanklich bereits ihr Büro bei den Vereinten Nationen ein, während in Deutschland die ersten Bürger aus ihrer Wohnung gekündigt werden, um für Flüchtlinge Platz zu machen .

Es ist nun mal Usus, dass die Entscheidungen der Mächtigen nur die Untergebenen betreffen. Ich verbiete meinen Kindern ja auch den Kaffee, gönne ihn mir aber selbst. Spannender als die Frage nach sachlicher Plausibilität ist die nach der rhetorischen Absicht.

Ein „Wir“ erzwingt zunächst die Positionierung des Angesprochenen. Manchmal kann er sich selbst positionieren, manchmal macht das der Sprecher für ihn. Wie Jesus und George W. Bush sagten: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. „We, the people“ – bist du ein Teil der „people“, willst du es sein? „Wir sind das Volk“ – lass uns mal drüber reden, wer Volk ist und wer du bist! „Wir schaffen das“ – oder willst du a) allein, und b) ein Versager sein? Wie kompromisslos ausgrenzend das „moralische Wir“ gemeint sein kann, sah man im Rahmen von Kai Diekmanns „Wir helfen“-Kampagne. Als der FC St. Pauli sich weigerte, Werbung zu tragen für diese Spendensammlung der BILD-Zeitung, meldete Diekmann via Twitter: „Kein Herz für Flüchtlinge: Schade eigentlich, @fcstpauli!”

Doch Diekmann hat nur ehrlich ausgesprochen, was jedes „moralische Wir“ sowieso enthält. Merkels und Diekmanns „Wir“ sind dasselbe vereinnahmende moralische Wir, Diekmann ging nur offener damit um.

Manchmal ist das „Wir“ als politische Machteinheit gemeint, und in diesen Fällen wird es schnell zum Drohszenario. So etwa das „Wir“ in „Wir sind das Volk“, sowohl in der Verwendung von 1989 als auch der von 2015. Das „Wir“ in „Das Wir entscheidet“ aus dem missglückten SPD-Wahlkampf 2013 wurde ebenfalls als Drohung verstanden. Dem Wähler war es gruselig, dass ein ominöses „Wir“ über ihn „entscheiden“ soll.

Doch ob aktivierend, drohend oder beschwichtigend, das „moralische Wir“ zieht eine Trennlinie. Der Preis, sich außerhalb des moralischen Kreises zu positionieren, muss dem Hörer so hoch erscheinen, dass er lieber die im Wir angebotene Position übernimmt.

In Deutschland haben sich in den vergangenen Jahrzehnten Regeln für den Gebrauch des „Wir“ gebildet, die weltweit ohne Beispiel sind. Ein öffentliches „Wir“ sollte praktisch nur in Verbindung mit einer Belastung verwendet werden, einem Schuldeingeständnis (aus dem eine Belastung folgt) – rein positiv aber nur unterhaltsam oder konsequenzlos.

Wir retten den Euro: Belastung. Wir retten Griechenland: Belastung. Wir tragen Verantwortung aus unserer Geschichte: Schuld und finanzielle Belastung. Die erlaubten Formen des positiven „Wir“ wie „Wir sind Weltmeister“ oder „Wir sind Papst“ sind meist spaßig und uneigentlich. Das positive, oder gar stolze „Wir“ scheint in Deutschland ins Unterhaltungsprogramm verbannt. Und wenn man es doch wagt, „wir“ zu sagen, wird es schnell furchtbar ungeschickt und ausschließend, wie „wir müssen mit den Muslimen reden, statt über sie“. Wir beherrschen das „Wir“ nicht mehr.

Mit ihrer Applauszeile „Wir schaffen das“ hat Merkel einen Satz mit mehr explosiven Leerstellen als Wörtern gebildet – das ist auch eine Leistung. „Schaffen“ impliziert, dass die Tätigkeit in absehbarer Zeit vollendet sein kann – eine Leerstelle. „Das“ impliziert Klarheit bezüglich der Ziele – eine Leerstelle. Was Leerstellen hat, kann frei interpretiert werden. Die Gesamtaussage selbst wird zur Leerstelle. International wird „Wir schaffen das“ dann als Einladung an die 60 Millionen Flüchtlinge weltweit interpretiert.

Zum „Wir“ aber fragt Alexander Marguier im Cicero:

„Wer ist „wir“? Die deutsche Gesellschaft ganz allgemein? Die Kommunen? Das Technische Hilfswerk? Die Politiker? Unsere Sozialsysteme?”

Auch das „Wir“ in „Wir schaffen das“ ist eine Leerstelle. In seiner Ungeschicktheit offenbart dieser Talkingpoint einen gewissen PR-Automatismus. Man befiehlt der Form nach nicht, man sagt aber dennoch, was „wir“ zu tun haben. Wer „wir tun jenes“ sagt, meint „du hast das zu tun, sonst wirst du moralisch geächtet“. Hier: Du hast das zu schaffen.

Das „Wir“ von Merkel, Diekmann & Co. ist keine Feststellung, nicht einmal ein Appell, es ist ein moralisch verbrämter Imperativ. Das Verlangte kann richtig oder falsch sein, allzu oft ist es arg ungenau. Moralische Mündigkeit bedeutet nun, selbst das edelste „moralische Wir“ zunächst zu überdenken. Will ich dem jeweiligen Imperativ folgen? Ergibt er überhaupt Sinn? Welche Absicht hat der Sprecher – und passt sie zur Forderung?
Wir sollten vorsichtig sein, wenn Appelle mit einem „Wir“ beginnen.

Dushan Wegner, geb. 1974 in Tschechien, ist Texter, Autor und Spezialist für politische Sprache. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Köln. Sein aktuelles Buch ist „Talking Points – Die Sprache der Macht“, erschienen im Westend-Verlag. Seine Website ist: http://dushanwegner.com ,auf Twitter ist er als @dushanwegner .

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