Cora Stephan / 11.03.2011 / 17:52 / 0 / Seite ausdrucken

Wer mir das Leben in diesem Land verleidet…

sind die Ewigbeleidigten, die hinter jedem, der nicht ihrer Meinung ist, den deutschen Barbaren entdecken, den ewigen Faschisten, den dumpfbackigen Stammtischbürger. Weshalb sie gerne mit Auswandern drohen, weil man ihnen das Leben in diesem Lande ja verleide - mit „Hetze“ und „Säbelrasseln“, mit „Ressentiment“ und „demagogischem Zirkus“.
Und wer ist es, der da „poltert“ und „hochgeht“ und „die Beleidigte spielt“ und lieben Menschen wie Ilja Trojanow das Leben hierzulande so schwer macht? Thilo Sarrazin, Henryk Broder und Necla Kelek. Das ist schon eine verdammt kritische Masse. Wutbürger, gefährlichster

Art! Was Trojanow ihnen vorwirft? Dass sie kein Geld für Migrantenkinder lockermachen wollen, damit die Deutsch lernen. Und, ja, vor allem: dass jemand wie Hirsi Ali „regelmäßig Beispiele verabsolutiere“.
Nun zielt aber niemand der Genannten mit ihrer Kritik am Islam auf „alle Muslime“, was übrigens fälschlich auch der angebliche Aufklärer Patrick Bahners behauptet. Wieso also fühlen sich auch bestens assimilierte Migranten von „markanten Sprüchen“ wie „Multikulti ist tot“ angegriffen, wie Trojanow behauptet? Dieser Satz richtet sich schließlich lediglich gegen das Eiapopeia der 70er Jahre von der konfliktlos funktionierenden „bunten Republik“. Integration gelingt selten konfliktlos, selbst die Integration der (deutschen!) Flüchtlinge und Vertriebenen nach 1945 im Westen Deutschlands verlief nicht ohne Reibung.
Wer also fühlt sich von was und wieso angegriffen? Dass eine Kritik am Islam gleich alle Muslime beleidige, unterstellt, alle Muslime müssten etwas gegen Islamkritik haben. Wieso? Es sind ja auch keineswegs alle Katholiken gegen Papstwitze und auch Protestanten sind nicht empfindlich, was Kritik an ihrer Kirche betrifft, ganz im Gegenteil.
Eine Erklärung findet man auch bei Trojanow vergebens. Immerhin bemüht er sich um Verständnis für die Menschen hierzulande: sie, sämtlich schlichten Gemüts, hätten wohl Angst vor dem „urbanen Kosmopolitismus“. Eine These, die zwar durch ihr ehrwürdiges Alter geadelt sein mag, aber nicht durch Evidenzen.
In Deutschland ist man „Fremde“ gewöhnt. Und mit der Vielzahl hier lebender Menschen aus anderen Kulturen gibt es keine nennenswwerten Konflikte, wie sattsam bekannt ist. Vielleicht liegt das daran, dass die meisten von ihnen keinen Wert darauf zu legen scheinen, dass ein Staatsoberhaupt aus ihren Herkunftsländern anreist, um sie von allzu heftiger Assimilation abzubringen?
Ach, Ilja Trojanow will ja auch gar nichts erklären. Er möchte gerne das tun, was „Hetzern“ eigen zu sein scheint, er will Einzelfälle verabsolutieren. Seine laufen sämtlich darauf hinaus, dass Deutschland mehrheitlich von Menschen bewohnt sei, die „hinter verschlossenen Türen und in vollen Bierzelten ihre Engstirnigkeit kultivieren“. Aber hallo! Da ist es ja wieder, das schöne alte Klischee von den stiernackigen Deutschen mit ihren Stammtischparolen, rassistische Dumpfbürger und Spießer allesamt, die auch einen hochgefeierten Schriftsteller wie Trojanow beleidigen, der (wie „jeder von uns“) schon mal mit „Plumpheiten“ wie „Wann kehren Sie wieder nach Hause zurück?“ behelligt worden ist.
Nun, ich finde dieses Beispiel von Plumpheit bedauerlich, gewiss - und wahrscheinlich bin ich zu empfindlich, wenn ich es weit schlimmer finde, als Deutsche von nicht ganz so assimilierten Migranten mit „Schlampe“ oder „Faschistin“ beschimpft zu werden. Aber die verallgemeinernden Invektiven, die Trojanow keineswegs nur den genannten „Islamkritikern“ zuteilwerden lässt, sondern vorsichtshalber gleich allen Deutschen; wenn man auf den Sack schlägt, trifft man ja irgendwie immer die Richtigen - das ist nun wirklich richtig plump.
Wo Sarrazin der „Hausautor des einstigen Bildungsbürgertums“ ist, erblickt Seher Trojanow am Horizont „ein engstirniges, provinzielles, kleingeistiges Deutschland“ und ruft „Wehret den Anfängen“.
Gut, dass es Feingeister gibt wie ihn. Die sich standhaft weigern, sich an ungebildete Dumpfdeutsche anzupassen. Verstehe ich. Wer will das schon? Ein Hoffnungsträger aber ist auch Trojanow nicht. Denn der Anwalt kultivierter Vielfalt argumentiert just so, wie er es seinen Gegnern unterstellt - wie ein demagogischer Panikmacher, der mir das Leben in diesem Lande verleiden will.
Dagegen habe ich was.
Siehe auch bLogisch.

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