Viele prominente Schauspieler des letzten Jahrhunderts sind mittlerweile verstorben – so auch Ruth Maria Kubitschek.
Helmut Dietl ist tot, Helmut Fischer und Dieter Hildebrandt ebenfalls, die exzentrische Christine Kaufmann, die kurz mal mit Tony Curtis verheiratet war, weilt auch schon länger nicht mehr unter uns, und Sibylle („Billy“) Zöckler, die mit der Figur der treuäugigen Edda die Assistentin von „Baby“ Schimmerlos spielte, beging 2019 Suizid. Jetzt ist auch Ruth Maria Kubitschek in „die andere Welt“ übergewechselt, so jedenfalls ihre angeblich letzten Worte.
Von der großartigen Schauspielerriege, die Dietl in seinen Kultserien „Monaco Franze“ und „Kir Royal“ um sich geschart hatte, leben immerhin noch Senta Berger, deren Mann Michael Verhoefen es gerade erwischt hat, Mario Adorf und Franz Xaver Kroetz, der, hoch betagt, in der nächsten Spielzeit des Bayerischen Staatsschauspiels noch einmal als „Brandner Kasper“ auf der Bühne stehen wird. Nicht zu vergessen Patrick Süskind, der große Schriftsteller und Drehbuchautor („Das Parfum“, „Der Kontrabass“), der allerdings schon lange nichts mehr veröffentlicht hat und aus der Öffentlichkeit verschwunden ist.
Süskind war es, der teilweise zusammen mit Dietl Figuren wie dem Münchner Hallodri Monaco Franze, seinem „Spatzl“ alias Annette von Soettingen alias Ruth Maria Kubitschek, die in „Kir Royal“ dann noch die Verlegerin mit dem genialen Namen Friederike von Unruh spielte, und natürlich dem Klatschreporter Baby Schimmerlos und seinem Fotografen Herbert („Herbie“) Fried alias Dieter Hildebrandt auf den Leib schrieb und die manchmal so sophisticated daherkamen, dass sie nur schwer auf natürliche Weise zu sprechen waren.
Kein Star der allerersten Kategorie
Immer waren das Sätze, die eben nicht aus der Feder eines x-beliebigen Drehbuchschreibers stammten, sondern die Klang und Rhythmus hatten und klassische Bildung wie tiefgründigen Witz offenbarten. Zum Beispiel die Schlussszene in der ersten Folge von „Monaco Franze“, wo Annette von Söttingen ihren Franz, der gerade widerwillig einen Besuch der „Walküre“ absolviert hatte, in der Gestalt Richard Wagners porträtiert und, wie es damals gerade filmisch en vogue war, die Zuschauer diskret zur Seite nimmt, um ihnen mitzuteilen, dass ihr die wahren Leidenschaften ihres Mannes natürlich nicht verborgen geblieben sind. Die Sätze sind so kunstvoll gestanzt, dass man meint, einen literarischen Text präsentiert zu bekommen.
Ruth Maria Kubitschek, die jetzt im Alter von 92 Jahren in einem Krankenhaus in der Schweiz nach, wie es heißt, kurzer, schwerer Krankheit gestorben ist, war gewiss kein Star der allerersten Kategorie. Ihr Filmdebüt gab sie 1953 im Alter von 22 Jahren in der DDR. Mit 28 blieb sie nach einem Theaterengagement im Westen und konnte dort an ihre ersten Erfolge anknüpfen. 1966 bekam sie eine Rolle in einem Durbridge-Krimi, damals ein Straßenfeger. Später spielte sie in der „Pater Brown“-Folge „Er kanns nicht lassen“ an der Seite von Heinz Rühmann und unter der Regie von Axel von Ambesser, agierte in „Tatort“-Folgen, schipperte auf dem „Traumschiff“ umher, und war in der Retro-Familienserie „Das Erbe der Guldenburgs“ zu sehen.
Alles keine großen Rollen, eher solides, schauspielerisches Mittelmaß. Doch mit Helmut Dietl traf sie auf einen Regisseur, der vor allem ihre komödiantische Ader förderte und der sie mit den Figuren der Annette von Soettingen und Friederike von Unruh zur unvergessenen „Grande Dame“ des deutschen Fernsehens machte. Ein absoluter Glückfall wie eigentlich der gesamte Cast von „Monaco Franze“ und „Kir Royal“, als die Bonner Republik mit der heimlichen Schickimicki-Hauptstadt München ihre besten Jahre hatte. „Ich habe diese Leichtigkeit nie mehr erreicht“, bekannte sie einmal selbst.
„Jetzt ist Walküre und aus“
Ruth Maria Kubitschek strahlte in diesen Rollen eine selbstironisch hinterfragte Noblesse aus, die nur aus einem festen Fundament bürgerlicher Selbstgewissheit entwachsen kann, der Selbstgewissheit einer Klasse, die es nur noch in Rudimenten gibt und die ihre gesellschaftliche Deutungshoheit abgegeben hat an ein sich hypermoralisch aufmandelndes, grünes Neubürgertum, das gerade im Begriff ist, das Land gegen die Wand zu fahren.
Das traurigste am Tod Ruth Maria Kubitscheks für uns „Hinterbliebene“ ist wohl die Tatsache, dass solche Serien wie sie Helmut Dietl und seine Mannschaft in den achtziger Jahren zu Ruhm führten, heute wohl nicht mehr möglich wären. Kein Redakteur würde diese Plots noch durchwinken, weil man möglicherweise zu Recht davon ausgehen könnte, dass sie nicht mehr verstanden würden. Die erste Folge des „Monaco Franze“ beispielsweise dreht sich, wie bereits angedeutet, um Annette von Soettingens Opernleidenschaft und die Versuche ihres kunstfernen Gatten, sich einem Besuch von Wagners „Ring des Nibelungen“ in Begleitung seiner Frau und ihres snobistischen Freundeskreises (Dr. Braun, Dr. Schönfärber) zu entziehen.
Unvergessen, die Szene, wie Haushälterin Irmgard, verkörpert von der leider auch schon verstorbenen Münchner Volksschauspielerin Erni Singerl, dem widerstrebenden Franze, seines Zeichens Polizeiinspektor mit gefährlicher Nähe zu jenem Milieu, das er selbst bekämpfen soll, das standesgemäße Abendoutfit ins Präsidium bringt und ihn zwangseinkleidet: „Jetzt ist Walküre und aus“. Wer würde heute darüber noch lachen können?
Georg Etscheit ist Autor und Journalist in München. Fast zehn Jahre arbeitete er für die Agentur dpa, schreibt seit 2000 aber lieber „frei“ über Umweltthemen sowie über Wirtschaft, Feinschmeckerei, Oper und klassische Musik u.a. für die Süddeutsche Zeitung. Er schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss, und auf Achgut.com eine kulinarische Kolumne.
Beitragsbild: Udo Grimberg Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

Der Tod von Frau Kubitschek macht mich traurig – eine der letzten Schauspielerinnen, die mich seinerzeit- als ich noch jung war und der Fernseher gerade erst Einzug in unser Wohnzimmer gefunden hatte, fasziniert hatte. Sie strahlte stets eine große Würde aus – ohne dabei unnahbar zu wirken.
Ich hoffe, dass sie nicht zu leiden brauchte. – Eine weitere Ikone meiner Kindheit/Jugend hat sich von dieser Welt verabschiedet. – Möge sie in Frieden ruhen!
Danke, Herr Etscheit, für die Würdigung dieser sympathischen Schauspielerin!
Ich habe darüber gelacht. Ich lernte diese Serien (Monaco Franze, Kir Royal) erst vor wenigen Jahren durch einen Freund kennen & lieben. Ich vermisse auch schmerzlich das gute alte Bildungsbürgertum, den erklärten Todfeind jeder totalitären Bewegung.
Familie, Herr Etscheit. Ihr fein- und tiefsinniger Nachruf sollte viele Nachwuchstalente (Schauspieler und Regisseure) wieder neugierig machen. Schaut es euch an!
Also über „Walküre und aus“ konnte ich sofort lachen, herrlich.
Leider Gottes ist das politkorrekte (sprich: humorfreie) Fernsehen mittlerweile Standard. „Black Adder“, „Tool Time“, „Yes Minister“, „ein Herz und eine Seele“, „Rudi Carell Show“, mir fallen sicher dutzende dieser Serien ein, die allesamt Weltklasse waren und heute undenkbar sind, keineswegs nur in Deutschland. Selbst Monty Python – die alles vorweggenommen und verwurstet haben, was heute Woke ist – sind längst persona non grata. Wir leben in humorlosen Zeiten. Lachen ist Todsünde.
„Kir Royal“ war in der DDR ein Straßenfeger. Eine Szene, Friederike von Unruh in gehobener Kleidung erklärt der gehobenen Gesprächsrunde, unter herzeigen ihrer Beine, wie sie sich hat die Krampfadern entfernen lassen.
„A bissl was geht immer…“ , Sexismus pur. Heute jedenfalls.