David Harnasch (Archiv) / 10.01.2015 / 13:05 / 12 / Seite ausdrucken

Wer ist wir? Über Gruppenidentitäten

Warum gestern und heute so gar nichts über die Stimmung bei den französischen Juden zu hören war im TV?
Einfach: Denen geht’s gold. Die werden nur umgebracht. Was völlig unproblematisch ist im Vergleich zur furchtbaren Möglichkeit, “unter einen Generalverdacht gestellt zu werden”. Also konzentrieren wir uns bitte auf die potenziellen Unannehmlichkeiten, die die wichtigere Minderheit eventuell zu gegenwärtigen haben könnte.

Was die Bringschuld der Muslime zur Distanzierung vom Terror betrifft: Individuell hat die keiner. Wer sich an die Gesetze hält, hat das gute Recht, unbehelligt hier leben zu können. Mehr halt auch nicht. Deutsch-Asiaten reicht das beispielsweise. Von einer Buddhistenkonferenz im Innenministerium habe ich noch nie was gehört. Weil Deutsche aus Ostasien keine kollektive Behandlung oder Rücksichtnahme einfordern. Etwas anders sieht die Sache aus, wenn man als Kollektiv auftritt und beispielsweise möchte, dass der Staat einem die Mitgliedsgebühren einsammelt und in öffentlichen Einrichtungen auf religiöse Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. Wenn Farid und Enging einfach nur ihr Ding machen wollen, dann haben sie überhaupt keinen Grund, sich irgendwie zu den Mördern in Paris zu verhalten. Wenn Farid und Engin aber wollen, dass ich einmal wöchentlich das städtische Schwimmbad ihren Frauen überlasse und meine Kinder in der Schule halal essen, dann werden sie mich davon überzeugen müssen. Das geht in einer Demokratie nicht, ohne erfolgreich für die eigenen Anliegen zu werben. Und dann ist es aus PR-Gründen schon anzuraten, vor der eigenen Haustüre zu kehren und selbst mit den Irrlichtern aus den eigenen Reihen aufzuräumen. In meinem Fall reicht höflich bitten eigentlich schon aus: “Hey, wäre es OK für Dich, wenn das Schwimmbad Mittwochnachmittags exklusiv für muslimische Frauen geöffnet ist? Unsere Mädels sind etwas g’schamig und unser Glaube schreibt das vor.” “Klar, kein Ding.” “Wir finden Schweinefleisch echt hart eklig, und gottgefällig ist es für uns auch nicht, wäre es in Ordnung, wenn in der Schulkantine alle drauf verzichten würden?” “Gerne doch. Würde ich in China leben wäre ich auch dankbar für ein schlangen- und katzenfreies Mittagessen.”

So einfach könnte es sein. Ist es aber in der Sekunde nicht mehr, wo jemand sich auf exakt denselben Glauben beruft, während er mit einem Auto in eine gut besetzte Bushaltestelle rast oder mit einer Kalaschnikow meine Kollegen niedermetzelt. Da wüsste ich dann gerne, ob es mit halal-Essen dann auch gut ist, oder ob das nur ein erster Schritt ist auf dem Weg in einen Staat, in dem ich für den falschen Witz erschossen werde.

Werfe ich damit alle Muslime in einen Topf? Natürlich nicht! Ich nehme aber zur Kenntnis, wenn jemand selbst und freiwillig in den Topf steigt. Wer sich als INDIVIDUUM begreift und also keine KOLLEKTIVEN Sonderrechte für sich beansprucht, der muss sich logischerweise auch nicht zu irgendwelchen Kollektiven positionieren. Das gilt selbstverständlich auch für Muslime, die so drauf sind. Wer sich aber selbst als Teil eines KOLLEKTIVS begreift und darstellt, der muss sich selbstverständlich zu diesem Kollektiv verhalten - und zwar unabhängig davon, ob dieses Kollektiv basisdemokratisch verfasst ist wie eine deutsche Partei oder wie die Katholische Kirche zentralistisch oder amorph wie die “Umma”.
Wenn die Mörder in Paris beim Metzeln gebrüllt hätten: “Martin Sonneborn ist groß”, dann hätte ich als freiwilliges und bekennendes Mitglied der PARTEI auch dann ein dringendes Bedürfnis, mich hierzu zu äußern, wenn die Mehrheitsgesellschaft das nicht von mir verlangen sollte.

Alle jüdischen Einrichtungen Deutschlands werden schon seit Jahrzehnten bewacht. Und wenn man mit den Cops spricht, die sich nachts vor Synagogen zu Tode frieren und sie fragt, woher die Bedrohung kommt, antworten die zu 100%: “Vor 15 Jahren von Nazis, heute von durchgeknallten Muslimen.”
Das interessante dabei ist, dass die Nazis ja nicht weg sind, aber inzwischen signifikant weniger gefährlich als noch vor 15 Jahren. Wenn meine (jüdische, vor allem aber offensichtlich ausländische) Freundin und ich in der Berliner U-Bahn einem offensichtlichen Nazi gegenübersitzen, dann geht von dem keinerlei Gefahr aus. (Anders wäre das, wenn wir in Marzahn einer GRUPPE Nazis gegenübersäßen.) Der Nazi weiß nämlich, dass er einer marginalisierten Randgruppe angehört, die meilenweit davon entfernt ist, irgendwelche Sympathien zu genießen oder gar gesellschaftlichen Einfluss nehmen zu können.
Man darf über die Gründe spekulieren. Einer könnte der “Aufstand der Anständigen” sein. Erinnern wir uns: Am 2.10.2000 gab es einen Brandanschlag auf die Synagoge Düsseldorf, 2 Tage später rief Kanzler Schröder zum “Aufstand der Anständigen” auf und in den Tagen darauf standen Millionen Deutsche bei Lichterketten und Demos auf den Straßen, um gegen Nazis zu protestieren. (Ironie der Geschichte: “Nachdem die nordrhein-westfälische Polizei zwei seit der Tatnacht verdächtigte ‘arabischstämmige’ junge Männer, einen aus Marokko gebürtigen deutschen Staatsbürger und einen aus Jordanien stammenden Palästinenser, schließlich mit den Ergebnissen einer Telefonüberwachung konfrontiert hatte, gestanden diese Anfang Dezember 2000, die Synagoge mit einem Steinwurf und drei selbstgebastelten Molotowcocktails beschädigt zu haben.”)

Jedenfalls gab es in den vergangenen 15 Jahren eine große gesamtgesellschaftliche Bewegung “gegen rechts”, die im Großen und Ganzen ein überwältigender Erfolg war. Natürlich gibt es immer noch Probleme, aber kein Mensch muss heute mehr befürchten, die gesamte Ex-DDR würde zur “national befreiten Zone”.

Dieser Sommer in Berlin. Wir stehen mit ca. 500 anderen Leuten am Kudamm, wo wir für ein Ende der Aggression im Nahen Osten und für Israels Recht, seine Zivilisten zu schützen demonstrieren. Um uns herum ca. 15 Hundertschaften Polizei und hinter denen wiederum ca. 2.000 - 4.000 Demonstranten, die wie aus einer Kehle brüllen: “Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!” Zeitgleich in anderen Städten: “Hamas, Hamas, Juden ins Gas!” Der Zentralrat ruft angesichts des krassesten Ausbruchs öffentlichen Judenhasses auf deutschen Straßen seit Ende des 3. Reichs zu einer Solidaritätsdemo auf. Es kommen vielleicht 1.500 Leute, größtenteils in Bussen aus den Gemeinden der Republik zusammengekarrt. Springer titelt eine Kampagne gegen Antisemitismus, aber vom “Aufstand der Anständigen” trennt die Resonanz mehrere Zehnerpotenzen.

In Paris wurden in den vergangenen drei Tagen 17 Leute von drei Terroristen ermordet. Davon waren 6 Juden: Die vier Geiseln im Supermarkt, sowie die CH-Mitarbeiter Elsa Cayat und Georges Wolinski. Juden machen 1% der französischen Bevölkerung aus. Das war eine Intifada auf französischem Boden.
Sind wir ehrlich: Das war’s mit jüdischem Leben in Europa. Die alten bleiben hier und sterben peu à peu, und die jungen tun ihren Kindern kein Leben hinter Stacheldraht und Panzerglas an. Und der Grund dafür sind radikale Muslime, die weder von ihren eigenen Glaubensbrüdern, noch von der aufnehmenden Restgesellschaft in den Griff zu kriegen sind.

Und wenn jetzt kein neuer Aufstand der Anständigen die Straßen übernimmt, dann war’s das auch mit freier Meinungsäußerung. Niemand, der bei Trost ist und seine Familie nicht in die USA oder nach Israel evakuieren kann, wird künftig das drängendste Problem Europas offen diskutieren können, ohne um sein Leben zu fürchten.

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Leserpost

netiquette:

Franz Müller / 12.01.2015

“Warum gestern und heute so gar nichts über die Stimmung bei den französischen Juden zu hören war im TV?” Vielleicht, weil die Journalisten entscheiden, wer eine Stimme im TV erhält.

Ronald Schwanson / 11.01.2015

Danke Herr Harnasch, ich hoffe auf ähnlich klare Worte und Zeichen im nächsten “Liberal”, die FDP ist insofern ja leider eine Appeasement-und Verdrängungspartei par excellence.

Brigitte Mittelsdorf / 10.01.2015

gefunden in der “Frankfurter Rundschau” in einem Interview mit dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, Pro. am “Centrum für Religiöse Studien” Münster: Rundschau: Gibt es unter Muslimen eine zumindest stillschweigende Übereinkunft, was das Motiv der Gewalttäter betrifft, nämlich die Verteidigung des Islams oder speziell des Propheten Mohammed gegen Verunglimpfung etwa in Form von Karikaturen? Khorchide: Ich denke, die große Masse der Muslime wäre zufrieden, wenn Zeichner solcher Karikaturen lediglich ihren Job verlören. Was heißt das eigentlich im Klartext? Entweder mein täglich Brot oder ich bin tot?

Dr. Nathan Warszawski / 10.01.2015

Als Reaktion auf die Pariser Anschläge besucht der deutsche Bundesjustizminister eine muslimische Gemeinde. Qui excusat accusat.

Elisabeth Zillmann / 10.01.2015

Danke,das war klar und deutlich und sehr sehr sehr nötig!

Dr.Hans-Joachim Radisch / 10.01.2015

Dieser hervorragende Artikel bietet mit seiner besonderen und bislang kaum beachteten neuen Perspektive die differenzierte und leicht nachvollziehbare Logik zur Behandlung des Themas Islam in unserem Staat. Dies in den Medien und der Politk argumentativ weiterverfolgt würde für die europäischen Gesellschaften inklusive ihrer Migranten und ansässigen Ausländer riesige Schritte zum Ziel eines friedlichen und gleichwohl vielfältigen Zusammenleben weiterführen.

Markus Hahn / 10.01.2015

Im postmodernen Diskurs der Multikulturalisten ist die Annahme einer “Gruppenidentität” Ausdruck einer biologistischen/rassistischen/deterministischen, kurz: charakterlosen Gesinnung. Ausnahmen bilden die Gruppenidentitäten der “Rechten” (alle böse) sowie der Muslime (alle friedliebend). Die hysterische Boshaftigkeit, mit der in beängstigendem Einklang sowohl die etablierten Parteien als auch große Teile der Medien versuchen, einen Diskurs über das, der Religionsideologie des Islam immanente, gesellschaftspolitische Konfliktpotential zu unterdrücken, zeugt von Panik. Die jüngsten islamistischen Terrorakte in Paris könnten eine Zäsur darstellen. Wenn sich anlässlich dessen das verordnete Denk- und Benennungsverbot nicht durchbrechen lässt, dürfte die Islamisierung der westlichen Gesellschaften (und diese ist keine paranoide Phantasie “rechter” Dumpfbacken) in den nächsten zwanzig Jahren vollziehen - mit allen Sequelae für die individuellen Freiheitsrechte. Ich erlebe eine Kollusion von ideologischer Verbohrtheit, die alles leugnet, nur um die Utopie der multikulturellen, egalitären Gesellschaft auf dem Boden ihres irrealen Menschenbildes nicht aufgeben zu müssen, mit kühlen machtpolitischen Interessen, die unter anderem internationalen wirtschaftlichen Abhängigkeiten geschuldet sein dürften. Die demographische Entwicklung in den westlichen Gesellschaften erfordert aus der Perspektive des politisch expansiven Islam kein gewaltsames Vorgehen. Einzelne Terrorangriffe mögen strategisch hilfreich sein (die NY-Times weigerte sich gestern, Karikaturen von Charlie abzudrucken, aus “Angst vor der Sensibilität der muslimischen Leser”, Jyllands Posten hat gestern verlautbart, dass sie aus Angst um Leib und Leben einknicken und keine islambezogenen Karikaturen mehr veröffentlichen werden…etc…etc…), aber eine flächenhafte Ausweitung des gewalttätigen Jihad´s in Europa wird es nicht geben, weil daran die islamistischen Drahtzieher (mit denen die westlichen Staaten beste diplomatische Kontakte pflegen)kein Interesse haben. Die Kampagne “Je suis charlie” ist billiges Gutmenschengeplärre, um sich besser zu fühlen, ohne Einsatz zeigen zu müssen. Dieselben, die jetzt das Schildchen hochhalten, tun seit längerem alles, um eine offene Diskussion der islambezogenen Probleme zu unterdrücken. “Die Anschläge in Paris waren Anschläge auf den muslimischen Glauben”. Das erinnert mich an die Worte Stalins, wonach gute Propaganda nicht der Vermittlung der Unwahrheit als Wahrheit diene, sondern vielmehr der Akzeptanz der Unwahrheit als Wahrheit. Denn so könne man das Rückgrad der potentiell Widerständigen brechen. Deutschland 2014.  

Hans Schlekermann / 10.01.2015

Der deutsche Zentralrat der Muslime wird als die Vertretung der moderaten, integrierten Muslime angesehen. Die dort vereinigten islamischen Organisationen haben eine bemerkenswerte Auffassung in Bezug auf ihr Verhältnis zum Grundgesetz des eigenen Landes, wie die Lektüre der Präambel der Satzung zeigt. Dort steht: Die nachfolgend unterzeichnenden Islamischen Vereinigungen, geleitet von der gemeinsamen Überzeugung, dem Islam, insbesondere seiner Moral und Ethik unterworfen zu sein; einig darin, als Islamische Religionsgemeinschaften in Deutschland das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und ihr Recht zu respektieren, (...) geben ihrer Vereinigung folgende Satzung. (...) Man darf davon ausgehen, dass die Worte mit Bedacht gewählt sind, schließlich handelt es sich hierbei um das notarielle Gründungsdokument eines ordentlich eingetragenen Vereins. An seiner Formulierung hat mindestens ein Anwalt mitgewirkt und man mag deutschen Juristen vieles vorhalten - ein ungenauer, leichtfertiger Sprachgebrauch zählt aber sicher nicht dazu. Die Reihenfolge und Kombination aus Unterwerfung unter den Islam und Respekt vor dem deutschen Gesetz lässt eigentlich keinen Zweifel daran, was prioritär ist angesichts der begrifflichen Intensität des Wortes Unterwerfung im Vergleich zu Respekt. Und das es manifeste Konflikte zwischen islamischer Ethik und deutscher Gesetzgebung gibt, wird allein am Beispiel der Frauenrechte nur allzu deutlich. Irritierend ist aber vor allem die Verwendung des Begriffes Respekt mit Bezug zum Grundgesetz. Respekt bedeutet im Wortsinne Berücksichtigung, etwas in Betracht zu ziehen, etwas nicht zu ignorieren. Das ist zu wenig für Bürger dieses Landes. Ein Staat darf, ja muss von seinen Bürgern verlangen, dass sie seine Gesetze akzeptieren, d.h. als aktiv zum Maßstab des eigenen Handelns machen. Ich jedenfalls würde an dieser Stelle lieber lesen, dass die islamischen Vereinigungen unsere gemeinsame Verfassung akzeptieren.

Wolfgang Kusior / 10.01.2015

Es ist gut, dass gelegentlich die Zusammenhänge so klar dargestellt werden. Danke dafür. Unbegreiflich ist mir, dass der Bundesjustizminister als Reaktion auf die Pariser Anschläge keine französische Einrichtung, keine Synagoge, keine Zeitungsredaktion besucht, sondern muslimische Gemeinden. Und dass er uns zu erklären versucht, dass die Anschläge nichts mit dem Islam zu tun haben. Vielleicht sollte man ihm mal seinen Amtseid vorlesen und sein Aufgabenfeld erläutern. Er hat die Grundrechte zu verteidigen und nicht das solidarisierende jahrelange Schweigen von Organisationen zu unterstützen.

Frank Stricker / 10.01.2015

Sehr guter Beitrag, stellt genau die richtigen Fragen. Warum müssen bei uns immer noch Synagogen Tag und Nacht bewacht werden und warum scheint der Forderungskatalog der Muslime täglich größer zu werden? In diesem Zusammenhang fällt mir noch ein Interview mit Peter Scholl-Latour ein, der am Rande einer Veranstaltung mal unverhofft gefragt wurde, welches Land innerhalb der “Umma” man denn als demokratisch bezeichnen könnte. Ich kann mich noch gut an den Gesichtsausdruck von P.S.L. erinnern, in etwa so als habe er den “Leibhaftigen” gesehen. Kurz darauf hatte er seine Fassung wiedergewonnen und er sagte” selbstverständlich gebe es innerhalb der Umma keinen demokratischen Staat” Dieser Zustand hat sich bis heute leider nicht geändert und spiegelt sich natürlich auch in der Zuwanderung der muslimischen Migranten wieder.

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